Plädoyer für Überzeugung statt Überredung: Neben den epidemiologischen Daten, unter anderem zu Masern, HPV und Pneumokokken, befasste sich der Österreichische Impftag auch mit dem Mehrwert von Impfungen und der Impfstoffakzeptanz.
Sophie Niedenzu
Mit etwa zehn bis 18 Monaten lernen Kinder, frei zu gehen. In diesem Zeitraum werden Kinder auch gegen MMR geimpft. Folgendes Szenario: Ein Kind beginnt in der Woche nach der MMR-Impfung zu gehen. Ist also die Impfung dafür verantwortlich, dass das Kind gehen gelernt hat? Diese Frage stellte Noni MacDonald, emeritierte Professorin an der Universität Dalhousie in Kanada, in ihrem Vortrag zum Thema Impfstoffakzeptanz beim Österreichischen Impftag: „Bloß, weil etwas nach einer Impfung auftritt, heißt es nicht, dass die Impfung die Ursache dafür war“, sagte sie. Worauf kommt es also in der Impfkommunikation an? Ein Teil sei das Agieren der Politik. In Österreich zeige man sich politisch sehr engagiert, kommentierte MacDonald unter Verweis auf die einleitenden Worte von Gesundheitsministerin Korinna Schumann. Diese hatte die essentielle Rolle von Impfungen für eine gesunde Bevölkerung betont, sich für das Engagement in der Ärzteschaft bedankt und verkündet, das Impfprogramm zu optimieren und praxisnah zu gestalten. Der Schlüssel in der Impfkommunikation sei Vertrauen, zudem sollten Impfmythen nicht wiederholt und bei öffentlichen Auftritten auf publikumszentrierte Inhalte gesetzt werden. Das heißt: Anekdoten und Geschichten erzählen, keine Fakten. Denn: „Daten liefern Informationen, Geschichten verkaufen sich“, sagte MacDonald. Neben der klaren Sprache könne auch die Strategie beim Impfen angepasst werden. Nämlich vor dem Hintergrund, dass zehn bis 15 Prozent der Erwachsenen und bis zu 30 Prozent bei Kindern Angst vor Nadeln haben. MacDonald verwies auf eine Studie, wonach jene Placebo-Gruppe, die zwar eine Nadel injiziert bekam, aber keinen Impfstoff, öfters über Nebenwirkungen wie Schmerzen, Fatigue und Kopfschmerzen klagte. In Kanada sei das CARD-Projekt (C – Comfort, A – Ask, R – Relax, D – Distract), in dem eine bessere Vorbereitung für das Impfen gelernt werde, erfolgreich umgesetzt.
Überzeugen, nicht überreden
Es brauche in der Impfkommunikation eine bildliche Sprache und Geschichten, betonte auch der Presse-Gesundheitsjournalist Köksal Baltaci. „Wir sehen Zahlen, aber wir können uns die Auswirkungen nicht vorstellen und eine persönliche Beobachtung schlägt jedes Wort“, sagte Baltaci. Man müsse in der Impfkommunikation Pfade verlassen, sich aus der eigenen Blase lösen und andere Zugänge in der Sprache suchen. „Impfen ist kein faktisches, sondern ein emotionales Thema“, sagte er. Die Bevölkerung müsse qualifiziert am Diskurs teilnehmen, was auch heiße, dass man sich als Experte auf Diskussionen mit Impfskeptikern einlassen müsse. Das Credo sollte lauten: Überzeugen, nicht überreden. Beispiele aus der eigenen Familie, aus dem näheren Umfeld, von schwer Erkrankten, weil sie sich nicht geimpft hatten, oder auch Beispiele von Impfskeptikern, die ihre Meinung geändert haben: „Man soll keine Angst machen, aber es ist schon das Gebot der Stunde, auf die Folgen hinzuweisen, wenn man nicht impft“, sagte Baltaci. Wichtig sei, nicht in eine akademische Sprache zu kippen und Personen zu Wort kommen zu lassen, die in anderen sozialen Blasen, in anderen Communities, Vertrauen genießen – das könne ein Streetworker, ein Sportler oder auch der Dorfpfarrer sein. „Als Ergänzung zum ärztlichen Gespräch müssen wir hier treffsicher die niederschwelligen Informationen auch über andere Communitys spielen, um noch viel mehr vom Mehrwert von Impfungen zu überzeugen“, sagte auch Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer.
Zusätzliche Goodies
Mit dem Mehrwert von Impfungen befasste sich Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Nationalen Referenzlabors für respiratorische Viren, die von Baltaci als „Peter Filzmaier der Gesundheitspolitik“ bezeichnet wurde, in ihrem Vortrag: „Wir informieren nur über die halbe Medaille und schauen uns gar nicht die Rückseite an“, gab sie zu bedenken. Der direkte Schutz durch Impfungen sei nur der Gipfel des Eisbergs, der Mehrwert um ein Vielfaches höher – nämlich in klinischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht. Masern verursachen etwa eine Immunamnesie, die bis zu drei Jahre dauern kann. „Kinder und Erwachsene haben aufgrund einer Maserninfektion über längere Zeit ein geschwächtes Immunsystem, weil sich das immunologische Gedächtnis erst wieder aufbauen muss“, sagte Redlberger-Fritz. Anderes Beispiel: Nach einer Influenza-Infektion gibt es innerhalb der ersten Woche nach Symptombeginn ein achtfach erhöhtes Risiko für Schlaganfälle, Herzinfarkte und Lungenentzündungen. Viele Influenza-Patienten würden zudem zum Schutz vor Superinfektionen antibiotisch abgeschirmt werden – Influenza-Impfungen tragen daher auch dazu bei, Antibiotika-Resistenzen zu reduzieren. Neben dem eigenen Schutz sei auch der Gemeinschaftsschutz für Ältere ein sozialer Mehrwert, etwa bei Pneumokokken-Impfungen, die zudem auch vor antimikrobieller Resistenz schützen. Eine hohe MMR-Durchimpfungsrate eliminiere die Erkrankung, Impfungen gegen HPV und Hepatitis B schützen vor Krebs und Krankheiten wie Pocken wurden durch die Impfung eliminiert – das wiederum habe auch einen wirtschaftlichen Effekt: Allein Europa spare sich durch die Pockenelimination jährlich 1,1 Milliarden Euro. Immunisierungsprogramme bei Erwachsenen in Europa würden das 19-Fache vom investierten Beitrag ersparen: „All das sind zusätzliche Goodies zu den Impfungen, die klar kommuniziert werden müssen“, schloss Redlberger-Fritz ihren Vortrag. Diese ganzen Inhalte müssten auch im Impfgespräch beim Arzt betont werden, sagt auch Schmitzberger: „Das ausführliche Impfgespräch schafft Vertrauen, und ohne dem werden wir es nicht schaffen, die Impfzahlen zu erhöhen.“
Vorträge kompakt
Martin Schiller
Hepatitis A: Immunität Älterer nimmt ab
2025 wurde in Österreich ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen bei Hepatitis A beobachtet – mit Stand Ende November gab es 221 Fälle, berichtete Dr. David Springer vom Zentrum für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Rund die Hälfte der Fälle war dabei mit einem größeren europäischen Hepatitis-A-Geschehen verknüpft, vor allem in der Slowakei, Tschechien und Ungarn. Erkrankungen in Österreich seien zwar selten geworden, es komme aber immer wieder zu reiseassoziierten Fällen. Außerdem gab Springer zu bedenken, dass Hepatitis A in den 1930er und 1940er Jahren hochendemisch war, weshalb sich viele Menschen in ihrer Kindheit infizierten. Je besser sich Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg sozioökonomisch entwickelte, desto weniger Menschen erkrankten in der Kindheit. Vermutlich werde die noch bestehende Immunität der älteren Bevölkerung abnehmen und künftig mehr ältere Menschen infektionsgefährdet sein. Zudem sei die hochwirksame Impfung für Kinder laut Österreichischem Impfplan nicht mehr allgemein empfohlen, obwohl diese wesentlich in der Verbreitung des Hepatitis-A-Virus sind.
HPV: Erfolg der Impfung in Zahlen
Auch Ötzi war infiziert: Humane Papillomviren (HPV) existieren also schon seit rund 5.000 Jahren in nahezu unveränderter Form, eröffnete Univ.-Prof. Dr. Elmar Joura von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der Medizinischen Universität Wien seinen Vortrag. WHO-Ziel ist es, das Zervixkarzinom bis 2030 zu eliminieren. Dafür müssen 90 Prozent der Mädchen bis zum 15. Lebensjahr geimpft sein und mindestens 70 Prozent der Frauen bis 35 Jahre und erneut bis 45 Jahre auf HPV getestet werden. Internationale Daten zeigen: Die Impfung hat das Potenzial, das Zervixkarzinom und andere HPV-assoziierte Erkrankungen zu eliminieren. Dabei ist eine frühe Impfung am effektivsten (in Österreich ab dem vollendeten neunten Lebensjahr empfohlen). Auch Menschen mit einer HPV-assoziierten Erkrankung profitieren von einer Impfung. Eine Meta-Analyse zeigte bei Frauen, die vor/nach einer Konisation geimpft wurden, im Vergleich zu Ungeimpften eine Reduktion von Rezidiven oder weiteren Erkrankungen um rund 60 Prozent.
Hohe Pertussis-Inzidenz, erfolgreiche Pneumokokken-Impfprogramme
Mit einer Ein-Jahres-Inzidenz von 170,5/100.000 bei Pertussis sei sie die höchste in den vergangenen sieben Jahrzehnten in Österreich registrierte Inzidenz und die größte jemals erfasste Pertussis-Epidemie weltweit, berichtete Priv.-Doz. Dr. Daniela Schmid vom Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie an der Medizinischen Universität Wien. Grund dafür ist der gesunkene Anteil der Bevölkerung mit aufrechtem Impfschutz. Hauptquelle der Pertussis-Übertragung sind infizierte Erkrankte im Stadium catarrhale. Die Impfung mit dem azellulären Pertussis-Impfstoff (aPV) schützt hochwirksam vor Erkrankungen, jedoch nicht vor einer Kolonisation. Dies werden Impfstoffe der nächsten Generation erwirken und damit die Ausbreitung deutlich reduzieren können. Die Impfung mit polyvalenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoffen (PCV) hingegen schützt auch vor einer nasopharyngealen Kolonisation. Impfprogramme mit PCV zunehmender Serotypen-Abdeckung (PCV7, PCV10, PCV13, PCV15, PCV20, PCV21) reduzierten in Österreich die Krankheitslast sowohl bei Unter-Fünfjährigen als auch bei Über-60-Jährigen.
Gelenksbeschwerden bei Chikungunya
Die Letalität von Chikungunya-Fieber beträgt unter ein Prozent. Hospitalisierungen sind meist nicht erforderlich. Allerdings haben bis zu 50 Prozent der symptomatisch Erkrankten Gelenksbeschwerden, die über drei Monate andauern können. Ein Viertel leidet bis zu einem Jahr daran, führte Dr. Angelika Wagner vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien aus. Nachdem die Pathogenese sowie die klinischen Zeichen jenen der rheumatoiden Arthritis sehr ähnlich sind, rät Wagner bei länger anhaltenden Beschwerden zu einer rheumatologischen Abklärung. Es stehen ein lebend-attenuierter sowie ein virusähnlicher Partikel (VLP)-Impfstoff zur Verfügung, die beide nur einmalig appliziert werden müssen und ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen sind. Nachbeobachtungen in der Dauer von zwei Jahren zeigen für den Lebendimpfstoff eine hohe Seroprotektionsrate von über 96 Prozent. Studien zum Totimpfstoff zeigen bereits nach 14 Tagen einen hoch seropositiven Bereich des Antikörperspiegels, der sechs Monate anhält.
Masern: weiter hohe Inzidenz
Die Maserninzidenz ist in Österreich in den vergangenen 25 Jahren signifikant angestiegen, berichtete Assoz.-Prof. Dr. Lukas Weseslindtner, Leiter des Labors für Serodiagnostik am Zentrum für Virologie der Medizinischen Universität und des Nationalen Referenzlabors für Masern, Mumps, Röteln und Hepatitis-Viren in Wien. Zwar verzeichnete Österreich mit 152 gemeldeten Fällen Anfang Dezember 2025 einen Rückgang verglichen mit 2024, das liege aber nicht außerhalb der statistischen Trends. Es gebe mit 13 identifizierten Virusvarianten eine hohe Frequenz von Neuimporten genetisch unterschiedlicher Viren. Den Großteil der Masernfälle machen Primärinfektionen bei nichtgeimpften Personen aus. Sieben Prozent der serologisch gesicherten Fälle aus den vergangenen Jahren seien Reinfektionen nach vorheriger Impfung.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.2.2026