Aus­land: Kin­der­impf­pro­gramm in den USA – Zukunfts­ri­siko Impflücke

24.11.2021 | Poli­tik

Einen kos­ten­freien Impf­schutz gegen 16 Erkran­kun­gen bie­tet das US-ame­­ri­­ka­­ni­­sche Impf­pro­gramm für Kin­der. Nun zeich­nen sich mas­sive Impflü­cken auf­grund der Corona-Pan­­de­­mie ab. In einem „Call to Action“-Papier skiz­ziert das Cen­ter of Dise­ase Con­tol and Pre­ven­tion (CDC), was Eltern, Ärzte und lokale Behör­den tun kön­nen, um das Nach­ho­len von Imp­fun­gen zu fördern.
Nora Schmitt-Sau­­sen

In den Ter­min­ka­len­dern von US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Eltern gel­ten soge­nannte „Well-Child Visits“ beim Kin­der­arzt nahezu als Fix­star­ter ein­ge­tra­gen. Bei die­sen regel­mä­ßi­gen Check-ups wird die kör­per­li­che und geis­tige Ent­wick­lung von Kin­dern und Jugend­li­chen über­prüft – und der Impf­sta­tus von 72,8 Mil­lio­nen Kin­dern unter 18 Jahren.

Beson­ders der Blick auf anste­hende Imp­fun­gen ist in den USA beson­ders genau, denn: Schu­len ver­lan­gen einen voll­stän­di­gen Impf­sta­tus gemäß den gel­ten­den Emp­feh­lun­gen. Auch Kin­der­ta­ges­stät­ten erwar­ten den regel­mä­ßi­gen Beleg dafür, dass die Immu­ni­sie­run­gen erfolgt sind. Die Pflicht zur Imp­fung for­dert in den USA das Gesetz – aller­dings unter­schied­lich aus­ge­stal­tet von Bun­des­staat zu Bun­des­staat und teils noch­mals vari­ie­rend von Schul­be­zirk zu Schul­be­zirk, was Risi­ken birgt (siehe Kas­ten). Die Impf-Vor­­­ga­­ben kom­men von der US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Gesund­heits­be­hörde Cen­ters for Dise­ase Con­trol and Pre­ven­tion (CDC). Sie stellt die Impf­pläne zusam­men, die maß­geb­lich für die Imp­fun­gen im Land sind.

Durch ein kos­ten­freies Impf­pro­gramm (Vac­ci­nes for Child­ren Pro­gram, VFC) ist sicher­ge­stellt, dass alle Mäd­chen und Buben immu­ni­siert wer­den kön­nen, unge­ach­tet ihres Ver­­­si­che­­rungs- oder Sozi­al­sta­tus. Die Regie­rung gibt dazu Impf­do­sen an aus­ge­wählte Ärzte in Ordi­na­tio­nen und Gesund­heits­ein­rich­tun­gen, die diese gemäß der Impf­pläne kos­ten­frei an Kin­der aus dem staat­li­chen Sozi­al­pro­gramm Medi­caid sowie an nicht ver­si­cherte und unter­ver­si­cherte Kin­der geben. Das Pro­gramm ermög­licht den kos­ten­freien Impf­schutz vor 16 Krank­hei­ten. Die rou­ti­ne­mä­ßige Imp­fung von Kin­dern im VFC-Pro­­­gramm soll laut CDC-Schä­t­­zun­­­gen bei Kin­dern, die zwi­schen 1994 und 2018 gebo­re­nen sind, 936.000 vor­zei­tige Todes­fälle und 419 Mil­lio­nen Krank­hei­ten verhindern.

Impf­pflicht mit lan­ger Tradition

Die breit ange­legte Impf­pflicht für Kin­­der­­gar­­ten- und Grund­schul­kin­der hat in den USA eine lange Geschichte: Seit dem Schul­jahr 1980/​1981 gibt es sol­che Man­date in allen Bun­des­staa­ten. Der erste Bun­des­staat, der eine ver­pflich­tende Imp­fung ein­führte – gegen Pocken -, war der Ost­küs­ten­staat Mas­sa­chu­setts – und dies bereits in den 1850er Jahren.

Das Ergeb­nis heute: Alle US-Bun­­­des­­staa­­ten ver­lan­gen einen Impf­schutz gegen Polio, Diph­the­rie, Teta­nus, Keuch­hus­ten, Masern und Röteln, berich­tete kürz­lich der US-ame­­ri­­ka­­ni­­sche Fern­seh­sen­der ABC News unter Beru­fung auf Daten der Immu­niz­a­tion Action Coali­tion (IAC). Die IAC ist eine der CDC nahe­ste­hende Non Pro­­­fit-Orga­­ni­­sa­­tion, die sich um Auf­klä­rung rund um das Thema imp­fen bemüht. Die Mehr­heit der Bun­des­staa­ten for­dert auch Imp­fun­gen gegen Mumps, Wind­po­cken, Hepa­ti­tis B und Pneu­mo­kok­ken. Nur in eini­gen Lan­des­tei­len der USA gibt es auch eine Impf­pflicht gegen Influ­enza, Hepa­ti­tis A, Rota­vi­rus und HPV.

So wir­ken sich diese Vor­ga­ben aus: Im Schul­jahr 2019/​2020 haben nach Anga­ben der CDC 95 Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Kin­der­gar­ten­kin­der eine Imp­fung gegen DTaP- (Diph­the­rie, Teta­nus und Keuch­hus­ten), MMR- (Masern, Mumps, Röteln) und Vari­zel­len erhalten.

Viele ver­passte Impftermine

Die Corona-Pan­­de­­mie stellt nun eine neue Hürde da, ver­meid­bare Krank­hei­ten durch Imp­fun­gen unter Kon­trolle zu hal­ten. Wie in vie­len ande­ren Län­dern hat die Corona-Krise auch in den USA zu einem Rück­gang von rou­ti­ne­mä­ßi­gen Imp­fun­gen bei Kin­dern geführt. Vor allem zu Beginn mie­den viele Eltern den Besuch einer Ordi­na­tion oder von ande­ren Gesund­heits­ein­rich­tun­gen und lie­ßen anste­hende Impf­ter­mine aus. Mit Fol­gen: Eine CDC-Stu­­die von die­sem Som­mer zeigt, dass rou­ti­ne­mä­ßige Imp­fun­gen wie bei­spiels­weise gegen Masern oder Keuch­hus­ten zwi­schen März und Mai 2020 im Ver­gleich zu 2019 deut­lich ein­ge­bro­chen sind – und zwar in allen Alters­grup­pen. Aus dem öffent­li­chen Gesund­heits­we­sen wur­den um 14 Pro­zent weni­ger Impf­do­sen ange­for­dert als im Vor­jahr. So ist bei­spiels­weise die Rate der Masern-Imp­­fun­­­gen um mehr als 20 Pro­zent zurückgegangen.

Ab der zwei­ten Jah­res­hälfte 2020 hol­ten viele Eltern Imp­fun­gen nach. Doch die­ses Nach­ho­len „reichte nicht aus, um auf­zu­ho­len, was nötig ist, um die vie­len Monate wett­zu­ma­chen, in denen Kin­der rou­ti­ne­mä­ßige Imp­fun­gen ver­passt haben“, heißt es sei­tens der CDC. Neuere Ana­ly­sen von ande­rer Stelle zei­gen sogar, dass die Impf­quo­ten im Jahr 2021 teil­weise sogar noch nied­ri­ger waren als 2020. Kin­der­ärzte sehen heute Kin­der in den Ordi­na­tio­nen, die sie zum Teil seit ein­ein­halb Jah­ren nicht zu Gesicht bekom­men haben.

CDC warnt vor Krankheitsausbrüchen

Die Gesund­heits­be­hörde CDC warnte kurz vor dem Wie­der­be­ginn des Prä­senz­un­ter­richts im Sep­tem­ber 2021 davor, dass den USA neue Aus­brü­che von hoch anste­cken­den Krank­hei­ten wie Masern oder Keuch­hus­ten dro­hen, wenn aus­ste­hende Imp­fun­gen nicht schnell nach­ge­holt wer­den. Die Impflü­cken könn­ten zu einer „ernst­haf­ten Bedro­hung“ für die öffent­li­che Gesund­heit wer­den. Die Behörde emp­fiehlt des­halb nun sogar, Kin­dern und Jugend­li­chen, die bereits eine Corona-Imp­­fung erhal­ten kön­nen, am sel­ben Tag wei­tere Imp­fun­gen zu ver­ab­rei­chen. Mit ihren War­nun­gen steht die Behörde nicht allein da. Auch viele Kin­der­ärzte äußern ihre Sorge, ebenso die Ame­ri­can Aca­demy of Pediatrics. Sie ruft die Eltern dazu auf, aus­ge­las­sene Imp­fun­gen drin­gend nachzuholen.

Nicht wenige Gesund­heits­ex­per­ten sehen jah­re­lange Fort­schritte bei der Immu­ni­sie­rung von Kin­dern in Gefahr. Um die durch die Corona-Krise ent­stan­de­nen Impflü­cken zu schlie­ßen, seien erheb­li­che lan­des­weite Anstren­gun­gen erfor­der­lich. Fach­leute emp­feh­len dazu eine Stär­kung des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens sowie Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen der Bevöl­ke­rung. Impflü­cken in ein­zel­nen Gemein­den müss­ten iden­ti­fi­ziert und geschlos­sen wer­den. Es sei sicher­zu­stel­len, dass COVID-19-Imp­­fun­­­gen die rou­ti­ne­mä­ßige Impf­kam­pa­gne für Kin­der nicht beein­träch­ti­gen. Außer­dem soll­ten Pläne zur Vor­beu­gung und Reak­tion auf Aus­brü­che von impf­prä­ven­ta­blen Krank­hei­ten bereit­lie­gen. Erste Initia­ti­ven in diese Rich­tung haben bereits begon­nen: von der CDC, dem US-Gesun­d­heits­­­mi­­nis­­te­­rium, medi­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaf­ten wie der Ame­ri­can Aca­demy of Pediatrics und auch von ande­ren Par­t­­ner-Orga­­ni­­sa­­ti­o­­nen. So skiz­ziert bei­spiels­weise die CDC in einem „Call to Action“-Papier, was Gesund­heits­dienst­leis­ter, Schu­len, staat­li­che und lokale Regie­run­gen sowie Fami­lien tun kön­nen, um das Nach­ho­len von Imp­fun­gen zu för­dern. Im Vor­der­grund ste­hen dabei Aspekte wie die Iden­ti­fi­ka­tion von Kin­dern, bei denen Imp­fun­gen aus­ste­hen sowie das aktive Anspre­chen der Eltern durch Ärzte, Schu­len und lokale Regie­run­gen. Es sei dabei nicht nur wich­tig zu ver­mit­teln, wie wich­tig das Imp­fen ist, son­dern auch, dass Imp­fun­gen zu Zei­ten von Corona in einer siche­ren Umge­bung statt­fin­den. Zur Unter­stüt­zung der Posi­tio­nen stellt das CDC Infor­ma­ti­ons­ma­te­ria­lien für Ärzte und andere Gesund­heits­dienst­leis­ter, aber auch für Eltern bereit. Auf der Inter­net­seite der Behörde ste­hen bei­spiels­weise Info­gra­fi­ken zum Down­load zur Ver­fü­gung, vor­ge­fer­tigte Inhalte zur Ver­lin­kung in Social Media-Kanä­­len wie Face­book, Twit­ter oder Insta­gram sowie Mus­ter für Newsletter.

Par­al­lel zu den Bemü­hun­gen, bei den Rou­­tine-Imp­­fun­­­gen wie­der auf­zu­schlie­ßen, gibt es in den USA bereits erste Bewe­gun­gen, wie künf­tig mit der Corona-Imp­­fung für Kin­der umge­gan­gen wer­den soll. Als ers­ter US-Bun­­­des­­staat machte kürz­lich Kali­for­nien eine klare Ansage: Ab dem kom­men­den Jahr soll die Corona-Imp­­fung für alle Schul­kin­der des Wes­t­­küs­­ten-Staa­­tes ver­pflich­tend sein. Sobald die voll­stän­dige Zulas­sung für die Corona-Imp­­fung für Kin­der vor­liegt (der­zeit gilt noch eine Not­zu­las­sung), wird das Corona-Virus in die Liste der Pflicht­imp­fun­gen für Schü­ler aufgenommen.


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Impf­pläne mit Ausnahmen

Die Impf­pläne der US-Bun­­­des­­be­­hörde Cen­ters for Dise­ase Con­trol and Pre­ven­tion wer­den in den USA lan­des­weit nicht ein­heit­lich umge­setzt. Das Pro­blem: In fast allen der 50 US-Bun­­­des­­staa­­ten ist es mög­lich, sich aus medi­zi­ni­schen, reli­giö­sen oder phi­lo­so­phi­schen Grün­den dem Imp­fen zu ent­zie­hen – und eine über die Jahre stei­gende Anzahl von teils reni­ten­ten Impf­geg­nern macht davon Gebrauch.

Das Resul­tat: Die Impf­ra­ten vari­ie­ren inner­halb der USA von Bun­des­staat zu Bun­des­staat teils erheb­lich und kön­nen sich dort noch ein­mal von Region zu Region stark unter­schei­den – nach der jewei­li­gen Bevöl­ke­rungs­struk­tur. Es liegt in der Hand der Regie­run­gen vor Ort und teils der ein­zel­nen Schul­be­zirke und Ein­rich­tun­gen, wie strikt Imp­fun­gen ein­ge­for­dert werden.

Die Impf-Abnei­­gung setzt bei Eltern bereits früh ein – und zieht sich oft bis ins Schul­al­ter der Kin­der durch. Ein Bei­spiel dafür ist der US-Bun­­­des­­staat Mon­tana. Ledig­lich 62 Pro­zent der Säug­linge bis 24 Monate haben hier alle emp­foh­le­nen Imp­fun­gen erhal­ten, wie eine aktu­elle Stu­die der Uni­ver­sity of Mon­tana zeigt. Der US-ame­­ri­­ka­­ni­­sche Durch­schnitt in die­ser Alters­gruppe liegt bei 71 Pro­zent. Ein wei­te­res Ergeb­nis der Stu­die: Ledig­lich 38 Pro­zent der Kin­der erhiel­ten ihre Imp­fun­gen zum vor­ge­ge­be­nen Zeit­punkt. Als Gründe wer­den kon­kret impf­skep­ti­sche Eltern, aber auch ein schlech­ter Zugang zur medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung genannt.

Mon­tana gehört bereits seit Jah­ren zu den Bun­des­staa­ten mit den nied­rigs­ten Impf­ra­ten bei Kin­dern. In ande­ren Stu­dien wur­den in der Ver­gan­gen­heit bereits nied­rige Impf­ra­ten an eini­gen Grund­schu­len ermit­telt. Ein Phä­no­men, das sich nicht nur in Mon­tana zeigt: Fami­lien, die gegen das Imp­fen sind, nei­gen dazu, sich an bestimm­ten Ein­rich­tun­gen zu konzentrieren.

Die Fol­gen in den Gebie­ten mit nied­ri­gen Impf­quo­ten kön­nen ver­hee­rend sein. Das wurde in den USA in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit beson­ders durch meh­rere Masern-Aus­­­brü­che deut­lich – einer Krank­heit, die in den USA eigent­lich seit mehr als einem Jahr­zehnt als aus­ge­rot­tet gilt. 2014 kam es zu einem grö­ße­ren Aus­bruch in Kali­for­nien, 2017 in Min­ne­sota und 2018/​2019 in New York. In New York waren in der stark betrof­fe­nen Region mit ledig­lich 77 Pro­zent der Schul­kin­der deut­lich weni­ger als 93 bis 95 Pro­zent, die für die Her­denim­mu­ni­tät erfor­der­lich sind.


© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2021