Dia­be­tes mel­li­tus: Pum­pen für mehr Lebensqualität

25.11.2022 | Medizin

Beson­ders Diabetes­Patienten mit einer Basis­Bolus­Therapie pro­fi­tie­ren von der Kom­bi­na­tion aus Insu­lin­pumpe und Glukose­Messsystem. Der Blut­zu­cker wird bes­ser ein­ge­stellt, Hypo­gly­kämien ver­mie­den und bei sport­li­cher Akti­vi­tät die Insu­lin­zu­fuhr reduziert.

Mar­tin Schiller

Bei immer mehr Pati­en­ten mit Dia­be­tes mel­li­tus kom­men Insu­lin­pum­pen zum Ein­satz. Sie geben Insu­lin ent­we­der als Patch­pumpe oder über einen Kathe­ter direkt ins Fett­ge­webe ab. „Prin­zi­pi­ell kann der Pati­ent selbst nach indi­vi­du­el­ler Vor­liebe ent­schei­den, wel­ches Modell er haben möchte. Für man­che Pati­en­ten ist es zum Bei­spiel psy­cho­lo­gisch schwie­rig, einen Schlauch zu tra­gen. Nach­teil des schlauch­lo­sen Modells ist wie­derum, dass jeden drit­ten Tag die Bat­te­rie gewech­selt wer­den muss. Das fin­den man­che Pati­en­ten öko­lo­gisch nicht mehr ver­tret­bar“, erklärt Priv. Doz. Johanna Brix von der 1. Medi­zi­ni­schen Abtei­lung mit Dia­be­to­lo­gie, Endo­kri­no­lo­gie und Neph­rolo­gie der Kli­nik Land­straße in Wien. Wei­ters seien laut Brix schlauch­lose Modelle bei hohem Insu­lin­be­darf nicht ideal, weil sie ein gerin­ge­res Fas­sungs­ver­mö­gen haben und häu­fi­gere Ampul­len­wech­sel erfordern.

Pro­gram­mie­rung je nach Bedarf 

„Insu­lin­pum­pen arbei­ten kon­ti­nu­ier­lich 24 Stun­den pro Tag und kön­nen je nach phy­sio­lo­gi­schem Bedarf pro­gram­miert wer­den – auch betref­fend Schlaf­Wachzeiten oder Pha­sen ver­mehr­ter und gerin­ge­rer kör­per­li­cher Akti­vi­tät“, berich­tet Lars Ste­che­mes­ser von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Innere Medi­zin I mit Gas­tro­en­te­ro­lo­gie, Hepa­to­lo­gie, Neph­rolo­gie, Stoff­wech­sel und Dia­be­to­lo­gie am Lan­des­kli­ni­kum Salz­burg. Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung sei, dass ein Pati­ent sich in einer BE­adaptierten Basis­Bolus­Therapie befin­det. „Für Per­so­nen mit Typ 1­Diabetes sind die Pum­pen sehr gut geeig­net, weil der Insu­lin­man­gel durch sub­ku­ta­nes Insu­lin ent­spre­chend der indi­vi­du­el­len Bedürf­nisse kom­pen­siert wird. Eine wei­tere wich­tige Ziel­gruppe sind Men­schen mit Dia­be­tes mel­li­tus Typ 3c, bei denen durch einen Pan­kre­as­tu­mor, eine vor­an­ge­gan­gene Pankreas­Operation, durch zys­ti­sche Fibrose oder aus ande­ren Grün­den die Insu­linproduktion nicht funk­tio­niert“, führt Ste­che­mes­ser wei­ter aus. Auch bei Typ 2­Diabetes könne sich der Ein­satz als sinn­voll erwei­sen. „Beim Pati­en­ten mit Typ 2­Diabetes wird meist mit einer Basis­Insulintherapie begon­nen, viel­fach erfolgt aber eine Über­füh­rung in ein BE­adaptiertes Basis­Bolus­Schema. Diese Pati­en­ten sind dann eben­falls Kan­di­da­ten für eine Insulinpumpe.“

Die Anwen­dung von Insu­lin­pum­pen dient dazu, die Blut­zu­cker­ein­stel­lung zu ver­bes­sern, Hypo­gly­kämien mög­lichst zu ver­hin­dern und bei kör­per­li­cher Akti­vi­tät die Insu­lin­zu­fuhr anzu­pas­sen. „Der Ein­satz erfolgt aus medi­zi­ni­schen Grün­den oder um eine Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät zu erzie­len“, sagt Ste­che­mes­ser und betont gleich­zei­tig: „Was die Pum­pen den­noch erfor­dern, ist die Mit­ar­beit des Pati­en­ten. Es ist auch wei­ter­hin wich­tig, dass er sich um das Diabetes­Management küm­mert.“ Außer­dem sei ein gewis­ses tech­ni­sches Grund­ver­ständ­nis not­wen­dig, sodass es mög­lich ist, die Betrof­fe­nen im Hin­blick auf die Anwen­dung der Pum­pen zu schulen.

Unter­stüt­zung durch Glukosesensoren

Bei vie­len Pati­en­ten mit Basis­Bolus­Therapie ist eine Unter­stüt­zung mit Glu­ko­se­sen­so­ren mitt­ler­weile Stan­dard. Sen­so­ren mes­sen 24 Stun­den lang den Glu­ko­se­ge­halt im Unter­haut­fett­ge­webe und ermög­li­chen einen Blick auf den aktu­el­len Wert und die Beob­ach­tung von Trends. „Der Arzt erhält damit mehr Infor­ma­tio­nen – auch retro­spek­tiv, und kann schnel­ler auf etwaige Pro­bleme reagie­ren“, berich­tet Ste­che­mes­ser. Der Sen­sor am Ober­arm kann vom Pati­en­ten selbst gesetzt wer­den und wird alle sie­ben bis zehn Tage gewech­selt. Brix betont den Fort­schritt in der The­ra­pie: „Sen­so­ren haben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor allem bei Men­schen mit Typ 1­-Dia­be­tes zu einer enor­men Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät und der Blut­zu­cker­ein­stel­lung geführt. Sie sind auch bei Per­so­nen mit Typ 2­Diabetes bei ent­spre­chen­der The­ra­pie sinn­voll, und auch bei älte­ren Pati­en­ten mit gro­ßer Hypo­gly­kämie­ge­fahr.“ Bei Dia­be­ti­kern, die eine orale The­ra­pie erhal­ten, wird der­zeit kein Sen­sor erstattet.

Clo­sed-Loop-Sys­teme

Bei Closed­Loop­Systemen arbei­tet die Insu­lin­pumpe mit einem Sys­tem zur kon­ti­nu­ier­li­chen Glu­ko­se­über­wa­chung über einen Steuerungs­Algorithmus zusam­men, der die bei­den Kom­po­nen­ten ver­bin­det. Fully­Closed­Loop­Systeme, bei denen Glu­ko­se­werte ohne manu­elle Ein­gabe im Ziel­be­reich gehal­ten wer­den, sind der­zeit nicht kom­mer­zi­ell erhält­lich. Am Markt erhält­lich sind Hybrid­Closed­Loop­ Sys­teme, die den Aus­sa­gen von Brix zufolge gut funk­tio­nie­ren. Das Funk­ti­ons­prin­zip erklärt sie fol­gen­der­ma­ßen: „Das Sys­tem sorgt durch einen selbst­ler­nen­den Algo­rith­mus für eine auto­ma­ti­sierte Insu­lin­ab­gabe. Nimmt man Nah­rung zu sich, teilt man dem Sys­tem die Menge mit und die Pumpe macht einen Vor­schlag für die Insu­lin­do­sis. Der Pati­ent muss dann noch bestä­ti­gen, dass nun diese Insu­lin­menge abge­ge­ben wird.“

Gewebs­glu­kose hinkt hinterher

Bei Betrach­tung der Unter­schiede zwi­schen Blut­mes­sung und Gewebs­mes­sung sind beson­ders zwei Aspekte zu beach­ten: „Kommt es zu einer sehr raschen Ände­rung der Blutglu­kose, hinkt die Gewebs­glu­kose hin­ter­her und es dau­ert zehn bis 15 Minu­ten, bis der Wert jenem aus dem Blut ent­spricht“, sagt Ste­che­mes­ser. Brix weist auf die Ver­än­de­rung des Blut­zu­cker­werts durch Par­acet­amol hin und auf die Unter­schiede, die sich dadurch zur Gewebs­glu­kose erge­ben kön­nen: „Am bes­ten führt man bei Ein­nahme des Wirk­stoffs im Krank­heits­fall eine blu­tige Mes­sung als Gegen­check durch.“

Smart-Pens für Basis-Bolus-Schema

Seit Sep­tem­ber die­ses Jah­res sind in Öster­reich Smart­Pens ver­füg­bar. „Sie sind mit dem Glu­ko­se­sen­sor ver­bun­den, sen­den die Abga­be­da­ten auto­ma­tisch an das CGM­System und hel­fen beim Errech­nen des Insu­lins bei Ein­nahme einer Mahl­zeit“, erklärt Brix. Und wei­ter: „Man muss zwar in die Haut ste­chen, aber dafür erhält man einen Vor­schlag, wie­viel Insu­lin man sprit­zen soll und kann jeder­zeit kon­trol­lie­ren, wie­viel Insu­lin abge­ge­ben wurde.“ Die Anwen­dung ist für eine Viel­zahl von Betrof­fe­nen mit Dia­be­tes mel­li­tus mög­lich: „Per­so­nen mit Basis­Bolus­Therapie pro­fi­tie­ren davon, wenn dazu der Sen­sor getra­gen wird.“


Glu­kose-Mess-Sys­teme

Es gibt zwei Arten von Glukose-Mess-Systeme:

  • Flash glu­cose moni­to­ring: Die­ses Sys­tem besteht aus Sen­sor und Emp­fän­ger. Der Anwen­der kann mit einem Scan­ner – ent­we­der via Aus­le­se­ge­rät oder über Smart­phone-App – den aktu­el­len Glu­ko­se­wert durch Bewe­gung über den Sen­sor ermit­teln. Bei Pati­en­ten mit Basis-Bolus-The­ra­pie über­nimmt die Kran­ken­kasse die Kos­ten zur Gänze. Nicht im Sys­tem inte­griert ist ein Alarm bei signi­fi­kan­ter Über- oder Unter­schrei­tung des Zielbereichs.
  • Kon­ti­nu­ier­li­che Mes­sung (Con­ti­nuous Glu­cose Moni­to­ring – CGM): Bei die­sem Sys­tem über­mit­telt der Sen­sor aktiv an den Emp­fän­ger, das Scan­nen ist nicht erfor­der­lich. Ein Alarm bei grö­be­ren Abwei­chun­gen vom Ziel­wert ist inte­griert. Ste­che­mes­ser ver­weist auf die Über­nahme der Kos­ten durch die Kran­ken­kasse „bei Pati­en­ten, bei denen es not­wen­dig ist, einen Alarm zu haben, etwa im Fall häu­fi­ger Hypo­gly­kämien und Schwan­kun­gen des Blut­zu­cker­werts oder bei beson­de­ren Umstän­den am Arbeitsplatz“.


Sport bei Dia­be­tes mellitus

„Im All­tag funk­tio­nie­ren Kon­ti­nu­ier­li­che Glu­kose-Mess-Sys­teme und Insu­lin­pum­pen bei ver­schie­de­nen Tätig­kei­ten und Bewe­gungs­ar­ten gut“, sagt Lars Ste­che­mes­ser. Dabei sind einige Aspekte zu beachten:

  • Sport: Mit Insu­lin­pum­pen und CGM gibt es keine Ein­schrän­kun­gen beim Sport. „Falls sich ein Patch des Öfte­ren ablöst, wie das etwa bei Kon­takt­sport­ar­ten der Fall sein kann, kön­nen Alter­na­ti­ven zum Fixie­ren über­legt oder der Patch an ande­rer Stelle ange­bracht wer­den. Im Sport- und Bewe­gungs­all­tag haben die meis­ten Pati­en­ten jedoch keine Pro­bleme“, betont Stechemesser.
  • Was­ser: Sowohl mit Insu­lin­pum­pen als auch mit CGM kann man pro­blem­los duschen. Wie geht man beim Schwim­men oder län­ge­ren Baden vor? Ste­che­mes­ser: „Ver­bringt man län­gere Zeit im Was­ser oder geht häu­fig und lang schwim­men, kann es sein, dass sich das Pflas­ter und somit der Sen­sor ablöst. In die­sem Fall ist es sinn­voll, schon zuvor für eine zusätz­li­che Fixie­rung zu sor­gen.“ Bei sta­bi­len Glu­ko­se­wer­ten kön­nen Insu­lin­pum­pen beim Schwim­men abge­kop­pelt werden.
  • Sauna und Infra­rot­ka­bine: Aus tech­ni­scher Sicht bestehen kei­ner­lei Beden­ken. Durch die Schweiß­bil­dung kön­nen sich Sen­sor oder Patch-Pumpe lösen, wes­halb auch hier vor­sorg­lich eine zusätz­li­che Fixie­rung emp­foh­len ist.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2022