Mine­ralöl in Säug­lings­nah­rung: Geprüft und sicher

25.02.2020 | Medizin

Berichte über Mine­ral­öl­rück­stände in Säug­lings­nah­rung haben in den ver­gan­ge­nen Mona­ten große Ver­un­si­che­rung bei Eltern aus­ge­löst. Die Ernäh­rungs­kom­mis­sion der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Kin­der- und Jugend­heil­kunde gibt Ent­war­nung: Bei neu­er­li­chen Tests der angeb­lich betrof­fe­nen Char­gen konn­ten keine Ver­un­rei­ni­gun­gen gefun­den wer­den.
Bet­tina Fernsebner-Kokert

Das deut­sche Ver­brau­cher­ma­ga­zin Öko­test und die Ver­brau­cher­or­ga­ni­sa­tion food­watch hat­ten im Vor­jahr Pre-Nah­rungs­pro­dukte getes­tet mit dem Ergeb­nis, dass in nahezu allen Milch­pul­ver­pro­duk­ten Mine­ral­öl­ar­tige Sub­stan­zen gefun­den wor­den seien. Das führte nicht nur zur Ver­un­si­che­rung der Eltern, son­dern auch dazu, dass in Ein­zel­fäl­len Eltern ihren Kin­dern sogar ver­dünnte Kuh­milch, die als Ersatz­nah­rung unge­eig­net ist, verabreichten.

Im „Jahr­buch für Kin­der und Fami­lie 2020“ von Öko­test sind die Test­ergeb­nisse wie folgt zusam­men­ge­fasst: „Aus­ge­rech­net in zwei hoch­prei­si­gen Pre-Nah­run­gen im Test hat das von uns beauf­tragte Labor aro­ma­ti­sche Mine­ral­öl­koh­len­was­ser­stoffe, kurz MOAH, nach­ge­wie­sen. MOAH sind eine Gruppe von Stof­fen, von denen einige mög­li­cher­weise krebs­er­re­gend sind und die zum Bei­spiel aus Druck­far­ben in Lebens­mit­tel über­ge­hen kön­nen. Um wel­che MOAH-Ver­bin­dun­gen es sich in den bei­den Nah­run­gen genau han­delt, wis­sen wir nicht.“ Ebenso seien gesät­tigte Koh­len­was­ser­stoffe, so genannte MOSH, gefun­den wor­den, die sich laut Öko­test aus der Beschich­tung der Beu­tel, in denen sich das Milch­pul­ver befin­det, gelöst haben könn­ten. „Wel­che Risi­ken die eben­falls nach­weis­ba­ren MOSH-Ana­loge mit sich brin­gen, ist wis­sen­schaft­lich noch nicht geklärt. […] Aus unse­rer Sicht soll­ten vor­sichts­hal­ber alle Ver­bin­dun­gen aus der Gruppe der MOSH in Lebens­mit­teln weit­mög­lich mini­miert wer­den“, heißt es wei­ter in dem Bericht. 

„Nach der­zei­ti­gem Wis­sens­stand gel­ten Säug­lings­nah­run­gen als sicher“, betont Univ. Prof. Nadja Hai­den, Vor­sit­zende der Ernäh­rungs­kom­mis­sion der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Kin­der- und Jugend­heil­kunde (ÖGKJ). „Soll­ten sich tat­säch­lich Rück­stände nach­wei­sen las­sen, dann müss­ten wir auch die Ursa­chen fin­den.“ Umso wich­ti­ger sei es, sich gemein­sam um sach­li­che Auf­klä­rung der Kon­su­men­ten zu bemü­hen, „und mög­li­che Quel­len für angeb­li­che Mine­ral­öl­rück­stände her­aus­zu­fin­den“, sagt Hai­den. Dabei soll­ten sich die Orga­ni­sa­tio­nen, die die Tests durch­füh­ren lie­ßen und die Ergeb­nisse ver­öf­fent­lich­ten, nur „mäßig bis gar nicht koope­ra­ti­ons-bereit gezeigt haben“, sagt Nadja Haiden.

Nach der Ver­öf­fent­li­chung der Ergeb­nisse wur­den die betrof­fe­nen Char­gen im Auf­trag des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums noch­mals von unab­hän­gi­gen stan­dar­di­sier­ten Ana­ly­se­la­bors getes­tet. Hai­den wei­ter: „Der­zeit gibt es keine Grenz­werte für Mine­ral­öl­rück­stände in Lebens­mit­teln“. In den neu­er­li­chen Tests konn­ten die Ergeb­nisse von Öko­test jedoch nicht bestä­tigt wer­den: Es wur­den keine Mine­ral­öl­rück­stände gefun­den. Als man anschlie­ßend an das Ver­brau­cher­ma­ga­zin mit der Bitte um eine Probe der getes­te­ten Packung her­an­trat, um diese ein wei­te­res Mal unter­su­chen zu las­sen, sei dies von Öko­test abge­lehnt wor­den, berich­tet Hai­den. „Es ist unklar, wel­che Ana­lyse-Metho­den bei den Unter­su­chun­gen im Auf­trag von Öko­test ange­wandt wur­den, dabei ist die Test­me­thode äußerst rele­vant“. Trotz Nach­frage wurde keine Aus­kunft dar­über gegeben.

Da die Ergeb­nisse bei den neu­er­li­chen unab­hän­gi­gen Tests nicht repro­du­zier­bar waren und keine Män­gel bei Säug­lings­nah­rung fest­ge­stellt wur­den, gab es von Sei­ten des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums auch keine Rück­ruf­ak­tion Pro­dukt­war­nung oder Emp­feh­lun­gen an Kran­ken­häu­ser. Einige Her­stel­ler haben die bemän­gel­ten Char­gen nach Medi­en­be­rich­ten von sich aus zurück­ge­ru­fen – jedoch nicht auf­grund einer For­de­rung des Minis­te­ri­ums. „Die Eltern kön­nen ihren Kin­dern ohne Beden­ken Säug­lings­nah­rung geben“, betont auch Klaus Kapel­ari von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Kin­der­heil­kunde der Med­Uni Inns­bruck. Kapel­ari: „Man kann sicher sein, dass die Pro­duk­tion bei den Her­stel­lern auf einem hoch­qua­li­ta­ti­ven Niveau erfolgt.“

Der deut­sche Diät­ver­band – der Bun­des­ver­band der Her­stel­ler von Lebens­mit­teln für eine beson­dere Ernäh­rung – kri­ti­sierte im Dezem­ber 2019 in einer Stel­lung­nahme zu den Öko­test-Befun­den eben­falls die man­gelnde Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft des Kon­su­men­ten­ma­ga­zins mit den Her­stel­lern von Baby­nah­rung. Der Ver­band begrüßte, dass die natio­na­len und euro­päi­schen Behör­den ein inter­na­tio­na­les Exper­ten­gre­mium ins Leben geru­fen haben, um ein­heit­li­che Ana­ly­sen­stan­dards fest­zu­le­gen und so künf­tig Unsi­cher­hei­ten wegen wider­sprüch­li­cher Werte aus­zu­räu­men. Auch Öko­test sei laut Diät­ver­band zu die­sem Exper­ten­gre­mium ein­ge­la­den wor­den, „um seine Ergeb­nisse bei­zu­tra­gen, die in Wider­spruch zu ande­ren Erkennt­nis­sen ste­hen. Im Gegen­satz zu nam­haf­ten Labo­ra­to­rien und natio­na­len Behör­den ist Öko­test die­ser Ein­la­dung bedau­er­li­cher­weise nicht gefolgt.“ 

Tat­säch­lich ist die Ana­ly­tik von MOSHs und MOAHs aus­ge­spro­chen kom­plex – müs­sen doch über stan­dar­di­sierte Schritte auch falsch posi­tive Ergeb­nisse aus­ge­schlos­sen wer­den. Bei Mine­ral­ölen han­delt es sich um Gemi­sche aus Koh­len­was­ser­stoff­ver­bin­dun­gen; natür­lich vor­kom­mende Ver­bin­dun­gen in Pflan­zen­wach­sen sind den MOSH in ihrer che­mi­schen Struk­tur sehr ähn­lich und daher von die­sen ana­ly­tisch nur schwer zu unter­schei­den. Mine­ral­öl­ver­bin­dun­gen kön­nen in Lebens­mit­teln vor­kom­men, sie wur­den unter ande­rem bereits in Schokolade,Tee, Kakao oder Oli­venöl gefun­den. „MOSH und MOAH sind eine Gruppe äußerst inho­mo­ge­ner Sub­stan­zen“, erläu­tert Hai­den. Nach der­zei­ti­gem For­schungs­stand sei es „nicht ein­mal klar, wie viele es über­haupt gibt, wel­che ein poten­ti­el­les Gesund­heits­ri­siko dar­stel­len oder wel­che Beschwer­den sie ver­ur­sa­chen können.

Laut AGES (Öster­rei­chi­sche Agen­tur für Ernäh­rungs­si­cher­heit) kön­nen Mine­ral­öl­rück­stände aus unter­schied­li­chen Ein­trags­quel­len in die Lebens­mit­tel gelan­gen: wie etwa durch Schmier­stoffe aus Ernte-Maschi­nen aus bestimm­ten Lebens­mit­tel­ver­pa­ckun­gen. Auch eine Grund­be­las­tung von Lebens­mit­tel­roh­stof­fen mit Mine­ral­öl­koh­len­was­ser­stof­fen etwa durch Abgase gel­ten als mög­li­che Quellen. 

Auf EU-Ebene wer­den der­zeit die Daten eines Moni­to­rings aus­ge­wer­tet, im Rah­men des­sen die Mit­glieds­staa­ten 2017/​2018 all­fäl­lige Ver­un­rei­ni­gun­gen von Lebens­mit­teln mit Mine­ral­öl­koh­len­was­ser­stof­fen über­mit­telt haben. Dar­auf basie­rend sol­len Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um künf­tig Mine­ral­öl­rück­stände in Nah­rungs­mit­teln zu sen­ken bezie­hungs­weise völ­lig zu vermeiden. ◉ 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 4 /​25.02.2020