Offene und schwer besetzbare Kassenstellen sind ein Zeichen, dass das öffentliche Gesundheitssystem kränkelt. Fokus müsse sein, dieses zu therapieren – und nicht, auf das Wahlarztsystem loszugehen, betont die Österreichische Ärztekammer.
Sophie Niedenzu
Der Blick über die Grenzen zeigt: Das öffentliche Gesundheitssystem in Österreich ist nach wie vor eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. „Wir können stolz darauf sein, aber leider kränkelt es und muss therapiert werden, um es auch langfristig abzusichern“, sagt Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Er verweist auf die offenen und schwer besetzbaren Kassenstellen, die Bürokratisierung und die sinkende Bereitschaft, im öffentlichen System zu arbeiten. Ziel müsse sein, die öffentliche Gesundheitsversorgung wieder zu stärken. Ein Beginn wäre, Arbeits- und Rahmenbedingungen zu modernisieren, etwa in Bezug auf die Arbeitszeiten. „Jeder Kassenarzt mehr ist ein Gewinn für das System, egal, ob in Voll- oder in Teilzeit – das sollte endlich möglich werden“, nennt Edgar Wutscher, ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, eine Möglichkeit von vielen. Ärztinnen und Ärzte müssten ein Umfeld finden, in dem sie gerne arbeiten wollen: „Die Diagnose steht, der Therapievorschlag ebenso, aber es hapert an der Umsetzung“, präzisiert Steinhart.
An Realitäten anpassen
Mehr Ärztinnen und Ärzte für das Kassensystem zu gewinnen, erfolge nicht über den reinen Ausbau von Kassenstellen: „Die öffentliche Gesundheitsversorgung muss sich strukturell auch den Lebensrealitäten anpassen, dann werden Kassenstellen auch wieder leichter besetzbar“, sagt Wutscher. Statt Maßnahmen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung zu setzen, sei hingegen der Vorschlag von SPÖ-Gesundheitsministerin Korinna Schumann nach weiteren Einschränkungen für Wahlärzte in Form von Honorarobergrenzen medial kommuniziert worden – einem Vorschlag, auf den die beiden anderen Regierungspartner öffentlich nicht eingegangen sind. So verwies die ÖVP auf Nachfrage der APA schriftlich auf die geplante Gesundheitsreform: „Alle Vorschläge werden in der zuständigen Reformpartnerschaftsgruppe besprochen. Um Wartezeiten zu verkürzen ist es vor allem geboten, mehr Ärzte ins öffentliche Kassensystem zu bringen“, zitiert die APA. Seitens der NEOS hieß es, dass man vorrangig die Kassenversorgung verbessern und die Arbeit für Ärzte mit Kassenvertrag attraktivieren wolle. „Wahlärzte sind nicht die Ursache des Problems, dass wir in Österreich mittlerweile mehr Wahl- als Kassenärzte haben – sondern eine Reaktion auf die Grenzen im Kassensystem“, sagt Steinhart. Weder mit Honorardeckeln, noch mit einer Verpflichtung von Wahlärzten, Kassenpatienten zu behandeln, würden die strukturellen Probleme im Kassensystem gelöst werden: „Die Gesundheitsversorgung wird nicht besser, wenn das gut funktionierende Wahlarzt-System in die Mangel genommen wird“, betont Steinhart.
Dialog für Reformpläne
Zudem seien viele Punkte, die Schumann kritisiert habe, in der Realität seit Jahren umgesetzt: „Es gibt bereits Honorarempfehlungen von der Ärztekammer für Wahlärzte, es gibt die Beschwerdemöglichkeit von Patientinnen und Patienten, wenn die Honorare zu hoch sind, zudem empfiehlt die Ärztekammer, Patientinnen und Patienten vor einer Behandlung über die Kosten aufzuklären“, führt Wutscher aus. Eingriffe in den freien Arztberuf und Zwangsmaßnahmen würden keine strukturellen Probleme lösen, sondern diese vielmehr nur verstärken. „Wer Honorarobergrenzen nach deutschem Vorbild als Lösung präsentiert, verkennt die strukturellen Probleme im österreichischen Gesundheitssystem“, sagt Steinhart. Grundsätzlich wünsche er sich in der Kommunikation einen sachlichen und lösungsorientierten Dialog: „Wenn Reformpläne vorab gemeinsam diskutiert werden, anstatt diese über die Medien zu kommunizieren, können wir Missverständnisse vorab aus dem Weg räumen, ohne die Bevölkerung unnötig zu verunsichern“, appelliert Steinhart an die Politik.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.3.2026