Por­trät Andreas Bergtha­ler: Ein Vete­ri­när in der bio­me­di­zi­ni­schen Forschung

August 2021 | Poli­tik

Eigent­lich ist Andreas Bergtha­ler Vete­ri­när­me­di­zi­ner. Ein Prak­ti­kum in einem Gene­­tik-Labor führte ihn schließ­lich ans For­schungs­zen­trum für Mole­ku­lare Medi­zin mit Schwer­punkt Virus­in­fek­tio­nen. Die­ses Wis­sen bei der Sequen­zie­rung von Viren wurde in adap­tier­ter Form bei SARS-CoV‑2 eingesetzt. 
Ursula Scholz

Wir haben uns die Fra­ge­ge­stellt: Was kön­nen wir als Grund­la­gen­for­schungs­in­sti­tut in Zei­ten der Pan­de­mie bei­tra­gen?“, erzählt Andreas Bergtha­ler. Er lei­tet eine For­schungs­gruppe am CeMM For­schungs­zen­trum für Mole­ku­lare Medi­zin der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in Wien. Sein Labor ist dar­auf spe­zia­li­siert, anti­vi­rale Immun­ant­wor­ten und den Immun­me­ta­bo­lis­mus zu erfor­schen. Schon vor der Pan­de­mie hatte seine Gruppe auch Viren sequen­ziert, um zu klä­ren, wie sie sich in der jewei­li­gen Umge­bung eines Organs ver­än­dern – bei­spiels­weise je nach­dem, ob sie sich im Gehirn oder in der Milz einer Maus ver­meh­ren. Bin­nen weni­ger Wochen wurde die vor­han­dene Erfah­rung genutzt und das insti­tuts­ei­gene Instru­men­ta­rium so adap­tiert, dass nun Wis­sen dar­über gene­riert wird, wie sich das SARS-CoV-2-Virus­­­ge­­nom ver­än­dert. 400 Sequen­zie­run­gen pro Woche wer­den am CeMM mitt­ler­weile regel­mä­ßig im Auf­trag der AGES durchgeführt.

Exot in der bio­me­di­zi­ni­schen Forschung

Viren und deren Ver­än­de­rung im Laufe der Zeit beschäf­ti­gen den 43-jäh­­ri­­gen For­scher Bergtha­ler bereits seit sei­ner Stu­di­en­zeit. Was nur Weni­gen bekannt sein dürfte: Er ist eigent­lich Vete­ri­när­me­di­zi­ner. „In der bio­me­di­zi­ni­schen For­schung bin ich ein Exot“, erklärt er amü­siert. „Eine Zeit­lang hatte ich auch damit geha­dert, ob ich nicht doch bes­ser Bio­lo­gie stu­diert hätte. Aber mitt­ler­weile finde ich, dass mein Zugang die Exper­tise im Bereich der Bio­me­di­zin gut ergänzt.“ Rin­der­be­sa­mung und Kat­zen­schnup­fen waren ohne­hin nie pri­mä­res Kar­rie­re­ziel des gebür­ti­gen Sal­z­­bur-gers, der in Ober­ös­ter­reich auf­ge­wach­sen ist. „Eine her­kömm­li­che kura­tive Tier­­arzt-Kar­­riere habe ich nie geplant. Wäh­rend eines Prak­ti­kums im Gene­­tik-Labor wurde mir dann schlag­ar­tig klar, dass meine Zukunft in der Wis­sen­schaft liegt.“

Tokyo, Zürich, Seat­tle – und retour

Bergtha­ler sam­melte schon als Stu­dent beruf­li­che Erfah­rung in Labors in Wien und Tokyo, wo er bei Tadatsugu Tani­gu­chi erst­mals in den Bereich der Immu­no­lo­gie vor­drang. Seine nächste Sta­tion für ein Prak­ti­kum war Zürich, wohin Bergtha­ler nach Stu­di­en­ab­schluss für seine Dok­tor­ar­beit zurück­kehrte. Einer sei­ner Men­to­ren: Nobel­preis­trä­ger und Viren-Spe­­zia­­list Prof. Rolf Zin­ker­na­gel. Nach Auf­ent­hal­ten in Genf und Seat­tle kam Bergtha­ler wie­der nach Wien, wo er nun seit zehn Jah­ren am CeMM seine For­schungs­gruppe lei­tet. Dane­ben hat er im Jahr 2011 auch die Hoo­kipa Bio­tech GmbH mit­be­grün­det, ein in Wien ansäs­si­ges bio­phar­ma­zeu­ti­sches Unter­neh­men zur Ent­wick­lung von Immu­no­the­ra­peu­tika, das seit 2019 an der US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Börse Nasdaq gelis­tet ist. Die übri­gen Grün­der waren seine Men­to­ren aus Zürich und Genf, Rolf Zin­ker­na­gel und Daniel Pin­sche­wer; außer­dem der Tübin­ger Der­­ma­­to­­lo­­gie-Pro­­­fes­­sor Lukas Flatz.

In ruhi­ge­ren Zei­ten erforschte Bergtha­ler, der bereits 2019 als „Öster­rei­cher des Jah­res“ nomi­niert wor­den war, Virus­in­fek­tio­nen am Maus­mo­dell, ins­be­son­dere die inflamma­to­ri­sche Reak­tion der Kach­e­xie und den Ein­fluss des Leber­stoff­wech­sels auf sys­te­mi­sche Immun­ant­wor­ten. Außer­dem beschäf­tigte er sich mit dem Beu­tel­tier „Tas­ma­ni­scher Teu­fel“, das beim Bei­ßen seine Art­ge­nos­sen mit Krebs infi­zie­ren kann. Das war vor COVID-19.

Dass er als Vete­ri­när­me­di­zi­ner Basis­wis­sen für human-rele­­vante bio­me­di­zi­ni­sche For­schung bei­steu­ert, fin­det er nicht unge­wöhn­lich, da „die Human­me­di­zin stark auf mole­ku­lar­me­cha­nis­ti­sche Erkennt­nisse aus Tier­mo­del­len auf­baut“. In der Pan­de­mie seine Exper­tise in den Dienst der Gesell­schaft zu stel­len, war für ihn ein kla­res Bedürf­nis. Zu Beginn ohne zusätz­li­ches Bud­get, aber unter­stützt durch den Insti­tuts­di­rek­tor Prof. Giu­lio Superti-Furga. Schon Anfang April 2020 ver­öf­fent­lichte Bergtha­ler gemein­sam mit einem gro­ßen Team am CeMM die ers­ten 21 SARS-CoV-2-Virus­­­ge­­nome von Öster­reich. Kurz dar­auf zuer­kannte For­schungs­mit­tel vom Wie­ner Wis­­sen­­schafts- und Tech­­no­­lo­­gie-Fonds deck­ten einen Teil der ange­fal­le­nen Kos­ten und waren für Bergtha­lers Team ein wich­ti­ges frü­hes Zei­chen der Aner­ken­nung. Wäh­rend des Som­mers 2020 eta­blierte die AGES dann eine tra­gende Finan­zie­rungs­struk­tur für die lau­fen­den Sequen­zie­run­gen und im März 2021 ver­gab der FWF (Fonds zur För­de­rung der wis­sen­schaft­li­chen For­schung) einen Grant in der Höhe von 500.000 Euro an das Labor von Bergtha­ler, um den Ursprung der Muta­tio­nen und deren Über­tra­gung zu erfor­schen. „Wir fah­ren zwei­glei­sig. Einer­seits neh­men wir die wöchent­li­chen Sequen­zie­run­gen vor, um den Behör­den zu hel­fen, das Pan­de­mie­ge­sche­hen zu ver­ste­hen. Ande­rer­seits wid­men wir uns gezielt wis­sen­schaft­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen, die rele­vant sind für ein bes­se­res grund­le­gen­des Ver­ständ­nis des Muta­ti­ons­ver­hal­tens von SARS-CoV‑2. Das tun wir in Koope­ra­tion mit zahl­rei­chen For­schungs­part­nern, zu denen auch die Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten Wien, Inns­bruck und Graz gehören.“

„Seit Anfang der Pan­de­mie beob­ach­ten wir durch­schnitt­lich ein bis zwei Muta­tio­nen pro Monat – in einem 30.000-Buchstaben-Genom. Seit Ende 2020 sind wir alle mit dem Auf­tre­ten neuer Vari­an­ten mit teil­weise über 20 neuen Muta­tio­nen kon­fron­tiert, die wie im Fall der bri­ti­schen Vari­ante B.1.1.7 auch mit deut­lich gestie­ge­ner Infek­tio­si­tät asso­zi­iert sind.“ Baut sich in einer Bevöl­ke­rung erst lang­sam eine Immun­ant­wort auf – bei­spiels­weise durch eine Impf­kam­pa­gne – bei gleich­zei­tig hohen Infek­ti­ons­zah­len, könn­ten dadurch Flucht­mu­ta­tio­nen auf­tre­ten. Aber auch dabei schafft die Imp­fung lang­fris­tig Abhilfe. An der Imp­fung führt für Bergtha­ler kein Weg vor­bei. Er bezeich­net sie als „Schlüs­sel im Kampf gegen die Pan­de­mie“ und „unglaub­li­che Erfolgs­story“. Regio­nale Aus­brü­che von Flucht­mu­ta­tio­nen müss­ten aller­dings kon­se­quent und früh­zei­tig ein­ge­dämmt wer­den. „Das Virus wird sich ver­än­dern. Das dür­fen wir nicht igno­rie­ren, aber auch nicht über­be­wer­ten. Es wird wahr­schein­lich adap­tierte Boos­­ter-Imp­­fun­­­gen ähn­lich wie bei der Influ­enza-Imp­­fung geben. Aber ich halte es für unwahr­schein­lich, dass wir beim Imp­fen auf das Feld Null zurück­ge­wor­fen werden.“

Hohe Erwar­tun­gen

Bergtha­ler selbst wurde durch die Pan­de­mie in ein ande­res Leben kata­pul­tiert. Neben sei­ner eigent­li­chen For­schung zum Immun­me­ta­bo­lis­mus bei Virus­in­fek­tio­nen ist er inten­siv mit Coro­­na­­vi­­rus-Muta­­ti­o­­nen beschäf­tigt. Als Spe­zia­list stand er auf ein­mal im Ram­pen­licht. „Die Erwar­tun­gen an die Wis­sen­schaft sind hoch. Sie soll sofort Ant­wor­ten parat haben – und das in sehr dyna­mi­schen Zei­ten.“ Seine mediale Expo­niert­heit sieht Bergtha­ler durch­aus ambi­va­lent und freut sich dar­auf, sich wie­der zurück­zie­hen zu kön­nen. „Aber wenn nach 20 Jah­ren quasi Tro­cken­trai­ning im Labor eine Pan­de­mie kommt und alle Gesell­schafts­be­rei­che vor große Her­aus­for­de­run­gen stellt, ist es auch befrie­di­gend, einen Bei­trag lie­fern zu dürfen.“

Trotz sei­ner Arbeits­spit­zen ist Bergtha­ler Ende 2020 in Eltern­ka­renz gegan­gen und über­nimmt wei­ter­hin an einem Nach­mit­tag pro Woche die Kin­der­be­treu­ung. Denn das Zusam­men­sein mit der Fami­lie spen­det ihm Kraft – beson­ders die Zei­ten am Bau­ern­hof sei­ner Schwie­ger­el­tern. Auch beim Lau­fen kann er gut abschal­ten – wenn er die Zeit dafür findet.

Und es gelingt ihm sogar, das Posi­tive an der Krise wahr­zu­neh­men: die ver­stärkte natio­nale und inter­na­tio­nale Zusam­men­ar­beit der wis­sen­schaft­li­chen Com­mu­nity. Er arbei­tet gerne im Team und sieht den größ­ten Impact eines For­schen­den nicht nur in den eige­nen Ergeb­nis­sen, son­dern ebenso darin, was er die Nach­kom­men­den lehrt. In der Pan­de­mie ver­sucht er, auch andere Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men – und dadurch auch jene poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen zu ver­ste­hen, die aus rein viro­lo­gi­scher Sicht nicht immer begründ­bar waren. Sein Tipp für junge Men­schen: „Do what you love!“ Bei ihm hat sich die Stra­te­gie jeden­falls bewährt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2021