Anlässlich der Europäischen Impfwoche machte die Österreichische Ärztekammer auf bestehende Impflücken aufmerksam – Nachholbedarf gebe es sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.
„Sie sind wieder da: Die Masern, die als eliminiert“ galten, sind in Österreich „wieder etabliert“: Seit 2018 galten sie in Österreich als ausgerottet. Zu Beginn des Jahres hat die WHO diese Einschätzung aufgrund der auftretenden Fälle wieder revidiert. Die Viruserkrankung kann schwere, mitunter lebensbedrohliche Folgen haben. In Österreich wird die Masernimpfung als Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) verabreicht und ist Teil des kostenfreien Impfprogramms: „Als Schutz für jeden Einzelnen und um Infektionsketten zu unterbrechen, müssen Impflücken geschlossen werden“, sagt Gerhard Grässl, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Referent für Impfangelegenheiten in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), anlässlich der Europäischen Impfwoche. „Die in Österreich angebotenen Impfungen sind hochwirksam, bei Ärztinnen und Ärzten leicht erhältlich, und sollten frühestmöglich erfolgen“, appelliert er, das kostenlose Impfangebot in Anspruch zu nehmen.
Empfohlen sind zwei Teilimpfungen ab dem vollendeten neunten Lebensmonat, wobei die zweite Impfung nur wenige Monate nach der ersten, spätestens aber vor dem zweiten Geburtstag verabreicht werden solle, rät der Kinderarzt und verweist auch auf die Erwachsenen: „Sie sollten unbedingt überprüfen, ob sie als Kind zwei Impfungen erhalten haben, und sich im Zweifelsfall impfen lassen.“
Immunamnesie verhindern
Die Masernimpfung ist eine sterile Impfung: bei einer hohen Durchimpfungsquote gibt es eine Herdenimmunität, wodurch auch andere – etwa Säuglinge, die noch zu jung für die Impfung sind – mit geschützt werden. Um eine Ausbreitung von Maserninfektionen zu verhindern, müssten 95 Prozent der Bevölkerung zweimal geimpft sein. In der Gruppe der 25 bis 50jährigen Erwachsenen sei das leider nicht mehr der Fall. Masern seien hochansteckend und können zu Lungen oder Gehirnentzündung, Nervenschäden oder Lähmungen führen, betont Grässl, der darüber hinaus auch darauf verweist, dass das Immunsystem über Jahre geschwächt sei. Auf diesen Umstand der sogenannten Immunamnesie, die bis zu drei Jahre dauern könne, hat zu Beginn des Jahres bereits Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Nationalen Referenzlabors für respiratorische Viren, im Rahmen des Österreichischen Impftags verwiesen: Kinder und Erwachsene hätten aufgrund einer Maserninfektion über längere Zeit ein geschwächtes Immunsystem, weil sich das immunologische Gedächtnis erst wieder aufbauen müsse.
Impfen gegen Krebs
Neben der MMR-Impfung verweist Grässl anlässlich der Europäischen Impfwoche zudem auf eine zweite wichtige Impfung: Jene gegen die meist schon bei den ersten sexuellen Kontakten im Jugendalter übertragenen Humanen Papillomaviren (HPV). Bestimmte HPVTypen könnten zu Krebsvorstufen und zu Krebs führen – und das häufig bereits bei jungen Erwachsenen. In Österreich wird die Impfung bis zum vollendeten 21. Lebensjahr kostenfrei zur Verfügung gestellt und ist für Mädchen und Buben im Alter von neun bis elf Jahren empfohlen. „Die Immunantwort der Impfung ist in diesem Alter optimal und die Wirkung besonders langanhaltend“, erklärt er. Am effektivsten sei der Schutz, wenn das Training des Immunsystems durch die Impfung abgeschlossen sei, bevor die ersten HP-Viren in den Körper gelangen. Die vorhandenen Impflücken könnten sehr leicht bei Ärztinnen und Ärzten geschlossen werden. „Es sollte auch jeder Arztbesuch dazu genutzt werden, den Impfstatus nochmals zu checken und Impfungen gegebenenfalls nachzuholen bzw. aufzufrischen“, sagt Grässl.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.5.2026