Die Allgemeinmedizinerin und Internistin, Karoline Tauchmann, spricht im Interview mit Sophie Niedenzu über ihre Hybridtätigkeit als Hausärztin im ländlichen Niederösterreich und als Fachärztin im Spital, über die Patientenversorgung am Land, die Rolle von ärztlichen Hausapotheken und den Wert von Flexibilität bei den Rahmenbedingungen für Kassenärzte.
Sie betreiben eine Kassenordination in Weitra – wie sind Sie zu dieser Kassenstelle gekommen? Ich habe nach meiner Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin im Landesklinikum Gmünd die Facharztausbildung für Innere Medizin gemacht. Während meiner Ausbildungszeit bin ich im Notarztwesen aktiv gewesen. Weiters habe ich aus Interesse verschiedene Kollegen im niedergelassenen Bereich vertreten und so unterschiedliche Ordinationen kennengelernt. Dabei hat mich die Arbeit als Landärztin gefesselt. Es hat sich dann ergeben, dass in meiner Wahlheimat Weitra ein Kollege seinen Vertrag aufgrund von Pensionierung gekündigt hat, sodass ich mich um den Kassenvertrag beworben und auch bekommen habe. Schließlich haben wir uns um ein passendes Grundstück umgeschaut und eine Ordination mit eigenen Mitteln erbaut. Mein Mann und ich waren von der Planung bis zur Fertigstellung des Hauses vor Ort und haben tatkräftig mitgeholfen. Da kann man sich vorstellen, dass da viel Herzblut drinnen steckt. 2012 haben wir dann eröffnet und ich bereue es bis heute keinen einzigen Tag.
Welche Rolle spielt eine ärztliche Hausapotheke in einem ländlichen Gebiet wie Weitra? In Weitra gibt es zwar eine öffentliche Apotheke, die sich natürlich an ihre Öffnungszeiten hält. In einer Kassenordination werden Öffnungszeiten in der Regel überschritten, sodass Patienten auch außerhalb der Öffnungszeit der öffentlichen Apotheke behandelt werden. So kann es sein, dass eine Mutter mit ihrem fiebernden Kind bis zu 20 Kilometer Anfahrt zu mir hat und im schlimmsten Fall weitere 18 km in Kauf nehmen muss, um zu einer entsprechenden Therapie für das Kind zu kommen. Das bedeutet, dass Patienten in einem solchen Fall knapp 80 km Fahrt von zuhause zu mir, dann in die Apotheke und wieder heim auf sich nehmen müssen. Das ist in meinen Augen nicht zeitgemäß und nicht zumutbar. Aber auch während der Mittagszeit müssen sich Patienten oft ein zweites Mal ins Auto setzen, um zu ihren Medikamenten zu kommen. Sie können sich also vorstellen, dass ich eine ärztliche Hausapotheke nur befürworten kann – Patienten würden sich viele unnötige Wege ersparen. Es sollte den Ärzten aber freigestellt sein, ob sie eine Hausapotheke führen, denn nicht jeder hat die Räumlichkeiten oder das entsprechend geschulte Personal dazu.
Wie ist Ihr persönlicher Bezug zu Hausapotheken? Ich persönlich habe keine Hausapotheke, aber nicht nur aufgrund der oben genannten Punkte wäre es für Patienten ein deutlicher Vorteil, sondern auch hinsichtlich der OTC Produkte, die Patienten rezeptfrei in der Apotheke bekommen. Somit ist für uns Hausärzte nicht verifizierbar, was alles vorhanden ist bzw. eingenommen wird. Viele Patienten glauben nämlich, dass die rezeptfreien Medikamente, die eingenommen werden, nicht so wirksam sind und werden daher von ihnen gar nicht erst genannt. Ein weiteres, sehr aktuelles Problem sind die seit einigen Jahren bestehenden Medikamentenengpässe. So passiert es leider häufig, dass wir Hausärzte ein Präparat aufschreiben und dieses nicht lieferbar oder nicht verfügbar ist. Wenn der Patient nun nach unserer Ordinationszeit eine Apotheke aufsucht, die dann wieder geöffnet hat, kann es passieren, dass die Therapie erst am Folgetag begonnen werden kann, da das rezeptierte Medikament nicht verfügbar ist und der Patient wieder zum Arzt geschickt wird, um ein anderes Präparat aufzuschreiben. Das könnte man mit einer Hausapotheke umgehen, denn da bekommt der Patient das entsprechende Präparat, das unmittelbar eingenommen werden kann. So kann der Heilungsprozess ehestmöglich einsetzen.
Welche Verbesserungen bräuchte es, damit mehr Ärzte im ländlichen Bereich tätig sind, welche Rolle spielt dabei die Hausapotheke? Die Hausapotheke dürfte laut den aktuellen Zahlen zumindest in Niederösterreich eine wichtige Rolle spielen, denn es ist aktuell keine einzige Ordination mit Hausapotheke ausgeschrieben – aber sehr viele Kassenordinationen für Allgemeinmedizin ohne Hausapotheke, davon sehr viele bereits zehnmal erfolglos. Diese Zahlen sprechen in meinen Augen für sich. Ob eine Hausapotheke wirtschaftlich sinnvoll ist, kann ich nicht beurteilen. Das wichtigste aber in meinen Augen ist, dass es eine Rundumversorgung für die Patienten geben könnte. Wie erwähnt sind 80 km Fahrt für einen Arztbesuch – und dann noch der Weg bis zur Apotheke – in Zeiten wie diesen unzumutbar Sie sind sowohl als Kassenärztin, als auch als Spitalsärztin tätig und leiten interimsmäßig die Abteilung für Innere Medizin im Landesklinikum Gmünd – wie ist es dazu gekommen? Der ehemalige Leiter der Internen Abteilung wollte sich beruflich verändern. Somit wurde die Stelle frei und musste interimistisch besetzt werden. Es gab Gespräche mit der LGA und so sind wir gemeinsam auf die Lösung gekommen. Parallel wird weiter nach einer fixen Lösung gesucht.
Wie ist es dazu gekommen, dass Sie einen Kassenvertrag haben, der mit einer Spitalstätigkeit vereinbar ist? Als ich 2012 den Kassenvertrag angenommen habe, war ich noch 20 Wochenstunden im LK Gmünd angestellt. So wie damals mache ich das heute auch wieder. Meine Tochter ist nicht mehr so klein, daher ist die Unterstützung meiner Familie wieder möglich. In Niederösterreich muss man ein Beschäftigungsausmaß von bis zu 20 Wochenstunden zwar bei der Kammer melden, aber nicht bewilligen lassen. Ein Arbeitsausmaß über 20 Stunden muss von ÖGK und Kammer im Rahmen des Stellenplangesprächs beantragt werden. Somit ist das möglich.
Welche Vorteile sehen Sie in der Kombination der Tätigkeiten in Niederlassung und Spitalsbereich? Die Vorteile, vor allem für die Patienten, aber auch für die junge Generation, die in den Spitälern ausgebildet wird, sind enorm. So können wir für die Patienten eine Nahtstelle zwischen intra- und extramuralem Bereich bieten. Das Arzneimittelbewilligungssystem, an welches sich die Kollegen im extramuralen Bereich halten müssen, geht nicht immer konform mit den gültigen Guidelines oder Empfehlungen von Fachgesellschaften. Mit der Hybridtätigkeit kann man im Vorfeld bereits diese Hürde gar nicht entstehen lassen, indem die erforderlichen Kriterien, welche für eine Bewilligung erforderlich sind, im Arztbrief dokumentiert werden. Damit können niedergelassene Ärzte die Medikation komplikationslos verordnen. Man kann aber auch die junge Generation, größtenteils Teamplayer, abholen und ihnen die Niederlassung und die Möglichkeiten dort vor Augen führen. So können sie sich ein Bild machen und selber entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Man kann ihnen so auch die Angst vor der Niederlassung nehmen oder es kann auch sein, dass manche bemerken, dass das nicht ihres ist. Somit Win-Win für alle.
Inwiefern würden Sie die Kombination aus Kassenordination und Spitalstätigkeit empfehlen? Es macht ganz einfach Spaß! Ich liebe meinen Job, ich liebe meine Patienten. So kann ich meinen Job ausüben und gleichzeitig bin ich auch regelmäßig in Austausch mit anderen Kollegen und kann davon auch selber sehr profitieren.
Welche Verbesserungen der Rahmenbedingungen bräuchte es um beide Tätigkeiten besser miteinander zu vereinbaren? Man muss es einfach wollen. Die Rahmenbedingungen, welche für mich persönlich optimal sind, müssen für einen anderen nicht optimal sein. Daher bedarf es ganz einfach Flexibilität.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.9.2024