Lieber ein Kassenarzt in Teilzeit als keiner: Das Kassensystem sei veraltet und müsse modernisiert werden, lautet die Diagnose der Bundeskurie niedergelassene Ärzte. Sie verweist auf die laufenden Verhandlungen zum bundesweiten Gesamtvertrag und darauf, dass die Mitsprache in der Schaffung neuer Kassenstellen aktueller sei denn je.
Sophie Niedenzu
Es sind drei medizinische Fächer, die laut der aktuellsten Erhebung zu den offenen Kassenstellen durch die Österreichische Ärztekammer hervorstechen: Spitzenreiterin ist die Gynäkologie mit österreichweit 46,5 unbesetzten Kassenstellen. Mit einem größeren Abstand folgen die Dermatologie (28,5 unbesetzte Stellen) und die Kinder- und Jugendheilkunde mit 20,5 unbesetzten Kassenstellen. Damit fallen 95,5 Stellen und damit deutlich mehr als die Hälfte von den insgesamt 144 unbesetzten Kassenstellen auf diese drei Fachbereiche. Noch mehr, nämlich 167,5 unbesetzte Stellen, verzeichnet die Allgemeinmedizin. Die insgesamt also mehr als 300 unbesetzten Stellen bei gleichzeitiger Steigerung der Wahlärzte würden deutlich zeigen, dass Handlungsbedarf besteht, resümiert Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte. „Wir haben in Österreich zahlenmäßig genügend Ärztinnen und Ärzte, um die Gesundheitsversorgung abzusichern, es gibt aber einen deutlichen Mangel im öffentlichen System“, sagt der Tiroler Allgemeinmediziner. Es fehlten nach wie vor wesentliche Änderungen der Rahmenbedingungen, ergänzt die Wiener Allgemeinmedizinerin und stellvertretende Obfrau der BKNÄ, Naghme Kamaleyan-Schmied: „Der Kassenvertrag ist wie ein starres Korsett: es schnürt uns ein und gibt uns nicht den Rahmen, in dem wir gern und viel in den Ordinationen arbeiten“, visualisiert sie das Problem.
Einer ist besser als keiner
Jeder Kassenarzt sei ein Gewinn für das System, betont Wutscher: „Es wäre schon hilfreich, wenn man beispielsweise nur vormittags als Kassenarzt tätig sein könnte, das wäre schon familienfreundlicher“, gibt er ein Beispiel vor. Es gebe auch Ärztinnen und Ärzte, die lieber nur an Nachmittagen arbeiten würden, aber: „Die derzeitigen Kassenverträge lassen so viel Flexibilität einfach nicht zu – dass es sich hier mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf spießt, ist offensichtlich“, sagt Wutscher. Nur wenn ein Arzt auch mit der Arbeitssituation zufrieden sei, dann könne er das auch in der Patientenversorgung transportieren, ist Kamaleyan-Schmied überzeugt: „Unser Grundbaustein für die tägliche Arbeit ist die Zuwendung, und diese Energie muss man auch durch das eigene Wohlbefinden vorleben“, ist sie überzeugt. Das Alles-oder-Nichts-Prinzip ohne Möglichkeiten von Teilzeitverträgen mit der Krankenkasse entspreche nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen: „Als Wahlarzt hat man hier viel mehr Spielraum, der einem als Kassenarzt fehlt“, betont Wutscher. Ein anderes Beispiel sei etwa die Kombination aus einer Anstellung im Spital mit einer niedergelassenen Ordination: die Kasse sieht derartige Arbeitsformen nicht vor. „Es gibt viele Schräubchen, an denen gedreht werden muss, denn jeder Kassenarzt mehr – auch in Teilzeit – ist besser als keiner“, sagt Wutscher. Auch die ärztlichen Zusammenarbeitsformen müssen einfacher und unbürokratischer werden.
Diagnose: Veralterung
Auch Kamaleyan-Schmieds Diagnose lautet: Das Kassensystem sei veraltet, nicht nur in Bezug auf die Rahmenbedingungen, sondern auch in Bezug auf die Leistungen. Kamaleyan-Schmied schildert dazu ein Beispiel aus der Wundversorgung mit der Entfernung von Klammern: Der Klammerentferner koste acht Euro, für die ärztliche Leistung erhält sie etwa vier Euro. Damit sei jede Klammerentfernung für sie ein Defizitgeschäft: „Ich mache es natürlich trotzdem, weil mir der Patient etwas bedeutet, aber wir brauchen ein öffentliches Gesundheitssystem, das fair aufgebaut ist“, sagt die Allgemeinmedizinerin. Auch die Limitierungen durch die Kassenverträge seien veraltet: So sei jenes für die Messung der CRP-Werte sehr niedrig festgelegt. Die Messung der Entzündungswerte, insbesondere in der Grippesaison, sei aber wesentlich, um zu entscheiden, ob ein Antibiotikum notwendig sei oder nicht: „Wir schöpfen das Limit daher leider schnell aus und bräuchten, zumindest in der Grippesaison, höhere Limits immerhin können wir durch diese Testungen verhindern, dass zu schnell und unnötigerweise Antibiotika verschrieben werden“, sagt sie. Der CRP-Test trage daher auch wesentlich dazu bei, dass sich nicht zunehmend Antibiotika-Resistenzen entwickeln.
Fehlende Mitsprache
Um also unbesetzte Kassenstellen zu besetzen, müssten nicht nur Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass Ärztinnen und Ärzte gerne im öffentlichen System arbeiten, sondern auch die Honorierung fair und an die modernen ärztlichen Leistungen angepasst werden. Derzeit arbeitet die Österreichische Ärztekammer eng mit der Österreichischen Gesundheitskasse zusammen, um einen einheitlichen, bundesweiten Gesamtvertrag auf die Beine zu stellen. In einem weiteren Punkt wäre die aktive Mitsprache der Ärztekammer von Vorteil: Bei der Umsetzung des Stellenplans. Mit dem im Dezember 2023 beschlossenen Finanzausgleich wurde das Modell gekippt, dass die ÖGK mit der jeweils zuständigen Landesärztekammer die Entscheidung über die Verortung der Stellen bzw. die Schaffung neuer Kassenstellen gemeinsam getroffen haben. Seitdem haben die Landesärztekammern lediglich die Möglichkeit einer Stellungnahme. Die Österreichische Ärztekammer fordert seither, dass die Ärztekammern in der Bundeszielsteuerungskommission sowie der Landeszielsteuerungskommission mit Sitz und Stimme vertreten sind. „Die aktuellen Diskussionen um die Verteilung der Kassenstellen zeigen, dass unsere Mitsprache hier sinnvoll wäre, da wir die speziellen Bedürfnisse und Situationen in den jeweiligen Regionen sehr gut kennen“, sagt Wutscher. Es müsse – wie aktuell bei der Ausarbeitung des Gesamtvertrags – wieder mehr Miteinander geben, um den Ausbau der Kassenmedizin bestmöglich umzusetzen.
Sozialsystem Stärken
Trotz aller Ecken und Kanten dürfe man nicht vergessen, dass das Sozialsystem in Österreich grundsätzlich gut funktioniere und erhalten werden müsse. Da müsse man gar nicht bis in die USA schauen, wo das Gesundheitssystem bei schwerer Erkrankung zu persönlichem Bankrott führen könne, auch im europäischen Umfeld gebe es Beispiele, dass etwa Patienten ab 60 Jahren keine neue Hüfte erhielten oder die Chemotherapie zu teuer sei und daher bei Älteren gar nicht zum Einsatz käme: „Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder an sich alles haben kann – und das ist das Schöne an der Kassenmedizin in Österreich“, betont Wutscher. Daher sein Appell: „Arbeiten wir zusammen daran, die Kassenmedizin zu stärken, damit Ärztinnen und Ärzte wieder gerne für diese so wertvolle öffentliche Versorgung arbeiten.“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 5 / 10.3.2026