Arz­nei & Ver­nunft: Neue The­ra­pie­emp­feh­lun­gen für NOAK und VKA

25.03.2014 | Politik

NOAK – ja oder nein? Die Dis­kus­sion über die Vor- und Nach­teile der neuen ora­len Anti­ko­agu­lan­tien ver­läuft unge­bro­chen hit­zig. Man könnte einen inter­na­tio­na­len Kon­sens abwar­ten und wei­ter­hin „die Ärzte und Pati­en­ten, die an der Front ste­hen, mit der Ent­schei­dung allein las­sen“, sagte Univ. Prof. Ernst Sin­ger, Medi­zi­ni­scher Vor­sit­zen­der der Exper­ten­gruppe von Arz­nei & Ver­nunft: „Aber genau das möchte Arz­nei & Ver­nunft nicht.“

Aus die­sem Grund prä­sen­tier­ten Spit­zen­ver­tre­ter der vier Pro­jekt­part­ner Öster­rei­chi­sche Ärz­te­kam­mer, Öster­rei­chi­sche Apo­the­ker­kam­mer, Haupt­ver­band der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger und Phar­mig Anfang März die­ses Jah­res in Wien ihre neue Leit­li­nie „Anti­ko­agu­lan­tien und Plätt­chen­funk­ti­ons­hem­mer“. Im Gegen­satz zu den bis­her erstell­ten Leit­li­nien geht es dies­mal nicht um eine Erkran­kung mit einer hohen Prä­va­lenz, son­dern um eine Gruppe von Medi­ka­men­ten mit einer sehr brei­ten Anwen­dung, erklärte Sin­ger. Eine Anti­ko­agu­la­tion sei laut dem Exper­ten für eine große Schicht der Bevöl­ke­rung ange­zeigt: etwa für 100.000 Pati­en­ten mit Vor­hof­flim­mern, 140.000 Män­ner und 100.000 Frauen mit koro­na­rer Herz­krank­heit, bei peri­phe­rer und zere­bra­ler arte­ri­el­ler Ver­schluss­krank­heit, ischä­mi­schem Schlag­an­fall, venö­sen Throm­bo­sen und Throm­bo­em­bo­lien, pul­mo­na­len Embo­lien sowie zur peri- und post­ope­ra­ti­ven Thromboseprophylaxe.

Anti­ko­agu­la­tion: große Umbrüche

Der zweite Grund, warum sich die Initia­tive Arz­nei & Ver­nunft mit den Anti­ko­agu­lan­tien aus­ein­an­der­setzt: Spe­zi­ell in die­sem Feld habe es in den letz­ten bei­den Jah­ren „große Umbrü­che“ gege­ben, weiß Sin­ger. Neue Aus­wahl­mög­lich­kei­ten in der The­ra­pie wür­den unter Ärz­ten wie Pati­en­ten Fra­gen auf­wer­fen. „Zwar ken­nen alle Fach­ex­per­ten die glei­chen gro­ßen Stu­dien. Wie in der Pra­xis aber mit den neuen ora­len Anti­ko­agu­lan­tien umzu­ge­hen ist, dar­über schei­den sich die Geis­ter.“ Von „nur mehr“ bis „nur im äußers­ten Fall“ neue orale Anti­ko­agu­lan­tien seien alle Mei­nun­gen ver­tre­ten. Das Thema sei wie ein Lava­strom – heiß und stän­dig in Bewe­gung. Sin­ger wei­ter: „Und wir müs­sen nun Lavasurfen.“

Wie schon in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren will Arz­nei & Ver­nunft den han­deln­den Ärz­ten mit der neuen Leit­li­nie eine „Ent­schei­dungs­hilfe und Unter­stüt­zung“ bie­ten, wie ÖÄK-Prä­si­dent Artur Wech­sel­ber­ger bei der Prä­sen­ta­tion betonte. Mit spe­zi­ell abge­stimm­ten Bro­schü­ren soll aber auch das Wis­sen der Pati­en­ten erwei­tert wer­den. Ent­schei­dend für den Behand­lungs­er­folg sei näm­lich auch das Ver­trauen der Pati­en­ten in eine The­ra­pie, wie Max Wel­lan, Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Apo­the­ker­kam­mer, hin­zu­fügte: „Dafür braucht es eine gemein­same Spra­che und eine gemein­same Bot­schaft – und dazu trägt Arz­nei & Ver­nunft bei.“

Die vier Koope­ra­ti­ons­part­ner „ste­hen gemein­sam für ein moder­nes, funk­tio­nie­ren­des Gesund­heits­we­sen“, so Jan Oli­ver Huber, Gene­ral­se­kre­tär der Phar­mig (Ver­band der phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie Öster­reichs). Arz­nei & Ver­nunft sei nicht nur in Europa „etwas Ein­zig­ar­ti­ges“. Für den Haupt­ver­band erklärte des­sen Vor­stands­vor­sit­zen­der Hans Jörg Schel­ling, dass die Koope­ra­tion auch ein „schö­nes Bei­spiel geleb­ter Sozi­al­part­ner­schaft“ sei, weil darin alle Part­ner ihre wider­sprüch­li­chen Inter­es­sen zum Wohle der Pati­en­ten auflösen.

Das Inter­esse der ÖÄK bei die­ser Initia­tive umriss Artur Wech­sel­ber­ger fol­gen­der­ma­ßen: Daran mit­zu­ar­bei­ten, dass der medi­zi­ni­sche Fort­schritt „schnell in den Kran­ken­häu­sern und Pra­xen Ein­gang fin­det“. Diese Zusam­men­ar­beit ermög­li­che es, neue Behand­lungs­me­tho­den rasch ver­füg­bar und umsetz­bar zu machen. Die rasche Ver­füg­bar­keit sei durch die Koope­ra­tion mit der Phar­ma­in­dus­trie und den Apo­the­ken, die Kos­ten­über­nahme durch die Sozi­al­ver­si­che­rung sicher­ge­stellt. Wech­sel­ber­ger wei­ter: „Wir sind davon über­zeugt, dass Arz­nei & Ver­nunft dazu bei­trägt, dass die Wis­sen­schaft­lich­keit und Ver­sor­gungs­not­wen­dig­keit im Mit­tel­punkt ste­hen.“ Das Ziel dabei: ein schnel­ler Wis­sens­trans­fer und die Vor­gabe von Qua­li­täts­stan­dards, um Medi­ka­ti­ons- und Behand­lungs­si­cher­heit zu gewährleisten.

Indi­vi­du­elle Entscheidung

Auch bei den Anti­ko­agu­lan­tien gelte: Für jede Indi­ka­tion und jeden Pati­en­ten muss indi­vi­du­ell das best­mög­li­che – ob ein bewähr­tes oder neues, und even­tu­ell teu­re­res – Prä­pa­rat gefun­den wer­den – wie die Exper­ten ein­stim­mig beton­ten. Denn trotz des Ziels, Inno­va­tio­nen zu den Pati­en­ten zu brin­gen, müsse man auch ein Auge dar­auf haben, „sorg­sam und ver­nünf­tig mit den finan­zi­el­len Res­sour­cen umzu­ge­hen“, gab Schel­ling zu beden­ken. Wenn sich auch für den Haupt­ver­band der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger immer die Kos­ten­frage stelle, stehe für Schel­ling die Behand­lungs­frage den­noch im Vor­der­grund: „Die Letzt­ent­schei­dung für jede Medi­ka­tion liegt beim Arzt und nicht beim System.

Umso wich­ti­ger sei ein gemein­sa­mer Wis­sens­stand für alle, wie Wech­sel­ber­ger betonte: Je bes­ser die Abstim­mung zwi­schen dem chef­ärzt­li­chen Dienst und den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten in puncto State of the Art bei der Behand­lung sei, umso weni­ger Dis­kus­sion gebe es bei der Bewil­li­gung der not­wen­di­gen Medi­ka­mente. „Letzt­end­lich ent­schei­det das Fach­ar­gu­ment“, so der ÖÄK­Prä­si­dent abschließend.

Tipp:

Die aktu­elle Leit­li­nie sowie die Pati­en­ten­bro­schüre „Anti­ko­agu­lan­tien und Plätt­chen­funk­ti­ons­hem­mer“ ste­hen auf der neu gestal­te­ten Home­page der Initia­tive „Arz­nei & Ver­nunft“ unter www.arzneiundvernunft.at sowie unter www.aerztekammer.at zum Down­load zur Verfügung.

Die Pati­en­ten­bro­schüre wird außer­dem öster­reich­weit bei nie­der­ge­las­se­nen All­ge­mein­me­di­zi­nern, Inter­nis­ten, Kar­dio­lo­gen, Neu­ro­lo­gen, Chir­ur­gen, Ortho­pä­den und in Apo­the­ken aufgelegt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2014

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