Intes­ti­nale Funk­ti­ons­stö­run­gen im Alter: Zahl­reich und atypisch

25.03.2022 | Medizin

Auch auf­grund der Abnahme der Kon­trak­ti­li­tät im Gastro­in­tes­ti­nal­trakt kön­nen bei alten ­Men­schen sehr schnell kom­plexe meta­bo­li­sche Stö­run­gen ent­ste­hen. Polymedika­tion und ein oft zugrun­de­lie­gen­der Nähr­stoff­man­gel tra­gen dazu bei, dass Darm­er­kran­kun­gen eine aty­pi­sche Sym­pto­ma­tik aufweisen. 

Irene Mle­kusch

Der Anteil der über 60-jäh­ri­gen wird sich bis zum Jahr 2050 welt­weit ver­dop­peln. Dabei muss man zwi­schen älte­ren und geria­trischen Pati­en­ten unter­schei­den. „Das Alter ist keine Krank­heit, son­dern ein Zustand“, erklärt Univ. Prof. Ger­hard Wirns­ber­ger von der kli­ni­schen Abtei­lung für Neph­rolo­gie an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Innere Medi­zin Graz. Beim ger­ia­tri­schen Pati­en­ten han­delt es sich um einen bio­lo­gisch älte­ren, mul­ti­mor­bi­den und funk­tio­nell ein­ge­schränk­ten Men­schen mit Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­darf. Hier spie­len bei den gastro­in­tes­ti­na­len Moti­li­täts­stö­run­gen Schluck­stö­run­gen und Obs­ti­pa­tion eine bedeu­tende Rolle. Das deut­lich erhöhte Risiko einer Man­gel­er­näh­rung im höhe­ren Alter mit wei­te­ren Fol­ge­er­kran­kun­gen wie Sar­ko­pe­nie und Osteo­po­rose kann außer­dem im Rah­men des Frailty Syn­droms über die Abnahme der kör­per­li­chen Funk­ti­ons­fä­hig­keit und kogni­tive Beein­träch­ti­gun­gen den Über­gang in eine Pfle­ge­be­dürf­tig­keit for­cie­ren. Wirns­ber­ger zu den phy­sio­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen in der Nähr­stoff­ver­wer­tung: „Der Grund­um­satz und damit der täg­li­che Kalo­rien­be­darf sinkt bereits ab dem 40. Lebens­jahr, die Leber syn­the­ti­siert zuneh­mend weni­ger Eiweiß und in den Nie­ren ver­än­dert sich die Elek­tro­lyt­re­gu­la­tion durch eine Abnahme der Tubu­lus­funk­tion. Im Gastro­in­tes­ti­nal­trakt nimmt die Kon­trak­ti­li­tät ab und bei einer zu hohen Kalo­rien­zu­fuhr mit zu wenig Eiweiß ent­ste­hen schnell kom­plexe meta­bo­li­sche Störungen.“

Die alters­be­ding­ten Ver­än­de­run­gen begin­nen meist schon in der Mund­höhle ver­ur­sacht durch lokale oder sys­te­mi­sche Erkran­kun­gen und deren Medi­ka­tion. Beson­ders häu­fig lei­den ältere Men­schen an Xeros­to­mie, Dys­geu­sie oder Ageu­sie, oro­pha­ryn­gea­ler Dys­pha­gie und am Bur­ning Mouth-Syn­drome. Bis zu 13 Pro­zent der über 65-Jäh­ri­gen und bis zu 50 Pro­zent der Bewoh­ner von Pfle­ge­hei­men lei­den an oro­pha­ryn­gea­ler Dys­pha­gie. Mund­tro­cken­heit und Ver­än­de­run­gen im Geschmack sind meis­tens auf phar­ma­ko­lo­gi­sche Neben­wir­kun­gen zurück­zu­füh­ren. Tri­zy­kli­sche Anti­de­pres­siva, Atro­pin, Anti­par­kin­son-Medi­ka­mente, Lithium, bestimmte Anti­bio­tika, Anti­dia­be­tika und ACE-Hem­mer und auch ein Zink-Man­gel kön­nen die Ursa­che sein. „Geruch und Geschmack ändern sich im Alter auch phy­sio­lo­gisch“, gibt Wirns­ber­ger zu beden­ken und macht gleich­zei­tig auf das Pro­blem des Spei­sen­an­ge­bots in Groß­küchen auf­merk­sam. Eine bedarfs­de­ckende Ernäh­rung durch ein hoch­wer­ti­ges attrak­ti­ves Essen­an­ge­bot sei vor allem in Kli­ni­ken und Pfle­ge­hei­men nicht immer gege­ben. „Dem Risiko für Mangel­ernährung und deren Fol­gen könnte schon alleine durch die Ände­rung der Gewürz­mi­schung der Spei­sen ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den“, so Wirnsberger.

Die öso­pha­gea­len Beschwer­den von älte­ren Men­schen sind eher durch Komor­bi­di­tä­ten begrün­det als durch Erkran­kun­gen des Öso­pha­gus selbst. Die Ursa­chen für eine öso­pha­geale Dys­pha­gie kön­nen mecha­nisch, infek­tiös, inflamma­to­risch oder neu­ro­mus­ku­lär sein. Die Prä­va­lenz für GERD im Alter ist ver­gleich­bar mit der von ande­ren Alters­grup­pen; aller­dings kommt es häu­fi­ger zu Kom­pli­ka­tio­nen wie zum Bei­spiel Ulzera­tio­nen oder Bar­rett Öso­pha­gus. Im Alter fin­den sich bei der GERD eher Sym­ptome wie Reflux, Dys­pha­gie, Odynopha­gie, Erbre­chen und Brust­schmer­zen; das typ­si­che Sod­bren­nen tritt deut­lich in den Hin­ter­grund. Die Zunahme des Aspi­ra­ti­ons­ri­si­kos ist auf eine Asyn­chro­nie zwi­schen Schluck- und Atmungs­pro­zess zurück­zu­füh­ren. Bei älte­ren Pati­en­ten fin­det sich außer­dem häu­fi­ger eine medi­ka­men­ten­in­du­zierte Öso­pha­gi­tis vor­ran­gig ver­ur­sacht durch eine Lang­zeit­ein­nahme von NSAR, Aspi­rin, Doxy­cyclin, Bis­phos­pho­na­ten und Eisensulfat.

Ver­län­gerte Transitzeit

Alters­ab­hän­gige Ver­än­de­run­gen im Magen haben signi­fi­kan­ten Ein­fluss auf diverse Krank­heits­pro­zesse. Einer­seits kommt es zur Ver­zö­ge­rung der Magen­ent­lee­rung mit einer Ver­län­ge­rung der Tran­sit­zeit, ande­rer­seits auch zur Reduk­tion der Durch­blutung sowie einer Abnahme der Säu­re­se­kre­tion, der ­Pep­sin­pro­duk­tion und der mukö­sen Schutz­me­cha­nis­men. „Medi­ka­mente wie bei­spiels­weise PPI ver­stär­ken die phy­sio­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen und der Magen­in­halt wird alka­lisch“, warnt Wirns­ber­ger. Auch Erkran­kun­gen wie Mor­bus Par­kin­son oder Dia­be­tes mel­li­tus haben einen gro­ßen Ein­fluss auf die Magen­ent­lee­rung; der Ver­lust der cho­liner­gen ente­ra­len Neu­ro­nen gilt als plau­si­belste Erklä­rung für die abneh­mende Moti­li­tät im Alter.

Die Prä­va­lenz für eine Infek­tion mit Heli­co­bac­ter pylori nimmt in den Indus­trie­län­dern mit zuneh­men­dem Alter zu und damit asso­zi­iert auch chro­nisch atro­phe Gas­tri­tis, pep­ti­sche Ulzera und intes­ti­nale Meta­pla­sien. Bei Pati­en­ten über 80 Jah­ren steigt die Prä­va­lenz einer atro­phen Gas­tri­tis auf circa 50 Pro­zent. Vor­sicht ist gebo­ten, da nur etwa 30 Pro­zent der älte­ren Pati­en­ten mit pep­ti­schen Ulzera die typi­schen epi­gas­tri­schen Schmer­zen ange­ben. Ger­ia­tri­sche Pati­en­ten wei­sen dage­gen häu­fig Appetit­losigkeit und all­ge­meine Schwä­che auf. „Durch die ­Abnahme der Magen­säure fällt die Bar­rie­re­funk­tion weg und es kommt zu einem bak­te­ri­el­len Über­wuchs im Darm, der zusätz­lich durch eine lang­sa­mere Moti­li­tät ver­stärkt wird“, sagt Gastro­enterologe Univ. Prof. Harald Vogel­sang aus Wien. Die Folge sind intes­ti­nale bak­te­ri­elle Fehl­be­sied­lung und Mal­ab­sorp­tion vor allem von ­Vit­amin B12, Fol­säure, Eisen und Kalzium.

Mani­fes­ta­tion bei Begleiterkrankungen

Die alters­be­ding­ten Ver­än­de­run­gen im Dünn­darm wie etwa eine gering­fü­gige Reduk­tion der Moti­li­tät und der Immu­ni­tät der Mukosa wer­den kli­nisch erst mani­fest, sobald Beglei­ter­kran­kun­gen vor­lie­gen oder ent­spre­chende phar­ma­ko­lo­gi­sche Neben­wir­kun­gen den Darm beein­flus­sen. Einige die­ser Ver­än­de­run­gen wer­den aber mit den Sym­pto­men einer Dys­pe­psie oder den Bauch­krämp­fen im Rah­men funk­tio­nel­ler Darm­be­schwer­den asso­zi­iert und dürf­ten außer­dem eine Rolle bei der bak­te­ri­el­len Dünn­darm­fehl­be­sied­lung spielen.

Die Zölia­kie ist im Alter oft unter­dia­gnos­ti­ziert, da die cha­rak­te­ris­ti­schen Sym­ptome bei älte­ren Pati­en­ten oft feh­len und die Inzi­denz ab 65 Jah­ren bei Män­nern zunimmt. Anstelle der übli­chen Diar­rhö kann eine Obs­ti­pa­tion ste­hen und nicht-intes­ti­nale Symp­tome wie Glos­si­tis, Mund­win­kel­rha­gaden, Kno­chen­schmer­zen oder neu­ro­lo­gi­sche Stö­run­gen wie Ata­xien kön­nen auf­tre­ten. All das sind Sym­ptome des zugrun­de­lie­gen­den Nähr­stoff­man­gels; bei bis zu 80 Pro­zent der älte­ren Pati­en­ten fin­det sich eine Eisen­man­gelan­ämie. Wirns­ber­ger ver­weist auf die Mög­lich­keit einer Lak­to­se­into­le­ranz im Alter: „Das Aus­pro­bie­ren von lak­to­se­freier Kost kann weg­wei­send für die Dia­gnose sein.“

Eine Diar­rhoe fin­det sich häu­fig bei älte­ren Men­schen und kann viel­fäl­tige Ursa­chen haben. Vogel­sang ver­weist dar­auf, dass viele Pati­en­ten oft schon geringe Abwei­chun­gen der gewohn­ten Stuhl­kon­sis­tenz als Durch­fall oder Obs­ti­pa­tion beschrei­ben. Die fal­sche Vor­stel­lung der Darm­ent­lee­rung kann somit zu einem Miss­brauch von Medi­ka­men­ten zur Stuhl­re­gu­la­tion füh­ren, die in wei­te­rer Folge einer nor­ma­len Darm­ent­lee­rung ent­ge­gen­wir­ken. „Trotz­dem sollte Ver­än­de­run­gen in der Stuhl­kon­sis­tenz vor allem bei älte­ren Men­schen immer nach­ge­gan­gen wer­den, da es sich auch um ein Sym­ptom eines Tumors han­deln kann“, so Vogelsang.

Die akute Diar­rhoe ist für gewöhn­lich infek­tiö­sen Ursprungs, ten­diert aber im Alter zu schwe­ren Ver­läu­fen mit erhöh­ter Mor­ta­li­tät. Noro­vi­rus-Infek­tio­nen und Infek­tio­nen mit Clostri­dium dif­fi­ci­lie tre­ten eher bei Men­schen auf, die in Pflege­einrichtungen leben als bei älte­ren Men­schen, die zu Hause leben. Chro­ni­sche Durch­fälle wer­den oft durch Medi­ka­mente wie bei­spiels­weise Anti­bio­tika, Laxan­tien, Zyto­sta­tika, PPI oder Anti­cho­liner­gika aus­ge­löst, da sie die ver­schie­de­nen Schutz­mechanismen des Gastro­in­tes­ti­nal­trakts stö­ren. „Eine Diar­rhoe ist oft Zei­chen einer Inkon­ti­nenz“, merkt Vogel­sang an und rät daher unbe­dingt zu einer rek­ta­len Unter­su­chung. Somit kön­nen einer­seits raum­for­dernde Ver­än­de­run­gen im Rek­tum ertas­tet und ande­rer­seits die Funk­tion des Schließ­mus­kels über­prüft wer­den. Die Stuhlin­kon­ti­nenz ist bei älte­ren Men­schen ein weit ver­brei­te­tes Pro­blem. Bis zu 27 Pro­zent der älte­ren Men­schen lei­den an einer Stuhlin­kon­ti­nenz; in Pfle­ge­ein­rich­tun­gen geht man von bis zu 60 Pro­zent aus. Auf­grund einer Obs­ti­pa­tion kann es zu einer Über­lauf- oder para­do­xen Diar­rhoe kommen.

Bei älte­ren Men­schen geht man bei der Obs­ti­pa­tion von einer Prä­va­lenz von bis zu 40 Pro­zent aus; auch die Prä­va­lenz der Diver­ti­ku­lose nimmt im Alter zu. Ob das Auf­tre­ten von Moti­li­täts­stö­run­gen im Dick­darm und die Ver­län­ge­rung der Kolon-Tran­sit­zeit durch das zuneh­mende Alter allein bedingt oder durch patho­phy­sio­lo­gi­sche Pro­zesse begüns­tigt wer­den, ist bis­her noch nicht ein­deu­tig geklärt und die Stu­di­en­ergeb­nisse wider­sprüch­lich. Alters­be­dingte Ver­än­de­run­gen fin­den sich jeden­falls im Mikro­biom des Darms. Es kommt zur ver­rin­ger­ten Pro­duk­tion von kurz­ket­ti­gen Fett­säu­ren, wodurch wie­derum Ent­zün­dun­gen ent­ste­hen kön­nen und die Funk­tion der intes­ti­na­len Epi­thel­zel­len abnimmt. Ältere Men­schen lei­den eher an einer chro­ni­schen Obs­ti­pa­tion und beschrei­ben häu­fig eine schwere oder ver­zö­gerte Darm­ent­lee­rung. Bei der Patho­ge­nese spie­len Life­style-Fak­to­ren wie Immo­bi­li­tät, fal­sche Ernäh­rung und ver­min­derte Flüs­sig­keits­zu­fuhr in Kom­bi­na­tion mit redu­zier­tem Durst­ge­fühl eine wich­tige Rolle. Beide Exper­ten sehen in der Poly­phar­ma­zie vie­ler älte­rer Pati­en­ten einen wesent­li­chen Risi­ko­fak­tor. „Bei chro­ni­schen Schmer­zen kom­men vor allem im Alter Opio­ide oder Opi­ate zum Ein­satz, die zu einer Opioid-indu­zier­ten sekun­dä­ren Obs­ti­pa­tion füh­ren kön­nen“, erklärt Vogel­sang. Die Opioid-indu­zierte Obs­ti­pa­tion fin­det sich bei unge­fähr 50 Pro­zent der Schmerz­pa­ti­en­ten mit ent­spre­chen­der phar­ma­ko­lo­gil­scher Ver­ord­nung und steigt bei Tumor-­as­so­zi­ier­ten Schmer­zen auf bis zu 87 Pro­zent an. „Anti­cho­liner­gika haben einen ähn­li­chen nega­ti­ven Ein­fluss auf die Ver­dau­ung“, bedau­ert Wirns­ber­ger und fügt hinzu, dass das Risiko, eine Obs­ti­pa­tion zu ent­wi­ckeln, mit jedem wei­te­ren Medi­ka­ment steigt. Wei­tere Arz­nei­mit­tel wie zum Bei­spiel Kal­zi­um­ka­nal­blo­cker, Eisen­prä­pa­rate, Anta­zida und Cole­sty­ra­min, Spas­mo­ly­tika und Sym­pa­tho­mime­tika, tri­zy­kli­sche Anti­de­pres­siva und MAO-Hem­mer, Neu­ro­lep­tika, Anti­kon­vul­siva, Anti­hist­ami­nika und Diure­tika soll­ten als mög­li­che Ursa­che für eine Obs­ti­pa­tion berück­sich­tigt wer­den. Eine sekun­däre Obs­ti­pa­tion kann auch auf Basis einer asso­zi­ier­ten Erkran­kung ent­ste­hen – vor allem durch endo­krine, neu­ro­lo­gi­sche, rheu­ma­to­lo­gi­sche und psy­chi­sche Erkran­kun­gen. Zuletzt müs­sen auch post­ope­ra­tive Ver­än­de­run­gen wie das Low Ante­rior Res­ec­tion-Syn­drome nach einer tie­fen Rekt­um­re­sek­tion und Ursa­chen wie Steno­sen durch Tumore bei der Abklä­rung berück­sich­tigt wer­den. 20 bis 40 Pro­zent aller kolo­rek­ta­len Tumore tre­ten bei über 80-Jäh­ri­gen auf.

Vor allem bei älte­ren Frauen kön­nen Ver­än­de­run­gen im Bereich des Becken­bo­dens eine Rolle spie­len. Bei­nahe 70 Pro­zent der Betrof­fe­nen wei­sen sowohl eine fäkale Inkon­ti­nenz als auch eine chro­ni­sche Obs­ti­pa­tion auf, was auf gemein­same zugrunde­liegende Mecha­nis­men schlie­ßen. Eine wich­tige Kom­pli­ka­tion der Obs­ti­pa­tion im Alter ist die fäkale Impak­tion die sich durch abdo­mi­nelle Schmer­zen, para­doxe Diar­rhoe, Stuhlin­kon­ti­nenz, uro­lo­gi­sche Beschwer­den, Atem­not und sogar Fie­ber bemerk­bar macht. Wird eine Kopro­stase nicht besei­tigt, kön­nen Ulzera­tio­nen und Per­fo­ra­tio­nen im Kolon entstehen.


Diver­ti­ku­lose

Etwa ein Drit­tel der Pati­en­ten mit Diver­ti­ku­lose ist älter als 60 Jahre, bis zu zwei Drit­tel älter als 80 Jahre. Die Patho­ge­nese ist mul­ti­fak­to­ri­ell, aber unter ande­rem mit den alters­be­ding­ten struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen im Kolon, aber auch auf­grund von Moti­li­täts­stö­run­gen bedingt durch Medi­ka­mente und eine Bal­last­stoff-arme Ernäh­rung erklär­bar. Neben der Gefahr einer Per­fo­ra­tion exis­tiert auch ein erhöh­tes Risiko für eine ischä­mi­sche Koli­tis. Nach einer Anti­bio­tika-The­ra­pie besteht ein erhöh­tes Risiko für eine pseu­do­mem­bra­nöse Koli­tis. Die Dys­re­gu­la­tion der im Alter bereits ver­än­der­ten mikro­biel­len Darm­flora macht ältere Men­schen anfäl­li­ger für eine Infek­tion mit Clos­tri­dium dif­fi­cile. Im Ver­gleich zu jün­ge­ren Erkrank­ten besteht eine höhere Mor­bi­di­tät und Mortalität.

Ent­zünd­li­che und funk­tio­nelle Darmerkrankungen
Ent­zünd­li­che Darm­er­kran­kun­gen wie Coli­tis ulce­rosa und Mor­bus Crohn wei­sen in der Alters­gruppe über 65 Jahre einen wei­te­ren Gip­fel auf, wobei die Coli­tis ulce­rosa häu­fi­ger im Alter erst­dia­gnos­ti­ziert wird als Mor­bus Crohn. Weni­ger die gene­ti­sche Vor­be­las­tung als viel­mehr die alters­be­dingte Immuno­seneszenz dürfte ein Risi­ko­fak­tor sein.

Bei der Erst­dia­gnose einer ent­zünd­li­chen Darm­er­kran­kung im Alter fin­den sich eher peri­anale Fis­teln, rek­tale Blu­tun­gen, eine ins­ge­samt gerin­gere Inflamma­tion und Sym­pto­ma­tik sowie eine geringe Pro­gres­sion der Erkran­kung. Der obere Gastro­in­tes­ti­nal­trakt ist im All­ge­mei­nen weni­ger davon betroffen.

Vogel­sang wei­ter: „Im Alter kann es gele­gent­lich zum Bei­spiel durch beson­dere Belas­tun­gen wie die Pen­sion oder die Auf­nahme in eine Pfle­ge­an­stalt zu einem Über­las­tungs­syn­drom kom­men.“ Neben Bauch­schmer­zen, einem Diar­rhoe­typ sowie einem Obs­ti­pa­ti­ons­typ kann auch der Wech­sel zwi­schen Diar­rhoe und Obs­ti­pa­tion typisch für ein Reiz­darm­syn­drom sein. Bei älte­ren Men­schen soll­ten funk­tio­nelle Darm­er­kran­kun­gen immer Aus­schluss­dia­gno­sen dar­stel­len und orga­ni­sche Erkran­kun­gen als Ursa­che unbe­dingt zuerst aus­ge­schlos­sen wer­den, Komor­bi­di­tä­ten und Poly­phar­ma­zie soll­ten ebenso berück­sich­tigt wer­den. So kann eine Diver­ti­ku­li­tis auch von Sym­pto­men beglei­tet sein, die einem Reiz­darm ähn­lich sind.

Mal­ab­sorp­tion im Alter
Die Mal­ab­sorp­tion bei älte­ren Pati­en­ten stellt eher das Resul­tat einer Erkran­kung des Gastro­in­tes­ti­nal­trakts dar als des Alterns selbst. Dabei kommt es durch sub­tile kli­ni­sche Mani­fes­ta­tio­nen im Alter oft zur Ver­zö­ge­rung der Dia­gnose. Ano­re­xie, Nau­sea, Diar­rhoe, abdo­mi­nelle Schmer­zen und Blä­hun­gen kön­nen ebenso auf­tre­ten wie Steator­rhoe und neu­ro­mus­ku­läre Sym­ptome. Als mög­li­che Ursa­chen für Mal­ab­sorp­tion bei älte­ren Pati­en­ten kom­men unter ande­rem eine Pan­kre­as­insuf­fi­zi­enz, Zölia­kie, bak­te­ri­elle intes­ti­nale Fehl­be­sied­lung, Mor­bus Crohn, Cho­le­stase und sel­ten para­si­täre Infek­tio­nen oder Mor­bus Whipple in Frage.

Bak­te­ri­elle Fehl­be­sied­lung des Dünndarms
Das Mikro­biom im Darm spielt eine wesent­li­che Rolle im Immun­sys­tem und unter­liegt eben­falls alters­ab­hän­gi­gen Ver­än­de­run­gen. Beein­flusst wird die Zusam­men­set­zung und Diver­si­tät des Mikro­bi­oms im Alter durch Diä­ten, Ver­län­ge­rung der Darm­tran­sit­zeit, Abnahme der kör­per­li­chen Akti­vi­tät, Hos­pi­ta­li­sie­rung, wie­der­keh­rende Infek­tio­nen und die häu­fige Ein­nahme von Anti­bio­tika und ande­ren Medi­ka­men­ten. Nor­ma­ler­weise fin­den sich im Magen und im pro­xi­ma­len Dünn­darm rela­tiv wenige Bak­te­rien. Als Schutz­me­cha­nis­men gegen ein über­mä­ßi­ges bak­te­ri­el­les Wachs­tum gel­ten Magen­säure und Galle, die Ver­dau­ung durch pro­te­oly­ti­sche Enzyme, eine intakte Ileo­zäkalk­lappe als funk­tio­nel­ler Ver­schluss des ter­mi­na­len Ile­ums in Rich­tung Colon und das IgA-hal­tige Intes­ti­nal­se­kret. Alle Erkran­kun­gen, die einen oder meh­rere die­ser Schutz­bar­rie­ren betref­fen, kön­nen zur Fehl­be­sied­lung des Dünn­darms mit aero­ben und anae­ro­ben Kei­men füh­ren, die sich phy­sio­lo­gisch im Colon befinden.

Die Inzi­denz des Small intes­ti­nal bac­te­rial over­growth (SIBO) oder Over­growth-Syn­drome nimmt mit dem Alter zu. Etwa 90 Pro­zent die­ser Pati­en­ten lei­den an intes­ti­na­len Moti­li­täts­stö­run­gen oder chro­ni­scher Pan­krea­ti­tis. Andere Ursa­chen sind Darm­ob­struk­tio­nen oder ana­to­mi­sche Ano­ma­li­tä­ten des Darms sowie diverse meta­bo­li­sche und sys­te­mi­sche Erkran­kun­gen wie bei­spiels­weise Dia­be­tes mel­li­tus, aber auch Erkran­kun­gen des Immun­sys­tems wie zum Bei­spiel HIV. Außer­dem scheint das Risiko für Small intes­ti­nal bac­te­rial over­growth bei den­je­ni­gen Per­so­nen erhöht zu sein, die mit PPI behan­delt wer­den. Die Betrof­fe­nen prä­sen­tie­ren sich mit Meteo­ris­mus, Fla­tu­len­zen, Bauch­schmer­zen, Span­nungs­ge­fühl im Abdo­men und chro­nisch wäss­ri­ger Diar­rhoe sowie als Fol­ge­er­schei­nung eine Mal­ab­sorp­tion vor allem von Fet­ten, Pro­te­inen und Mikronährstoffen.

Mesen­te­ria­li­schä­mie
Durch­blu­tungs­stö­run­gen im Bereich der Mesen­te­ri­al­arte­rien dür­fen als Ursa­che für nah­rungs­ab­hän­gige abdo­mi­nelle Schmer­zen im höhe­ren Lebens­al­ter nicht außer Acht gelas­sen wer­den. Vor allem Pati­en­ten mit kar­dio­vasku­lä­ren Erkran­kun­gen sind auf­grund ihrer dege­ne­ra­ti­ven Gefäß­ver­än­de­run­gen beson­ders gefähr­det. Die akute Mesen­te­ria­li­schä­mie fin­det sich ver­gleichs­weise öfter als ein rup­tu­rier­tes Aor­ten­an­eu­rysma und ist bei über 75-jäh­ri­gen häu­fi­ger die Ursa­che für ein aku­tes Abdo­men als eine Appen­di­zi­tis. Etwa 80 Pro­zent der älte­ren Pati­en­ten mit einer chro­ni­schen Mesen­te­ria­li­schä­mie ent­wi­ckeln inner­halb von sechs Mona­ten ein aku­tes Gesche­hen. Abge­se­hen von den typi­schen abdo­mi­nel­len Beschwer­den fin­den sich bei älte­ren Pati­en­ten immer wie­der aty­pi­sche Sym­ptome wie Delir und Tachyp­noe, aber auch Nau­sea, Eme­sis und Häma­te­me­sis, Fie­ber und Diarrhoe.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 06 /​25.03.2022