Arbeits­platz Spi­tal: Ange­bot und Nachfrage

August 2021 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

Von fle­xi­blen Arbeits­zei­ten in den Spi­tä­lern pro­fi­tie­ren alle: Sie sichern den Nach­wuchs und ver­mei­den eine zu große Fluk­tua­tion bei lang­die­nen­den, erfah­re­nen Spi­tals­ärz­ten – und damit den vor­zei­ti­gen Ver­lust von Wissen.
Sophie Nie­denzu

Erho­lung vom medi­zi­ni­schen All­tag, Arbeits­ver­dich­tung, Zeit für medi­zi­ni­sche For­schung, Zeit für die Fami­lie, Zeit für andere beruf­li­che Tätig­kei­ten – es gibt viele Motive dafür, dass sich Spi­tals­ärzte dafür ent­schei­den, nicht Voll­zeit zu arbei­ten. „Die Erwar­tun­gen an die Rah­men­be­din­gun­gen am Arbeits­platz haben sich ver­än­dert, und dar­auf soll­ten die Arbeit­ge­ber auch Rück­sicht neh­men“, sagt Harald Mayer, Bun­des­ku­ri­en­ob­mann der ange­stell­ten Ärzte der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer. Immer­hin befän­den sich die Spi­tä­ler bei der Per­so­nal­su­che zuneh­mend in Kon­kur­renz mit den Nach­bar­län­dern: Die Schweiz und Deutsch­land locken mit attrak­ti­ven Ange­bo­ten. „Wenn die Spi­tä­ler nicht auf die Bedürf­nisse, ins­be­son­dere der jun­gen Genera­tion, ein­ge­hen, dann haben wir ein veri­ta­bles Pro­blem“, warnt Mayer. Man könne es sich nicht leis­ten, unfle­xi­ble Rah­men­be­din­gun­gen anzu­bie­ten und die ver­än­derte Arbeits­markt­lage zu igno­rie­ren. Bereits jetzt ver­las­sen viele Absol­ven­ten nach ihrem Medi­zin­stu­dium Öster­reich: „Die Zei­ten sind vor­bei, in denen Ärzte froh waren, einen Arbeits­platz zu ergat­tern und dafür alles auf sich genom­men haben“, betont der Tur­nus­ärz­te­ver­tre­ter Daniel von Lan­gen. Junge Ärzte könn­ten mitt­ler­weile aus­wäh­len, wo sie arbei­ten wol­len – und teil­weise auch unter wel­chen Bedingungen.

Das bestä­tigt auch Lazo Ilic, stell­ver­tre­ten­der Kuri­en­ob­mann der ange­stell­ten Ärzte der Ärz­te­kam­mer Bur­gen­land. Er hat mit sei­nem Dienst­ge­ber aus­ver­han­delt, die Fach­arzt­aus­bil­dung auf der Chir­ur­gie in Teil­zeit zu absol­vie­ren – um die rest­li­che Zeit für die For­schung zu haben und an sei­ner Dok­to­rats­ar­beit zu schrei­ben: „Es gibt natür­li­che Unter­schiede und Ent­wick­lun­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Genera­tio­nen“, sagt er. Neben Kar­rie­re­mög­li­chen, Kin­der­be­treu­ung und der Arbeits­zeit gehe es auch darum, wie viel Zeit bei­spiels­weise für medi­zi­ni­sche For­schung übrig­bleibe. Zudem sei die Zahl der Bewer­ber für aus­ge­schrie­bene Stel­len wesent­lich gerin­ger: „Junge Kol­le­gen trauen sich heute eher, ihre Wün­sche aus­zu­spre­chen und auch bes­sere Arbeits­be­din­gun­gen zu for­dern“, sagt Ilic.

Die pas­sen­den Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, das beginnt schon beim Ange­bot für die Aus­bil­dung: Num­mer Eins ist die Qua­li­tät der kli­ni­schen Aus­bil­dung. Laut einer Umfrage der Bun­des­ku­rie der ange­stell­ten Ärzte gaben bis zu 87 Pro­zent der befrag­ten Medi­zin­ab­sol­ven­ten an, ihre Aus­bil­dung auch im Aus­land zu absol­vie­ren, wenn die Qua­li­tät dort bes­ser ist und keine pri­va­ten Gründe dies ver­hin­dern. Was außer­dem noch zählt, ist die Work-Life-Balance. Sie ist ent­schei­dend bei der Aus­wahl der Aus­bil­dungs­stelle. Dazu gehö­ren auch die Arbeits­zei­ten. Die Ten­denz, statt Voll­zeit in Teil­zeit zu arbei­ten, werde grö­ßer, bestä­tigt auch Ilic. Das sollte in der Per­so­nal­be­darfs­be­rech­nung der Spi­tä­ler berück­sich­tigt wer­den, betont Mayer: „Auch das muss klar sein: Je mehr Spi­tals­ärzte in Teil­zeit arbei­ten, desto mehr Köpfe wer­den benö­tigt.“ Natür­lich sei bei man­chen Abtei­lun­gen die Dienst­plan­ein­tei­lung eine orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­rung, die ver­schie­de­nen Arbeits­zei­ten zu beden­ken, aber: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – und in ande­ren Län­dern ist es mitt­ler­weile selbst­ver­ständ­lich, dass Spi­tals­ärzte nicht Voll­zeit arbei­ten“, sagt Mayer.

Die Fle­xi­bi­li­tät in der Arbeits­zeit­ge­stal­tung sei auch für die ältere Genera­tion ein Thema – so könne man sich über­le­gen, ältere Spi­tals­ärzte aus den Dienst­rä­dern für Nacht­dienste weit­ge­hend her­aus­zu­neh­men: „Das sind auch Gründe, warum viele ihre Stun­den redu­zie­ren oder über­haupt nach eini­ger Zeit das Spi­tal zuguns­ten einer Ordi­na­tion ver­las­sen, was ein schwe­rer Ver­lust für das Spi­tals­we­sen ist“, sagt Mayer. Letzt­end­lich gehe es nicht nur darum, jun­gen Spi­tals­ärz­ten Per­spek­ti­ven auf­zu­zei­gen, son­dern auch darum, die älte­ren Spi­tals­ärzte zu hal­ten, indem auf ihre Bedürf­nisse ebenso ein­ge­gan­gen werde. Das sichere auch die Wei­ter­gabe und das Wis­sen von erfah­re­nen Spi­tals­ärz­ten: „Es soll­ten alle Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft wer­den, damit Spi­tä­ler für alle Alters­grup­pen attrak­tive Arbeit­ge­ber blei­ben“, betont Mayer.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2021