Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, unterstreicht im Interview mit Sascha Bunda die Bedeutung einer starken und leistungsfähigen Standesvertretung und spricht über die Schwerpunkte des kommenden Jahres.
Seit Wochen befassen sich viele Medien, häufig auch recht kritisch, mit dem System der österreichischen Kammerlandschaft und der Gebarung der Kammern. Wie nehmen Sie diese Diskussion wahr? Ich sehe diese Diskussion als Auftrag – sowohl für eine interne Reflexion, als auch dafür, unseren Mitgliedern verstärkt darzulegen, welche Aufgaben und welches Leistungsspektrum die Ärztekammern haben und welche Vorteile sie für uns Ärztinnen und Ärzte bringen. Am Beispiel der gesundheitspolitischen Diskussionen der vergangenen Monate, beginnend mit dem letzten Finanzausgleich: Je mehr das Gesundheitssystem durch die Finanzkrise unter Druck gerät, desto unbequemer wird es für die Politik, sich mit einer Standesvertretung herumschlagen zu müssen, die sich für faire Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte, für ein leistungsfähiges solidarisches Gesundheitssystem und für optimale Patientensicherheit einsetzt. Es überrascht daher nicht, dass es in der jüngsten Zeit massive Bestrebungen seitens der Politik gab, die Mitgestaltungsmöglichkeiten der Ärztekammern zu beschneiden. Das zeigt, wie immens wichtig eine starke Standesvertretung ist.
Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Thema der Pflichtmitgliedschaft? Wie geschildert, ist der politische Druck auf Ärztinnen und Ärzte gewaltig. Denken wir etwa an die jüngsten Bestrebungen, unsere Mitglieder per Zwang zu Leistungen im öffentlichen Gesundheitswesen zu verpflichten, die ärztliche Freiberuflichkeit einzuschränken, ärztliche Leistungen an andere Berufsgruppen zu delegieren, oder den Verkauf öffentlicher Versorgungseinrichtungen an Investoren mit der Gefahr, dass ärztliche Entscheidungsbefugnisse an Betriebswirte und Controller übergehen. Je stärker dieser Druck ist, desto wichtiger ist eine starke und selbstbewusste Standesvertretung – und das kann sie nur sein, wenn alle Mitglieder hinter ihr stehen. Daher sehe ich die verpflichtende Mitgliedschaft als unerlässlich, ohne sie hätten Politik und Sozialversicherung leichtes Spiel. Eine starke Standesvertretung lebt auch von der Mitwirkung ihrer Mitglieder. Daher möchte ich an alle Ärztinnen und Ärzte appellieren, ihre standespolitischen Mitgestaltungsmöglichkeiten wahrzunehmen, beginnend mit der Teilnahme an den Kammerwahlen.
Was leistet die Österreichische Ärztekammer im Gegenzug für Ärztinnen und Ärzte? Neben einer breiten Palette an Serviceleistungen für Ärztinnen und Ärzte erarbeitet die Österreichische Ärztekammer beispielsweise Therapie- und Gesundheitsvorsorge-Empfehlungen sowie Konzepte, Programme, Gutachten und Vorschläge zum österreichischen Gesundheitswesen. Zudem setzt sie wegweisende Initiativen zur Erhöhung der Patientensicherheit, wie man etwa an der 15-jährigen Erfolgsgeschichte von CIRSmedical oder an der über 50-jährigen Erfolgsgeschichte des Mutter-Kind-Passes sehen kann. An diesem hat die Ärztekammer intensiv mitgearbeitet und ist auch jetzt bei Weiterentwicklung und Verbesserung zentral involviert. Die ÖÄK vertritt außerdem die Interessen von Ärztinnen und Ärzten bei diversen Honorar- und Gehaltsverhandlungen und bietet über ihre Akademie der Ärzte ein reichhaltiges Programm an Aus- und Weiterbildungsformaten. Nicht zuletzt informieren wir unsere Mitglieder regelmäßig über für unseren Beruf relevante Neuerungen und machen sehr erfolgreich Medienarbeit, um unsere Anliegen gegenüber den Medien, der Politik und den Kassen zu vertreten.
Themenwechsel: Was ist Ihr Resümee aus dem Jahr 2025? Das riesige Loch im Budget der Österreichischen Gesundheitskasse samt den Konkurswarnungen der ÖGK-Spitze hat deutlich gezeigt, wie fragil unser solidarisch finanziertes Gesundheitssystem geworden ist. Wir haben immer noch eine sehr hochwertige Versorgung, um die uns der Großteil der Welt beneidet, aber wir müssen das erstens auch wieder schätzen lernen und zweitens Maßnahmen setzen, damit das auch so bleibt. Aktuell stopfen Ärztinnen und
Ärzte mit persönlichem Einsatz nahe der Selbstausbeutung viele Lücken in der Versorgung, die demographische Entwicklung zeigt uns aber, dass das nicht mehr lange gutgehen kann. Das öffentliche Gesundheitssystem muss den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Es muss attraktiver werden, es muss flexibler werden, es muss moderner werden. Und wir werden endlich eine sinnvolle und klare Patientenlenkung brauchen. Ich arbeite weiter daran, das der Politik und der Kasse klarzumachen. Wir brauchen schnell einen Gesundheitsgipfel mit allen Systempartnern, bei dem die nötigen Weichenstellungen vorgenommen werden.
Was nehmen Sie sich konkret für 2026 vor? Einer der großen Schwerpunkte neben dem Gesamtvertrag ist für mich der sinn- und verantwortungsvolle Einsatz der Künstlichen Intelligenz in der Medizin, da dürfen wir uns nicht von den Entwicklungen überrollen lassen, und der Bürokratieabbau. Es ist aus meiner Sicht nicht mehr hinnehmbar, dass große Teile der ärztlichen Arbeitszeit für sinnlose bürokratische Pflichtübungen aufgewendet werden müssen, statt für die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Viele Dokumentationsaufgaben sind wichtig und müssen aus verschiedenen Gründen auch ärztliche Tätigkeit und Verantwortung bleiben. Aber der ganze andere Rest lässt sich anders erledigen. Hier werden wir in den kommenden Monaten ansetzen. Mein Plan ist immer noch die Einsetzung einer Taskforce, in der Vertreter der Ärzteschaft, der Politik, der Sozialversicherungen und der Spitalsträger konkrete Maßnahmen erarbeiten. Ziel muss es sein, den bürokratischen Aufwand ehestmöglich um zehn Prozent und anschließend um weitere zehn Prozent zu verringern.
Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2025