Xero­sis cutis: Chro­nisch entfettet

01.07.2022 | Medizin

Jeder dritte Berufs­tä­tige und fast jeder Pfle­ge­be­dürf­tige über 80 Jah­ren lei­det an Xero­sis cutis. Beein­fluss­bare Ursa­chen sind zu häu­fi­ges Hän­de­wa­schen und zu lan­ges Baden mit Pro­duk­ten, die die Haut chro­nisch ent­fet­ten. Die Basis­the­ra­pie besteht aus der Kom­bi­na­tion von hydro­phi­len und lipo­phi­len Therapeutika.

Manuela‑C. War­scher

Etwa 80 Pro­zent aller Men­schen haben von Natur aus eine recht belast­bare Haut. Aller­dings lei­det jedes fünfte Kind und jeder zehnte Erwach­sene an einer Ato­pie. Ihre Haut wird schnel­ler rot oder juckt“, so Univ. Prof. Wer­ner Abe­rer von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie der Medizinischen

Uni­ver­si­tät Graz. Diese wür­den auf­grund ihrer „ver­min­dert belast­ba­ren Haut“ auf Reize von außen wie Umwelt­fak­to­ren oder beruf­li­che Fak­to­ren wesent­lich stär­ker reagie­ren. So kommt es, dass heute jeder dritte Berufs­tä­tige zwi­schen 16 und 70 Jah­ren unter Xero­sis cutis lei­det. Ande­rer­seits wird die Haut mit zuneh­men­dem Alter durch die hor­mo­nelle Umstel­lung weni­ger belast­bar und führt bei jedem zwei­ten über 75-Jäh­ri­gen und bei – fast jedem – Pfle­ge­be­dürf­ti­gen (99,1 Prozent)

über 80 Jah­ren auf­grund des Flüs­sig­keits­man­gels zu tro­ckene Haut. Xero­sis cutis ist mitt­ler­weile eine der häu­figs­ten der­ma­to­lo­gi­schen Dia­gno­sen und Leit­sym­ptom von vie­len der­ma­to­lo­gi­schen, inter­nis­ti­schen und neu­ro­lo­gi­schen Indi­ka­tio­nen. Den­noch sei die­ses Krank­heits­bild auch wei­ter­hin „unter­re­prä­sen­tiert“, so Urban Cer­pes von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz.

Gesunde Haut kann zwi­schen zehn und 20 Pro­zent Was­ser spei­chern. Sowohl ein zu hoher („auf­ge­quol­lene“ Wasch­frau­en­hände) als auch ein zu gerin­ger Was­ser­ge­halt kann ihre Bar­rie­re­funk­tion patho­lo­gisch ver­än­dern. In Kom­bi­na­tion mit dem Man­gel an Feucht­hal­te­fak­to­ren begüns­tigt dies die ver­min­derte Haut­hy­dra­ta­tion. Die Betrof­fe­nen kla­gen über ein sub­jek­ti­ves Span­nungs­ge­fühl und Pru­ri­tus. Objek­tive Sym­ptome sind tro­ckene, schup­pende, raue und glanz­lose – etwas gräu­li­che – Haut mit Fis­su­ren und man­geln­der Elastizität.

Über­hand­neh­men der kör­per­li­chen Hygiene

Pri­märe „beein­fluss­bare“ Ursa­che der Xero­sis cutis sei ein Über­hand­neh­men der kör­per­li­chen Hygiene und das damit ver­bun­dene „chro­ni­sche Ent­fet­ten“, wie die bei­den Exper­ten ein­hel­lig beto­nen. Denn: „Die Genera­tion der 1920er Jahre hat sich ein­mal in der Woche gewa­schen. Heute gilt man als schmut­zig, wenn man sich nicht täg­lich duscht. Aller­dings lösen die Ten­side, die dafür ver­wen­det wer­den, die Haut­fette. Damit ist der natür­li­che Schutz der Haut weg und das Was­ser kann in die Haut ein­drin­gen“, erläu­tert Abe­rer. Und Cer­pes ergänzt: „Lan­ges Baden in zu hei­ßem Was­ser ist so, als ob man mit einem war­men Mes­ser But­ter schnei­det.“ So seien auch diverse Trends wie Basen­ba­den auf­grund ihrer lipidschä­di­gen­den Wir­kung „kon­tra-pro­duk­tiv“, betont Cer­pes. Neben dem Wasch­ver­hal­ten begüns­ti­gen auch Umwelt­fak­to­ren wie Kälte, nied­rige Luft­feuch­tig­keit oder starke Son­nen­ex­po­si­tion sowie Feucht­ar­beit oder Kon­takt mit haut­schä­di­gen­den Berufs­stof­fen bei­spiels­weise im Fri­seur- oder Bau­ge­werbe die Ent­ste­hung von Xero­sis cutis. „Bestimmte Arz­nei­mit­tel wie Retio­nide, Glu­ko­kor­ti­ko­ide, Diure­tika oder Beta­blo­cker gehen eben­falls häu­fig mit Xero­sis cutis ein­her“, ergänzt Cerpes.

Der „aller­erste und wich­tigste“ Punkt, der im Zuge der Ana­mnese abge­klärt wer­den müsse, seien die Dusch­häu­fig­keit und die Pro­dukt­wahl, sagt Abe­rer. „Denn Rötung und Schup­pung sind fle­xi­ble Begriffe.“ Die wei­tere Dia­gnos­tik ori­en­tiert sich am ABCDE-Schema (siehe Kas­ten). Bei der Ana­mnese wer­den neben dem Wasch- und Pfle­ge­ver­hal­ten auch die B‑Symptomatik bezie­hungs­weise eine all­fäl­lige Medi­ka­tion erho­ben; ebenso auch der objek­ti­vier­bare Haut­be­fund wie Schup­pung oder Rötung und die sub­jek­tive Sym­pto­ma­tik (Bren­nen, Jucken etc.). Hin­sicht­lich der Dauer gel­ten als Richt­werte für einen aku­ten Ver­lauf weni­ger als sechs Wochen; bei einem Ver­lauf von mehr als sechs Wochen spricht man von einem chro­ni­schen Ver­lauf. Per­so­nen, die im Pfle­ge­be­ruf tätig sind, emp­fiehlt der Experte die inten­si­vere Anwen­dung von rück­fet­ten­den Des­in­fek­ti­ons­mit­teln anstelle von zu häu­fi­gem Hän­de­wa­schen. Und wei­ter: „Wenn die Hände gewa­schen wer­den, ist es wich­tig, mit dem Des­in­fi­zie­ren zu war­ten, bis die Haut getrock­net ist.“ Spe­zi­elle Mess­me­tho­den wie jene des tran­s­epi­der­ma­len Was­ser­ver­lus­tes (TEWL) mit­tels Tewa­me­trie und Mes­sung der Hydra­ta­tion mit­tels Cro­neo­me­trie objek­ti­vie­ren die kli­ni­sche Dia­gnose Xero­sis cutis.

Ziel: Hydra­ta­tion der Haut beein­flus­sen Ziel der Basis­the­ra­pie bei Xero­sis cutis und den damit ein­her­ge­hen­den der­ma­to­lo­gi­schen Erkran­kun­gen (Neu­ro­der­mi­tis, Icht­h­y­o­sis) ist es, die Hydra­ta­tion der Haut zu beein­flus­sen, den Lipid­man­gel aus­zu­glei­chen und die Bar­rie­re­funk­tion zu ver­bes­sern. Diese kann auch bei inter­nis­ti­schen Indi­ka­tio­nen wie Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz, Dia­be­tes mel­li­tus oder Hypo­thy­reose, die häu­fig von Xero­sis cutis beglei­tet wer­den, erfol­gen, so Cerpes.

„Am bes­ten eig­net sich dafür eine Kom­bi­na­tion aus hydro­phi­len und lipo­phi­len The­ra­peu­tika“, berich­tet der Experte aus der Pra­xis. Die Fett­kon­zen­tra­tion der Creme sollte dabei dem Tro­cken­heits­grad der Haut ange­passt wer­den. „Sal­ben mit einem zu hohen Fett­ge­halt oder Natu­röle wie Oli­venöl sind aber

kon­tra­pro­duk­tiv, weil sie die Haut­bar­riere wei­ter ver­schlech­tern“, betont Cer­pes. Eine Öl-in-Was­ser-Lösung sei daher emp­feh­lens­wert. In akut ent­zünd­li­chen Sta­dien soll­ten vor­zugs­weise Kos­me­tika mit einem höhe­ren Was­ser­ge­halt ein­ge­setzt wer­den. „Mitt­ler­weile gibt es für jeden Haut­typ das per­fekte Pro­dukt“, so Abe­rer. Den­noch zei­gen Erhe­bun­gen, dass die Com­pli­ance wei­ter­hin bei ledig­lich 40 bis 60 Pro­zent liegt. Umso wich­ti­ger sei es daher, bei der Wahl der Kos­me­tika auf die Prä­fe­ren­zen der Pati­en­ten zu ach­ten, da bei­spiels­weise als unan­ge­nehm emp­fun­dene Duft­no­ten oder eine schlecht ver­teil­bare Gale­nik den The­ra­pie­er­folg nega­tiv beein­flus­sen kann. Vor allem bei Män­nern, die „nicht daran gewöhnt sind, rück­fet­tende Pro­dukte anzu­wen­den, müsse ein beson­de­res Augen­merk auf die The­ra­pie­treue gelegt wer­den“, betont Aberer.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /25.06.2022