Interview Daniel von Langen: „Ich wünsche mir große Lösungen“

24.04.2026 | Aktuelles aus der ÖÄK

Autor: Thorsten Medwedeff

Seit März ist der Tiroler Anästhesist Daniel von Langen neuer Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer. Im Gespräch mit Thorsten Medwedeff skizziert der 43-Jährige, der bis vor kurzem Leiter des Bildungsausschusses der ÖÄK war, was seine wichtigsten Ziele sind, welche Herausforderungen auf das Gesundheitssystem zukommen und warum Ärztinnen und Ärzte dessen innovativer Motor sind.

Das Gesundheitssystem braucht dringend innovative Lösungen, damit wir unseren Versorgungsstandard aufrechterhalten können, wie wollen Sie das angehen? Ich bin mit dem Anspruch angetreten, gemeinsam mit der Bundeskurie und der hier gebündelten ärztlichen und medizinisch-wissenschaftlichen Expertise Lösungen, insbesondere für die angestellten Ärztinnen und Ärzte, zu entwickeln. Wir dürfen dabei nicht kurzfristig reagieren. Wir müssen vorausschauend für die Verbesserung der Versorgung unserer Patientinnen und Patienten und des Gesundheitssystems arbeiten. Nicht nebeneinander, sondern miteinander. Dazu gehört auch eine ganz enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten und den anderen Systempartnern, von der Bundespolitik zur Sozialversicherung bis hin zu den Ländern. Ich bin niemand, der nur im eigenen Schrebergarten arbeitet, ich wünsche mir große Lösungen – und Österreichs Gesundheitssystem benötigt jetzt und sofort große und klare Lösungen.

Ist die Gesundheitspolitik, die Österreich derzeit macht, dafür geeignet?  Ich würde mir wünschen, dass die Politik konkret festlegt und das auch öffentlich kundtut, was sie will. Was ist das Ziel? Wie schnell will man es erreichen – und vor allem wie? Das ist doch die Aufgabe des gewählten Volksvertreters. Diese Festlegung auf Ziele und Pläne, wie man dorthin gelangen möchte, fehlt mir. Und auch, die Realität der ärztlichen Arbeit im 21. Jahrhundert zu sehen und zum Beispiel moderne Arbeitsmodelle anzudenken.

Was meinen Sie damit konkret? Die Realität der ärztlichen Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark verändert. Immer mehr Patientinnen und Patienten haben eine deutliche Arbeitsverdichtung in unseren Spitälern gebracht – aber nicht nur dort. Durch den demographischen Wandel und medizinischen Fortschritt gibt es mehr Komplexität und mehr dokumentarische Aufgaben – und das bei gleichzeitig stark begrenzten Ressourcen. Wenn Arbeitsverdichtung überhandnimmt, leidet zunächst das Personal und dann die Qualität. Das dürfen wir nicht akzeptieren.

Wie kann man dem entgegenwirken? Es muss ein modernes Arbeitsbild her, das flexible und realistische Modelle mit, zum Beispiel, unterschiedlichen Einnahmequellen für Ärztinnen und Ärzte beinhaltet. Wir dürfen uns auch einmal darauf fokussieren, was die Ärztinnen und Ärzte heutzutage brauchen und uns nicht ständig ausschließlich die Frage stellen: „Was braucht die Versorgung?“ Die, die das gesundheitliche Solidarsystem Tag für Tag tragen, fühlen sich ausgebeutet. Von ihnen wird Solidarität erwartet, während sie selbst keine solche erfahren, denn die Arbeitsverdichtung in den öffentlichen Spitälern ist enorm und das wird sich auch nicht ändern, wenn wir nicht gegensteuern. Die Mitarbeiter sollen also immer produktiver sein, aber keinen Anteil an dieser Produktivitätssteigerung haben.

Wie lässt sich das ändern? Unserem System fehlen derzeit die nötige Flexibilität und Durchlässigkeit, um den Bedürfnissen der modernen Arbeitswelt gerecht zu werden. Es gibt eine viel zu strikte Trennung in die Bereiche angestellt und freiberuflich. Eine Mischung aus beidem bleibt für viele eine Wunschvorstellung. Dazu müsste man die Möglichkeiten zur Arbeit in Teilzeit ausbauen – weg von dem Gedanken, dass nur Vollzeit sinnvoll für das Krankenhaus ist, hin zu mehr Flexibilität. Die Karrierechancen für Teilzeitbeschäftigte sollten ebenfalls verbessert werden.

Im Widerspruch dazu kritisiert die Politik das wachsende Wahlarztwesen und will die Ärztinnen und Ärzte im Solidarsystem zwangsverpflichten – wie passt das zusammen? 40 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sind mittlerweile privat krankenversichert. Wenn heutzutage ein Kind geboren wird, bekommt es nicht – wie es früher der Fall war –, sofort einen Bausparvertrag, sondern eine private Krankenversicherung. Das zeigt doch, dass die Menschen sich Ärztinnen und Ärzte wünschen, die mehr Zeit für sie haben. Und genau das ist doch auch der Wunsch jeder Ärztin und jedes Arztes: sich so um jeden Patienten kümmern zu können, wie es angebracht ist und nicht dem Zeitdruck geschuldet, schon an den nächsten zu denken oder zu überlegen, wann die ganzen bürokratischen Aufgaben erledigt werden können.

Und gleichzeitig wird den Ärztinnen und Ärzten und insbesondere der Ärztekammer seitens der Politik vorgeworfen, dass sie „Blockierer und Verhinderer“ sind …  Die Gesundheitsversorgung, und damit auch jede Ärztin und jeder Arzt, ist der größte Einzeldienstleistungssektor in Österreich. Meine Einladung steht: Jeder, der das nicht glaubt, kann gerne eine Woche im Spital arbeiten, um zu sehen, was es bedeutet, 24/7 und 365 Tage für die Patienten da zu sein. Dann wird jeder sehen, dass wir keine Verhinderer oder Blockierer sind. Wir sorgen uns um die Gesundheit in der Bevölkerung und haben das als primären Fokus. Aber natürlich müssen wir auch schauen, dass es auch für unsere Ärztinnen und Ärzte möglich wird, besser auf die eigene Gesundheit zu achten und die Wertschätzung der persönlichen Leistung zu erfahren. Dazu gehört ein leistungsgerechtes Einkommen ebenso wie grundsätzliche Selbstbestimmtheit in der Gestaltung der Berufsausübung. Ein Spitalsarzt leistet derzeit bis zu sechs – in manchen Fällen sogar bis zu acht – 25-Stunden-Dienste pro Monat. Gerade in der Akutversorgung bedeutet so ein Dienst nicht selten weniger als vier Stunden Schlaf. Wer möchte auf Dauer so arbeiten? Daher komme ich nochmals darauf zurück, zu fordern, dass es flexible Arbeitsmodelle geben muss. Und was auch unausweichlich ist, sind eine massive Entlastung von administrativen Arbeiten im Spital und eine Digitalisierungsoffensive mit funktionierenden, zeitgemäß vernetzten IT-Lösungen, die die Ärzteschaft, aber auch andere Bereiche im Spital, entlasten. Hier besteht auch noch massiver Aufholbedarf. Diese Lücke würden wir gerne gemeinsam mit den Systempartnern schließen.


Zur Person

Daniel von Langen (43), Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin im Landeskrankenhaus Hochzirl-Natters in Tirol sowie Arbeitsmediziner, wurde bei der Sitzung der Bundeskurie angestellte Ärzte (BKAÄ) der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) im steirischen Pöllauberg am 19. März 2026 zum neuen BKAÄ-Obmann und somit auch zum Vizepräsidenten der Österreichischen Ärztekammer gewählt. Von Langen ist seit 2014 – damals als Turnusärztevertreter am LKH Innsbruck und an der Medizinischen Universität Innsbruck – in der ärztlichen Standespolitik tätig. 2017 wurde er in der Ärztekammer für Tirol zum stellvertretenden Kurienobmann der angestellten Ärzte gewählt, fünf Jahre später übernahm er die Funktion des Kurienobmanns und Vizepräsidenten in der Tiroler Ärztekammer. Weiters war er unter anderem in den Referaten für e-Health und Arbeitsmedizin und zahlreichen Ausschüssen tätig. In der BKAÄ war er zudem von 2020 bis 2022 Stellvertreter von BKAÄ-Obmann Harald Mayer.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.4.2026