Interview Andreas Haberl: „Jede einzelne Böllerverletzung ist eine zu viel“

10.02.2026 | Aktuelles aus der ÖÄK

Autor: Thorsten Medwedeff

Andreas Haberl ist Oberarzt an der Klinischen Abteilung für Orthopädie und Traumatologie im Universitätsklinikum St. Pölten – Lilienfeld (Standort St. Pölten). Im Interview mit Thorsten Medwedeff berichtet er, wie er die Silvesternacht 2025/26 in der Unfallambulanz erlebt hat.

Wie darf man sich eine Silvesternacht in einer Unfallambulanz vorstellen? Nach einem durchaus fordernden Tagdienst, der um sieben Uhr Früh beginnt und nicht zuletzt dadurch so intensiv ist, da viele niedergelassene Ordinationen geschlossen haben, sind es insbesondere Verbrennungen, Verletzungen unter Alkoholeinfluss und Überstellungen von anderen Spitälern, die uns zusätzlich zum üblichen Ambulanzbetrieb vermehrt beschäftigen. Das beginnt schon am späten Nachmittag und zieht sich durch die ganze Nacht. Der erste Neujahrsglückwunsch kam heuer um exakt 00:00 Uhr an das OP-Pflegeteam mit der Ankündigung, dass wir in zehn Minuten mit der nächsten OP starten müssen.

Wie viele Patienten und in wie rascher Abfolge kommen diese ins Spital? Nach Mitternacht kommt die Rettung teils im 15-Minuten-Takt, da ist es klar, dass sich die Ambulanz füllt und Wartezeiten entstehen. Schwere Verletzungen werden priorisiert, bei zusätzlicher Ankündigung eines Schockraumpatienten müssen unsere Ressourcen umverteilt werden und der Ambulanzbetrieb wird eingeschränkt.

Welche Verletzungen haben Sie in dieser Nacht zum Beispiel gesehen? Von Personen, die alleine in der Kälte liegend gefunden wurden, über Verbrennungen im Gesicht und Armen bis hin zu schweren Sprunggelenksfrakturen nach Stürzen im Rausche der Silvesterfeier, die sofort operiert werden mussten, war dieses Jahr einiges los. Im Vergleich zum letzten Silvester-Dienst fehlten Gottseidank schwere Augenverletzungen. Die eindrücklichste Böllerverletzung kam dann um vier Uhr früh mit dem Hubschrauber aus einem anderen Spital überstellt. Um den Daumen bzw. den abgespaltenen 1. Mittelhandstrahl zu erhalten, wurde von unserer plastischen Chirurgie – mit Ablöse des Operateurs – bis zum frühen Nachmittag am nächsten Tag operiert. Der Daumen blieb durchblutet, die Hand gerettet, einige Fingerkuppen konnten jedoch nicht erhalten werden.

Müssen dafür Extraschichten gefahren werden – oder wie organisiert man sich in so einer Nacht? Grundsätzlich ist die Dienstmannschaft wie in jeder anderen Nacht ausreichend aufgestellt. Ruhezeiten darf man sich jedoch keine erwarten.

Was bedeutet dieser zusätzliche Behandlungsaufwand für den normalen Ablauf im Spital? Jede einzelne Böllerverletzung ist eine zu viel. Oft reden wir von mehreren mehrstündigen Operationen, die vor allem junge Patienten treffen. Diese führen teils zu lebenslangen Funktionseinschränkungen, da sind fehlende Finger noch ein geringeres Problem. Böllerverletzungen bedeuten einen hohen Behandlungsaufwand, teils langen Krankenhausaufenthalt sowie etliche Besprechungstermine. Nachkontrollen und vor allem wertvolle OP-Zeit für Folgeeingriffe müssen hierfür kurzfristig geschaffen werden.

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.2.2026