Stand­punkt Johan­nes Stein­hart: Gegen die Wand

Okto­ber 2021 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

e5b2ff1ee2Wer mit Voll­gas auf eine Wand zufährt, dem wird es nicht hel­fen, leicht das Brems­pe­dal anzu­tip­pen oder mit den Bei­fah­rern einen Arbeits­kreis zur Eva­lu­ie­rung mög­li­cher Brem­s­op­tio­nen zu grün­den. In die­ser Situa­tion muss gehan­delt wer­den – und zwar sofort und effek­tiv. In die­ser Situa­tion befin­det sich aktu­ell das hei­mi­sche Gesund­heits­sys­tem. Der Ärz­te­man­gel ist heute schon deut­lich spür­bar – im Kas­sen­be­reich wer­den die Ver­sor­gungs­lü­cken immer grö­ßer und auch im Spi­tals­be­reich droht in ein­zel­nen Fach­rich­tun­gen die Pen­sio­nie­rungs­welle große und nach­hal­tige Schä­den zu ver­ur­sa­chen. Das weiß die Ärz­te­kam­mer schon lange und wir haben auch regel­mä­ßig und laut­stark davor gewarnt. Eine aktu­elle Stu­die des Simu­la­ti­ons­for­schers Niko­las Pop­per und sei­nes Teams hat nun aber das Aus­maß des Pro­blems und die Aus­wir­kun­gen in unge­wohn­ter Ein­dring­lich­keit vor Augen geführt (siehe dazu den Bericht auf S. 8). Wenn jetzt nicht rasch und auf meh­re­ren Ebe­nen gehan­delt wird, wird sich die Situa­tion bis 2030 in erheb­li­chem Aus­maß zuspit­zen. Vor allem im nie­der­ge­las­se­nen Bereich dro­hen wei­tere acht Pro­zent der Ärzte zu ver­schwin­den – bei gleich­zei­tig stei­gen­der Bevöl­ke­rungs­zahl. Dabei darf nicht ver­ges­sen wer­den, dass viele der Gegen­maß­nah­men erheb­li­che Vor­lauf­zei­ten haben, die nicht zu ändern sind, etwa in der Aus­bil­dung.
Leid­tra­gende neben den Ärz­ten wer­den wie­der ein­mal die Pati­en­ten sein. Immer öfter ist fest­zu­stel­len, dass aus Unwis­sen­heit, öko­no­mi­schem Druck oder wegen poli­ti­scher Lob­by­ar­beit Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den, die die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und die Pati­en­ten­si­cher­heit gefähr­den. Jüngs­tes Bei­spiel sind etwa die wie­der auf­ge­flamm­ten Über­le­gun­gen zur Wirk­stoff­ver­schrei­bung. Jeder Arzt weiß, wie ver­un­si­chernd es auf Pati­en­ten wirkt, wenn sie jedes Mal unter­schied­li­che Tablet­ten mit unter­schied­li­chen Dar­rei­chungs­for­men erhal­ten und viele Ärzte wis­sen aus eige­ner Hand, was schon jetzt alles schief­ge­hen kann, wenn die Apo­theke ohne Rück­spra­che die ver­schrie­be­nen Medi­ka­mente ändert, weil sich im Lager gerade diese oder jene Arz­nei sta­pelt. Den­noch droht die Pati­en­ten­si­cher­heit zuguns­ten der Apo­the­ker­inter­es­sen geop­fert zu wer­den.
Es steht außer Frage, dass wir hier unsere Stimme für die Pati­en­ten­si­cher­heit erhe­ben wer­den. Auch in die­sem Fall gilt: Brem­sen ret­tet Leben.

Dr. Johan­nes Steinhart
Vize-Prä­­si­­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2021