European Junior Doctors Association: Für eine gerechte und sichere Zukunft

25.11.2025 | Aktuelles aus der ÖÄK

Autor: Thorsten Medwedeff

Drei Tage lang war Wien für die European Junior Doctors Association (EJD) der Mittelpunkt der Welt und Austragungsort der Jahreshauptversammlung der europäischen Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung. Im Interview mit Thorsten Medwedeff skizziert EJD-Präsident Álvaro Cerame, Psychiater aus Spanien, wo aktuell der Fokus der EJD liegt.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für die EJD und für die Ärzte in Ausbildung? Es gibt nicht nur eine einzige Herausforderung, sondern vielmehr ein Konvolut mehrerer Krisen: Die erste ist die wachsende Diskrepanz zwischen den Erwartungen an Assistenzärzte und den Bedingungen, unter denen sie arbeiten und ausgebildet werden. Zweitens stehen wir vor einer Krise im Gesundheitswesen, die mit den Sparmaßnahmen nach der Wirtschaftskrise 2008 begonnen hat, durch die COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 und deren Folgen verschärft wurde und bis heute anhält. Gleichzeitig treiben demografische und epidemiologische Veränderungen die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen in die Höhe, während das verfügbare Personal schrumpft. Dieses Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage von Fachkräften ist eine der größten Bedrohungen für die Nachhaltigkeit der europäischen Gesundheitssysteme. Die Aufgabe der EJD ist es, sicherzustellen, dass wir in dieser Debatte Gehör finden. Wir vertreten nicht nur eine Generation, sondern auch die Zukunft des Berufsstands und letztlich die Qualität der Patientenversorgung.

Wie kann man der demografischen Entwicklung und dem drohenden Mangel an Gesundheitspersonal begegnen? Wir müssen von einem reaktiven Krisenmanagement zu einer koordinierten und vorausschauenden Personalplanung übergehen. Und auch wenn das Gesundheitswesen in erster Linie in die Zuständigkeit der einzelnen Staaten fällt, ist klar, dass kein Land diese Krise alleine bewältigen kann. Daher brauchen wir Zusammenarbeit auf drei Ebenen: Erstens auf europäischer Ebene, um gemeinsame Daten, transparente Planung und gemeinsame Mindeststandards zu gewährleisten, zweitens auf nationaler Ebene, um Bildung, Beschäftigung und Gesundheitsversorgung aufeinander abzustimmen und drittens auf lokaler Ebene, um maßgeschneiderte Maßnahmen umzusetzen, die auf die spezifischen Gegebenheiten jeder Region oder jedes Gesundheitssystems zugeschnitten sind.

Wie beurteilen Sie die Migration von Assistenzärzten innerhalb Europas? Wie können wir sicherstellen, dass es nicht zu einem „Brain-Drain“ kommt und dass Ärzte fair verteilt sind? Die EJD unterstützt uneingeschränkt die Freizügigkeit von Fachkräften innerhalb der EU. In vielen Fällen ist Mobilität jedoch nicht freiwillig, sondern notwendig. Assistenzärzte verlassen ihr Herkunftsland oft nicht, weil sie internationale Erfahrungen sammeln möchten, sondern wegen schlechter Arbeitsbedingungen, mangelnder Perspektiven oder unzureichender Unterstützung. Das bewirkt Demotivation, beeinträchtigt die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden und führt letztendlich dazu, anderswo nach einer besseren Zukunft zu suchen. Um dieses Problem anzugehen, müssen wir uns darauf konzentrieren, die Bedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern – faire Bezahlung, Ausbildungsqualität und menschenwürdige Arbeit –, damit Migration zu einer echten Option wird und nicht zu einer erzwungenen Entscheidung.

Wie können wir sicherstellen, dass Assistenzärzte die bestmögliche Aus- und Weiterbildung erhalten – und genügend Zeit dafür haben? Die Ausbildung muss geschützt werden und darf kein Luxus sein. Die europäische Arbeitszeitrichtlinie legt eine klare Grenze fest, doch in vielen Spitälern in ganz Europa arbeiten Ärzte in Ausbildung immer noch weit über 57 Stunden pro Woche. Gesundheitseinrichtungen sollten nicht nur Arbeitsplätze sein, sondern auch Ausbildungszentren mit einem klaren Bildungsauftrag. Dies erfordert gut ausgebildete Vorgesetzte, strukturierten Unterricht und Zeit, die sowohl Ausbildern als auch Auszubildenden gewidmet ist. Die Qualität der medizinischen Weiterbildung hängt von diesem Gleichgewicht zwischen Dienstleistung und Lernen ab, einem Gleichgewicht, das vielerorts verloren gegangen ist, da die Dienstleistungsanforderungen zunehmend dominieren. Ausbilder brauchen Zeit zum Lehren, und Auszubildende brauchen Zeit zum Lernen. Beide verdienen Anerkennung, nicht nur finanziell, sondern auch durch Anpassungen der Arbeitsbelastung und institutionelle Unterstützung.

Was sind die strategischen Ziele der EJD während dieser Amtszeit? Unsere Ziele basieren auf drei Säulen: Die erste ist der Schutz der Rechte, die Gewährleistung sicherer Arbeitszeiten, fairer Verträge und des Wohlergehens von Ärzten in der Ausbildung. Die zweite ist die Förderung von Qualität und Gerechtigkeit, die Angleichung von Ausbildungsstandards, die Stärkung der beruflichen Entwicklung und der Abbau von Ungleichheiten zwischen Ländern und Regionen. Gerechtigkeit bedeutet, dass die Möglichkeiten eines Assistenzarztes, zu lernen, zu wachsen und sich zu entfalten, nicht davon abhängen sollten, wo er zufällig ausgebildet wird. Und nicht zuletzt geht es darum, die Politik mitzugestalten. Die EJD hat sich zu einer anerkannten Stimme in den Prozessen der EU und der WHO entwickelt, und wir wollen diese Rolle festigen.

Wie wichtig ist ein Netzwerk wie die EJD für die Bewältigung dieser Herausforderungen? Die EJD feiert 2026 ihr 50-jähriges Bestehen – ein Meilenstein, der uns daran erinnert, wie weit wir gekommen sind. Die Organisation begann als ständige Arbeitsgruppe, die gegründet wurde, um Erfahrungen zwischen den Ländern auszutauschen und Grundsätze wie die Freizügigkeit von Ärzten innerhalb Europas zu fördern. Im Zuge der Entwicklung der europäischen Gesundheits- und Arbeitspolitik ist die EJD zu einer starken und einheitlichen Stimme herangewachsen, die junge Ärzte in der europäischen Politik vertritt. Im Wesentlichen ist die EJD sowohl eine Gemeinschaft als auch eine Plattform für Einflussnahme: ein Ort, an dem die kollektive Stimme der Assistenzärzte dazu beitragen kann, eine gerechtere, sicherere und nachhaltigere Zukunft für den Arztberuf in ganz Europa zu gestalten.

Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2025