Gesund­heits­ri­siko Pes­ti­zide: Kom­ple­xes Problemfeld

10.11.2020 | Medi­zin


In Asien, Afrika und Süd­ame­rika kommt eine Viel­zahl von Pes­ti­zi­den zum Ein­satz, die in der EU, den USA und zum Teil auch in die­sen Län­dern selbst ver­bo­ten sind. Wäh­rend akute Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heit vor allem durch Arbeits­platz­stu­dien unter­sucht wor­den sind, kön­nen chro­ni­sche Aus­wir­kun­gen kaum quan­ti­fi­ziert wer­den.
Laura Scher­ber

Pes­ti­zide sind ein Umwelt-medi­­­zi­­ni­­scher Klas­si­ker – ein Stan­dard­thema in der Medi­zin seit vie­len Jahr­zehn­ten“, weiß Assoz. Prof. Hans-Peter Hut­ter vom Zen­trum für Public Health der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. In den meis­ten gesund­heits­be­zo­ge­nen Dis­kus­sio­nen geht es dabei um die Frage, inwie­fern Pes­­ti­­zid-Rück­­stände ein Gesund­heits­ri­siko für den Kon­su­men­ten dar­stel­len. „Was aber völ­lig in den Hin­ter­grund gerät, ist alles, was mit dem Arbeit­neh­mer zu tun hat, den Pes­­ti­­zid-Anwen­­dern“, wirft Hut­ter ein. Dies sei ein beson­ders gro­ßes Pro­blem in den Län­dern des glo­ba­len Südens in Asien, Afrika, Süd­ame­rika, wo Arbeits­schutz­be­stim­mun­gen prak­tisch nicht exis­tent seien und die Arbei­ter den Pes­ti­zi­den ohne Schutz­klei­dung aus­ge­setzt wür­den. Gleich­zei­tig käme dort eine Viel­zahl von Pes­ti­zi­den zum Ein­satz, auch sol­che, die in der EU, den USA und zum Teil in den ent­spre­chen­den Län­dern selbst bereits ver­bo­ten seien. Der dritte große Bereich, der im Rah­men des Pes­­ti­­zid-Ein­­sa­t­­zes von gro­ßer Bedeu­tung ist, ist der Ein­fluss auf die Bio­di­ver­si­tät, da prak­tisch alle Umwelt­me­dien (Boden, Was­ser, Luft) betrof­fen sind. Auch hier kann der Kon­su­ment auf unter­schied­li­che Weise betrof­fen sein: etwa durch die Ansamm­lung von Rück­stän­den in aqua­ti­schen Orga­nis­men, die wie­der­auf­ge­nom­men wer­den, oder durch die ört­li­che Nähe zu Fel­dern, auf denen regel­mä­ßig Pes­ti­zide ein­ge­setzt wer­den. Je nach Zugang erfolgt die Auf­nahme oral, inha­la­tiv oder der­mal. Hut­ter zufolge gibt es eine enorm große Anzahl von che­mi­schen Stof­fen und Zube­rei­tun­gen, die zur Anwen­dung kom­men. „Wenn man sich die Pes­­ti­­zid-Anwen­­dung anschaut, hat man viele andere Stoffe – nicht nur das aktive Pes­ti­zid – dabei, um die Sub­stanz über­haupt appli­zie­ren zu kön­nen“, führt der Experte aus.

Für ‚Pflan­zen­schutz­mit­tel‘ gibt es – ver­gleich­bar mit Arz­nei­mit­tel­kon­trol­len – aus­führ­li­che Prü­fun­gen bezüg­lich der Wirk­sam­keit, der Toxi­ko­lo­gie, des Rück­­stands- und des Umwelt­ver­hal­tens. „In Öster­reich wer­den diese Rück­stands­höchst­ge­halte auf Basis natio­na­ler und euro­päi­scher Kon­troll­pro­gramme in Lebens­mit­teln und in Trink­was­ser durch die AGES unter­sucht. Wei­ters gibt es auch ein Umwelt­mo­ni­to­ring durch das Umwelt­bun­des­amt“, berich­tet Johann Stein­wi­der von der Abtei­lung Risi­ko­be­wer­tung, Bereich Daten, Sta­tis­tik und Risi­ko­be­wer­tung der AGES. Da die Anwen­dung von Pes­ti­zi­den zu Rück­stän­den in Lebens­mit­teln füh­ren kann, wer­den Rück­stands­höchst­ge­halte EU-weit gere­gelt (VO (EG) 396/​2005).

Im Rah­men des EU-Pes­­ti­­zi­d­­mo­­ni­­to­­rings mit mehr als 90.000 Pro­ben hat sich dem Exper­ten zufolge gezeigt, dass „die Rück­stands­si­tua­tion bei Pro­duk­ten mit Her­kunft Öster­reich wesent­lich bes­ser ist als die aus Dritt­staa­ten“. Wäh­rend die Grenz­wert­über­schrei­tun­gen 2018 bei den EU-Mit­­­glied­s­­staa­­ten 3,1 Pro­zent und bei den Nicht-EU-Län­­dern 8,3 Pro­zent der Pro­ben betra­fen, lag der Wert in Öster­reich nur bei 0,8 Pro­zent. In 50 Pro­zent der Pro­ben sind keine quan­ti­fi­zier­ba­ren Rück­stände nach­weis­bar; bei Bio-Lebens­­­mi­t­­teln liegt die­ser Wert sogar bei 84,8 Pro­zent (im Durch­schnitt 1,4 Pro­zent mit Grenz­wert­über­schrei­tung). Bei den quan­ti­fi­zier­ba­ren Rück­stän­den in Bio-Lebens­­­mi­t­­teln han­delt es außer­dem nicht um Stoffe aus der Pflan­­zen­­schut­z­­mi­t­­tel-Anwen­­dung, son­dern um Kup­fer (natür­lich vor­kom­mend), Chlorat (Des­in­fek­ti­ons­mit­tel) sowie per­sis­tente Schad­stoffe in der Umwelt wie zum Bei­spiel Hexach­lor­ben­zol (HCB) oder Dichlor­di­phe­nyl­tri­chlor­ethan (DDT). Gemäß dem öster­rei­chi­schen Lebens­mit­tel­si­cher­heits­be­richt kann von den gefun­de­nen Rück­stän­den etwa ein hal­bes Pro­zent auf Basis von Pflan­zen­schutz­mit­teln als für den Ver­zehr unge­eig­net bewer­tet wer­den (2018: 1.622 Pro­ben; 2019: 1.863 Pro­ben). Als gesund­heits­schäd­lich wurde in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren nur eine ein­zige Probe klassifiziert. 

Bei dem häu­fig in die­sem Zusam­men­hang dis­ku­tier­ten Obst und Gemüse wur­den etwa zehn Pro­zent der Pro­ben (rund 2.500 Pro­ben jähr­lich) bean­stan­det: der Groß­teil wegen der Kenn­zeich­nung oder irre­füh­ren­der Anga­ben; etwa 1,5 Pro­zent waren durch Ver­derb, mikro­bielle Kon­ta­mi­na­tion, Pes­ti­zide oder Kon­ser­vie­rungs­stoffe für den mensch­li­chen Ver­zehr unge­eig­net. Bei rund einem Vier­tel bis einem Drit­tel der Pro­ben sind Mehr­fach­rück­stände im Spu­ren­be­reich nach­weis­bar, was zur Ver­min­de­rung der Resis­tenz­bil­dung grund­sätz­lich so gewollt ist. „Bei Pflan­zen­schutz­mit­teln, die heute zuge­las­sen sind, haben wir eigent­lich keine Pro­bleme bei Lebens­mit­teln, da die Stan­dards so gut sind und wir sehr sel­ten Über­schrei­tun­gen beim Accep­ta­ble Daily Intake haben“, weiß Stein­wi­der. Hand­lungs­be­darf gebe es eher bei alten Wirk­stof­fen, die in der EU nicht mehr erlaubt seien, aber teil­weise über den Umweg von Impor­ten wie­der hier Ein­gang finden. 

Aus­wir­kun­gen auf die Gesundheit

Akute Effekte der Pes­ti­zide und damit die absicht­li­che oder unfrei­wil­lige Ver­gif­tung auf­grund der kurz­zei­ti­gen Belas­tung gegen­über einer rela­tiv hohen Kon­zen­tra­tion kom­men im All­tags­be­reich bezie­hungs­weise in der All­ge­mein­be­völ­ke­rung in der Regel nicht vor. Zur quasi unfrei­wil­li­gen Into­xi­ka­tion kann es bei der Anwen­dung von Pes­ti­zi­den und feh­len­der Schutz­aus­rüs­tung kom­men; zur absicht­lich her­bei­ge­führ­ten Ver­gif­tung im Rah­men eines Sui­zid­ver­suchs, da dies laut Hut­ter beson­ders bei Land­wir­ten auf­grund der Zugäng­lich­keit eine „doch nicht sel­tene“ Methode dar­stelle. Die Fol­gen von aku­ten Into­xi­ka­tio­nen seien deut­lich ein­fa­cher zu erhe­ben; sie gehen mit irri­ta­ti­ven Effek­ten etwa der obe­ren Atem­wege und Augen bis hin zu gastro­in­tes­ti­na­len Sym­pto­men ein­her. „Das große Pro­blem sind aller­dings die chro­ni­schen Effekte, also die über Jahre andau­ernde Expo­si­tion im soge­nann­ten Nied­rig­do­sis­be­reich“, erklärt der Experte. 

Bei der Ana­lyse des Gesund­heits­ri­si­kos gelte es, eine Viel­zahl von Para­me­tern zu berück­sich­ti­gen wie Sen­si­bi­li­sie­run­gen, All­er­gi­sie­run­gen, Geno­to­xi­zi­tät, Kan­ze­ro­ge­ni­tät oder Repro­duk­ti­ons­to­xi­zi­tät. „Hier han­delt es sich um eine Reihe von End­punk­ten bei jeder Sub­stanz und Kom­bi­na­tion, die für die Zulas­sung berück­sich­tigt wer­den müs­sen“, führt Hut­ter wei­ter aus. Die Erkennt­nisse stamm­ten bis­lang über­wie­gend aus Arbeits­platz­stu­dien, da epi­de­mio­lo­gi­sche Stu­dien sehr auf­wen­dig, kos­ten­in­ten­siv und auch mit gewis­sen Limi­tie­run­gen ver­bun­den seien. Jedoch gibt es epi­de­mio­lo­gi­sche Feld­stu­dien hin­sicht­lich der Effekte des Pes­­ti­­zid-Ein­­sa­t­­zes auf die Gesund­heit bei Land­ar­bei­tern in Ecua­dor und der Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik, berich­tet Hutter. 

Aus diver­sen Arbeits­platz­stu­dien geht Hut­ter zufolge her­vor, dass im Wesent­li­chen die fol­gen­den Erkran­kungs­grup­pen von Bedeu­tung sind: Erkran­kun­gen des Ner­ven­sys­tems (wie zum Bei­spiel M. Par­kin­son, amyo­tro­phe Late­ral­skle­rose), psych­ia­tri­sche Stö­run­gen (wie zum Bei­spiel Ängste, Depres­sio­nen), Autis­­mus-Spe­k­­trum-Stö­­run­­­gen, die Ent­wick­lung von Tumo­ren (vor allem Lym­phome) sowie hor­mo­nelle Beein­träch­ti­gun­gen (Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit). „Im Zen­trum der Dis­kus­sion ste­hen häu­fig endo­krine Dis­rupto­ren, die durch kom­plexe Wir­kungs­me­cha­nis­men das kör­per­ei­gene Hor­mon­sys­tem durch­ein­an­der­brin­gen kön­nen“, berich­tet Hut­ter. Je nach Pes­ti­zid gebe es zumin­dest evi­denz­ba­sierte Hin­weise auf Zusam­men­hänge zwi­schen der Expo­si­tion und etwa Beein­träch­ti­gun­gen der Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit: zum Bei­spiel redu­zierte Anzahl und ver­min­derte Beweg­lich­keit der Sper­mien, Kryptor­chis­mus, Fehl­bil­dun­gen der Harn­röhre, eine ver­än­derte Geschlech­ter­ver­tei­lung, vor­zei­tige Thel­ar­che, Mam­ma­kar­zi­nome oder das poly­zys­ti­sche Ova­ri­al­syn­drom. Aus einer groß ange­leg­ten US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Anrai­ner­stu­die gehe außer­dem her­vor, dass die Nähe zu Ein­satz­or­ten von Pes­ti­zi­den mit einer häu­fi­ge­ren Ent­wick­lung von Autis­­mus-Spe­k­­trum-Stö­­run­­­gen in Ver­bin­dung stehe. 

„Wor­auf man auf­merk­sam machen kann und sollte, ist, dass man den Pes­ti­zid­ein­satz – nicht nur in der Lebens­mit­tel­pro­duk­tion, son­dern auch im pri­va­ten Bereich – redu­zie­ren kann“, betont Hut­ter. So wür­den in Pri­vat­gär­ten meist mehr Pes­ti­zide pro Flä­che ver­wen­det als in der Land­wirt­schaft. Auch den Ein­satz von Pyrethro­iden („Gel­sen­ste­cker“) sieht der Experte kri­tisch. Inwie­fern die kon­ven­tio­nelle Land­wirt­schaft zah­len­mä­ßig mit einem höhe­ren Gesund­heits­ri­siko für die Kon­su­men­ten ein­her­gehe und wel­che Men­gen zu wel­chen Fol­gen führ­ten, lasse sich nicht so ein­fach bestim­men. „Der bio­lo­gi­sche Land­bau hat, was die Resi­duen anbe­langt, immer Vor­teile, ohne dass man das ver­min­derte Gesund­heits­ri­siko genau quan­ti­fi­zie­ren kann“, fasst Hut­ter zusam­men. Und wei­ter: „Jeden­falls weist diese Bewirt­schaf­tungs­form deut­li­che Vor­teile auf, wenn es um den Schutz der Bio­di­ver­si­tät geht“. Gleich­zei­tig werde in Öster­reich grund­sätz­lich zu wenig Obst und Gemüse ver­zehrt. Diese Pro­ble­ma­tik the­ma­ti­siert auch Stein­wi­der, da sich der Groß­teil der Bevöl­ke­rung nicht ent­spre­chend der öster­rei­chi­schen Ernäh­rungs­py­ra­mide ernährt. Schließ­lich seien die Haupt­ri­si­ko­fak­to­ren für Erkran­kun­gen und vor­zei­ti­gen Tod Blut­hoch­druck, Ernäh­rung, Rau­chen, Alko­hol- und Sub­stanz­miss­brauch und ein hoher Body-Mass-Index. „Durch die EU-weite Ver­ein­heit­li­chung der Kri­te­rien für den Pflan­zen­schutz­mit­tel­ge­brauch und die aus­führ­li­che Schu­lung der Land­wirte für den rich­ti­gen Ein­satz soll ein sor­gen­freier Ver­zehr die­ser Lebens­mit­tel ermög­licht wer­den“, resü­miert Stein­wi­der. Und wei­ter: „Der Accep­ta­ble Daily Intake-Wert wird anhand hoher Sicher­heits­fak­to­ren aus toxi­ko­lo­gi­schen Stu­dien abge­lei­tet, sodass Men­gen unter­halb die­ses Wer­tes für den Men­schen sicher sind.“ 


Gly­pho­sat: ja oder nein?

„Pflan­zen­schutz­mit­tel wer­den regel­mä­ßig von der euro­päi­schen Lebens­mit­tel­be­hörde über­prüft und einer Re-Eva­lu­ie­­rung unter­zo­gen. Bei Gly­pho­sat hat dies zur Auf­recht­erhal­tung der Zulas­sung geführt. Gly­pho­sat ist das am meis­ten ein­ge­setzte Pflan­zen­schutz­mit­tel, wird aber euro­pa­weit nur in weni­ger als zwei Pro­zent der Lebens­mit­tel als Rück­stand nach­ge­wie­sen und nur zwölf von über 9.000 Pro­ben führ­ten zu einer Grenz­wert­über­schrei­tung. Dem­entspre­chend nied­rig ist auch die Aus­las­tung der Accep­ta­ble Daily Intake-Aus­­las­­tung von nur 0,2 Pro­zent, also kein gesund­heit­li­ches Risiko beim Ver­zehr von Lebens­mit­teln.“ – Johann Stein­wi­der

„Die Dis­kus­sion bei Pes­ti­zi­den wie Gly­pho­sat ist meist von bei­den Sei­ten – den grund­sätz­li­chen Ableh­nern und den Befür­wor­tern – nicht wirk­lich fak­ten­ba­siert. Da die Ent­wick­lungs­kos­ten für neue Pes­ti­zide sehr hoch sind, ist der dar­auf­fol­gende wirt­schaft­li­che Druck groß und sie müs­sen sich erst­mal amor­ti­sie­ren. In der EU muss Gly­pho­sat in bestimm­ten Abstän­den geprüft wer­den, ob die Zulas­sung auf­recht­erhal­ten wird oder nicht. Gly­pho­sat ist das welt­weit am meis­ten ver­kaufte Her­bi­zid und zwar nicht als Gly­pho­sat, son­dern als Round-up – darin ist nicht nur Gly­pho­sat ent­hal­ten, son­dern auch Zusatz­stoffe. Die Bestim­mung des Accep­ta­ble Daily Intake basiert aber nur auf dem akti­ven Wirk­stoff, also nur auf Gly­pho­sat, und nicht auf der gesam­ten Mix­tur – aber medi­zi­nisch ent­schei­dend ist natür­lich die tat­säch­lich ein­ge­setzte Mischung.“ – Hans-Peter Hut­ter

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 21 /​10.11.2020