Bur­nout: Prä­ven­ti­ons­kam­pa­gne der Ärz­te­kam­mer Wien

25.01.2010 | Poli­tik


Die ‚Achil­les­ferse der Leistungsträger‘

Psy­chi­sche Erkran­kun­gen neh­men welt­weit zu. Für die WHO und die EU steht ihre Bekämp­fung daher schon seit län­ge­rem auf der Agenda ganz oben. Die Wie­ner Ärz­te­kam­mer setzt aktu­ell ins­be­son­dere zum Thema Bur­nout neue Initia­ti­ven.
Von Ruth Mayrhofer 

Etwa 500.000 Öster­rei­cher sol­len unter einem behand­lungs­be­dürf­ti­gen Bur­­nout-Syn­­­drom lei­den und 1,5 Mil­lio­nen gefähr­det sein, „aus­zu­bren­nen“. Das trifft beson­ders Men­schen, die sich für andere enga­gie­ren und hohe Ver­ant­wor­tung tra­gen, aber auch sol­che, die schwie­rige und stress­be­las­tete Lebens­si­tua­tio­nen durch­ma­chen. Im Gesund­heits­we­sen sind beson­ders Pfle­ge­kräfte und Ärzte von Bur­nout betrof­fen. Nach Erfah­run­gen aus Deutsch­land, aber auch Öster­reich sind beson­ders Spi­tals­ärzte inklu­sive Tur­nus­ärzte in Gefahr. In der Wirt­schaft trifft Bur­nout beson­ders Füh­rungs­kräfte, wie auch eine Unter­su­chung des deut­schen Kar­rie­re­por­tals Step­stone aus­weist. In der Deut­schen Wirt­schafts­chro­nik wird Bur­nout bei die­ser Per­so­nen­gruppe gar als „Achil­les­ferse der Leis­tungs­trä­ger“ bezeich­net. Zum per­sön­li­chen Leid der Betrof­fe­nen, die beson­ders in Zei­ten eines unsi­che­ren Arbeits­mark­tes Sorge haben, sich als „Bur­­nout-Opfer“ zu dekla­rie­ren und meist erst viel zu spät pro­fes­sio­nelle Hilfe suchen, kommt aber auch der enorme volks­wirt­schaft­li­che Scha­den durch Bur­nout hinzu. Für Öster­reich lie­gen auch dazu keine genauen Zah­len vor; das Schwei­ze­ri­sche Bun­des­amt für Sta­tis­tik bezif­fert die­sen jedoch mit jähr­lich 2,8 Mil­li­ar­den Euro. 

Kein Wun­der also, dass sich die Ärz­te­kam­mer für Wien im Zuge ihrer Prä­ven­ti­ons­kam­pa­gne „Gesund durch Vor­sorge“ des tat­säch­lich „bren­nen­den“ The­mas Bur­nout annimmt und dem­zu­folge Mitte Jän­ner 2010 ihren aktu­el­len Auf­klä­rungs­schwer­punkt unter dem Titel „Spü­ren. Wahr­neh­men. Auf die Psy­che ach­ten“ prä­sen­tiert hat. Dazu liegt auch eine Auf­klä­rungs­bro­schüre zum Thema bei­spiels­weise in Arz­tor­di­na­tio­nen auf, die jedoch auch direkt über die Pres­se­stelle der Wie­ner Ärz­te­kam­mer bezo­gen wer­den kann (Tel: 01/​51 501/​DW 1223; E‑Mail: pressestelle@aekwien.at).

Ärz­­te­­kam­­mer-Prä­­si­­dent Wal­ter Dor­ner betont, dass trotz einer zuneh­men­den Bewusst­seins­än­de­rung sowie einer ver­stärk­ten Sen­si­bi­li­sie­rung psy­chi­sche Erkran­kun­gen immer noch ein gesell­schaft­li­ches Stigma seien, obwohl sie jeden tref­fen kön­nen. „Viele psy­chisch Kranke lau­fen dazu Gefahr, in finan­zi­elle Not­la­gen zu gera­ten und Armut zu erlei­den“, wies Dor­ner auf die gesell­schaft­li­che Aus­gren­zung der Betrof­fe­nen hin. Und kon­kret zum Thema Bur­nout: „Für die meis­ten nimmt die beruf­li­che Tätig­keit einen wich­ti­gen Stel­len­wert im Leben ein. Den­noch gilt für uns alle: „Arbeit darf uns nicht krank machen“! Er for­dert daher nicht nur einen ver­rin­ger­ten Leis­tungs­druck bereits an den Schu­len, son­dern auch die For­cie­rung der Soli­dar­ge­sell­schaft im Gesund­heits­we­sen: „Der Mensch bezie­hungs­weise Pati­ent muss zäh­len, nicht das Geld oder die Dividende!“ 

„Stress ist der­zeit im moder­nen Europa das zweit­größte berufs­be­dingte Gesund­heits­pro­blem nach Rücken­schmer­zen“, gibt die Psy­cho­the­ra­peu­tin Lisa Toma­­schek-Habrina, Lei­te­rin des Insti­tuts für Bur­nout und Stress­ma­nage­ment (IBOS) zu beden­ken. Das habe erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heits­sys­teme und die wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­vi­tät. Sie ver­langte daher einen Aus­bau der betrieb­li­chen Gesund­heits­vor­sorge; diese sei zwar ein Kos­ten­fak­tor, aber einer, der einen hohen Return on Invest­ment in sich birgt.

Zusam­men­ar­beit als Lösungsansatz 

„Nur wenige Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen – also auch mit einem Bur­­nout-Syn­­­drom – suchen Hilfe, und des­we­gen bekom­men sie auch keine“, bedau­ert Amanda Nim­mer­rich­ter, Fach­ärz­tin für Psych­ia­trie und Neu­ro­lo­gie sowie für Psy­cho­the­ra­pie im IBOS. Da Bur­nout kör­per­li­che, psy­chi­sche und soziale Ele­mente in sich birgt, komme einem geschärf­ten Bewusst­sein spe­zi­ell der Haus­ärzte und in Folge einer inter­dis­zi­pli­nä­ren Zusam­men­ar­beit von Ärz­ten, Psy­cho­lo­gen, Psy­cho­the­ra­peu­ten und Kom­ple­men­tär­me­di­zi­nern größte Bedeu­tung zu, denn nur so sei „die Dun­kel­zif­fer in den Griff zu kriegen“. 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2010