Vege­ta­ri­sche und vegane Ernäh­rung: Vegan ist nicht gleich gesund

Okto­ber 2021 | Medi­zin

Die Nähr­stoff­ver­sor­gung hängt stark von der indi­vi­du­el­len Ernäh­rungs­weise ab: Man kann auch vegan extrem unge­sund leben. Ob eine län­ger­fris­tige vege­ta­ri­sche oder vegane Ernäh­rung pro­ble­ma­tisch ist, kann der­zeit nicht abschlie­ßend beur­teilt wer­den. Jedoch ist bei Vega­nern – sie kom­men schnel­ler in den Bereich des Unter­ge­wichts – der Über­gang zur mil­den Ano­re­xie fließend.
Sophie Fessl

Grund­sätz­lich ist eine Ernäh­rung, die sich in Rich­tung vege­ta­risch oder vegan bewegt, die gesün­dere Ernäh­rung als eine, die stark durch Fleisch­kon­sum cha­rak­te­ri­siert ist“, betont Univ. Prof. Kurt Wid­halm, Prä­si­dent des Öster­rei­chi­schen Aka­de­mi­schen Insti­tu­tes für Ernäh­rungs­me­di­zin. Die Frage sei aber, ob alle not­wen­di­gen Mikro­nähr­stoffe in aus­rei­chen­der Menge zuge­führt wer­den könn­ten, wenn man kein Fleisch oder keine tie­ri­schen Pro­dukte zu sich nimmt. Bei einer vege­ta­ri­schen Ernäh­rungs­form sei – so Wid­halm – ein aus­ge­präg­ter Man­gel an Mikro­nähr­stof­fen unwahr­schein­lich, aber nicht ganz aus­ge­schlos­sen. Bei einer vega­nen Ernäh­rungs­form hin­ge­gen sind Man­gel­er­schei­nun­gen häu­fig und die­sen sollte vor­ge­beugt werden.

Beson­ders die län­ger­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen einer vega­nen Ernäh­rungs­form sind nicht bekannt, da die vegane Ernäh­rung erst in den letz­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten in ihrer Häu­fig­keit zuge­nom­men hat, erläu­tert Priv. Doz. Karin Amrein von der Kli­ni­schen Abtei­lung für Endo­kri­no­lo­gie und Dia­be­to­lo­gie an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. „Die Lang­zeit­fol­gen der vega­nen Ernäh­rung sind unbe­kannt. Es gibt zu wenige Daten, um abschlie­ßend sagen zu kön­nen: eine län­ger­fris­tige oder sogar lebens­lange vegane Ernäh­rung sei kein Pro­blem.“ Was jedoch jeden­falls ein Pro­blem wer­den kann: die Orthor­e­xie. Amrein dazu: „Vega­ner kom­men auf­grund der ein­ge­schränk­ten Ernäh­rung auch schnel­ler in den Bereich des Unter­ge­wichts. Der Über­gang zur mil­den Ano­re­xie ist fließend.“

Theo­re­ti­sche Modelle zei­gen laut Wid­halm, dass durch eine genau zusam­men­ge­setzte vegane Ernäh­rung Defi­zite ver­mie­den wer­den kön­nen. Aller­dings müss­ten Vega­ner dafür auch sel­ten ver­wen­dete Pro­dukte zu sich neh­men, etwa Algen in ihre Ernäh­rung ein­be­zie­hen. Auch Amrein betont, dass die Nähr­stoff­ver­sor­gung stark von der indi­vi­du­el­len Ernäh­rungs­weise abhängt. „Vegane Ernäh­rung wird meist mit gesund gleich­ge­setzt und viele Vega­ner haben tat­säch­lich ein hohes Gesund­heits­be­wusst­sein. Aber man kann auch extrem unge­sund vegan leben. Vor allem hier besteht die Gefahr eines Nährstoffmangels.“

Da viele Vega­ner Defi­zite in den Mikro­nähr­stof­fen auf­wei­sen, emp­fiehlt Wid­halm drin­gend, den Nähr­stoff­sta­tus alle drei bis sechs Monate per Blut­ab­nahme kon­trol­lie­ren zu las­sen. Hier­bei soll­ten sämt­li­che Vit­amine, Mine­ral­stoffe und Mikro­nähr­stoffe und auch Pro­te­in­kom­po­nen­ten inklu­diert sein. „Außer­dem sollte eine beglei­tende Kon­trolle durch einen Arzt mit ÖÄK-Diplom für Ernäh­rungs­me­di­zin erfol­gen. Diä­to­lo­gen kön­nen hel­fen, einen Ernäh­rungs­plan auf­zu­stel­len. Aber die Dia­gnose einer Man­gel­er­näh­rung muss vom Arzt gestellt wer­den, da hier eine spe­zi­fi­sche Behand­lung not­wen­dig ist“, mahnt Widhalm.

Jeden­falls not­wen­dig sei eine Sup­ple­men­tie­rung mit Vit­amin B12, beto­nen beide Exper­ten, da die­ses nicht aus­rei­chend durch vegane Nah­rungs­mit­tel zuge­führt wer­den kann. Auf­grund der teils schlech­ten Resorp­tion emp­fiehlt Wid­halm, Vit­amin B12 per Injek­tion zu ver­ab­rei­chen. Wei­ters tre­ten bei sich vegan ernäh­ren­den Men­schen oft Män­gel an Omega 3‑Fettsäuren, Eisen, Kal­zium, Selen, sowie Zink und Magne­sium auf.

Bei der Kon­trolle des Nähr­stoff­sta­tus sollte beson­de­res Augen­merk auf die kor­rek­ten Mess­werte gelegt wer­den, betont Amrein. Im Falle des Eisen­sta­tus sollte nicht das freie Eisen gemes­sen wer­den, son­dern Fer­ri­tin sowie in sel­te­nen Fäl­len der lös­li­che Tran­s­­fer­­rin-Reze­p­­tor. Da es sich bei Fer­ri­tin um ein Akut-Phase-Pro­­tein han­delt, ist die gleich­zei­tige Mes­sung des CRP-Werts zur Ver­mei­dung von falsch hohen Wer­ten notwendig.

Kal­zi­um­man­gel möglich

Da Milch­pro­dukte eine Haupt­quelle von Kal­zium sind, könne bei vega­ner Ernäh­rung auch ein Kal­zi­um­man­gel auf­tre­ten. Die­sen zu mes­sen stelle aller­dings eine Her­aus­for­de­rung dar, da der Kal­zi­um­spie­gel im Serum wenig über die Kal­zi­um­zu­fuhr aus­sagt. „Der Spie­gel fällt erst bei extre­mem Man­gel ab, etwa im Rah­men einer Rachi­tis oder einer Osteo­ma­la­zie“, berich­tet Amrein aus der Pra­xis. „Ob aus­rei­chend Kal­zium zuge­führt wird, kann nur indi­rekt gemes­sen wer­den.“ Ein erhöh­ter Para­­thor­­mon-Spie­­gel kann etwa auf einen Kal­zi­um­man­gel hin­wei­sen. Auch die Mes­sung des Vit­amin D‑Spiegels sei in die­sem Fall ange­bracht, da ein schwe­rer Vit­amin D‑Mangel die Kal­zi­um­re­sorp­tion ver­rin­gert. Eine gute vegane Kal­­zium-Quelle ist Mine­ral­was­ser, die­ses sollte daher mit Bedacht aus­ge­wählt wer­den. Auch grü­nes Gemüse dient als vegane Kal­­zium-Quelle. Aller­dings sei der Ver­zehr von gro­ßen Men­gen an Gemüse not­wen­dig, um den Bedarf zu decken, erläu­tert Amrein.

Viele Vega­ner ver­sor­gen sich über Milch­er­satz­pro­dukte mit Kal­zium, da die­sen häu­fig Kal­zium zuge­setzt wird. „Ein hoher Kon­sum von Ersatz­pro­duk­ten ist aller­dings pro­ble­ma­tisch, da diese hoch ver­ar­bei­tet sind und Kon­ser­vie­rungs­mit­tel wie Phos­phate ent­hal­ten. Phos­phat wird unter­schätzt. Es ist ein Mar­ker für Herz-Kreis­lauf-Erkran­­kun­­­gen und damit das neue Cho­le­ste­rin.“ Da Phos­phat nur schwer aus­ge­schie­den wird und ein erhöh­ter, noch im Norm­be­reich befind­li­cher Phos­phat­spie­gel mit einem schlech­ten Out­come asso­zi­iert ist, sollte der Phos­phat­spie­gel kon­trol­liert wer­den. „Vega­ner müs­sen beson­ders auf­pas­sen: Kal­zium bin­det Phos­phat. Wenn also bereits ein Man­gel an Kal­zium besteht und vor­han­de­nes Kal­zium ver­mehrt an das in erhöh­ten Men­gen vor­lie­gende Phos­phat bin­den muss, kann sich die Kal­­zium-Pro­­­ble­­ma­­tik ver­schär­fen“, erläu­tert Amrein.

Selen­man­gel unspezifisch

Unspe­zi­fi­sche Man­gel­sym­ptome kön­nen auf einen Selen­man­gel zurück­zu­füh­ren sein, den Amrein auch bei man­chen vega­nen Pati­en­ten fest­ge­stellt hat. Selen, das meist mit tie­ri­schen Pro­duk­ten zuge­führt wird, spielt eine wich­tige Rolle für Immun­sys­tem und Schild­drüse. Para­nüsse bei­spiels­weise stel­len eine pflanz­li­che Selen­quelle dar.

Auch ein Man­gel an Zink, das für Wund­hei­lung und in der Ent­zün­dungs­re­ak­tion wich­tig ist, kann bei Vega­nern auf­tre­ten. „Ein Zink­man­gel ist aller­dings nicht auf­grund der Ernäh­rungs­form vor­her­seh­bar“, berich­tet Wid­halm aus der Pra­xis. „Auch bei glei­cher Ernäh­rungs­weise weist ein Mensch einen Zink­man­gel auf, wäh­rend ein ande­rer aus­rei­chend ver­sorgt ist. Daher ist die indi­vi­du­elle Unter­su­chung des Ernäh­rungs­zu­stan­des mit Mikro­nähr­stof­fen und Vit­ami­nen ein zen­tra­ler Bestand­teil der Beglei­tung unse­rer Pati­en­ten.“ Auch die Jod­zu­fuhr, Q10 sowie Vit­amin B6 soll­ten Amrein zufolge regel­mä­ßig kon­trol­liert werden.

Sup­ple­men­tie­rung ist bei man­chen sich vegan ernäh­ren­den Men­schen not­wen­dig, um einem Man­gel vor­zu­beu­gen oder ihn zu behe­ben. Aller­dings kann die Wahl des Sup­ple­ments schwie­rig sein, da man­che Pati­en­ten eine vegane Quelle bevor­zu­gen. „Ein Eisen­man­gel bei einer sich vegan ernäh­ren­den Frau kann durch die ein­mal jähr­li­che intra­ve­nöse Gabe eines Eisen­sup­ple­ments gut aus­ge­gli­chen wer­den. Aller­dings stellt sich hier die Frage, woher das Eisen im Sup­ple­ment stammt – eine tie­ri­sche Quelle möch­ten viele ver­mei­den.“ Cur­ry­blatt scheint eine gute Grund­lage für vegane Eisen-Sup­­ple­­mente zu sein, wie Amrein aus der Pra­xis berich­tet; hier kommt es auf die Art und Her­stel­lung der Sup­ple­mente an. Wei­tere Ein­schrän­kun­gen bei der Wahl des Sup­ple­ments erge­ben sich etwa bei einer lak­to­se­freien Ernäh­rung oder gleich­zei­tig bestehen­der Zöliakie.

Was Wid­halm betont: Auch Men­schen, die sich gemischt ernäh­ren, zei­gen oft Man­gel­er­schei­nun­gen. Beson­ders ein Eisen­man­gel könne auch bei nicht ein­sei­ti­ger Ernäh­rung auf­tre­ten. „Eine Rou­ti­ne­un­ter­su­chung des Vit­a­min-Haus­hal­­tes und der Spu­ren­ele­mente ist in jedem Fall ver­nünf­tig, auf alle Fälle bei einer ein­ge­schränk­ten Ernäh­rung wie der vega­nen. Aber eine Ernäh­rung mit viel Obst, Gemüse, Oli­venöl, aber auch Fisch und rela­tiv weni­gen Fleisch­pro­duk­ten ist die gesün­deste Ernährungsform.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2021