Vorsorgemedizin: Impfen fördern – aber sicher

25.03.2026 | Aktuelles aus der ÖÄK

Autorin: Sophie Niedenzu

Um Durchimpfungsraten zu erhöhen, seien bereits Maßnahmen gesetzt worden. Zudem müsste neben Vertrauen und Aufklärung sichergestellt werden, dass genug Impfstoffe im Rahmen des öffentlichen Impfprogramms vorhanden sind, sagt der Impfexperte Rudolf Schmitzberger.

Sophie Niedenzu

Das große Ziel, die Masern dauerhaft zu eliminieren, ist nicht erreicht. Aufgrund der hohen Zahl an Masernfällen in Österreich – laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) waren es 2024 542 Fälle – hat die WHO im Vorjahr den Status in Österreich von „eliminiert“ auf „wieder etabliert“ geändert. Vergangenes Jahr ging die Zahl der Masernfälle in Österreich auf 152 zurück, mehr als 20 Prozent davon mussten im Krankenhaus behandelt werden. Seit 1. Jänner 2026 wurden drei Masernerkrankungen erfasst – die AGES rechnet mit weiteren Fällen. Um Infektionsketten schnell unterbrechen zu können, ist eine Immunität von mehr als 95 Prozent der Bevölkerung notwendig: „Das Beispiel der Masern zeigt, wie wichtig das ausführliche Impfgespräch ist, denn wir haben nicht nur bei Masern Impflücken, die nicht sein sollten“, sagt Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer. Bei Impfungen gehe es in erster Linie um Vertrauen und Aufklärung: „Impfungen sind ein wesentlicher Teil der Gesundheitsvorsorge“, sagt Schmitzberger. Grundsätzlich gebe es eine gute niederschwellige Versorgung durch Ordinationen. Impfen beginnt ab der Geburt: Die ersten, die impfen, sind die Kinderärzte. Erfreulich sei daher, dass die so genannte Fachbeschränkung dauerhaft weggefallen ist: „So können beispielsweise Kinderärzte Begleitpersonen impfen, wodurch sich die Eltern einen weiteren Weg sparen“, sagt Schmitzberger. Diese Maßnahme sei sinnvoll gewesen, um die Durchimpfungsraten zu erhöhen und war eine wesentliche Bereicherung für das Impfangebot: „Anders als etwa im Vereinigten Königreich, wo es keine niedergelassenen Kinderärzte gibt, erfolgt hierzulande ein Großteil der Impfungen des kostenfreien Kinderimpfprogramms bei niedergelassenen Kinderärzten“, sagt Schmitzberger.

Umso erfreulicher sei auch, dass die Impfungen im neuen Eltern-Kind-Pass einen stärkeren Fokus erhalten: „Das alles trägt dazu bei, Impflücken gar nicht erst entstehen zu lassen“, sagt Schmitzberger. Sinnvoll wäre auch ein Ausbau in Richtung eines Jugendpasses als Vorsorgeinstrument: „Jeder Arztkontakt ist eine Chance, das Vertrauen aufzubauen, das Bewusstsein über den Wert von Impfungen zu erhöhen und damit eine höhere Akzeptanz und Durchimpfungsquote zu erreichen“, sagt Schmitzberger.

Ausbau Impfprogramm

Der Ausbau des öffentlichen Impfprogramms zeige, dass die Regierung nun auch stärker auf Vorsorgemedizin setze: „Der Ausbau des kostenfreien Impfprogramms ist sehr zu begrüßen“, sagt Schmitzberger. Auch die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte, die sich am öffentlichen Impfprogramm beteiligen, steigt: Im Vergleich zum Vorjahr sind es heuer 300 Ärztinnen und Ärzte mehr. Zudem steigt die Anzahl der betrieblichen Impfungen und Impfungen in Gesundheitseinrichtungen jeglicher Art: „Wir haben das Glück, dass wir durch die gut ausgebildeten, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowohl die Impfungen des Kinderimpfprogramms, als auch jene des Österreichischen Impfplans für Erwachsene und andere empfohlene Impfungen in höhere Qualität anbieten können“, betont Schmitzberger. Die Voraussetzungen, um die Impfzahlen in Österreich zu erhöhen und besser Durchimpfungsraten zu bekommen seien also gut. „Die Impfraten erhöhen kann man aber nicht, wenn der Impfstoff nicht verfügbar ist. Wie die vergangenen Monate gezeigt haben, ist das Nadelöhr die Impfstoffverfügbarkeit“, kritisiert Schmitzberger. Sowohl bei Influenza, als auch bei den Impfstoffen gegen Pneumokokken und Herpes Zoster gebe es ein Problem bei der Impfstoffbeschaffung und -verfügbarkeit: „Wenn wir Ärztinnen und Ärzte genügend Impfstoffe zur Verfügung gestellt bekommen, können wir all die erwähnten Impfungen gut bewerkstelligen. Wien hat zum Beispiel gezeigt, dass die Impfrate bei der Influenza-Impfung um 20 Prozent gestiegen ist, seit Impfhindernisse wie der Selbstbehalt gefallen sind“, sagt Schmitzberger.

Gesunde Patienten impfen

Im Fokus müssten die Qualität stehen sowie bewusstseinsbildende Maßnahmen und das vertrauliche Arzt-Patienten-Gespräch, um die allgemeine Impfskepsis zu reduzieren. Es bestehe keine Notwendigkeit für eine Ausweitung des Impfangebotes auf Nichtärzte. Vielmehr müsse die Rolle der Impfungen in der Vorsorgemedizin weiter bewusst gestärkt werden. Die Regierung hat kürzlich bekannt gegeben, dass ab 2027 auch Impfungen in Apotheken möglich sein sollen. „Impfen ist ein medizinischer Eingriff, an dessen Beginn die Feststellung der Impftauglichkeit steht“, sagt Schmitzberger. Und diese werde beim Arztgespräch, in der Anamnese, erhoben. „Ärztinnen und Ärzte kennen ihre Patientinnen und Patienten und ihre Krankengeschichte und können daher im Zweifelsfall feststellen, ob ein Schnupfen harmlos oder Teil einer schwereren Atemwegserkrankung ist und somit eine momentane Kontraindikation für die Impfung besteht“, führt der Impfexperte aus: „Wie soll ein Apotheker beurteilen können, ob sein Kunde gesund ist?“ Auch müsse das Handling von seltenen, aber doch vorkommenden Impfreaktionen gelernt und trainiert werden – die Ordinationsteams seien dafür ausgebildet und würden laufend geschult werden: „Patientinnen und Patienten finden in den Ordinationen Vertraulichkeit, Privatsphäre und die Sicherheit, in guten, medizinisch fundierten, Händen zu sein“, sagt Schmitzberger.

Zukunftsfitte Gesundheitsplanung

Das Grundproblem sei – neben der vorhandenen Impfskepsis – derzeit der fehlende Impfstoff im Rahmen des öffentlichen Impfprogramms, nicht die impfenden Ärztinnen und Ärzte. Derzeit gebe es bei Herpes Zoster zu wenig Impfstoffe: „Wir müssen daher aktuell triagieren, wer zuerst geimpft werden kann und wer warten muss, bis wieder ausreichend Impfstoffe vorhanden sind – und das ist eine medizinische Beurteilung anhand von Grunderkrankungen und der bisherigen Krankengeschichte“, erklärt Schmitzberger. Die Frage sei, wie man in einer derzeitigen Situation in den Apotheken damit umgehen würde: „Nachdem die ärztliche Beurteilung fehlt, kann das darauf hinauslaufen, dass am Ende der Impfstoff für jene fehlt, die eine längere Krankengeschichte haben und die eine Impfung viel dringender benötigen“, fürchtet Schmitzberger. „Das kann nicht das Ziel einer strukturierten Gesundheitspolitik und Gesundheitsplanung sein“.

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.3.2026