COVID-19: Aus­sa­ge­kraft von Antikörper-Tests

Okto­ber 2021 | Medi­zin

Über die Frage, wie viele Anti­kör­per man braucht, wird viel dis­ku­tiert. Bis­her konnte noch keine bestimmte Anti­kör­per­höhe defi­niert wer­den, die mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit einen Schutz vor einer Infek­tion vor­her­sagt. Ein Anti­kör­per­test vor einer Imp­fung wird vom Natio­na­len Impf­gre­mium nicht empfohlen.

COVID-19-Anti­­kör­­per-Tests sol­len nach­wei­sen, ob sich zum Abnah­me­zeit­punkt spe­zi­fi­sche Anti-SARS-CoV-2-Virus-Anti­­kör­­per im Blut befin­den. Ein posi­ti­ver Anti­­kör­­per-Test bei nicht geimpf­ten Per­so­nen bedeu­tet, dass der Kör­per Kon­takt mit dem Virus hatte. Im Rah­men einer Infek­tion wer­den ver­schie­dene Anti­kör­per­klas­sen (IgM‑, IgA- und IgG-Anti­­kör­­per) gegen ver­schie­dene virale Pro­te­ine (zum Bei­spiel Nukleo­pro­tein, Ober­­fä­chen-Spike­­pro­tein) gebil­det, deren zeit­li­che Abfolge nach Infek­tion unter­schied­lich ist. IgG-Anti­­kör­­per wer­den erst im spä­te­ren Infek­ti­ons­ver­lauf, meist zehn bis 14 Tage nach einer Infek­tion, gebil­det und typi­scher­weise zur Immu­ni­täts­be­stim­mung her­an­ge­zo­gen. Aller­dings gibt es noch kein defi­nier­tes Schutz­kor­re­lat für das indi­vi­du­elle Aus­maß und die Dauer der Immunität.

Wie viele Anti­kör­per braucht man? „Diese Frage stel­len wir uns täg­lich. Anti­­kör­­per-Tes­­tun­­­gen wer­den auch inter­na­tio­nal viel dis­ku­tiert“, berich­tet Univ. Doz. Maria Paulke-Kori­­nek vom Bun­des­mi­nis­te­rium für Sozia­les, Gesund­heit, Pflege und Kon­su­men­ten­schutz; sie ist auch Mit­glied im Natio­na­len Impf­gre­mi­ums. „Wich­tig sind die Virus-neu­­tra­­li­­sie­­ren­­den Anti­kör­per, die mit­tels ech­tem Neu­tra­li­sa­ti­ons­test oder einem NT-Kor­­re­lat erho­ben wer­den. Jedoch gibt es zwi­schen den ein­zel­nen Test­for­ma­ten große Unter­schiede. Zudem konnte noch kein Schutz­kor­re­lat, also eine bestimmte Anti­kör­per­höhe, defi­niert wer­den, das mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit einen Schutz vor­her­sagt. Wei­ters spielt gerade bei Virus­in­fek­tio­nen die zel­lu­läre Immu­ni­tät eine wich­tige Rolle, die so nicht gemes­sen wird.“ Es gibt noch zu wenig aus­sa­ge­kräf­tige Daten dar­über, die abschlie­ßend beur­tei­len las­sen, wel­che Anti­kör­per­spie­gel für wie lange einen wirk­sa­men Schutz gegen eine Infek­tion mit SARS-CoV‑2 bie­ten. Abge­se­hen davon, dass die Immu­ni­tät bei respi­ra­to­ri­schen Virus­er­kran­kun­gen kom­plex ist und zum Bei­spiel auch IgA-Anti­­kör­­per im Spei­chel lokal für die akute Abwehr eine große Rolle spie­len, kommt die Pro­ble­ma­tik mit immer wie­der neu auf­tre­ten­den Virus­va­ri­an­ten hinzu, bei denen ein mög­li­cher Schutz abge­schwächt sein kann. Ähn­lich ist dies bei Influ­enza, denn auch hier ist noch kein Schutz­kor­re­lat inter­na­tio­nal defi­niert und anerkannt.

Virus-Vari­an­­ten und deren Auswirkung

Die Ent­wick­lung von Vari­an­ten bezie­hungs­weise Muta­tio­nen ist bei Viren ein natür­li­cher Pro­zess. „Aber es ist wich­tig zu wis­sen, wo im Virus diese Ver­än­de­run­gen statt­fin­den und wel­che Aus­wir­kun­gen diese mit sich brin­gen. Der­zeit wer­den in Öster­reich die zir­ku­lie­ren­den Viren genau­es­tens über­wacht und ana­ly­siert,“ erklärt Univ. Prof. Hei­de­ma­rie Holz­mann vom Zen­trum für Viro­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien; sie ist eben­falls Mit­glied im Natio­na­len Impf­gre­mium. Die der­zeit ver­füg­ba­ren Impf­stoffe bewir­ken im mensch­li­chen Kör­per die Pro­duk­tion einer Viel­zahl an neu­tra­li­sie­ren­den Anti­kör­pern, die gegen das Spike-Pro­­tein, ein Ober­flä­chen­pro­tein, gerich­tet sind. Man geht davon aus, dass die Abwehr auch gegen andere Virus­va­ri­an­ten umso effek­ti­ver ist, je höher die Anti­­kör­­per-Spie­­gel sind. Dies ist bei der der­zeit vor­herr­schen­den Delta-Vari­ante von beson­de­rer Bedeutung.

Anti­­kör­­per- und Titerbestimmungen

Eine Anti­kör­per­be­stim­mung soll nicht als Ent­schei­dungs­grund­lage vor einer COVID-19-Imp­­fung durch­ge­führt wer­den. In groß ange­leg­ten Zulas­sungs­stu­dien wur­den sowohl sero­po­si­tive als auch sero­ne­ga­tive Stu­di­en­teil­neh­mer ein­ge­schlos­sen. In bei­den Grup­pen wurde kein Unter­schied hin­sicht­lich der Sicher­heit der Impf­stoffe beob­ach­tet. Ein Anti­kör­per­test ist vor einer Imp­fung somit weder sinn­voll noch erfor­der­lich und wird vom Natio­na­len Impf­gre­mium auch nicht empfohlen.

Sollte den­noch ein posi­ti­ver Test auf neu­tra­li­sie­rende Anti­kör­per vor­lie­gen, emp­fiehlt das Natio­nale Impf­gre­mium nur eine Imp­fung (ab circa vier Wochen nach Infek­tion oder Gene­sung). Es han­delt sich dabei um eine Off-Label-Anwen­­dung, die mög­lich ist und von guter Auf­klä­rung und Doku­men­ta­tion beglei­tet wer­den sollte,“ erläu­tert Paulke-Kori­­nek. „Auf Wunsch sollte den­noch eine zweite Dosis nicht vor­ent­hal­ten wer­den.“ Die­ses Schema ent­spricht der Zulas­sung und wird im inter­na­tio­na­len Rei­se­ver­kehr oft gefor­dert. Bei einer zwei­ma­li­gen Imp­fung kann eine erhöhte Rate an Impf­re­ak­tio­nen bei Gene­se­nen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Wenn Gene­sene nur eine Imp­fung erhal­ten haben, ist län­ger­fris­tig eine wei­tere Imp­fung sechs bis neun bezie­hungs­weise neun bis zwölf Monate nach der Vor­i­mp­fung emp­foh­len, und zwar ent­spre­chend dem Vor­ge­hen, nach dem für Per­so­nen­grup­pen mit zwei Dosen eine dritte Imp­fung emp­foh­len ist.

Das Natio­nale Impf­gre­mium rät davon ab, rou­ti­ne­mä­ßig bei immun­kom­pe­ten­ten Per­so­nen Anti­kör­per zur Impf­erfolgs­kon­trolle zu bestim­men, da es kein defi­nier­tes Schutz­kor­re­lat gibt und eine indi­vi­du­elle Aus­sage über die Dauer der Immu­ni­tät nicht mög­lich ist. In Ein­zel­fäl­len (bei­spiels­weise Per­so­nen, bei denen eine unklare immu­no­lo­gi­sche Reak­ti­ons­fä­hig­keit auf eine Imp­fung besteht, wie Trans­plan­tierte, onko­lo­gi­sche oder häma­to­lo­gi­sche Pati­en­ten) kann (frü­hes­tens) vier Wochen nach der Imp­fung eine Anti­kör­per­be­stim­mung mit einem vali­dier­ten Anti­kör­per­test (Neu­tra­li­sa­ti­ons­test (NT) oder NT-Kor­­re­late) sinn­voll sein, um ein Anspre­chen auf die Imp­fung zu über­prü­fen. Soll­ten frü­hes­tens vier Wochen nach Abschluss der voll­stän­di­gen Impf­se­rie keine S1-Anti­­kör­­per gegen SARS-CoV‑2 nach­weis­bar sein, wird eine wei­tere Imp­fung (off-label) mit dem jeweils ver­füg­ba­ren Impf­stoff emp­foh­len. Hier han­delt es sich jedoch um Ausnahmen.

Wei­ter­füh­rende Information: 
Anwen­dungs­emp­feh­lung des Natio nalen Impf­gre­mi­ums unter 
https://www.sozialministerium.at/Corona-Schutzimpfung/Corona-Schutzimpfung—Fachinformationen.html

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2021