Österreich liebt seinen Föderalismus. Unser historisch gewachsenes Schrebergartendenken zeigt sich heute noch in der Tatsache, dass sich ein Land, das etwa so viele Einwohner wie London hat, neun verschiedene Gesundheitssysteme leistet. Alle folgen eigenen Landesinteressen – was auf der anderen Seite der Grenze passiert, wird höchstens argwöhnisch betrachtet. Dass mit einer solchen Planungsweise sinnlose Parallelstrukturen, Kompetenz-Wirrwarr und Reibungsverluste vorprogrammiert sind, liegt auf der Hand. Das kann sich Österreich in vielerlei Hinsicht nicht länger leisten. Planung und Struktur aus einer Hand und aus einem Guss wäre längst das Gebot der Stunde. Notfallplanung, Strukturplanung, Patientenlenkung, Ausbildungsplätze – all das sind Themen, die bundesweit koordiniert werden müssen.
Der Österreichische Strukturplan Gesundheit mit seinen vier Versorgungszonen könnte hier gewisse Möglichkeiten bieten, es fehlt aber noch an Visionen und am Lenkungswillen. Für eine sinnvolle und nachhaltige Weiterentwicklung wäre es notwendig, die Leistungserbringer, die täglich mit den Patientinnen und Patienten arbeiten, einzubinden. Mit Sitz und Stimme in den Zielsteuerungskommissionen vertretene Ärztekammern können den Entwicklungsprozess mit den Systempartnern umsetzen. Das ist für mich der einzige, erfolgversprechende Zugang.
Gleichzeitig muss es aber auch einen gewissen Spielraum für regionale Differenzierungen geben. Eine Großstadt, weitläufige Flächenbundesländer und alpine Regionen sind nur wenige Autostunden voneinander entfernt. Diese unterschiedlichen Versorgungsbedingungen haben sich sinnvollerweise in den bisherigen Verträgen widergespiegelt und müssen weiterhin berücksichtigt werden. Auch hier wäre die Ärztekammer mit ihrer Expertise ein logischer Partner, der sich konstruktiv einbringen würde. Handeln wir jetzt – gemeinsam und schnell.
Dr. Harald Schlögel
1. Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2025