Corona und Wirt­schaft: Was kos­tet Corona?

Juni 2020 | Coro­na­vi­rus, Poli­tik

Deut­sche For­scher haben eine Sze­­na­­rien-Rech­­nung zur Ein­däm­mung der Corona-Pan­­de­­mie erstellt und resü­mie­ren: Eine lang­same und schritt­weise Locke­rung der ein­schrän­ken­den Maß­nah­men ist im Sinne von Öko­no­mie und Gesundheit.

Wie kön­nen die ein­schrän­ken­den Maß­nah­men und deren anschlie­ßende Locke­rung gestal­tet wer­den, um die Basis­re­pro­duk­ti­ons­zahl (R0) zu sen­ken, mög­lichst wenige Tote zu ris­kie­ren und zugleich einen Ein­bruch der Wirt­schaft zu ver­hin­dern? Eine Stu­die des ifo Insti­tuts (ifo) und des Hel­m­holtz-Zen­­trums für Infek­ti­ons­for­schung (HZI) hat die gemein­sa­men Inter­es­sen von Gesund­heit und Wirt­schaft modell­haft beleuch­tet. Das Set­ting der Stu­die berück­sich­tigte als Aus­gangs­punkt die Situa­tion vor den beschlos­se­nen Locke­rungs­maß­nah­men von Ende April und Anfang Mai 2020 in Deutsch­land sowie als Sta­tus quo die Situa­tion des Zusam­men­hangs zwi­schen Shu­t­­down-Maß­­nah­­men, R0 und der Wirt­schafts­leis­tung in der Phase grö­ße­rer Ein­schrän­kun­gen bis zum 20. April 2020. Dar­auf basie­rend wur­den ver­schie­dene Sze­na­rien erstellt, um den bes­ten wirt­schaft­li­chen Weg zu eru­ie­ren, der sich dar­über hin­aus mit einer wei­te­ren Ein­däm­mung von SARS-CoV‑2 „ver­trägt“.

Schnelle oder lang­same Lockerung?

Ent­schei­dend für einen Rück­gang der Fall­zah­len ist eine nied­rige Rate an Neu­in­fek­tio­nen. In der Stu­die ging man davon aus, dass bei 300 neuen Fäl­len täg­lich ein Groß­teil der Neu­in­fi­zier­ten sowie deren Kon­takt­per­so­nen aus­ge­macht und unter Qua­ran­täne gestellt wer­den kann. Dies erlaube eine weit­ge­hende Locke­rung der ein­schrän­ken­den Maß­nah­men ohne dar­aus resul­tie­rende wei­tere Anste­ckun­gen mit COVID-19. Auf­gabe der Poli­tik ist es – so die Exper­ten – die Waage zwi­schen dem Beschrän­kungs­aus­maß und den wirt­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen zu hal­ten. Klar ist: Je stren­ger die Maß­nah­men, desto bes­ser wirkt sich das auf R0 aus. Diese liegt nach der­zei­ti­gem Erkennt­nis­stand* für Öster­reich unter 1 – in der zwei­ten März­hälfte 2020 lag sie noch über 3. Die öster­rei­chi­sche Regie­rung reagierte rasch auf die Aus­brei­tung des Virus, die Repro­duk­ti­ons­zahl sank ent­spre­chend. Eine in der Stu­die simu­lierte Alter­na­tive wären frü­here Locke­run­gen, die Beschrän­kun­gen müss­ten wesent­lich län­ger ein­ge­hal­ten wer­den, die R0 läge höher. Zwar träfe diese Vari­ante die Wirt­schaft im ers­ten Moment weni­ger hart, den­noch müsste die Pro­duk­tion für län­ger auf einem nied­ri­ge­ren Niveau ver­wei­len. Die Stra­te­gie berge Kon­flikt­po­ten­tial zwi­schen dem Schutz der Bevöl­ke­rung und dem der Öko­no­mie – vor allem des­we­gen, da es bei einer zu groß­zü­gi­gen Öff­nung im Sinne der Wirt­schaft erhöhte Erkran­­kungs- und Todes­fäl­len gäbe. Das würde wie­derum der Wirt­schaft scha­den, da auf­grund der län­ger andau­ern­den Beschrän­kun­gen die wirt­schaft­li­chen Kos­ten ins­ge­samt gese­hen höher aus­fal­len würden.

Eine wei­tere in der Erhe­bung beleuch­tete Option ist eine Sta­bi­li­sie­rung von R0 auf 1 – und zwar so lange, bis ein Imp­fung zur Ver­fü­gung steht. Schät­zun­gen des Paul-Ehr­­lich-Insti­­tuts gehen von einem ver­füg­ba­ren Impf­stoff mit frü­hes­tens Juli 2021 aus. Die Infek­ti­ons­zah­len wür­den auf einem gewis­sen Niveau sta­gnie­ren, aber nicht sin­ken. Zusam­men­ge­fasst: Lang­same Locke­run­gen des Shut­downs und ein R0 von 0,75 füh­ren zu fal­len­den wirt­schaft­li­chen Kos­ten, schnelle Locke­run­gen und ein R0 über 1 wür­den auf lange Sicht zu höhe­ren Ein­bu­ßen führen. 

Epi­de­mio­lo­gi­sches und öko­no­mi­sches Modell

Für die Erstel­lung des epi­de­mio­lo­gi­schen Modells nah­men die Autoren unter­schied­li­che Repro­duk­ti­ons­zah­len an und bil­de­ten die Fall­zah­l­ent­wick­lung in einer pro­spek­ti­ven Stu­die ab. Die ver­schie­de­nen R0-Werte kor­re­lie­ren dabei mit der Strenge der jewei­li­gen skiz­zier­ten Maß­nah­men. Für die unter­schied­li­chen Maß­nah­men­pa­kete wur­den die Zeit bis zum Errei­chen von maximal 300 COVID-19-Fäl­­len täg­lich sowie die pro­ji­zier­ten Todes­fälle ermit­telt. Für beide Sze­na­rien – ange­strebte Sen­kung des R0 bei stren­ge­ren Beschrän­kun­gen bezie­hungs­weise kon­stant hal­ten von R0 bei weni­ger restrik­ti­ven Maß­nah­men bis die Imp­fung kommt – wur­den die berech­ne­ten Zei­ten als Dauer des nöti­gen Shut­down interpretiert.

Das öko­no­mi­sche Modell simu­liert die wirt­schaft­li­chen Kos­ten über die Dauer des Shut­down bis zum Errei­chen der Ziel­größe an täg­li­chen Neu­in­fek­tio­nen und die ver­än­derte Wirt­schafts­leis­tung in den ein­zel­nen Wirt­schafts­be­rei­chen je nach Strenge der Maß­nah­men. Man ging von einer redu­zier­ten Wirt­schafts­leis­tung wäh­rend des Shut­down und einer gedämpf­ten nach Locke­rung der Maß­nah­men aus. Jene Erho­lungs­phase dau­ert einige Monate an, bis der ohne Corona-Krise pos­tu­lierte öko­no­mi­sche Zustand wie­der ein­ge­tre­ten ist. 

Schritt­weise lockern

Die Ergeb­nisse der Stu­die wei­sen in eine ein­deu­tige Rich­tung:
Eine lang­same Locke­rung der Maß­nah­men ist aus öko­no­mi­scher Sicht einer wei­te­ren Ver­schär­fung vor­zu­zie­hen, wie ein Über­blick zur mög­li­chen Ent­wick­lung der Gesamt­kos­ten zeigt (siehe Kas­ten). Fälsch­li­cher­weise ist eine rasche Locke­rung aller­dings nicht von öko­no­mi­schem Vor­teil: Schon bei einem kon­stan­ten R0 von 1 bis zur Ver­füg­bar­keit einer Imp­fung würde dies deut­lich höhere Gesamt­kos­ten (7,7 Pro­zent des BIP von 2020/​2021) ver­ur­sa­chen als Stra­te­gien mit einem nied­ri­ge­ren R0. Würde die Repro­duk­ti­ons­zahl über 1 stei­gen, zöge das außer­dem das Risiko für erneute Maß­nah­men­ver­schär­fun­gen und dar­aus erst recht resul­tie­rende wirt­schaft­li­che Benach­tei­li­gun­gen nach sich. Dazu wür­den starke Locke­run­gen auf Basis des Stu­di­en­sze­na­rios zu einer Erhö­hung der Zahl der an COVID-19 Ver­stor­be­nen füh­ren. Eine lang­same und ste­tige Locke­rung des Regle­ments ist folg­lich im Sinne von Gesund­heit und Wirtschaft. 

Die Stu­di­en­au­toren schluss­fol­gern, dass eine leichte, stu­fen­weise Locke­rung der Shu­t­­down-Maß­­nah­­men am bes­ten geeig­net ist, um den volks­wirt­schaft­li­chen Scha­den durch die Corona-Krise am gerings­ten zu hal­ten, ohne dabei die medi­zi­ni­schen Ziele zu gefähr­den. Maß­nah­men wie ver­stärk­tes Tes­ten seien im Rah­men vor­an­schrei­ten­der Locke­run­gen jedoch unab­ding­bar. Um wei­tere Locke­run­gen zu ermög­li­chen und somit eine Sen­kung der wirt­schaft­li­chen Kos­ten zu erzie­len, braucht es über­dies Ver­hal­tens­an­pas­sun­gen der Bevöl­ke­rung wie das wei­tere Ein­hal­ten der Hygie­ne­re­geln, mah­nen die feder­füh­ren­den Wis­sen­schaf­ter. (JW)

*Stand: 15. Juni 2020


Tipp: Die Stu­die zum Nach­le­sen gibt es unter https://www.ifo.de/publikationen/2020/article-journal/das-gemeinsame-interesse-von-gesundheit-und-wirtschaft


Corona-Sze­­na­­rien: Aus­wir­kung auf die Gesamtkosten

  • Ver­län­gerte Bei­be­hal­tung der Beschrän­kun­gen (Sta­tus quo, R0 0,627): Wert­schöp­fungs­ver­lust von fünf Pro­zent des gesam­ten BIP der Jahre 2020 und 2021; das ent­spricht 333 Mil­li­ar­den Euro.
  • Leichte Locke­rungs­maß­nah­men (R0 0,75): wirt­schaft­li­cher Wert­schöp­fungs­ge­winn im Ver­gleich zum Sta­tus quo von 26 Mil­li­ar­den Euro (= Reduk­tion der volks­wirt­schaft­li­chen Kos­ten um 0,4 Prozent)
  • Wei­tere Öff­nung (R0 0,9): keine wirt­schaft­li­chen Besserstellungen
  • Ver­schär­fung der Maß­nah­men (R0 0,5 bezie­hungs­weise 0,1): in jedem Sze­na­rio zusätz­li­che wirt­schaft­li­che Ver­luste von 1,1 bezie­hungs­weise 4,2 Pro­zent (= Erhö­hung der Gesamt­kos­ten gegen­über dem Sta­­tus-quo-Sze­­na­­rio von 77 bezie­hungs­weise 277 Mil­li­ar­den Euro)

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2020