Zunehmender Tourismus sorgt für steigende Besucher-, aber auch Patientenzahlen. Das stellt zum Beispiel die Spitäler in Tirol vor besondere Herausforderungen, insbesondere im Winter: Eine Enquete der Bundeskurie angestellte Ärzte beleuchtet am 20. Mai das Spannungsfeld zwischen optimaler Patientenversorgung, Überlastung der Spitäler und gerechter Qualität in der Gesundheitsversorgung.
„Auswirkungen des Tourismus auf die Spitäler“ ist der Titel der Enquete der Österreichischen Ärztekammer (Beginn 17:30 Uhr, Veranstaltungssaal der Ärztekammer für Tirol, Anichstraße 7, 6020 Innsbruck), bei der Expertinnen und Experten aus Ärzteschaft und Bergrettung, aber auch Betroffene und Interessierte – die Teilnahme ist kostenlos, das Event wird auch online live übertragen – Lösungen für ein System im Spagat zwischen Gästerekorden und Versorgungsnotstand diskutieren wollen. „Die Enquete soll die Auswirkungen des Tourismus auf die Spitalsversorgung beleuchten, Lösungsansätze, inklusive privatmedizinischer Versorgung, aufzeigen und mögliche Anpassungen im System anstoßen. Wir möchten einen Blick hinter die Kulissen werfen: Wer sind die Menschen, die oft 25 Stunden am Stück vollen Einsatz zeigen, um all diese Bedürfnisse zu decken?“, erklärt Daniel von Langen, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte.
Das Thema ist brisant, wie die aktuellen Zahlen zeigen: Der Österreichische Bergrettungsdienst hatte im Jahr 2025 insgesamt 10.912 Einsätze und damit so viele wie nie zuvor. Das ist ein weiterer deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. 2024 waren es 10.097 Einsätze, 2023 waren es 9.658. Über 11.000 Menschen benötigten 2025 einen Bergrettungseinsatz – und sehr viele davon endeten in einem Krankenhaus. Auch die Bergrettung Tirol, deren neuer Landesarzt Thomas Huber am 20. Mai auch eine Keynote beisteuert, rückte 2025 so oft wie noch nie aus, nämlich erstmals über 4.000 Mal. 4.019 Einsätze waren es im Vorjahr, um rund 500 mehr als noch 2024 – 31 Prozent davon auf Skipisten. Im freien Gelände waren zwölf Prozent der Einsätze nötig, gefolgt von Einsätzen auf Wanderwegen (11 Prozent). Die Belastung der Spitalsambulanzen ist also kein „Winter-Phänomen“, das im weiteren Jahresverlauf verschwindet. Die massiven Belastungen der regionalen Spitäler ziehen sich bei wachsendem Alpintourismus über das gesamte Jahr.
Gerechtigkeit in der Grundversorgung
„Der zunehmende Tourismus stellt die Spitäler in Tirol vor ganz neue Herausforderungen: Saisonale Spitzenbelastungen führen zu Überlastung von Personal und Infrastruktur, längeren Wartezeiten für Einheimische und erschwerten Abläufen. Gleichzeitig bleibt die Grundversorgung für die Bevölkerung aber unverändert wichtig. Es geht also nicht nur um Kapazität, sondern auch um Qualität und Gerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung. Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass die gute medizinische Versorgung im Ernstfall Teil des Pakets ist, das unsere Gäste kaufen. Sollte es sich ergeben und herumsprechen, dass diese nicht mehr gewährleistet wird, werden sie ihren Urlaub woanders verbringen“, unterstreicht von Langen. „Die steigenden Patientenzahlen während der Saisonzeiten, insbesondere in den Winter- und Sommermonaten, belasten die Ressourcen der Spitäler deutlich. Der Betrieb ist dann auf Spitzen ausgelegt, obwohl diese nur temporär auftreten. Das führt zu Überstunden, erhöhtem Krankenstand und einem Spannungsverhältnis zwischen Tourismus und Versorgung der Einheimischen.“
Und nicht nur die Spitäler sind belastet, wie Alois Schranz, Unfallchirurg und Mitgründer von medalp, betont: „Neben dem öffentlichen, medizinischen Versorgungssystem spielen vor allem die niedergelassenen Arztpraxen – hier besonders in den Saisonorten – in der Leistungskapazität eine wesentliche Rolle. Neben dem niedergelassenen Bereich und den öffentlichen Spitälern wird ein relativ großer Anteil von verletzten Wintersportlern in privaten Krankenanstalten behandelt. Die Besonderheit der Versorgung liegt in saisonalen Spitzen und Schwankungen, welche sich auf wenige Skizentren konzentrieren.“ Auch Schranz wird bei der Enquete eine Keynote halten und dort ebenso skizzieren, wie bei geschätzten 300 Millionen Skiabfahrten pro Saison die optimale Abdeckung der medizinischen Versorgungskapazität erreicht werden kann: „Dazu sind verschiedene Modalitäten und Strukturen anzudiskutieren, um die Möglichkeit zu schaffen, diese medizinischen Leistungen in geordneten rechtlichen Rahmenbedingungen erbringen zu können.“ Und auch die Frage von speziellen Versicherungen für Winter- und Alpinsportler auf Eigenverantwortungsbasis sei diskussionswürdig, so Schranz.
BKAÄ-Enquete:
Auswirkungen des Tourismus auf die Spitäler
Zwischen Gästerekorden und Versorgungsnotstand – warum Ski- und Bergtourismus den Druck auf die regionalen Krankenhäuser erhöhen und welche Konsequenzen das zur Folge hat. Mittwoch, 20. Mai 2026 (17:30 Uhr), Ärztekammer für Tirol, Anichstraße 7, 6020 Innsbruck.
Programm:
17:30 Uhr: Begrüßung
Dr. Stefan Kastner, Präsident der Ärztekammer für Tirol
Impulsvorträge:
- Thomas Huber, Landesarzt der Bergrettung Tirol
- Alois Schranz, Unfallchirurg, Mitgründer von medalp
Diskussion – Moderation Manuela Raidl
- Daniel von Langen, BSc, Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte (BKAÄ) und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
- Dr. Thomas Herz, Abteilungsleiter Orthopädie und Traumatologie (BKH Kufstein)
- Thomas Huber
- Alois Schranz
19:30 Uhr Networking & Snacks
Die Enquete wird am 20. Mai ab 17:30 Uhr auch online live übertragen: https://youtube.com/live/x0CFrul5ywo
Im Rahmen der Podiumsdiskussion kann auch das Publikum aktiv mitdiskutieren. Die Teilnahme ist kostenfrei. Anmeldungen zur Enquete bitte unter pressestelle@aerztekammer.at.
Von 17:00 bis 20:00 Uhr wird auch eine kostenlose Kinderbetreuung angeboten. Bei Bedarf bitte um Anmeldung bis 10. Mai 2026 unter bkaae@aerztekammer.at.
© Österreichische Ärztezeitung Nr.8 / 25.4.2026