Ärz­te­kam­mer-Enquete: Gegen Hass im Netz

25.11.2022 | Aktuelles aus der ÖÄK

Die sozia­len Medien haben die Welt der Kom­mu­ni­ka­tion von Grund auf ver­än­dert. Jeder kann dort seine Bot­schaf­ten ver­brei­ten – quasi ohne Ein­schrän­kun­gen, auch was die Aggres­sion anony­mer Postings angeht. Die Öster­rei­chi­sche Ärz­te­kam­mer wid­mete die­sem trau­ri­gen Phä­no­men, das wäh­rend der Corona-Pan­de­mie noch ver­stärkt wurde und sich ins­be­son­dere auch gegen Ärzte rich­tete, eine Enquete mit den nam­haf­tes­ten Experten.

„Anony­mi­tät im Netz begüns­tigt die rasante Ver­brei­tung von Hass­bot­schaf­ten und ermög­licht kon­zer­tierte Aktio­nen“, betonte Harald Schlö­gel, Vize­prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer, in sei­nem ein­lei­ten­den Vor­trag. Diese Anony­mi­tät ist es, die die Hemm­schwel­len senkt, fal­sche und angrif­fige Bot­schaf­ten zu ver­brei­ten – mit teils dra­ma­ti­schen und mas­si­ven Kon­se­quen­zen für das Leben von Menschen.

Beson­ders betrof­fen sind jene, deren Exper­tise große Aus­wir­kung auf andere Men­schen hat, also auch Ärzte, unter­strich er: „Wäh­rend der Pan­de­mie dien­ten Ärzte oft als Blitz­ab­lei­ter für Ärger über Maß­nah­men oder Coro­na­po­li­tik. Das Arzt-Pati­en­ten-Ver­hält­nis beruht aber auf Ver­trauen – und wenn die­ses Ver­trauen durch Aggres­si­vi­tät tor­pe­diert wird, wird die­ses Ver­trauen mas­siv erschüt­tert.“ Knapp 60 Pro­zent der Ärzte gaben 2019 in einer Umfrage an, dass sie den Ein­druck haben, dass Gewalt gegen die Ärz­te­schaft zuge­nom­men hat, sogar 97 Pro­zent haben in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren von Kol­le­gen gehört, dass sie kör­per­lich oder ver­bal bedroht wur­den. „80 Pro­zent wur­den selbst bedroht“, fasste Schlö­gel zusam­men. Die Ärz­te­kam­mern haben dar­auf bereits reagiert, Ombuds­stel­len ein­ge­rich­tet sowie beson­dere Ange­bote auf die Beine gestellt, wie etwa Anti-Aggressionstrainings.

Ernüch­ternde Analyse 

Auf die juris­ti­sche Facette gin­gen die bei­den Wie­ner Rechts­an­wälte Peter Zöch­bauer und Johan­nes Öhl­böck ein. Zöch­bauer wies dar­auf hin, dass mit Jän­ner 2022 das „Hass-im-Netz-Bekämp­fungs-Geset­zes“ in Kraft getre­ten sei, schränkte aber ein: „Ein Gesetz ist nur so gut, wie es sich bei sei­ner Anwen­dung bewährt. Daher ist abschlie­ßend zu beleuch­ten, ob die bestehen­den Nor­men effi­zi­en­ten Rechts­schutz bie­ten und wie sie von der Pra­xis ange­nom­men wer­den. Dabei zeigt sich eine ernüch­ternde Ana­lyse.“ Öhl­böck auf „Bewer­tun­gen“ im Inter­net ein. Seine Con­clu­sio: „Es ent­spricht nicht der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung, dass Bewer­tun­gen auf Inter­net­platt­for­men vom Emp­fän­ger­ho­ri­zont nicht für ‚bare Münze‘ genom­men wer­den. Das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung deckt unwahre Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen nicht.“

Die kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Kom­po­nente beleuch­te­ten die Jour­na­lis­tin und Publi­zis­tin Ingrid Brod­nig und der Poli­tik- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Peter Filz­maier. Letz­te­rer erklärte gewohnt poin­tiert, dass Fake News, Hass­postings, Cybermob­bing & Co. im Inter­net immer häu­fi­ger und „effek­ti­ver“ wer­den: „Die Lösung lau­tet Medi­en­kom­pe­tenz, doch leben wir in Medi­en­wel­ten, in wel­chen Digi­tal Immi­grants und Digi­tal Nati­ves als Tei­löf­fent­lich­kei­ten wei­ter von­ein­an­der ent­fernt sind als ‚Bun­des­land Heute‘ und Snap­chat oder TikTok.”

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2022