E-Health und Digitale Medizin: Teledermatologie – „Gekommen, um zu bleiben“

11.05.2026 | E-Health und Digitale Medizin, Politik

Autorin: Sophie Niedenzu

Die Ergebnisse nach fünf Jahren sprechen für sich: Weniger Wege, weniger Wartezeiten, schnellere Diagnosen: Das Teledermatologie­-Projekt aus der Steiermark sei ein faires Herzensprojekt mit vielen Gewinnern, erzählt die Initiatorin, die Dermatologin Edith Arzberger.

Schluss mit monatelangen Wartezeiten in der ländlichen dermatologischen Versorgung:  Dieses hehre Ziel hat sich die steirische Dermatologin Edith Arzberger gesetzt. Bereits vor vielen Jahren hat sie sich in der fachärztlichen Ausbildung an der Medizinischen Universität Graz mit Studien zur Telemedizin befasst. Die hohe Prävalenz dermatologischer Erkrankungen im Raum Liezen und die dermatologische Unterversorgung führte dazu, dass Arzberger dort eine Ordination eröffnete. Auf der Suche nach pragmatischen Lösungen für Versorgungsengpässe im ländlichen Raum suchte sie den Dialog. „Die Überweisungen aus der Allgemeinmedizin zum Dermatologen verursachen lange Wartezeiten, was bei kritischen Erkrankungen mit hohem Leid und Kosten verbunden ist“, sagt Arzberger. Sie sprach mit vielen Ärztinnen und Ärzten über Kooperationen und Möglichkeiten in der Telemedizin – und landete schlussendlich bei der Ärztekammer in der Steiermark. Mit viel Engagement, Elan und fachlicher Unterstützung wurde schließlich ein Konzept für eine teledermatologische Betreuung im ländlichen Raum aufgesetzt. Die Grundidee: Hausärzte schicken Dermatologen Fälle ihrer Patientinnen und Patienten zur Abklärung und sparen ihnen im Idealfall Wege und Wartezeiten. „Die ganze Konzepterstellung auf Basis von Abstimmungen und Umfragen unter Ärztinnen und Ärzten aus beiden Fachrichtungen, die logistische Konzeptionierung, die finanzielle Unterstützung ­ das alles hat ein Jahr gedauert“, erinnert sich Arzberger zurück. Das Ergebnis: 2020 startete das Projekt als Gemeinschaftsprojekt: „Der Gesundheitsfonds Steiermark hat das Projekt finanziell unterstützt, die Ärztekammer für Steiermark war Projektwerber, die österreichische Gesundheitskasse Steiermark erstattet die ärztliche Leistung, die Medizinische Universität Graz begleitet wissenschaftlich und übernimmt mit einem Softwareunternehmen, einem Spin­off der MedUni Graz, die technische Abwicklung“, schildert Arzberger: „Es sind über die Jahre alle Stakeholder mit an Bord geblieben“, betont sie und ergänzt: „Die Teledermatologie in der Steiermark ist ein Low­Profit­Projekt, das die Ärzteschaft stärkt und den Patientinnen und Patienten hilft“.

Effiziente Triage

Das teledermatologische Projekt nutzt bestehende Strukturen: Allgemeinmediziner erhalten ein Tablet sowie ein mobiles, wartungsfreies Dermatoskop mit Polarisation zur Bildaufnahme und Übermittlung an einen Dermatologen. Nach der Fallübermittlung liefert dieser eine Diagnose und Therapieempfehlung an den Hausarzt, wobei Nachfragen möglich sind: „Wir haben die Software kontinuierlich weiterentwickelt, es gibt auch eine Diktier­ und eine Chatfunktion“, erzählt Arzberger. Innerhalb der ersten fünf Jahre verzeichnete das Projekt 5.119 abgeschlossene Fälle. Die meisten, nämlich 61 Prozent, konnten vom Allgemeinmediziner nach teledermatologischer Konsultation behandelt werden, 19 Prozent benötigten keine Therapie, Überweisungen wurden bei 12 Prozent für einen dermatologischen Normal­, drei Prozent für einen Akut­, zwei Prozent für einen Kliniktermin benötigt. „Das zeigt, dass durch die Telekonsultation von Dermatologen erfolgreich triagiert werden kann, welche Patientinnen und Patienten vom Hausarzt versorgt werden können und welche eine weitere Abklärung und Betreuung benötigen“, resümiert Arzberger. Damit könnten unnötige Wege zu Dermatologen oder in die Ambulanzen verhindert, dringende Fälle schneller begutachtet und die Patientenversorgung damit insgesamt verbessert werden. Teil des Projektes war auch die Befragung sowohl von teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten, als auch von Patientinnen und Patienten: „Die Rückmeldungen haben uns gezeigt, dass alle mit dem Projekt sehr zufrieden sind und die Teledermatologie sich zu einem unverzichtbaren Teil der Versorgung entwickelt hat“, sagt Arzberger.

ÖGK am Zug

Seit November 2024 ist die Teledermatologie in der gesamten Steiermark ausgerollt: mittlerweile sind 120 Ärztinnen und Ärzte am Projekt beteiligt: „Die Allgemeinmediziner rennen uns die Türen ein, weil sie mitmachen wollen, wir können aber aus finanziellen Gründen nicht alle aufnehmen und haben um die 100 auf der Warteliste“, erzählt Arzberger. Anders als bei den Allgemeinmedizinern sind die Plätze für Dermatologen nicht beschränkt: Jeder kann mitmachen, sofern er eine Kassenordination hat. Die einzige Ausnahme ist Arzberger, denn sie ist im Spital angestellt und als Wahlärztin tätig: „Ich habe einen Sondervertrag mit den Kassen, weil ich das Projekt schließlich miterfunden habe“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern. Mittlerweile koordiniert sie auch die Einschulung der Ärztinnen und Ärzte in Tirol. Dort wird die Teledermatologie nach Vorbild der Steiermark ausgerollt. Es sei ein faires Herzensprojekt, sagt Arzberger: „Für die Österreichische Gesundheitskasse wäre das eigentlich die Chance des Jahrhunderts, eine österreichweit einheitliche Position für eine Versorgungsstruktur zu schaffen, die eine Lücke schließt und so viel positive Resonanz und Erfolge verzeichnet“, sagt sie. Bestehende Strukturen würden genützt, es seien keine neuen notwendig, Patientinnen und Patienten könnten bei ihrem Hausarzt bleiben, der ihre Krankengeschichte am besten kenne – damit sei der direkte Kontakt auch weiterhin gegeben: „Ich hoffe natürlich sehr, dass die ÖGK, die sich bisher als große Unterstützerin der Teledermatologie präsentierte, dieses Erfolgskonzept bundesweit etabliert, weil es die Versorgung vor allem im ländlichen Raum verbessert – Voraussetzung ist natürlich, dass die Leistungen weiterhin fair honoriert werden“, sagt sie.

Visionen für die Zukunft

Abseits von einer österreichweiten Ausrollung, wohin kann die Reise mit der Telemedizin weitergehen? Der Arzt sei jedenfalls nicht ersetzbar, könne aber unterstützt werden: „Man könnte zum Beispiel KI­-gestützte Analysen beim Hausarzt für eine Erstbeurteilung nutzen, um besser entscheiden zu können, ob die Bilder an den Dermatologen zur weiteren Abklärung geschickt werden müssen oder nicht“, schlägt sie vor. Dreh-­ und Angelpunkt sei aber die direkte Arztuntersuchung: „Von einer Videokonferenz zwischen Arzt und Patient aus einer virtuellen Ambulanz heraus halte ich persönlich nicht so viel, weil die Bildqualität im Videochat mit guten Fotos nicht mithalten kann, außerdem ist der Vorteil der zeitlichen Unabhängigkeit zwischen Anfrage und Beantwortung nicht mehr gegeben“, sagt sie. Ein mögliches Anwendungsfeld für Teledermatologie sei das Modell einer Portalambulanz, ähnlich der Notfallambulanz der Grazer LKH-­Kinderklinik: Hauterkrankungen könnten von medizinischem Personal fotografiert und an einen Dermatologen weitergeleitet werden, der in weiterer Folge dahingehend triagiere, ob der Patient weiter ins Spital muss oder teledermatologisch im niedergelassenen Bereich behandelt werden könne: „Das würde die Spitäler entlasten, gleichzeitig hätten wir die Qualität durch die hochauflösenden Bilder der Patienten“, sagt Arzberger. Klar sei: „Die Teledermatologie ist gekommen, um zu bleiben“. Sie sei für viele Ideen eines Ausbaus offen, „aber definitiv nicht dafür, dass sich Firmen auf Kosten der Qualität bereichern,“ mahnt Arzberger abschließend.

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.5.2026