Wie gut sind Österreichs Spitäler auf Krisen vorbereitet? Zu dieser Frage veranstaltete die Bundeskurie angestellte Ärzte der Österreichischen Ärztekammer eine hochkarätig besetzte Enquete. Das Ergebnis: Es gibt noch Luft nach oben, weil Krisenpläne vielfach fehlen und automatisierte Abläufe für den Krisenfall noch zu wenig geübt werden.
Thorsten Medwedeff
„Von Krisensituationen überrascht zu werden, darf keine Option sein“, sagte Kim Haas, erste Stellvertreterin des BKAÄ-Obmanns und BKAÄ-Turnusärztevertreterin, und fasste damit treffend das zusammen, was die Expertinnen am Podium – Sylvia Sperandio, Generalmajorin im österreichischen Bundesheer und Leiterin der Direktion 8, Militärisches Gesundheitswesen, Katharina Reich, Generaldirektorin für die Öffentliche Gesundheit und Elisabeth Bräutigam, Vorständin der Landesgesundheitsagentur Niederösterreich – gemeinsam mit dem interessierten und hochkarätig besetzten Publikum im Presseclub Concordia in Wien ausdiskutiert hatten. Unter anderem waren Sicherheitsberater sowie ärztliche Direktoren und Vertreter der Spitalsträger, Ärztekammern sowie Gesundheitspolitiker aus ganz Österreich der BKAÄ-Einladung zur Diskussion gefolgt.
Üben, vorbereiten, gewappnet sein
Resilienz in unseren Spitälern und damit auch für die Sicherheit Österreichs müsse gelernt und notwendige Vorbereitungen in Logistik, Infrastruktur und Cybersicherheit getroffen werden. Nur durch regelmäßiges Üben von Abläufen im Krisenfall und das Anlegen von konkreten Krisenplänen könne man sich präventiv vor diesen „Überraschungen“ wappnen, die im Spital fatal enden können – egal ob es sich um Terroranschläge, Naturkatastrophen, Blackouts, Cyberattacken oder eine Pandemie handle. „Es muss ja nicht gleich ein Anschlag sein, auch bei einem Wohnhausbrand oder bei einem Zugsunglück kann es sehr viele Verletzte geben. Es geht generell um das wichtige Thema ‚Massenbewältigung in Extremsituationen‘ in unseren Spitälern, dafür müssen wir vorbereitet sein“, so Haas.
Integrierten Sanitätsdienst forcieren
Dies gehe nur durch regelmäßiges Üben der Abläufe im Krisenfall, darin war sich die Runde der Expertinnen einig. Sylvia Sperandio verwies in diesem Zusammenhang insbesondere auch auf den Integrierten Sanitätsdienst (ISD) in Österreich, ein organisatorisches Konzept, das die medizinische Versorgung im Katastrophenfall, bei Großschadensereignissen oder im militärischen Bereich sicherstellt. Im ISD werden militärische und zivile Ressourcen verknüpft. Dabei wird Einheitlichkeit in Ausbildung, Logistik und Kommunikation hergestellt. Bei einem Katastropheneinsatz arbeiten Bundesheerärzte und zivile Rettungskräfte sowie Ärztinnen und Ärzte gemeinsam unter einer Leitung, medizinische Evakuierungen erfolgen nach gemeinsamen Standards und Sanitätsmaterial und Daten werden zentral koordiniert. Sperandio: „Wir müssen den integrierten Sanitätsdienst durch zivil-militärische Kooperationen forcieren. Wir sind aktuell auch noch viel zu spezialisiert in der Ärzteschaft, um in Krisen wirklich die Basis bei Massenanfällen abfangen zu können.“
Dem pflichtete auch Katharina Reich bei: „Es gilt, die Pläne, die der Bund verantworten muss, etwa den österreichischen Strukturplan Gesundheit, gemeinsam mit dem integrierten Sanitätsdienst umzusetzen. Das haben wir uns ohnehin schon konkret vorgenommen.“
Elisabeth Bräutigam wiederum verwies darauf, dass es bereits einige Projekte in den Spitälern gebe, die für den Krisenfall gut aufgestellt seien, etwa in St. Pölten, man müsse aber generell „auch die regionalen Herausforderungen in Österreich denken. Wir müssen die unterschiedlichen Szenarien abbilden und das auch beüben.“
Das gemeinsame Ziel sei es, Resilienz in allen Facetten zu erreichen, um in der Krise standhaft zu bleiben. „Training ist der Schlüssel dazu, beides zu haben – Resilienz im Kopf und Sicherheit bei der jeweiligen Tätigkeit. Dazu gehört auch der Mut, auch die unmöglichsten Szenarien anzudenken, sie treten alle irgendwann ein, die Frage ist nicht ob, sondern wann“, unterstrich Reich. Dazu müsse ein innerklinisches Risikomanagement her, in dem das Thema „Üben“ und das Thema „Simulation“ verbindlich ist: „Wir müssen gezielt Zeit dafür einräumen, das kann nicht zwischen OP-Saal und Ambulanz passieren.“ Reich kündigte an, sich dafür einsetzen zu wollen, genau das in den Krankenhäusern möglich zu machen.
Auch für Kim Haas ist „üben, üben und üben“ der Schlüssel zur erfolgreichen Krisenbewältigung, insbesondere mit Blick auf den Personalwechsel im Spital: „Wir müssen klare Strukturen schaffen, auch wenn es diesen Personalwechsel immer wieder gibt. Der Krisenfall muss geübt werden, damit jeder Handgriff sitzt.“ Dazu gehören auch Resilienz-Trainings, so Haas, diese müsse man für das gesamte medizinische Team im Spital – von der Pflege bis zur Ärzteschaft – implementieren.
Video-Stream zum Download: Die Enquete kann in voller Länge und kostenfrei unter https://www.youtube.com/live/n8YHXcnvuLo nachgeschaut werden
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2025