Die Impfraten in Österreich sind zu niedrig, das lässt sich nicht leugnen. Immer und immer wieder belegen die Zahlen unseren Ruf als Land der Impfmuffel. Ist es aber sinnvoll, zur Steigerung die Zahl der Impfstellen zu erhöhen? Nein, denn die Problemgründe liegen viel tiefer. Im internationalen Vergleich verfügt Österreich schon jetzt über ein dichtes, wohnortnahes und niederschwelliges Netz an Impfmöglichkeiten – nämlich bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Sie können dank einer jahrelangen harten und fundierten Ausbildung feststellen, wer impftauglich ist, optimal über Impfungen aufklären und den medizinischen Eingriff des Impfens sicher durchführen. Sie sind in jeder Situation Herrin oder Herr der Lage. Mehr Patientensicherheit und Patientenservice geht nicht.
Wer wirklich die Impfraten in Österreich erhöhen möchte, sollte die richtigen Schlüsse ziehen. Die größten Hürden gibt es bei der Verfügbarkeit von Impfstoffen und bei der nötigen Awareness. Eine konstante, regelmäßige und zuverlässige Belieferung von Ärztinnen und Ärzten mit den nötigen Impfstoffen würde ein zentrales Problem lösen. Brüchige und labile Lieferketten mit einem stundenlangen Bestellvorgang sind im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß. Für die bessere Akzeptanz für Impfungen muss in Aufklärungsarbeit und Vertrauen investiert werden. Auch hier kommen wieder Ärztinnen und Ärzte ins Spiel. Denn Impfen ist nicht nur ärztliche Tätigkeit, ein Mittel zum Schutz für sich und andere, es ist auch eine Vertrauensfrage. Zu wem sollen Menschen mehr Vertrauen haben als zum Arzt, der sie oft schon ihr ganzes Leben lang kennt?
Stärken wir die Gesprächsmedizin, stärken wir das Vertrauen in Impfungen und versorgen wir Ärztinnen und Ärzte besser mit Impfstoffen. Dann steigen die Impfraten – ganz sicher.
Dr. Harald Schlögel
1. Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7 / 10.4.2026