Einer arbeitet in Tirol, eine in Niederösterreich: Zwei Kassenärzte sprechen darüber, wie Gemeinden etwa bei der Organisation von Bereitschaftsdiensten helfen können, wo Telemedizin besonders im ländlichen Raum sinnvoll eingesetzt werden kann und welche Hemmnisse es immer noch gibt, in die Kassenmedizin zu gehen.
Unbesetzte Kassenstellen, besonders im ländlichen Raum, sind eine der großen Herausforderungen in vielen Gemeinden. Denn der fehlende Landarzt ist längst gelebte Realität: Viele, vor allem Jüngere, wandern ab, ältere Menschen haben zunehmend weite Wege für eine wohnortnahe Versorgung. Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte, arbeitet in den Kassenpraxen in Zirl und in Obergurgl in Tirol. Er ist überzeugt: Ein Beitrag der Gemeinden, die wohnortnahe Versorgung zu fördern, sei die Wertschätzung, die vielerorts in den Gemeinden gegeben sei. Die zeige sich unter anderem auch bei der Unterstützung, geeignete Räumlichkeiten für eine Ordination zu finden. „Die Praxis zeigt außerdem auch, dass Gemeinden als Mediatoren helfen können, die Bereitschaftsdienste zu organisieren“, sagt er. Auch die Kinderbetreuung sei ein nicht unwesentlicher Faktor, um jüngere Ärztinnen und Ärzte für die Landmedizin zu gewinnen. Und Dagmar Fedra-Machacek, Kassenärztin im niederösterreichischen Perchtoldsdorf und Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte in der niederösterreichischen Ärztekammer, ergänzt: „Wichtig ist auch die aktive Vernetzung vor Ort, so können Gemeinden Kooperationen zwischen Praxen fördern, Primärversorgungsnetzwerke unterstützen und so dazu beitragen, die Versorgung gemeinsam zu organisieren.“ Entscheidend sei außerdem, nicht reaktiv, sondern aktiv tätig zu sein: „Gemeinden sollten vorausschauend planen, also etwa rechtzeitig Lösungen für Praxisnachfolgen entwickeln, denn eine geregelte Übergabe einer bestehenden Ordination ist deutlich einfacher und attraktiver, als eine bereits länger vakante Stelle neu zu besetzen“, präzisiert die Allgemeinmedizinerin.
Bessere Vernetzung
Digitale Mittel könnten zudem helfen, die optimale Versorgung am Land zu gewährleisten. Der Einsatz sei aber auch nicht allumfassend: Telemedizin und KI könnten die Gesundheitsversorgung unterstützen – aber der Kern der medizinischen Arbeit seien persönliche Interaktion, Vertrauen und gemeinsame Entscheidungsfindungen. „Grundsätzlich muss die Gesundheitsversorgung auch in Zukunft auf einer persönlichen Betreuung der Patientinnen und Patienten fußen“, betont Wutscher. Medizin sei nämlich kein reiner Informationsaustausch: „Das ärztliche Gespräch, das Erfassen von Zwischentönen, das gemeinsame Abwägen von Entscheidungen – das lässt sich digital nur eingeschränkt abbilden“, sagt Fedra-Machacek. Und sie gibt zu bedenken, dass nicht alle Patientinnen und Patienten digital gleich gut erreichbar oder kompetent sind: „Eine rein digitale Versorgung würde daher neue Ungleichheiten schaffen“. Telemedizin als telefonischer Kontakt sei eine „schon immer gelebte Praxis“, sagt Wutscher. Positiv seien Projekte wie „Herzmobil“ (näheres siehe S. 16), über das Patientinnen und Patienten Daten in zeitlicher Abfolge an den behandelnen Arzt schicken und so gravierende Änderungen in den Vitalwerten sofort erfasst werden. „Es hat schon Gespräche darüber gegeben, ob Gemeinden und ansässige Ärztinnen und Ärzte gemeinsam grundsätzlich ähnliche telemedizinische Betreuungssysteme entwickeln“, sagt Wutscher. Er sei davon überzeugt, dass Gemeinden und Ärzteschaft eine gemeinsame telemedizinische Versorgung aufbauen könnten. Eine weitere Chance durch die Digitalisierung sei die bessere Vernetzung: „Wenn Informationen schneller geteilt und Befunde rascher eingeordnet werden können, profitieren Patientinnen und Patienten unmittelbar, und genau hier sollte der Fokus liegen: besser vernetzen statt nur digitalisieren“, sagt Fedra-Machacek. Eine bessere Vernetzung müsse auch zwischen dem niedergelassenen Bereich und den Spitälern stattfinden. Hier brauche es nachhaltige Investitionen aus der Politik. Der große Mehrwert der Telemedizin liege in der Unterstützung bestehender Strukturen, etwa in der Einbindung von Spezialisten durch Hausärzte über telemedizinische Konsile: „Um die Betreuung im häuslichen Umfeld besser zu koordinieren und die Versorgung ganzheitlich zu stärken sollte auch eine interdisziplinäre telemedizinische Zusammenarbeit, etwa mit diplomierter Hauskrankenpflege oder Community Nurses, berücksichtigt werden“, schlägt die Allgemeinmedizinerin vor. Wichtig sei jedenfalls die Umsetzung, denn Telemedizin müsse strukturiert, qualitätsgesichert und in bestehende Versorgungssysteme integriert sein: „Einzelne Insellösungen oder rein technisches Angebot ohne Einbettung bringen wenig“, sagt Fedra-Machacek.
Pluspunkt Lehrpraxis
Wie kommen nun Ärztinnen und Ärzte stärker wieder in die wohnortnahe Versorgung? Ein wichtiger Schritt sei die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin und Familienmedizin gewesen. „Mit der längeren Ausbildungszeit in den Ordinationen erhalten die Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung ein viel besseres Bild von der Arbeit als Hausarzt“, sagt Wutscher. Die frühe praktische Erfahrung sei ein „entscheidender Hebel“, stimmt Fedra-Machacek zu: „Wer die Arbeit als Hausarzt kennt und positiv erlebt, entscheidet sich später eher dafür.“ Entscheidend sei hier, die Fördermodelle für Ärztinnen und Ärzte mit Lehrpraxis langfristig zu sichern.
Aktuell seien Ärztinnen und Ärzte zudem wirtschaftlich stark unter Druck, als Kassenarzt im Akkord arbeiten zu müssen: „Das geht zulasten der Qualität und der Zufriedenheit auf beiden Seiten“, sagt Fedra-Machacek. Veraltete Honorierungssysteme, hohe Arbeitsbelastung und wenig Gestaltungsspielraum seien Hemmnisse für die Kassenmedizin: „Nur wenn sich die Rahmenbedingungen grundlegend verbessern, wird die ländliche Versorgung wieder attraktiver“, ist sie überzeugt. Und Wutscher ergänzt: „Wir benötigen neue Formen von Kassenverträgen, außerdem sollen Limitierungen abgeschafft werden, denn Ärztinnen und Ärzte mit großen Ordinationen dürfen nicht für ihre Mehrarbeit bestraft werden.“
Vielfalt behalten
Beide wagen auch eine Prognose: Die Zukunft der Gesundheitsversorgung liege in kooperativen und flexiblen Versorgungsmodellen. Primärversorgungseinheiten seien in ausgewählten Gebieten sinnvoll – aber eben nicht überall. Neben bestehenden Strukturen brauche vor allem die Möglichkeit der Vernetzung von Einzelpraxen in ländlichen Regionen mehr Unterstützung: „Österreich – und insbesondere der ländliche Raum – wird sich nicht flächendeckend allein über große Gesundheitszentren versorgen lassen“, sagt Fedra-Machacek. Es müssten Modelle gestärkt werden, in denen Einzelpraxen gemeinsam Verantwortung übernehmen, etwa durch abgestimmte Öffnungszeiten, koordinierte Patientenversorgung oder eine enge kollegiale Zusammenarbeit: „Solche Netzwerke können Versorgungslücken schließen und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte verbessern“, ergänzt sie. Entscheidend sei, dass diese Formen der Zusammenarbeit vom System gleichwertig anerkannt und gefördert werden: „Und zwar genauso wie die derzeit politisch stark präferierte klassische Zentrumsmedizin, denn nur so kann eine nachhaltige, wohnortnahe Versorgung langfristig gesichert werden“, ist Fedra-Machacek überzeugt.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.4.2026