Personalmangel, Demographie, Nachwuchsmangel, finanzielle Engpässe: Die Gerichtsmedizin steht vor massiven Herausforderungen. Verbrechen könnten ungeklärt bleiben.
Die Situation sei besorgniserregend: „In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Gerichtsmedizin in Österreich derart demontiert, dass inzwischen in vielen Fällen die zeitnahe Aufklärung von Gewaltdelikten und anderen Verbrechen stark verzögert oder sogar unmöglich wurde“, fasste Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, bei einem Pressegespräch die Entwicklungen in der Rechtsmedizin zusammen. „Die Institute und vor allem die Ausbildung wurden konsequent ausgehungert. Die Ärztekammern haben stets davor gewarnt, dass man sehenden Auges in einen existenziellen Mangel an Gerichtsmedizinern schlittert.“ Erst vor wenigen Monaten hat der Rechnungshof das Ausmaß des Mangels in einem Bericht festgehalten: In Wien dauert ein Obduktionsgutachten demnach durchschnittlich 152 Tage, in Graz 77 Tage. Zeitweise würde der gesamte Arbeitsaufwand an einer einzigen Person hängen. Ist diese auf Urlaub oder krank, stehe der Betrieb still. „Das Berufsbild des Gerichtsmediziners muss deutlich attraktiviert und gleichzeitig die Finanzierung der Ausbildung abgesichert werden“, forderte Steinhart: „Es nützt nichts, wenn wir Interesse an diesem spannenden Fachgebiet erzeugen, die Interessenten aber dann vor verschlossenen Türen stehen, weil niemand die Ressourcen hat, um sie auszubilden. Wir müssen jetzt handeln, um den Kollaps der forensisch-medizinischen Begutachtung abzuwenden.“
Mehr Nachwuchs muss her
Dass die Demographie ein großes Problem ist, berichtet auch Mario Darok von der Medizinischen Universität Graz, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin: „Aktuell gibt es österreichweit 37 Ärztinnen und Ärzte mit der Fachberechtigung für Gerichtsmedizin, das Durchschnittsalter liegt bei 53 Jahren.“ Bei den vier gerichtsmedizinischen Instituten (GMI) in Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien, arbeiteten Anfang 2024 nur 18 Fachärzte für Gerichtsmedizin, wobei die Hälfte von ihnen in den nächsten zehn Jahren das Pensionsalter erreichen wird. Zugleich werde die Gerichtsmedizin zunehmend „klinischer“. In den Gewaltambulanzen steige die Tendenz der Fälle deutlich, in Wien gebe es rund 1.000 Fälle pro Jahr, in Graz würden heuer 500 Fälle erwartet: „Das wirkt sich auf die Arbeitsauslastung aus“, sagte Darok: „Wir benötigen mehr Ausbildungsstellen – die Verlegung der Zuständigkeit für die Ausbildungsstätten von den Landesärztekammern an die Bundesländer hat die Situation nicht vereinfacht. Zu bedenken ist auch, dass die Ausbildung in der Gerichtsmedizin nur an Uni-Instituten möglich ist. Die Bedingungen dort müssen weiter verbessert werden.“ Generell wünscht sich Darok mehr Anerkennung für sein Berufsfeld: „Es sollte nach einer 15-jährigen stiefmütterlichen Behandlung der Gerichtsmedizin durch die Verantwortlichen der inzwischen langsam eingeschlagene Weg einer Wertschätzung und zeitgemäßen personellen und funktionellen Ausstattung der Universitätsinstitute fortgesetzt werden.“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.4.2026