Schi­zo­phre­nie: Warn­si­gnale erkennen

11.10.2022 | Medizin

Wenn wahn­hafte Ideen kei­nen Mode-Erschei­nun­gen unter­wor­fen und dau­er­haft vor­han­den sind, sollte man an Schi­zo­phre­nie den­ken. Typi­sche Vor­bo­ten sind wei­ters sozia­ler Rück­zug und ein Leis­tungs­knick. Die Lebens­er­war­tung von Men­schen, die an Schi­zo­phre­nie lei­den, ist um rund 15 Jahre kür­zer als die von Gesunden.

Julia Fleiß

Der Erkran­kungs­peak der Schi­zo­phre­nie liegt um das 20. Lebens­jahr, eine Phase, in der ein ver­än­der­tes Ver­hal­ten nicht immer besorg­nis­er­re­gend sein muss. Um die Pro­gnose der Erkran­kung posi­tiv zu beein­flus­sen, ist die Früh­erken­nung aber essen­ti­ell. „In Stu­dien zeigt sich auf Bild­ge­bungs­ebene, dass die früh­zei­tige Behand­lung der Schi­zo­phre­nie die Pro­gnose ver­bes­sern und den Ver­än­de­run­gen im Gehirn ent­ge­gen­wir­ken kann“, sagt Univ. Prof. Dan Rujescu von der Kli­ni­schen Abtei­lung für All­ge­meine Psych­ia­trie an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie des AKH Wien. Bei Schi­zo­phre­nie han­delt es sich zwar um eine kli­ni­sche Dia­gnose. Aller­dings gäbe es Hin­weise, so Rujescu, dass sich die Gehirne von Betrof­fe­nen von Gesun­den gering­fü­gig unterscheiden.

„Ver­meint­li­che Schi­zo­phre­nie-Früh­warn­si­gnale sind nicht sel­ten. Nur etwa 20 Pro­zent derer, die Sym­ptome wie bizarre Ideen, Unruhe, Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen und Ver­schlos­sen­heit gegen­über ande­ren auf­wei­sen, ent­wi­ckeln eine Schi­zo­phre­nie“, erklärt Univ. Prof. Wolf­gang Fleisch­ha­cker von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. Wann sollte man an Schi­zo­phre­nie den­ken? „Der Unter­schied zum nor­ma­len Ver­hal­ten in der Ado­les­zenz ist, dass die wahn­haf­ten Ideen anhal­ten, kei­ner Mode-Erschei­nung unter­wor­fen sind und nicht vom engs­ten Freun­des­kreis geteilt wer­den“, so Fleisch­ha­cker. Typisch für Schi­zo­phre­nie im Früh­sta­dium ist eine pro­gre­diente Ver­schlech­te­rung der Symptome.

Die erste akute Epi­sode der Schi­zo­phre­nie tritt oft erst Jahre nach Beginn der Pro­dromal­phase auf. Es stel­len sich Posi­tiv-Sym­ptome ein, die der Betrof­fene als Chaos im eige­nen Kopf nicht mehr kon­trol­lie­ren kann. Die Pati­en­ten haben akus­ti­sche und visu­elle Hal­lu­zi­na­tio­nen und zei­gen Wahn­bil­der. Die para­no­ide Schi­zo­phre­nie zählt zu den häu­figs­ten Arten der Erkran­kung. Es kommt zu Ich-Stö­run­gen, sodass Betrof­fene mit­un­ter mei­nen, die Gedan­ken ande­rer lesen zu kön­nen. Zusätz­lich zei­gen sich Schlaf­stö­run­gen, es kommt zum sozia­len Rück­zug, Denk­stö­run­gen und Nega­tiv­sym­pto­ma­tik. „Es ist wich­tig, bei Schi­zo­phre­nie-Kran­ken nach Sui­zi­da­li­tät zu fra­gen. Diese Frage löst keine Sui­zi­da­li­tät aus“, ver­si­chert Rujescu. Bei Ver­dacht auf Schi­zo­phre­nie sollte der All­ge­mein­me­di­zi­ner „auf jeden Fall“ zum Fach­arzt über­wei­sen, wie der Experte betont.

Nicht heil­bar, gut behandelbar

„Wir kön­nen in der Medi­zin wahr­schein­lich 80 Pro­zent aller Erkran­kun­gen sehr gut behan­deln, aber nicht hei­len. Das gilt ebenso für Schi­zo­phre­nie“, kon­sta­tiert Fleisch­ha­cker. Dem­nach besteht die Behand­lung der Schi­zo­phre­nie aus zwei Säu­len: der medi­ka­men­tö­sen und der psy­cho­so­zia­len. Beide Exper­ten sind sich einig darin, dass die Behand­lung mit Anti­psy­cho­tika die wich­tigste Maß­nahme ist. „Am bes­ten wir­ken diese Medi­ka­mente gegen Wahn­ideen und Hal­lu­zi­na­tio­nen, die oft auch zu gro­ßer Angst füh­ren“, erklärt Fleischhacker.

Die Posi­tiv­sym­ptome sind der Grund dafür, wieso Betrof­fene, die keine Behand­lung erhal­ten, frü­her oder spä­ter sta­tio­när auf­ge­nom­men wer­den müs­sen. Dazu Rujescu: „Gerade die Posi­tiv­sym­pto­ma­tik ist durch die Gabe von Anti­psy­cho­tika sehr gut behan­del­bar. Pro­ble­ma­tisch sind die Nega­tiv­sym­ptome, die soziale Ver­ar­mung der Betroffenen.“

In Öster­reich steht für die Behand­lung eine breite Palette von Anti­psy­cho­tika zur Ver­fü­gung. Die Emp­feh­lung von Fleisch­ha­cker: „Der All­ge­mein­me­di­zi­ner sollte sich mit eini­gen die­ser Anti­psy­cho­tika ver­traut machen, um etwa beim Auf­tre­ten von Neben­wir­kun­gen oder Rest-Sym­pto­men rasch eine Alter­na­tive parat zu haben.“ Die Neben­wir­kun­gen bei Prä­pa­ra­ten der neuen Genera­tion haben sich deut­lich ver­rin­gert, vor allem die extra­py­ra­mi­dal-moto­ri­schen Stö­run­gen. Das größte Pro­blem ist wei­ter­hin die Gewichts­zu­nahme und Stoff­wech­sel­stö­run­gen bis hin zum Dia­be­tes mellitus.

Depot­me­di­ka­tion bevorzugen

„Die bes­ten Medi­ka­mente hel­fen nicht, wenn sie nicht ein­ge­nom­men wer­den. Das eigen­stän­dige Abset­zen ist bei Schi­zo­phre­nen sehr ver­brei­tet. Vor­beu­gen kann man mit der Depot­me­di­ka­tion“, betont Rujescu. Beide Exper­ten beto­nen, dass man immer an die Mög­lich­keit der Ver­ab­rei­chung von Depot-Anti­psy­cho­tika den­ken sollte. Die neue­ren Depot­prä­pa­rate haben län­gere Ver­ab­rei­chungs­in­ter­valle: Sie lie­gen zwi­schen zwei Wochen und sechs Mona­ten. Bei den Neben­wir­kun­gen gibt es im Hin­blick auf die Ver­ab­rei­chungs­form keine Unter­schiede. Die Depot­spritze hat jedoch den Vor­teil, dass die Betrof­fe­nen nicht täg­lich an die Ein­nahme des Medi­ka­ments den­ken müs­sen – und der Arzt hat „eine gewisse Kon­trolle“ über die Medi­ka­tion, so Rujescu.

Die Exazer­ba­tion erfolgt meist auf­grund des – eigen­mäch­ti­gen – Abset­zens der Medi­ka­mente. Den Begriff „Dreh­tür­psych­ia­trie“ weist Fleisch­ha­cker ent­schie­den zurück: „Natür­lich kom­men Pati­en­ten immer wie­der, so wie bei allen chro­ni­schen Erkran­kun­gen.“ Auch als stress­voll erlebte Situa­tio­nen kön­nen zum Aus­bruch einer neu­er­li­chen Epi­sode füh­ren. Hier spiele ein gutes Arzt-Pati­en­ten-Ver­hält­nis eine ent­schei­dende Rolle bei der Lang­zeit­be­treu­ung von Pati­en­ten, die an Schi­zo­phre­nie lei­den. Fleisch­ha­cker wei­ter: „Das ist eine wich­tige Vor­aus­set­zung für die The­ra­pie­treue des Pati­en­ten, auch weil die Krank­heits­ein­sicht bei Schi­zo­phre­nen oft gering ist“. Der Haus­arzt sollte genau auf auf­fäl­lige Ver­hal­tens­wei­sen von Betrof­fe­nen achten.

Bei den­je­ni­gen, die medi­ka­men­tös ein­ge­stellt sind, sollte – auch bei Beschwer­de­frei­heit – alle sechs Monate ein Blut­bild und EKG ver­an­lasst sowie der Blut­druck gemes­sen werden.

Im Gegen­satz zu frü­her leben an Schi­zo­phre­nie Erkrankte heut­zu­tage kaum noch in sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen. Sie leben oft bei ihren Eltern ober in betreu­ten Wohn­ge­mein­schaf­ten, man­che haben Fami­lien und gehen einer gere­gel­ten beruf­li­chen Tätig­keit nach. Rujescu ergänzt: „Sta­tis­tisch gese­hen ist die Pro­gnose umso bes­ser, je spä­ter und flo­ri­der die Krank­heit beginnt. Aber der genaue Ver­lauf ist nie vor­her­seh­bar.“ Prin­zi­pi­ell gilt: Beim erst­ma­li­gen Auf­tre­ten der Erkran­kung sollte man die Pati­en­ten bis zu zwei Jahre anti­psy­cho­tisch abschir­men. Bei sym­ptom­freien Betrof­fe­nen kann ein Aus­schleich-Ver­such erfol­gen. Etwa 15 Pro­zent der Betrof­fe­nen wer­den nach der Erst­ma­ni­fes­ta­tion nie wie­der krank. Bei den Übri­gen ist inner­halb von zwei Jah­ren ein Rück­fall zu erwarten.

Bei einer gene­ti­schen Ver­an­la­gung für eine Schi­zo­phre­nie soll­ten Früh­hin­weise beson­ders ernst genom­men wer­den. „Bei Schi­zo­phre­nie liegt die Her­edi­tät bei 80 Pro­zent, bei Depres­sio­nen bei 40 Pro­zent“, weiß Rujescu. Das bedeute nicht, dass ein Kind mit einem an Schi­zo­phre­nie erkrank­ten Eltern­teil auto­ma­tisch auch erkrankt, aber „das Risiko ist ein­fach höher“, betont der Experte. Krank­heits-begüns­ti­gende Umwelt­fak­to­ren sind wei­ters prä­na­tale Infek­tio­nen; Weg­be­rei­ter kön­nen auch Urba­ni­zi­tät, psy­cho­so­zia­ler Stress ode Dro­gen­miss­brauch sein.


Facts

Die Lebens­er­war­tung von Men­schen, die an Schi­zo­phre­nie lei­den, ist um bis zu 15 Jahre verkürzt.
Fol­gende Fak­to­ren kön­nen die Ursa­che dafür sein:

  • Bewe­gungs­man­gel
  • Unge­sunde Ernährung
  • Stoff­wech­sel­stö­run­gen
  • Spät­fol­gen des Rauchens
  • Erhöhte Sui­zid­rate
  • Ärzte über­wei­sen Pati­en­ten mit Schi­zo­phre­nie bei soma­ti­schen Beschwer­den sel­te­ner zu abklä­ren­den Untersuchungen

Emp­foh­lene Verlaufskontrollen:

  • Blut­bild­kon­trolle: Leber­werte, Pro­lak­tin­spie­gel, Blut­zu­cker etc.
  • Hin­weise auf meta­bo­li­sche Neben­wir­kun­gen (Blut­druck, Blut­fette, Gewicht etc.)
  • EKG
  • Hin­weise auf extra­py­ra­mi­dal-moto­ri­sche Nebenwirkungen

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2022