Während Millionen Menschen feiern, arbeitet das Personal in den Krankenhäusern, aber auch in den Polizeikommissariaten, bei den Feuerwehren und Rettungsdiensten, in der Silvesternacht am Limit – und alle müssen am Ende dennoch auf eine Bilanz des Schreckens zurückblicken.
Thorsten Medwedeff
Laut Schätzungen der Berufsgruppe Pyrotechnikhandel in der Wirtschaftskammer setzten die Händler in Österreich im Vorjahr rund 15 Millionen Euro mit dem Verkauf von Böllern, Raketen und Krachern um. Dabei sei der Onlinehandel und jener mit ausländischen Anbietern, insbesondere aus dem benachbarten Tschechien, noch gar nicht erfasst. Zum Vergleich: Für die Charity-Aktion „Licht ins Dunkel“ spendeten die Österreicherinnen und Österreicher rund um Weihnachten 2025 insgesamt 21,7 Millionen Euro, um bedürftigen Menschen zu helfen. Das „andere“ Licht ins Dunkel, wenn zu Silvester gegen Mitternacht die Raketen den Nachthimmel erhellen, hat verheerende Folgen für hunderte Menschen und sorgt insbesondere bei den Rettungsorganisationen und in den Spitälern für eine Nacht des Schreckens. Auch beim Jahreswechsel 2025/26 gab es hunderte Rettungsfahrten in Österreich, allein in Tirol verzeichnete der Rettungsdienst Leitstelle Tirol laut Medienberichten 516 Fahrten – in Wien waren es 1.135 Einsätze, 2024/25 zählte die Wiener Berufsrettung knapp über 1.000 Einsätze.
Am Limit statt am Feiern
Am Ende der Kette stehen die Notärzte. Tatsache ist, dass die Spitalsambulanzen durch die hohe Anzahl notwendiger Behandlungen an ihre Leistungsgrenze gelangen – ein Umstand, der vielen nicht bewusst ist. „Die Leute wollen feiern und es krachen lassen, ohne Rücksicht auf andere. Dabei werden wichtige Ressourcen für die Behandlung von Menschen gebunden, die etwa auf Glatteis ausgerutscht sind oder einen Herzinfarkt erlitten haben“, fasst Piero Lercher, Referent im Umweltmedizinreferat der Österreichischen Ärztekammer, zusammen. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit verzeichnet jährlich etwas mehr als 200 durch Pyrotechnik verursachte Verletzungen. „Expertenkreise gehen jedoch von bis zu 1.000 Verletzungen pro Jahr aus, wobei diese nicht allein in der Silvesternacht geschehen. Die Gesundheitspolitik ist aufgefordert, hier ein Meldesystem zu etablieren“, so Lercher. Erschwert wird die statistische Korrektheit der Zahlen laut Lercher auch dadurch, dass viele Verletzungen erst später ärztlich behandelt werden oder nicht im Zusammenhang mit Feuerwerks- oder Böllerunfällen gemeldet werden. Jede einzelne Böllerverletzung sei eine zu viel: „Oft reden wir von mehreren mehrstündigen Operationen, die vor allem junge Patienten treffen. Diese führen teils zu lebenslangen Funktionseinschränkungen, da sind fehlende Finger noch ein geringeres Problem. Böllerverletzungen bedeuten einen hohen Behandlungsaufwand, teils langer Krankenhausaufenthalt sowie etliche Besprechungstermine und Nachkontrollen“, sagt Andreas Haberl, Oberarzt an der Klinischen Abteilung für Orthopädie und Traumatologie (Universitätsklinikum St. Pölten – Lilienfeld, Standort St. Pölten), der in der Silvesternacht 25/26 Dienst hatte (siehe Interview auf Seite 10). Das alles kann auch Lercher unterstreichen, der gemeinsam mit seinem Wiener Kollegen Boban Erovic ein Fachwerk über Gesichtsrekonstruktionen verfasst hat und genau weiß, was Böller anrichten können. (https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-7091-1172-7).
Feuerwerk als Status-Symbol
Die medialen Schreckensmeldungen verpuffen und wirken keineswegs abschreckend. Dabei verlor in diesem Jahr ein 14-Jähriger nur fünf Minuten nach Mitternacht durch eine misslungene Böller-Explosion eine Hand. Vier Tage später zog sich ein Zehnjähriger an einem Blindgänger schwere Handverletzungen zu. Die weitere Bilanz umfasst zahlreiche Augen- und Gesichtsverletzungen sowie Schnittverletzungen, Verbrennungen und Rauchgasvergiftungen. Auf dem Wiener Kahlenberg verschluckte zudem ein 22-Jähriger Teile eines Krachers und musste notfallversorgt werden. Lercher betont: „Das alles hat Konsequenzen für jene, die in den Spitälern in der Silvesternacht ihren Dienst absolvieren und von einem Notfall zum anderen eilen. Vielleicht mögen diese Meldungen den einen oder anderen Pyrotechnik-Fan rund um Neujahr erschrecken, doch zwölf Monate später, am 31. Dezember, ist das alles wieder vergessen. Dabei können die Verletzungen im Extremfall tödlich sein.“ Lercher zufolge gilt das Feuerwerk im eigenen Garten oder vom Balkon im ländlichen Raum jedoch auch als Statussymbol, „so nach dem Motto: Ich habe das schönste Feuerwerk, die teuersten und lautesten Kracher und kann mir das auch leisten.“ In der Stadt komme dieser Faktor nicht so stark zum Tragen.
Hohe Umweltbelastung
Dabei gibt es durchaus risikoarme Alternativen zu Feuerwerken mit Sprengkraft, etwa Lichtshows. Allerdings warnt Lercher auch vor Lasershows, deren Gefährlichkeit für die Augen oft unterschätzt wird. „Ein sicheres und ‚gesundes‘ Silvester gibt es nur ohne Böller.“ Neben der Gefahr für schwere Verletzungen am eigenen Körper sei auch die Umweltbelastung nicht zu vergessen: „Feuerwerksexplosionen führen zur Freisetzung von Feinstaub, dieser kann die Sterblichkeit erhöhen. Bereits eine kurzfristige, Stunden oder Tage andauernde, hohe Feinstaubbelastung kann zu Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Krankenhauseinweisungen führen“, erklärt der Umweltmediziner.
Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.2.2026