E-Health & Digitale Medizin: Künstliche Intelligenz: Gekommen, um zu bleiben

26.01.2026 | E-Health und Digitale Medizin, Politik

Autorin: Sophie Niedenzu

Sie ist kein neuer Trend, sondern ein disruptiver Prozess: Bei einem Workshop tauschten sich Vertreter der Österreichischen Ärztekammer mit Experten aus, wie das Potenzial bereits genutzt wird und welche Visionen es für die Zukunft gibt.

Sophie Niedenzu

Es war ein denkwürdiger Moment, der die Zukunft veränderte: Bei der Weltausstellung 1854 in New York demonstrierte Elisha Otis den Sicherheitsmechanismus beim Aufzug. Er tat dies, indem er selbst auf einem Plattformlift stand, während das Halteseil durchtrennt wurde. Der Aufzug stürzte nicht ab, das Publikum war begeistert und damit das Vertrauen in die Sicherheit von Aufzügen hergestellt. „Das größte Potenzial für Technologien nutzt am Ende des Tages nichts, wenn es kein Vertrauen in die Technologie, in das Unternehmen von Seiten des Nutzers gibt“, sagte Martin Hörmann, Government Affairs Director von Microsoft Österreich, im Rahmen eines Workshops, an dem eine Delegation der Österreichischen Ärztekammer teilnahm. Im Mittelpunkt stand das Potenzial für die Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen. „Die Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben“, sagte Hörmann. In einer von Microsoft beauftragten Studie kam das Economica-Institut für Wirtschaftsforschung zum Ergebnis, dass allein jene Technologien, die im Jahr 2024 verfügbar waren, ein Potenzial von über 18 Prozent des BIP-Wachstums hätten – würde man sie breitflächig einsetzen. Umgerechnet in Arbeitsstunden, die nicht ersetzt, sondern bei denen unterstützt werden könnte, seien es 2,24 Milliarden Stunden, was der Wertschöpfung von Wien und der Steiermark gemeinsam entspreche. „Das Potenzial ist riesig, Künstliche Intelligenz ist eine Chance für Österreich“, betonte Hörmann. Argumente für die Nutzung von KI seien der demografische Wandel und der Produktivitätsrückgang. KI sei die Technologie, die mit Abstand am Schnellsten in der Menschheitsgeschichte genutzt und adaptiert wird, aber: „Jedes Land wird eigene Bildungsinitiativen für die Nutzung der KI benötigen“, ist Hörmann überzeugt. KI sei kein neuer Trend, sondern eine disruptive Technologie. Rechenzentren seien die Basis, aber der große Mehrwert entstehe nicht durch die Infrastruktur allein, sondern durch die Nutzung der Technologie. „Es gibt derzeit keine andere Technologie, deren Investment sich schneller rentiert, daher sind wir alle dazu angehalten, die Reise jetzt zu beginnen“, schloss Hörmann seinen Vortrag ab und übergab an Markus Vogel, Kinderarzt und Chief Medical Information Officer bei Microsoft. Er stellte den KI-gestützten Assistenten für den Gesundheitssektor, Microsoft Dragon Copilot, vor, der die Dokumentationsarbeit verschlankt und mehr Zeit für eine individuelle Versorgung der Patienten ermöglicht.

KI­Gestützte Dokumentation

KI müsse die Gesundheit besser machen, das sei der Slogan, so Vogel. Ziel sei eine einheitliche Plattform, in der klinische Applikationen integriert seien. Qualität sei eines der obersten Gebote, daher müssten Tools mit Anwendern und den Fachgesellschaften gemeinsam abgestimmt sein. Microsoft Dragon Copilot simuliere einen Dokumentationsassistenten durch automatisierte Ambient-Notizen: Wenn der Patient einverstanden ist, hört die KI die Gespräche über ein Raummikrofon oder das Smartphone des Arztes im Hintergrund mit und dokumentiert das Gespräch in Form von strukturierten Notizen, die im Anschluss vom Arzt überprüft, vervollständigt und freigegeben werden können. Durch die End-to-End Spracherkennung würden Dialekte verarbeitet und Hintergrundgeräusche herausgefiltert: „Es gilt die Faustregel: Sobald ein Mensch es versteht, versteht es das System auch“, berichtete Vogel. Wesentlich sei auch, dass die Schnittstellen nicht proprietär seien: „Das System ist absolut offen für die Integration in andere Systeme, etwa in Krankenhausinformationssysteme“, erklärte Vogel. Ein technologieoffenes System sei wichtig, um auch firmenübergreifend erweitert zu werden, etwa auch durch das Anhängen von speziellen Apps von Zweit- und Drittanbietern, resümierte der Radiologe Rudolf Knapp, stellvertretender Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte: „Die Daten für Patientinnen und Patienten zeitgleich intra- und extramural zur Verfügung zu stellen, wäre der Weg, die beiden Gesundheitsbereiche endlich zu einem sinnvollen Ganzen zum Wohle der Patientinnen und Patienten zusammenzuführen“, so seine Vision. Der nahezu vollständige Wegfall von administrativen Aufgaben würde die Arbeitsqualität für Ärzte und das gesamte medizinische Personal erhöhen.

Der Arzt entscheidet

Es sei entscheidend, das System mit europäischen Standards, mit europäischen Daten weiter zu trainieren, berichtete Harald Leitenmüller, Chief Technology Officer bei Microsoft Österreich: „Die dialektische Sprache und das Ergebnis in der Taxonomie müssen unseren Anforderungen entsprechen“, sagte er mit Hinweis auf das Forschungsprojekt mit der Charité in Berlin. Sie ist die erste Klinik in Deutschland, die damit begonnen hat, die KI-gestützte Software von Microsoft zur Dokumentation von Arzt-Patienten-Gesprächen im klinischen Alltag zu erproben und zu trainieren. „Der Dragon Copilot ist deswegen interessant, weil damit Aufgaben delegiert werden können“, sagte Leitenmüller. Aufpassen müsse man aber mit der Erwartungshaltung: „Daten sind nicht das Gold der Zukunft, es ist die Information in einem Kontext und die Schaffung einer Wissensbasis, die im Sinne der Problemlösungskompetenz verwenden werden kann“, betonte er. Die Entscheidung trage immer der Arzt. Ein KI-System könne mehrere Modelle haben, Modelle wiederum entstünden durch Training zur Mustererkennung: „Wir suchen Muster, Ähnlichkeiten, Regeln, um daraus Wissen abzuleiten“, sagte er. Der Dragon Copilot habe ein Modell für das Ambient Voice, damit die Sprache erkannt werde, ein Modell für den Dialog, damit es antworten und sprechen kann und ein Modell, um einen medizinischen Kontext sicherzustellen.

Technologien müssen angewendet werden

Die Vision für die Zukunft müsse sein, nicht nur die Prozesse effizienter zu gestalten, sondern ebenso die Patientenperspektive mit einzubringen, so Leitenmüller: „Eine Idee wäre, den Patienten als Datenträger insofern einzubinden, als dass dieser seine Daten mit einem eigenen Personal Health Agent verwaltet und somit die Gesundheitsversorgung effizienter gestaltet.“ Wirkungsvoll wäre zudem das Sammeln von Präventionsdaten, die im Erkrankungsfall berücksichtigt würden.

Die Akzeptanz und die Auseinandersetzung mit den Chancen sei eine der Herausforderungen für die Zukunft, resümierte Dietmar Bayer, stellvertretender Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte: „Für uns Ärzte muss der Mehrwert erkennbar, die Usability und klare Qualitätsstandards vorhanden sein“, betonte er. Das bedeute: Der Patient müsse wieder in den Mittelpunkt des Arztgesprächs rücken. „Alles, was uns in unserer Arbeit mit dem Patienten unterstützt, uns mehr Zeit mit dem Patienten gibt und dem Patienten Wege erspart, ist eine Bereicherung für die Patientenversorgung“, sagt er. Und Knapp ergänzt: „Die Technologie zur Lösung der allermeisten Probleme im Gesundheitswesen ist heute vorhanden, daher muss es unsere Aufgabe sein, diesen technologischen Vorsprung auch zum Laufen zu bringen.“

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 1-2 / 25.1.2026