Inter­view Rein­hard Hal­ler: „SARS-CoV‑2 ist ein anti-nar­ziss­ti­sches Virus“

15.12.2020 | Medizin


Wie man als gestärkte Per­sön­lich­keit aus der Krise her­vor­geht und warum die Bezeich­nung „Genera­tion lost“ über­trie­ben ist, erklärt Psych­ia­ter Univ. Prof. Rein­hard Hal­ler im Gespräch mit Manuela War­scher. Es gehe um Eigen­ver­ant­wor­tung, akti­ves Zusam­men­hal­ten und nach vorne zu schauen, so der Experte. Denn: Jede Pan­de­mie hat ein Ende.

Corona ist seit Mona­ten ein all­ge­gen­wär­ti­ges Thema und man hat das Gefühl, dass es keine ande­ren The­men, Nach­rich­ten oder Krank­hei­ten mehr gibt. Wel­che Reak­tio­nen ruft eine der­ar­tige Omni­prä­senz in der Bevöl­ke­rung her­vor? Zunächst sollte klar sein, dass Angst­pa­ro­len auf Dauer nicht erfolg­reich sein wer­den. Angst darf kein krank­haf­tes Maß anneh­men. Aus psy­cho­pa­tho­lo­gi­scher Sicht ist es klar, dass nur der­je­nige, der ängst­lich ist, auch vor­sich­tig sein wird. Das heißt, dass Psych­ia­ter immer zwi­schen Vor­sicht und Angst unter­schei­den. Dabei ist aber das rich­tige Maß an Angst not­wen­dig, vor allem weil für unsere Genera­tio­nen die der­zei­tige Aus­nah­me­si­tua­tion ein neues unbe­kann­tes Ter­rain ist. 

Was macht die­ses Virus mit uns als Indi­vi­duum bezie­hungs­wei­se­weise als Gesell­schaft? Indi­vi­duen reagie­ren völ­lig unter­schied­lich. Viele sind ängst­lich, andere blen­den die Gefahr aus und baga­tel­li­sie­ren sie, wie­der andere resi­gnie­ren. Daher reicht die Wahr­neh­mung des Virus auch von eine ‚andere Form der Grippe‘ bis hin zu Ver­schwö­rungs­theo­rien. Ähn­lich ver­läuft die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung des Virus. War wäh­rend des ers­ten Lock­downs noch das gene­relle Ver­ständ­nis für die Maß­nahme vor­herr­schend, emp­fin­det die Gesell­schaft den zwei­ten Lock­down und des­sen Aus­gangs­be­schrän­kun­gen als Fuß­fes­sel. Exakt die­ses Emp­fin­den des Gebun­den-Seins, Gefes­selt-Seins an sein Haus oder Woh­nung wird als eine Form der Strafe gesehen. 

Wel­che Kon­se­quen­zen hat diese Wahr­neh­mung als ‚Strafe‘? Per­so­nen, die das Gefühl haben bestraft zu wer­den, resi­gnie­ren oder wer­den depres­siv. Angst­stö­run­gen und damit ver­bun­dene psy­cho­so­ma­ti­sche Lei­den wie Rücken­schmer­zen oder Druck im Brust­be­reich neh­men daher auch zu, weil Per­so­nen mehr Zeit zur Ver­fü­gung haben, sich auf diese Lei­den zu kon­zen­trie­ren. Umso wich­ti­ger ist dem­nach, dass Pati­en­ten ihre Psy­cho­the­ra­pie bezie­hungs­weise andere The­ra­pien nicht abbre­chen. Die Lang­zeit­fol­gen der­ar­ti­ger The­ra­pie­ab­brü­che dür­fen nicht unter­schätzt werden. 

Wie schät­zen Sie die Sucht­pro­ble­ma­tik ein? Es stimmt, dass der Alko­hol­kon­sum gestie­gen ist, doch ich würde diese Ent­wick­lung noch nicht als dra­ma­tisch oder pro­ble­ma­tisch ein­schät­zen. Wich­tig ist, dass wei­ter­hin vor Rausch­zu­stän­den gewarnt und auf die Not­wen­dig­keit von alko­hol­freien Pha­sen hin­ge­wie­sen wird. Letz­te­res ist essen­ti­ell, damit kein Sucht­me­cha­nis­mus aufkommt. 

Kri­sen wer­den häu­fig als Chance bezeich­net. Trifft das auf Corona zu? Ich bin der Letzte, der pro­kla­miert, das COVID super ist. Aller­dings sehe ich tat­säch­lich zwei Aspekte, die mit dem Virus eng ver­bun­den sind. Zunächst ist SARS-CoV‑2 ein anti-nar­ziss­ti­sches Virus. In der Zeit vor COVID wurde der Gesell­schaft ver­mit­telt, dass dank der Glo­ba­li­sie­rung Bäume in den Him­mel wach­sen wer­den. Das Virus hat uns als Gesell­schaft jetzt nach­hal­ti­ger geer­det, als wir Psych­ia­ter dies jemals ver­mocht hät­ten. Wir spü­ren nun, dass wir ver­letz­lich und unsere Mög­lich­kei­ten begrenzt sind. Sogar bei fast allen nar­ziss­ti­schen Füh­rern hat es einen Rütt­ler gemacht. Wei­ters hat das Virus uns auf ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem hin­ge­wie­sen, auf die Ver­ein­sa­mung, auf das Gefühl ver­las­sen zu sein, allein gelas­sen zu wer­den. Es hat sozu­sa­gen für ein Tro­cken­trai­ning für etwas gesorgt, das wir in der Medi­zin inten­si­ver beach­ten müssen.

Wie kann ange­sichts die­ser Erkennt­nis die Ent­wick­lung von einer initia­len all­ge­mei­nen Unter­stüt­zungs- und Soli­da­ri­täts­of­fen­sive für Gesund­heits­be­rufe und ande­rer­seits hin zu einer weit­ge­hen­den Igno­ranz der Maß­nah­men erklärt wer­den? Grund­sätz­lich wird alles, was Angst macht, best­mög­lich ver­drängt. Das führt zu Ein­stel­lun­gen, wie ‚Es ist nicht so schlimm, wir las­sen uns ein­fach nicht erwi­schen‘ oder ‚lie­ber kurz und hef­tig als lang und lang­wei­lig leben‘. Fin­den wir nun Her­aus­for­de­run­gen vor, für die wir keine Lösung haben, ist die Pro­jek­ti­ons­flä­che unse­rer Angst und Unsi­cher­heit die Poli­tik. Tat­sa­che ist aber, dass es die Poli­tik nicht leicht hat. Poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger müs­sen einen Blind­flug steu­ern, weil wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen teil­weise sehr kon­trär sind. Dem­ge­mäß wird es schwie­ri­ger, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Die Bevöl­ke­rung hat eben­falls keine Kri­sen­kom­pe­tenz, weil Hun­gers­nöte oder Pan­de­mien bis­lang nicht gewü­tet haben. Wir sind ver­ein­facht gesagt gute Schön­wet­ter­ka­pi­täne, die nie­mals gelernt haben, ein Schiff im Sturm zu navigieren. 

Die­ses Manko erklärt auch die Igno­ranz? Nun, das Virus ist nichts Neues mehr. Die Leis­tun­gen der Gesund­heits­be­rufe wer­den jetzt als etwas Selbst­ver­ständ­li­ches gese­hen, obwohl die zweite Welle viel stär­ker als die erste ist und die Berufs­grup­pen mehr Zuspruch und Aner­ken­nung bräuchten. 

Was bedeu­tet die­ses Virus für den Arzt­be­ruf? Die Bil­der, die Ärzte in ihrer Schutz­aus­rüs­tung eigent­lich als Robo­ter zei­gen, tech­ni­sie­ren den Arzt. Wir ver­ges­sen dar­über, dass Ärzte ganz nor­male Men­schen aus Fleisch und Blut mit Ängs­ten, Empa­thie und Bedrückt­heit sind. Außen­ste­hende kön­nen nicht abschät­zen, wel­cher Druck, weil weder die Dauer noch der Ver­lauf der Pan­de­mie abseh­bar ist, auf Ärz­ten las­tet. Nie­mand kann erklä­ren, warum die Zahl der Infi­zier­ten so hoch ist. Es gibt keine valide wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung dafür, Pro­gno­sen des Früh­jah­res und Som­mers haben sich als trü­ge­risch erwie­sen. Dazu kommt der Dau­er­druck, selbst nicht aus­fal­len zu dür­fen, weil Kli­ni­ken per­so­nell unter­be­setzt sind. Damit wer­den sogar ein­fachste Dinge wie der Toi­let­ten­gang wahn­sin­nig müh­sam. Eine Berufs­gruppe, die eigent­lich hel­fen kann, kann es jetzt nicht mehr im gewohn­ten und gewoll­ten Aus­maß. Das wirkt sich auf die Psy­che aus. Daher sollte die Poli­tik über Boni oder Beloh­nungs­sys­teme auch für Gesund­heits­be­rufe nach­den­ken – ana­log zur Wirtschaft. 

Fin­den Ärzte genü­gend psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung? Mei­nes Wis­sens gibt es keine dies­be­züg­li­che Anlauf­stelle für Ärzte. Es müsste auch wesent­lich mehr Inter­vi­sion in die­ser Zeit geben. Die Ver­ant­wor­tung für Leben-oder-Tod-Ent­schei­dun­gen muss vom Team und nicht vom Indi­vi­duum getra­gen werden. 

Und wie wirkt sich Corona auf vul­nerable Grup­pen wie Ältere oder Per­so­nen mit Behin­de­rung aus? Natür­lich hat sich die Ver­ein­sa­mung inten­si­viert. Bis­lang waren Per­so­nen mit Behin­de­rung gut betreut. Jetzt ste­hen sie nicht mehr im Fokus, viel­mehr beherrscht COVID alles. Somit gera­ten Per­so­nen mit Behin­de­rung ins Abseits. Die Kon­takt­auf­nahme und Betreu­ung sind nicht mehr gege­ben oder kön­nen nicht mehr aus­rei­chend gewähr­leis­tet wer­den. Bei älte­ren Per­so­nen ist die Gefahr der Ver­ein­sa­mung beson­ders groß, weil sie im Unter­schied zu Jun­gen nicht die moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel nüt­zen kön­nen. Sie sind immer stär­ker isoliert. 

Wel­che Aus­wir­kun­gen haben das Virus und die Pan­de­mie auf die Jugend? Ein Teil der Jugend ist über­emp­find­lich, das muss klar gesagt wer­den. Sie lie­ßen sich noch vor weni­gen Wochen und Mona­ten ihre Par­tys nicht neh­men und jetzt kla­gen sie über neu­er­li­che Schul­schlie­ßun­gen. Es ist kor­rekt, dass einige der Schü­ler stär­kere Erleb­nisse mit der Pan­de­mie hat­ten als andere. So erleb­ten die dies­jäh­ri­gen Matu­ran­ten ihre bestan­dene Matura eben anders als die vor­he­ri­gen Jahr­gänge. Aber auch wenn die­ses Erleb­nis für diese jun­gen Leute nicht mehr nach­hol­bar ist, muss man doch klar machen, dass sie im Unter­schied zu unse­ren Groß­el­tern weder Krieg noch Tod noch Gefan­gen­schaft oder Hun­ger erle­ben muss­ten. Andere Genera­tio­nen tra­fen Schick­sale wesent­lich härter. 

Das heißt: eine ‚Genera­tion lost‘ gibt es nicht? Rich­tig, das ist eine über­trie­bene Bezeich­nung. Wir haben ja nicht seit Jah­ren diese Situa­tion. Ein jun­ger Mensch hat Kom­pen­sa­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Das ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung. 

Geht man den­noch davon aus, dass eine Pan­de­mie in der Regel zwei Jahre dau­ert: Was sind mög­li­che Fol­gen für Schü­ler der Unter- und Ober­stufe hin­sicht­lich ihrer sozia­len Kom­pe­tenz? Es wird zu einer Retar­die­rung in die­sem Bereich kom­men, kein Zwei­fel. Aber ich bin zuver­sicht­lich, dass sich Ver­säum­tes auf­ho­len lässt. Um den geschätz­ten Phi­lo­so­phen Paul Liess­mann zu zitie­ren: ‚Die Jun­gen haben vor­her den gan­zen Tag ins Handy geschaut, um direk­ten Kon­tak­ten aus dem Weg zu gehen. Also wird das jetzt auch nicht das Rie­sen­pro­blem auf­rei­ßen.‘ Die Bot­schaft hier ist: Es ist eine schwie­rige, unge­wohnte, unbe­kannte Zeit und Krise. Daher müs­sen wir Kri­sen- und Bewäl­ti­gungs­kom­pe­ten­zen beweisen. 

Es gibt eine Corona-Müdig­keit. Rückt die Angst vor Anste­ckung in den Hin­ter­grund? Die Unbe­re­chen­bar­keit des Virus und das Unver­mö­gen, valide wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen zu tref­fen, haben dazu geführt, dass Men­schen resi­gnie­ren. Umso wich­ti­ger ist es, dass man sich nicht in diese Resi­gna­tion fal­len lässt. Jede Pan­de­mie hat ein Ende – so auch diese. Schlimm ist aber, dass das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl bereits zu Beginn der zwei­ten Welle ver­lo­ren war. Wir müs­sen gerade jetzt zusam­men­hal­ten. Wäh­rend der ers­ten Welle haben alle zusam­men­ge­stan­den: Regie­rungs­po­li­ti­ker und Oppo­si­tion, Junge und Alte etc. Jetzt gehen Tau­sende auf die Straße, um gegen Maß­nah­men zu pro­tes­tie­ren. Wir erle­ben jetzt keine unge­rechte Situa­tion, die nur Öster­reich trifft, son­dern eine Pan­de­mie, die als Welle über die ganze Welt schwappt. In einer Zwei­fel-Situa­tion muss jeder bei sich selbst anfan­gen, bevor er andere kritisiert. 

Also ist die Kri­tik an Maß­nah­men der Regie­rung unan­ge­bracht? Im Nach­hin­ein sieht man, dass Feh­ler gemacht wur­den. Doch inter­es­san­ter­weise sind kri­ti­sierte Aus­sa­gen, wonach bei­spiels­weise bald jeder einen COVID-Toten kennt, mitt­ler­weile zur trau­ri­gen Wahr­heit gewor­den. Oft wur­den Aus­sa­gen zum fal­schen Zeit­punkt getrof­fen, wie etwa ‚Licht am Ende des Tun­nels‘, als die Infek­ti­ons­zah­len ange­stie­gen sind. Ebenso muss­ten Lösun­gen aus­pro­biert wer­den wie das Ampel­sys­tem, um zu sehen, dass sie eben nicht das Erwar­tete brin­gen. Dabei wurde über­se­hen, dass es noch etwas Schlim­me­res, näm­lich die Rie­sen­welle gibt. Wir kön­nen Feh­ler der Ver­gan­gen­heit bekla­gen oder aber wir set­zen jetzt soli­da­risch die Maß­nah­men der Regie­rung in unser aller Sinne um. 

Was wird 2021 brin­gen? Wor­aus kön­nen wir Mut und Zuver­sicht schöp­fen? Die Lösung ist nahe. Es wird eine Imp­fung geben. Wir müs­sen zusam­men­hal­ten, eine ein­heit­li­che Vor­ge­hens­weise wäh­len und uns indi­vi­du­ell schüt­zen, indem wir Abstand­re­geln ein­hal­ten etc. Ich appel­liere an das Selbst­ver­trauen jedes Ein­zel­nen. Wir kön­nen alle an der posi­ti­ven Ent­wick­lung teil­ha­ben, indem wir Eigen­ver­ant­wor­tung über­neh­men und die Ver­ant­wor­tung nicht wei­ter­schie­ben. Bauen wir auf unsere psy­chi­schen Mus­keln und Pro­blem­be­wäl­ti­gungs­kräfte. Auf diese Weise kön­nen wir als gestärkte Per­sön­lich­kei­ten aus der Krise her­vor­ge­hen. Kurz: Nicht destruk­tive Kri­tik, son­dern akti­ves Zusam­men­hal­ten und nach vorn bli­cken – das gilt für die nächs­ten Monate. 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2020