Eine Ära geht zu Ende. Harald Mayer, seit Juni 2003 Obmann der Bundeskurie angestellte Ärzte der ÖÄK, begibt sich in den Ruhestand und blickt im Gespräch mit Thorsten Medwedeff auf unruhige Zeiten, aber auch Erfolge in der Standespolitik – und damit auch Verbesserungen für die Ärztinnen und Ärzte – zurück.
Als Harald Mayer am 27. Juni 2003 erstmals zum Bundeskurienobmann gewählt wurde, gab es noch kein iPhone (das erste kam 2007 auf den Markt) und keine Tablets. Facebook steckte gerade in der Entwicklungsphase als studentisches Projekt, YouTube war noch nicht einmal dort angelangt. Und Apps für fast alles, wie wir es heute kennen, waren technisch noch unmöglich. In der Medizin gab es – obwohl bereits seit den 1990er-Jahren daran geforscht wurde – noch keinen einzigen zugelassenen mRNA-Wirkstoff, die modernen Immuntherapien zur Behandlung von Krebs steckten noch in den klinischen Anfängen und große Zulassungen erfolgten erst ab 2011. Die elektronische Gesundheitsakte ELGA war noch nicht einmal als Idee vorhanden: Die medizinische Dokumentation war ausschließlich papierbasiert oder lokal gespeichert. Telemedizin war schon aufgrund fehlender Bandbreiten und Smartphones nicht umsetzbar und Künstliche Intelligenz nur eine Science-Fiction-Anmutung. Auch in der Standespolitik waren viele Errungenschaften, auf die Ärztinnen und Ärzte heute bauen dürfen, noch nicht angedacht oder umgesetzt. Auch wenn Mayer heute sagt „es gibt trotzdem noch immer viel zu tun“ und er mit insgesamt zwölf Gesundheitsministerinnen und -ministern in dieser Zeit verhandeln musste und durfte, darf er auf einige Highlights zurückblicken.
Ihr Abschied, ihr wohlverdienter Ruhestand naht – aber was versetzt Sie, wenn Sie auf die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Österreich schauen, eher in Unruhe? Wir haben in den Jahren, in denen ich in der Bundeskurie angestellte Ärzte mitwirken durfte, sicher viel erreicht. Aber es gibt noch so viel zu tun. Angefangen bei der verbindlichen Patientenlenkung, für die es keine Alternative gibt, die aber aus meiner Sicht noch nicht das richtige Tempo aufgenommen hat. Auch die digitale Unterstützung in den Spitälern ist derzeit noch mangelhaft und im internationalen Vergleich in manchen unserer Krankenhäuser geradezu steinzeitlich. Ein Brandherd ist auch immer die ärztliche Ausbildung und insbesondere das Anbieten von Ausbildungsstellen. Warum wir uns einen hausgemachten Ärztemangel anzüchten, indem wir unsere motivierten Jungärzte immer noch auf viel zu langen Wartelisten versauern lassen, erklärt sich mir nicht. Ärgerlich ist auch noch immer, dass sich unsere Ärztinnen und Ärzte viel zu viel mit Bürokratie herumschlagen müssen – bei der letzten Spitalsärzteumfrage haben 35 Prozent der Befragten angegeben, dass Verwaltungsaufgaben als extrem belastend empfunden werden. Und bei derselben Umfrage haben nur 62 Prozent angegeben, dass sie wieder den Arztberuf ergreifen würden und dass 19 Prozent massiv unzufrieden in ihrem Beruf sind. Es gibt also noch viel zu tun.
Dennoch dürfen Sie, wie erwähnt, auch auf Erreichtes zurückblicken – was wären hier Ihre Top 3? Erlauben Sie mir bitte, vier Schwerpunkt-Themen ansprechen zu dürfen: Die Einführung und Weiterentwicklung der Kurienkammer, das neue Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz, verbunden mit den Verhandlungen zum neuen Gehaltsschema, die neue Ausbildungsevaluierung, die eine absolute Erfolgsstory ist und die von uns seit Jahren geforderte, verbindliche Patientenlenkung, für die es nun auch seitens der politisch Verantwortlichen ein starkes Bekenntnis gibt und die vielleicht doch endlich festgezurrt wird.
Wie kam es zur Einführung der Kurienkammer? Als die Kurien-Kammer 1999 ins Leben gerufen wurde, war ich Kammerrat in der Ärztekammer für Oberösterreich. Die Gründung der Bundeskurien und deren stetige Weiterentwicklung war ein extrem wichtiger Schritt. Sie wurden initiiert, um den drei Gruppierungen in der Österreichischen Ärztekammer, den angestellten und niedergelassenen Ärzten sowie den Zahnärzten, endlich jenes Gewicht zu verleihen und zu geben, um für ihre jeweiligen Bereiche entsprechende Standespolitik machen zu können. Insbesondere die angestellten Ärztinnen und Ärzte waren damals in der ärztlichen Standespolitik schwer unterrepräsentiert. Das musste korrigiert werden und dieses Ziel haben wir während meiner Amtszeit stets verfolgt, und, wie ich finde, auch erreicht. Ohne den Einsatz der Bundeskurie angestellte Ärzte gäbe es zum Beispiel noch immer kein ordentliches Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz. Das haben wir damals auch gegen den politischen Druck aus den Bundesländern mit Rückendeckung des damaligen Arbeits- und Sozialministers Rudolf Hundstorfer durchgebracht.
Apropos Arbeitsrecht und Arbeitszeitgesetz – das ist wohl eine der größten Errungenschaften in Ihrer Zeit als BKAÄ-Obmann? Das KA-AZG ist das Regelwerk, auf dem das ärztliche Arbeiten und eine hochqualitative Patientenversorgung in unseren Krankenhäusern fußt. Es legt fest – und darauf können sich unsere Kolleginnen und Kollegen immer berufen – wer wann wie und wo wie lange arbeiten muss und darf. Das hat in geänderten Zeiten, keiner von den Jungen mag, im Gegensatz zu meiner Generation, 80 Stunden in der Woche oder mehr arbeiten – einen extrem großen Wert. Und das ist auch gut so. Das hat auch mit der gestiegenen Arbeitsbelastung und Arbeitsintensivität zu tun. Ohne KA-AZG wäre diese gewünschte und den Lebensrealitäten im 21. Jahrhundert angemessene Work-Life-Balance nicht möglich. Das war und ist eine ganz massive Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Spitalsärzte und zum Schutz der Patienten.
Gleichzeitig waren Sie 2015 auch an den Verhandlungen zum neuen Gehaltsschema in den Krankenhäusern beteiligt, was genau ist hier an Verbesserungen gelungen? Nach der Einführung des neuen Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes am 1. Jänner 2015 war es notwendig, flächendeckende Gehaltsverhandlungen zu führen, weil durch die Reduktion der maximalen Arbeitszeit viele Überstundenvergütungen sowie Nachtdienst- und Wochenendzulagen weggefallen sind. Das konnten wir durch Ausverhandlung eines neuen Gehaltspakets quasi ausgleichen. Die Grundgehälter wurden nach langem Ringen um rund 20 Prozent angehoben – darauf können wir noch heute stolz sein.
Und auch die Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte würde ohne Zutun der BKAÄ heute nicht jene hohe Qualität besitzen, die sie aktuell hat … Korrekt. Das ist Punkt drei, den ich erwähnen möchte. Die Ausbildung ist uns in der Bundeskurie angestellte Ärzte immer sehr am Herzen gelegen. Und daher möchte ich zunächst auch auf einen leider noch immer existierenden Missstand hinweisen: Ich persönlich habe hunderte Male darauf hingewiesen, dass den Jungärzten ihre Ausbildung extrem wichtig ist und dass sie ein bedeutender Faktor dabei ist, ob jemand als Ärztin oder Arzt bei uns überhaupt tätig wird, oder sich gleich ins Ausland verabschiedet. Die Ausbildung ist die Basis für alles. Wenn aber die Spitalsträger bereits genehmigte Ausbildungsstellen gar nicht besetzen wollen, stürzen wir uns in einen hausgemachten Ärztemangel. Dass teilweise in einigen sehr attraktiven Spezialfächern noch immer mehr als 40 Prozent der Ausbildungsstellen nicht besetzt werden, ist für mich unerklärlich. Am Willen des ärztlichen Nachwuchses liegt dies nicht – es werden einfach seitens der Spitalsträger keine Ausbildungsplätze angeboten, obwohl es zahlreiche Interessenten gibt. Hier sind nur ganz leichte Fortschritte zu sehen. Mir persönlich geht das viel zu langsam. Wir fordern auch seit Jahren an jeder Abteilung, an der gelehrt wird, mindestens einen eigenen Ausbildungsoberarzt. Das ist nur punktuell gelungen. Aber was uns sehr wohl gelungen ist: Die Qualität der Ausbildung an sich wird in Österreich immer besser.
Das fragen Sie jährlich mit der neu aufgestellten Ausbildungsevaluierung ab – wie ist da der aktuelle Ist-Stand? Im vergangenen Jahr haben 59 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung an dieser Qualitätskontrolle teilgenommen, in einem Bundesland sogar über 80 Prozent! Das sind Sphären, die vor drei Jahren als völlig utopisch schienen. Und diese knapp zwei Drittel geben der ärztlichen Ausbildung in Österreich ein solides „Gut“. 22 Prozent der Abteilungen wurden sogar mit „sehr gut“ benotet. Immer weniger Abteilungen kommen richtig schlecht weg. Das ist höchst erfreulich. Und es zeigt auch, dass die Ausbildungsevaluierung als Instrument für die Qualitätskontrolle wirkt. Es ist uns gelungen, ein Tool zu schaffen, mit dem es möglich ist, die Ausbildungsqualität objektiv und unabhängig zu messen und Verbesserungen anzustoßen. Die Ausbildungsevaluierung 2026 läuft gerade – ich kann nur an alle Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung appellieren, teilzunehmen. Jede einzelne Stimme zählt und beschert dem Thema Ausbildung auch in politischen Verhandlungen mehr Gewicht.
Mehr Gewicht und Bedeutung haben Sie sich jahrelang auch für eine verbindliche Patientenlenkung seitens der Politik gewünscht. Diese ist nun im Regierungsprogramm verankert – sind Sie positiv, dass das rasch umgesetzt wird? Eines ist klar: Es gibt keine Alternative! Daher ist auch Tempo angesagt. Im vergangenen Jahr haben sich viele führende Politiker im Gesundheitswesen dafür ausgesprochen und daher hoffe ich, dass die Regierung die Chance ergreift und diesen Meilenstein der optimalen Patientenversorgung in Österreich setzt und für immer einbetoniert. Der Weg durch das System muss klar formuliert sein, dazu bedarf es auch Anreizsysteme für die Einhaltung des vorgegebenen Versorgungspfades. Dieser kann nur lauten: Eigenversorgung – telefonische und digitale Gesundheitsberatung, zum Beispiel mit Unterstützung der Gesundheitshotline 1450 – niedergelassener Allgemeinmediziner – niedergelassener Facharzt – Spitalsambulanz bzw. stationäre Spitalsbehandlung. Aktuell kürzen viele diesen Weg ab und kommen in die Spitäler, obwohl sie dort gar nicht hingehören. Dies hat sicherlich auch mit den zu langen Wartezeiten im niedergelassenen Bereich zu tun.
Und was wünschen Sie sich für die Österreichische Ärztekammer – wohin soll und wird sie sich entwickeln? Es gibt Tendenzen aus den Ländern, die vermehrt in Richtung einer ‚Präsidentenkammer‘ gehen. Aus meiner Sicht ist das nicht erstrebenswert – die Kurienkammer muss weiter gestärkt werden. Im Vorstand der ÖÄK stehen neun Landeskammerpräsidenten den sechs Vertretern der Kurie gegenüber. Im Sinne der Kurienkammer würde ich dafür plädieren, die Anzahl der Kurienvertreter auf je fünf anzuheben, um die Interessen der Kurien noch besser zu vertreten. Das strategische und politische Geschäft muss bei den Kurien liegen und das ist im Ärztegesetz auch so verankert – leider geht dieser Grundsatz immer mehr verloren. Ich glaube auch, dass es der ÖÄK guttun würde, wenn die einzelnen Präsidiumsmitglieder der Österreichischen Ärztekammer keine Funktion in ihren Ländern hätten.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7 / 10.4.2026