ÖÄK-Symposium: Vorsprung durch Vernetzung

25.02.2026 | Aktuelles aus der ÖÄK

Autorern: Sascha Bunda, Thorsten Medwedeff

Das Symposium der Österreichischen Ärztekammer bot einmal mehr eine willkommene Plattform zum internationalen Austausch, um die Herausforderungen gemeinsam angehen zu können.

Sascha Bunda, Thorsten Medwedeff

„Wir lernen Tag für Tag, wie wichtig es ist, gerade jetzt vernetzt zu denken und die großen Herausforderungen gemeinsam anzugehen“, unterstrich Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, schon in seiner Eröffnungsrede die Wichtigkeit des internationalen Austausches, der im Vordergrund des alljährlich stattfindenden ÖÄK­Symposiums stand. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich sei beispielsweise der ökonomische Druck auf das Gesundheitssystem so groß wie nie. „Es liegt zu einem großen Teil an der Ärzteschaft, hier einen Gegenpol der Vernunft im Sinne einer gesicherten Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zu bilden. Denn je höher der finanzielle Druck durch die maue Wirtschaftslage ist, desto höher ist das Risiko für politische Schnellschüsse. Und die können fatale Konsequenzen für Jahrzehnte haben“, so Steinhart, der die internationalen Gäste über die aktuellen Entwicklungen der sogenannten Reformpartnerschaft informierte.

Mit dem Thema Ausbildung befasste sich der erste Block: Christoph Steinacker, Abteilungsleiter der Bundeskurie der angestellten Ärzte, präsentierte die Entwicklung der Ausbildungsevaluierung, die von der Bundeskurie seit mittlerweile drei Jahren gemeinsam mit der ETH Zürich und HF Partners über die österreichischen Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung durchgeführt wird und sich überaus positiv entwickelt hat, was im Saal besonders anerkannt wurde. Christian Schwark, Vizepräsident der Landesärztekammer Hessen, referierte im Anschluss über die Ausbildungsbefragung zur Ausbildung der Medizinischen Fachangestellten in Hessen. Dazu wurden alle 2.263 ausbildenden Ärztinnen und Ärzte des Bundeslandes online befragt, mit einer Rücklaufquote von beeindruckenden 45 Prozent. Über 80 Prozent stimmten der Aussage voll und ganz zu: „Meine MFA­Auszubildende ist im Arbeitsalltag fest integriert und wird in ihrer Ausbildung unterstützt und angeleitet“, knapp über 70 Prozent würden ihre Auszubildenden nach bestandener Abschlussprüfung, die vor der Ärztekammer stattfindet, voraussichtlich übernehmen.

Klare Patientenwege

Gerald Quitterer, Präsident der Bayrischen Landesärztekammer, referierte über den Status der Steuerung der Patientenwege in Deutschland. Mit durchschnittlich 9,6 Arztkontakten pro Person und Jahr liegt Deutschland weltweit auf einem Spitzenplatz, was eine vernünftige Lenkung umso wichtiger macht. Das Konzept der deutschen Ärztevertretung auf dem Ärztetag 2024 sieht eine Ordination als ersten Anlaufpunkt der Primärversorgung vor. Für Quitterer war das „ein sehr weiser Beschluss“, schließlich sichere dieser ab, dass die Primärversorgung ärztlich bleiben muss. Im weiteren politischen Diskurs gebe es jedoch erhebliche Bestrebungen, den ärztlichen „Vorbehalt“ heraus zu reklamieren, besonders seitens der Drogeriemärkte würden medizinische Angebote bis hin zur Blutabnahme ins Visier genommen.

Mit der Zukunft der medizinischen Versorgung allgemein befassten sich danach Armin Ehl, Hauptgeschäftsführer Marburger Bund, in seinem Vortrag „Zeitwende – ist das Gesundheitswesen resilient?“, und Jana Gärtner, Vizepräsidentin der Sächsischen Landesärztekammer, die die Rolle des ÖGD, des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, im Rahmen der medizinischen Versorgung beleuchtete. Ehls Fazit bezüglich der Resilienz stand unter dem Motto „Es gibt viel zu tun“: Er ortete unter Berufung auf eine Studie des Deutschen Krankenhaus Institutes (DKI) Schwächen in allen Bereichen: Dabei wurden anhand dreier Szenarien die Investitionsbedarfe berechnet. Um die Resilienz im Fall von Cyberangriffen und Sabotage herzustellen, würden rund 2,7 Milliarden Euro benötigt. Bei einem NATO­Bündnisfall (1.000 Verwundete pro Tag) liegt der Investitionsbedarf bei 4,9 Milliarden Euro, im Verteidigungsfall bei 14 bis 15 Milliarden Euro. Gärtner betonte in ihrem Referat die Bedeutung des ÖGD. Er bringe Schutz der Gesundheit der gesamten Bevölkerung, leiste Prävention, Gefahrenabwehr, Versorgungssicherheit und ergänze und entlaste die kurative Medizin. Der Öffentliche Gesundheitsdienst sei damit ein integraler Bestandteil der medizinischen Versorgung. „Die Zukunftsfähigkeit des ÖGD steht und fällt mit ärztlicher Expertise und guter Zusammenarbeit im Gesundheitssystem“, resümierte Gärtner.

Migration und Ausbildung

Am zweiten Tag des Symposiums zeigte Harald Mayer, ÖÄK­Vizepräsident und Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte (BKAÄ), auf, welche Herausforderungen, aber auch Chancen, die Migration in der ärztlichen Ausbildung birgt. „Es handelt sich hier um ein Phänomen mit zwei total konträren Seiten. Einerseits kommen ausländische Ärzte nach Österreich, um hier zu arbeiten oder ihre Facharztausbildung zu machen. Andererseits verlassen viele junge Medizinerinnen und Mediziner, die in Österreich ihre Ausbildung gemacht haben, direkt danach das Land. Rund ein Drittel der Absolventen eines Medizinstudiums in Österreich wird hier nie als Ärztin oder Arzt tätig“, betonte Mayer. Man wisse zwar, wie viele kommen, um sich ihre Ausbildung in Österreich anrechnen zu lassen und hier als Turnusärzte zu beginnen. Im Jahr 2024 waren es 470 Verfahren, 2025 nur um zwei weniger. „Aber wie wissen nicht, wie viele davon wirklich im österreichischen Gesundheitssystem jemals zu arbeiten beginnen“, räumte der BKAÄ­Obmann ein. Diese Zahlen gelte es ganz konkret zu eruieren, um die richtigen Maßnahmen zu setzen. Mayers Forderung: „Alle Daten über Zu­ und Abwanderung, über die das Ministerium, die Universitäten und die Österreichische Ärztekammer verfügen – auf die Person heruntergerechnet – müssen zusammenfließen, um erheben zu können, wie viele Ärztinnen und Ärzte tatsächlich nach Österreich kommen und wie viele tatsächlich weggehen.“ Dies müsse auch international – und insbesondere für den DACH­Raum – erhoben werden, unterstrichen der Präsident der steirischen Ärztekammer, Michael Sacherer, und der Präsident der Salzburger Ärztekammer, Matthias Vavrovsky. Man müsse gemeinsam planen, um zu verhindern, dass man nicht in gewissen medizinischen Fachgebieten zu viele Ärztinnen und Ärzte ausbilde, denen man anschließend keinen Job anbieten könne. Frank Montgomery, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer Deutschland, wiederum warnte vor zu vielen Planspielen. Man habe etwa in den Achtzigern in Deutschland aufgrund von Berechnungen, „dass wir 1990 insgesamt 50.000 arbeitslose Ärzte haben werden, geplant wie verrückt – und dann ist genau das nicht passiert“. Montgomery: „Ich warne vor zu vielen Planungen, aber Sitzungen wie diese und der Austausch sind total wichtig, um gemeinsam Probleme angehen zu können.“

EHDS: Fortschritt oder Vertrauensrisiko?

Angehen müsse man rasch auch eine ernsthafte Beschäftigung mit dem „European Health Data Space“ (EHDS) und Europäischen Gesundheitsdatenraum und dessen Risiken – da waren sich die Experten in Wien einig. Zunächst skizzierte Franz Leisch, Medizininformatiker und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Telemedizin, den Fahrplan, den aktuellen Status und einen Ausblick auf die Übergangsphase und das Inkrafttreten der wichtigsten Elemente der EHDS­Verordnung im Jahr 2029. Danach zeigte Anette Rommel (1. Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen) in ihrem Vortrag „Europäischer Gesundheitsdatenraum – Fortschritt oder Vertrauensrisiko?“ die konkreten Risiken auf. In der Diskussion waren viele Bedenken und Sorgen zu hören und die zentrale Frage „eine Patientenakte für 450 Millionen Menschen, können wir das überhaupt – und hat das schon mal jemand gemacht?“ Wiederum war es Montgomery, der Pragmatismus einforderte: „Wir konnten bei der EU nicht mehr herausholen, als wir jetzt vorliegen haben. Wir müssen das jetzt vernünftig umsetzen. Der Patient, der aus dem Urlaub anruft und sagt, er braucht ein Rezept – wie oft kommt das vor? Jammern bringt uns nicht weiter. Der Weg ist richtig. Wir müssen mit etwas mehr Dynamik herangehen. Wir müssen tun.“

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 4 / 25.2.2026