Interview Rudolf Knapp: Digitales Gesundheitssystem: Alles für alle

15.12.2025 | Aktuelles aus der ÖÄK

Autor: Thorsten Medwedeff

Estland gilt international als Vorbild für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Das Land hat sehr früh auf vernetzte, sichere und bürgerfreundliche E-Health-Lösungen gesetzt. Rudolf Knapp, stellvertretender Obmann der Bundeskurie angestellte Ärzte und Digitalisierungsexperte, hat sich mit Thorsten Medwedeff im Detail die Vorzüge des estnischen Systems angeschaut.

Warum sind dies kandinavischen und baltischen Staaten, was die Effizienz ihrer Gesundheitssysteme angeht, so vorbildhaft? Es ist wohl eine Kombination aus schlanker Administration, konsequenter Fortführung von Projekten im Gesundheitssystem und geschärftem Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung.

Estland ist wiederum in Sachen Digitalisierung offenbar top, wie sieht die dortige Initiative aus und wann wurde damit begonnen? Die Esten haben bereits nach dem Beginn ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion in den frühen Neunzigerjahren damit angefangen. Es gibt eine einheitliche Gesundheitsakte für jeden Bürger. Darauf aufgesetzt sind alle modernen Assets wie E-Rezept, elektronische Tools zur ärztlichen Entscheidungshilfe, Applikationen zur Telemedizin, eine elektronische Überweisung und Terminbuchung. Aber auch die Erhebung von Qualitätsparametern wie zum Beispiel von Wartezeiten, usw. Kurzum: eine offen ausbaubare Plattform, die alles für alle bietet. Und: Es gibt nur eine Sozialversicherung, die alle Kosten des Gesundheitssystems übernimmt.

Was genau ist das Besondere am estnischen System? Wenn man die Frage auf drei Punkte beschränken will, kann man sagen: Die Einfachheit gepaart mit Modernität sowie die totale Einbindung des Bürgers und die Sparsamkeit. Estland wendet zirka sieben Prozent des BIP für Gesundheit auf. Inkludiert ist auch ein Medikamenten-Management – wie funktioniert das? Alle Rezepte sind stets elektronisch in der Gesundheitsakte hinterlegt und landesweit abrufbar. Das finanzielle Risiko bei der Anwendung von eventuell weniger wirksamen Analoga, also zum Beispiel von Generika, muss in Estland von der Apothekerschaft getragen werden.

Beim derartigen Hinterlegen von Daten kommt in Österreich schnell die Frage nach der Datensicherheit auf – wie läuft das in Estland? Das Gesundheitssystem genießt in Estland hohes Ansehen. Gleichzeitig gibt es auch hohes Vertrauen in dessen Datensicherheit. Die Opt-out-Rate liegt lediglich bei einem Prozent. Der Zugang ist für alle Bürger durch eine elektronische Identifikation mittels Personalausweis sehr unkompliziert. Die Patienten können alle Zugriffe auf ihre Daten einsehen und selbst Berechtigungen vergeben. Zur Sicherung und Nachvollziehbarkeit aller Datenzugriffe nutzen die Esten eine Blockchain. Das ist eine dezentrale, verteilte Datenbank, die Transaktionen sicher und unveränderlich in chronologischer Reihenfolge in Blöcken speichert.

Was sind die Vorteile dieses klaren Informationsmanagement-Systems – aus Sicht der Ärzte und der Patienten? Der allergrößte Vorteil liegt im Wegfallen sinnbefreiter Redundanzen in der Administration. Dadurch wird nicht nur Zeit frei, sich mit den Patientinnen und Patienten zu beschäftigen, es fördert auch die Motivation für Ärzte und medizinisches Personal, in ihrer Kernkompetenz zu arbeiten.

Wie hoch sind die Kosten dieses Systems? Die Frage sollte besser lauten, „wieviel erspart sich Estland durch dieses fortschrittliche System“? Auch wenn die Ärztegehälter in Estland etwas niedriger sind als in Österreich, so sind die Lebenserhaltungskosten deutlich niedriger. Medikamente kosten aber im Schnitt das Gleiche.

Ließe sich in Österreich das estnische System übernehmen, oder zumindest Teile davon? Mir scheint es generell nicht sinnvoll, ein System eines anderen Landes zu übernehmen oder zu kopieren. Vielmehr sollten wir die Vorteile, die andere EU-Länder in ihren Gesundheitssystemen aufweisen, für uns anpassen. Estland zeigt aber, dass konsequente Digitalisierung, klare Strukturen und Vertrauen in Technologien ein leistungsfähiges, sicheres und bürgerfreundliches Gesundheitssystem ermöglichen.

Und wie rasch ließen sich solche Anpassungen bei uns vornehmen? In Bezug auf die Verschlankung von Administrationen und Beseitigung von Doppelgleisigkeiten ist es in Österreich wohl wie mit dem sprichwörtlichen Bohren von harten Brettern. Potenzial ist vorhanden, aber wir haben leider eine noch sehr begrenzte Automatisierung und föderale Unterschiede, die die Effizienz hemmen. Zuviel Zeit darf allerdings nicht mehr vergehen. Sonst besteht die Gefahr, von den drohenden finanziellen Problemen des Gesundheitssystems überholt und sogar überrollt zu werden. Eine Schlechterstellung für unsere Patienten wäre dann eine unausweichliche Folge.

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2025