BKNÄ: Inter­view: „Dem Alter entsprechend“

Sep­tem­ber 2021 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

Der Inter­nist Michael Sache­rer spricht im Inter­view über Väter­k­a­renz, fle­xi­ble Rah­men­be­din­gun­gen und wel­che Maß­nah­men hel­fen wür­den, den Per­so­nal­schwund in den Spi­tä­lern zu brem­sen. Das Gespräch führte Sophie Nie­denzu.

Wel­che Arbeits­zeit­mo­delle wer­den zukünf­tig noch wich­ti­ger wer­den? Mein Ein­druck ist, dass es en vogue ist, Teil­zeit im Spi­tal zu arbei­ten und zusätz­lich eine eigene Ordi­na­tion zu füh­ren. Das ist abhän­gig von der Lebens­si­tua­tion, dass ein Spi­tals­arzt keine Nacht­dienste machen will, und dann bewusst den Schritt hin­aus aus der spi­tals­ärzt­li­chen Ver­sor­gung geht. Das ist aber häu­fig ein Modell für spä­ter, die Arzt­aus­bil­dung absol­vie­ren viele in Voll­zeit. Ich selbst habe immer in Voll­zeit gear­bei­tet. Ich habe zwei Kin­der und war zwei­mal zwei Monate in Karenz, ein­mal wäh­rend der Aus­bil­dung und dann als Fach­arzt. Wir sind eine sehr kin­der­rei­che Abtei­lung und es ist Usus, dass bei uns die Män­ner in Karenz gehen, zumin­dest für zwei Monate.

Wel­che Her­aus­for­de­run­gen sind mit einer Teil­zeit­tä­tig­keit im Spi­tal ver­bun­den? Ob jetzt wegen Kin­der­be­treu­ung oder wegen einer Ordi­na­tion – wenn man die zeit­li­che Ein­tei­lung ver­nünf­tig macht, dann funk­tio­niert das auch. Außer­dem ist es wich­tig, die Exper­tise im Spi­tal zu haben, die Kol­le­gen zu hal­ten, auch wenn sie gerne einer wei­te­ren Beschäf­ti­gung nach­ge­hen. Gerade für die Aus­bil­dung der Jün­ge­ren ist das wich­tig, denn die Alter­na­tive wäre ja sonst, kom­plett auf die Kol­le­gen im Spi­tal zu ver­zich­ten. Teil­zeit­ar­beit ermög­licht, dass ein erfah­re­ner Spi­tals­arzt im Sinne des Men­to­rings dem Spi­tal erhal­ten bleibt, wenn auch nicht mehr Vollzeit.

Wie lässt sich der Per­so­nal­schwund ver­hin­dern? Die Mit­ar­bei­ter müs­sen rich­tig ein­ge­setzt wer­den. Auf der einen Seite sollte eine lebens­lange Kar­rie­re­ent­wick­lung sicher­ge­stellt wer­den, auf der einen Seite auch dem Dienst­al­ter ent­spre­chende Rah­men­be­din­gun­gen. Wir haben bei­spiels­weise eine Rege­lung, die es erlaubt, dass Mit­ar­bei­ter frei­wil­lig weni­ger oder gar keine Nacht­dienste machen kön­nen – auch ein 60-jäh­­ri­­ger Arzt kann so noch im Spi­tal arbei­ten, ohne Nacht­dienste zu machen. Häu­fig sind es die Nacht­dienste, die zum Per­so­nal­schwund füh­ren. Die Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen dem Dienst­al­ter und der Situa­tion ange­passt wer­den: Für die Jun­gen sind das Modelle der Eltern­teil­zeit für Män­ner und Frauen und eine attrak­tive Rück­kehr zur Voll­zeit­stelle, beson­ders für Frauen. Umge­kehrt soll­ten Mit­ar­bei­ter ab 50 Jah­ren auch die Mög­lich­keit haben, weni­ger Nacht­dienste zu machen. Das wäre bei­spiels­weise eine frei­wil­lige Beschrän­kung des Dienst­ge­bers und ein wich­ti­ger Schritt, um Spi­tals­ärzte über viele Jahre hal­ten zu kön­nen, damit sie bis zur Pen­sion im Spi­tal tätig sind.

Was braucht es, damit die jun­gen Ärzte in Öster­reich blei­ben? Es muss klar sein, dass viele aus­län­di­sche Medi­zin­ab­sol­ven­ten wie­der zurück­ge­hen. Diese Gruppe ist schwer zu hal­ten. Die Inlands­ab­sol­ven­ten hin­ge­gen haben unter­schied­li­che Motive. Das kön­nen Spe­zi­al­ge­biete sein, die in Öster­reich sel­ten ange­bo­ten wer­den. Was defi­ni­tiv fehlt, ist die stra­te­gi­sche Pla­nung bei Man­gel­fä­chern. Hier muss früh­zei­tig gewähr­leis­tet wer­den, dass diese mit zusätz­li­chen Aus­bil­dungs­stel­len zu ver­sor­gen sind, bei­spiels­weise in der Gerichts­me­di­zin. Seit zehn Jah­ren ist bekannt, dass dort ein mas­si­ver Man­gel herrscht, aber es wurde ver­ab­säumt, aus­rei­chend Per­so­nal auf­zu­bauen. Auch in der Kin­­der- und Jugend­psych­ia­trie wurde nicht zeit­nah reagiert. Gut aus­ge­bil­dete Ärzte wach­sen nicht auf Bäu­men, beson­ders nicht in den Man­gel­fä­chern. Wenn Lücken abseh­bar sind, muss recht­zei­tig aus­ge­bil­det werden.

Wel­che Rah­men­be­din­gun­gen wären wich­tig? Wich­tig sind Kin­der­be­treu­ungs­plätze in Spi­tä­lern. Es gibt lei­der immer noch zu wenig Betriebs­kin­der­gär­ten. In den Spi­tä­lern haben wir ver­schie­dene Dienst­rä­der und da muss mehr Fle­xi­bi­li­tät durch ent­spre­chende Kin­der­be­treu­ung gege­ben sein. Außer­dem gehö­ren nicht­ärzt­li­che Auf­ga­ben noch stär­ker abge­ge­ben. Lei­der müs­sen Aus­bil­dungs­ärzte immer noch zu viel doku­men­tie­ren. In den Berei­chen, in denen es zu Über­las­tun­gen kom­men kann, müsste man Per­so­nal auf­sto­cken, um die Arbeits­last auf meh­rere Schul­tern auf­zu­tei­len. Die Pflege spielt in der mög­li­chen Ent­las­tung eine zen­trale Rolle. Fehlt die Pflege, kann sie die Ärzte nicht entlasten.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /10.09.2021