Ernäh­rung: Man­gel auch in Öster­reich ein Thema

25.11.2020 | Medi­zin


Obwohl genaue Daten feh­len: Auch in Öster­reich ist Man­gel­er­näh­rung – qua­li­ta­tiv und quan­ti­ta­tiv – ein Thema. Beson­ders vul­nera­bel für Man­gel­er­näh­rung sind ältere Men­schen, Pati­en­ten in Kran­ken­häu­sern, Kin­der, Schwan­gere und Stil­lende sowie Per­so­nen mit bestimm­ten Ernäh­rungs­for­men.
Sophie Fessl

Auch in Öster­reich ist Man­gel­er­näh­rung – abhän­gig von Alter, Gesund­heits­si­tua­tion und sozia­lem Hin­ter­grund – ein Thema, obwohl genaue Daten dazu feh­len. „Die Daten­lage ist auf­grund der feh­len­den zen­tra­len Erfas­sung von Gesund­heits­da­ten in Öster­reich aktu­ell spär­lich, denn es gibt nur Quer­schnitts­da­ten aus Pro­jek­ten und geziel­ten Unter­su­chun­gen“, erklärt Univ. Prof. Regina Rol­­ler-Wirn­s­­ber­­ger von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Innere Medi­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. Bei älte­ren Per­so­nen, schätzt Rol­­ler-Wirn­s­­ber­­ger, kommt es bei zwi­schen fünf und 15 Pro­zent der zu Hause leben­den Per­so­nen zur Man­gel­er­näh­rung; bei älte­ren Per­so­nen im Spi­tal schwankt der Anteil der von Man­gel­er­näh­rung Betrof­fe­nen zwi­schen 20 und 60 Pro­zent – je nach Abtei­lung und Kol­lek­tiv. „Im Pfle­ge­heim sind bis zu 84 Pro­zent der älte­ren Per­so­nen von Man­gel­er­näh­rung betrof­fen“, betont Roller-Wirnsberger.

Qua­li­ta­tive und quan­ti­ta­tive Mangelernährung

„Es gibt nicht ‚die‘ Man­gel­er­näh­rung, son­dern viele unter­schied­li­che For­men“, erklärt Alex­an­der Höl­ler von der Diä­to­lo­gie der Uni­ver­si­täts­kli­nik Inns­bruck. Einer­seits erfolgt eine Unter­schei­dung in qua­li­ta­tive und quan­ti­ta­tive Man­gel­er­näh­rung. Quan­ti­ta­tive Man­gel­er­näh­rung bezeich­net eine Kalo­­rien- und Eiweiß­de­fi­zi­enz, wäh­rend qua­li­ta­tive Man­gel­er­näh­rung einen Man­gel an Mikro­nähr­stof­fen bezeich­net. Wei­ters habe sich eine Unter­schei­dung zwi­schen krank­heits­as­so­zi­ier­ter und nicht-kran­k­heits­­as­­so­­zi­ier­­ter Man­gel­er­näh­rung eta­bliert. „Von nicht-kran­k­heits­­as­­so­­zi­ier­­ter Man­gel­er­näh­rung sind wir in Mit­tel­eu­ropa kaum betrof­fen. Hier geht es um Hun­gern auf­grund von sozio­öko­no­mi­schen oder psy­cho­so­zia­len Grün­den“, berich­tet Höl­ler. Bei krank­heits­as­so­zi­ier­ter Man­gel­er­näh­rung wie­derum wird in Man­gel­er­näh­rung unter Vor­lie­gen von Ent­zün­dungs­ge­sche­hen oder unter Aus­blei­ben von Ent­zün­dungs­ge­sche­hen unter­schie­den. „Man­gel­er­näh­rung mit Ent­zün­dungs­ge­sche­hen ist das, was man klas­si­scher­weise als Kach­e­xie bezeich­net, also Tumor­Kach­e­xie oder pul­mo­nale Kach­e­xie. Man­gel­er­näh­rung ohne Ent­zün­dungs­ge­sche­hen betrifft Pati­en­ten mit Kurz­darm­syn­drom, nach Resek­tio­nen im Magen­be­reich oder neu­ro­lo­gi­sche Pati­en­ten mit Schluckstörungen.“

Die gesunde öster­rei­chi­sche Bevöl­ke­rung ist von Man­gel­er­näh­rung kaum betrof­fen, erklärt auch Priv. Doz. Sabine Scholl-Bürgi von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Päd­ia­trie in Inns­bruck. „Bei nor­ma­ler Misch­kost besteht hier kein Pro­blem. Ein gewis­ses Risiko ent­steht bei Per­so­nen mit bestimm­ten Ernäh­rungs­for­men. Hier kön­nen qua­li­ta­tive Man­gel­er­näh­rungs­zu­stände auf­tre­ten.“ Gene­rell kön­nen aber Risi­ko­grup­pen defi­niert wer­den, in denen ein erhöh­tes Risiko für Man­gel­er­näh­rung besteht. Beson­ders vul­nerable Per­so­nen­grup­pen sind ältere Men­schen sowie Kran­ken­haus­Pa­ti­en­ten. „Aus der qua­li­ta­ti­ven Per­spek­tive sind es Kin­der sowie Schwan­gere und Stil­lende. Hier sollte ein Augen­merk auf die qua­li­ta­tive Nähr­stoff­ver­sor­gung gelegt wer­den“, betont Höl­ler. Die Fol­gen der Man­gel­er­näh­rung sind Schwä­che, ein­ge­schränkte Mobi­li­tät sowie ein höhe­res Infek­ti­ons­ri­siko. „Diese Fak­to­ren sind asso­zi­iert mit einer schlech­te­ren Lang­zeit­le­bens­er­war­tung“, berich­tet Univ. Prof. Michael Hies­mayr von der Kli­ni­schen Abtei­lung für Herz‑, Thorax‑, Gefäß­chir­ur­gi­sche Anäs­the­sie und Inten­siv­me­di­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. „Bei älte­ren Men­schen kommt es bei Man­gel­er­näh­rung zu einer höhe­ren Gebrech­lich­keit mit Sturz­ge­fahr.“ Bei älte­ren Per­so­nen führt Man­gel­er­näh­rung außer­dem zur Ein­schrän­kung der Leis­tungs­fä­hig­keit. Laut Höl­ler bele­gen Stu­dien, dass ein stan­dar­di­sier­tes ernäh­rungs­the­ra­peu­ti­sches Schema bei Pati­en­ten, die in einem Man­­gel­er­­näh­­rungs-Scree­­ning als auf­fäl­lig iden­ti­fi­ziert wur­den, einen Ein­fluss auf Über­le­ben und Mor­bi­di­tät hat.

Iden­ti­fi­ka­tion mit Screening-Tools

Zur Erfas­sung der Man­gel­er­näh­rung ste­hen ver­schie­dene Scree­­ning-Tools zur Ver­fü­gung. Im Kran­­ken­haus-Set­­­ting wer­den Scree­­ning-Tools zur Fest­stel­lung von Man­gel­er­näh­rung bezie­hungs­weise zur Iden­ti­fi­ka­tion von Risi­ko­pa­ti­en­ten ein­ge­setzt. „In der Pra­xis hat sich das Nut­ri­tio­nal Risk Scree­ning 2002 eta­bliert. Es ist zwar rela­tiv alt, aber gut unter­sucht und im All­tag prak­ti­ka­bel“, berich­tet Höl­ler. Im Unter­schied zu Metho­den, die in Stu­dien Anwen­dung fin­den, kann das Nut­ri­tio­nal Risk Scree­ning 2002 auch von Per­so­nen durch­ge­führt wer­den, die keine Ernäh­rungs­fach­kräfte sind. „Das Scree­ning wird bei der ambu­lan­ten oder sta­tio­nä­ren Auf­nahme von der Pflege durch­ge­führt und dau­ert zwei bis drei Minu­ten. Ernäh­rungs­fach­kräfte kön­nen dann fil­tern und die Pati­en­ten genauer anse­hen, die als Risi­ko­pa­ti­en­ten auf­fäl­lig sind.“ Die Para­me­ter, die vom Scree­­ning-Tool berück­sich­tigt wer­den, umfas­sen das aktu­elle Gewicht bezie­hungs­weise den BMI, eine unge­wollte rezente Gewichts­ab­nahme, redu­zierte Nah­rungs­zu­fuhr, das Alter sowie die Krankheitsschwere.

Ernäh­rung nach Stufenplan

„Der wei­tere Schritt der Dia­gnos­tik ist auch schon der erste Schritt der The­ra­pie“, erklärt Scholl-Bürgi. Denn manch­mal ist das zugrun­de­lie­gende Pro­blem ein­fach – und auch ein­fach zu behe­ben. „Bei älte­ren Pati­en­ten sollte auf die adäquate Pro­­­the­­sen-Ver­­­sor­­gung geach­tet wer­den, denn eine wackelnde Pro­these kann der Grund für eine Man­gel­er­näh­rung sein! Und beim Pati­en­ten mit Schluck­stö­rung sollte abge­klärt wer­den, ob er Nah­rung in adäqua­ter Kon­sis­tenz erhält, die er über­haupt schlu­cken kann“, berich­tet Höl­ler aus der Praxis.

Im nie­der­ge­las­se­nen Set­ting kann die aktu­elle Ernäh­rungs­si­tua­tion auch mit­tels eines ein­fa­chen Ernäh­rungs­pro­to­kolls erfasst wer­den, berich­tet Hies­mayr. Außer­dem wird die Kör­per­zu­sam­men­set­zung mit nicht-inva­­si­­ven Ver­fah­ren wie etwa der Bio­im­pe­danz gemes­sen. „Grund­le­gend ist die Kon­trolle, ob eine etwaige Grund­er­kran­kung gut behan­delt ist. Wenn jemand unter 1g/​kg Eiweiß zu sich nimmt und an Gewicht oder Kraft ver­lo­ren hat, muss man wei­ter über die Ernäh­rung nachdenken.“

Die wei­tere Behand­lung einer Man­gel­er­näh­rung erfolgt gemäß Stu­fen­plan. In der ers­ten Stufe wird die Stan­dard­kost ange­rei­chert zube­rei­tet. Meist muss die Eiweiß- und Fett­zu­fuhr erhöht wer­den; auch eine Erhö­hung der täg­lich auf­ge­nom­me­nen Kalo­ri­en­menge ist manch­mal not­wen­dig. „Bei vie­len Pati­en­ten stimmt die Eiweiß­menge nicht, da der Appe­tit auf Eiweiß wäh­rend einer Krank­heit sinkt. Da aller­dings die Organe gestärkt wer­den müs­sen, ist genü­gend Eiweiß äußerst wich­tig“, führt Hies­mayr aus. „Wir müs­sen bei den Pati­en­ten außer­dem Bewusst­sein für eine aus­rei­chende Ernäh­rung schaf­fen“. Dafür sei es aber not­wen­dig, zu wis­sen, wo das Pro­blem liegt. Die­ses Pro­blem kann dann in der Bera­tung und Ver­bes­se­rung der Ernäh­rung auf­ge­grif­fen werden.

Falls eine Anrei­che­rung der Kost nicht aus­reicht, um die Man­gel­er­näh­rung zu behe­ben, wird in der nächs­ten Stufe die Ernäh­rung mit künst­li­chen Pro­duk­ten, den oral nut­ri­tio­nal sup­ple­ments, ange­rei­chert. Diese Pro­dukte ent­hal­ten kom­plette Nähr­stoffe; bei man­chen Pro­duk­ten ist der Eiweiß­ge­halt deut­lich erhöht, bei man­chen auch der Fett­ge­halt. „Diese Zusatz­nah­rung kann daher bis zu 3 kcal/​ml ent­hal­ten, so dass die Pati­en­ten mit einer klei­nen Nah­rungs­menge deut­lich mehr Eiweiß und Kalo­rien zu sich neh­men“, erklärt Hies­mayr. Nor­male Kost hin­ge­gen hat einen Ener­gie­ge­halt von rund 0.6 kcal/​ml. Schluss­end­lich kann auch eine ente­rale Ernäh­rung not­wen­dig wer­den. „Vor­über­ge­hend mit­tels naso­gas­tra­ler Sonde, wenn abseh­bar wird, dass eine Dau­er­zu­fuhr über vier Wochen not­wen­dig ist, sollte man über inva­si­vere Ernäh­rungs­maß­nah­men nach­den­ken wie zum Bei­spiel eine PEG Sonde“, erläu­tert Höller. 

Als Vor­be­rei­tung auf eine geplante Ope­ra­tion emp­fiehlt Hies­mayr eine aus­ge­wo­gene Ernäh­rung und viel Bewe­gung, damit die Pati­en­ten vor dem Kran­ken­haus­auf­ent­halt in einem guten Ernäh­rungs­zu­stand sind. Nach einem Kran­ken­haus­auf­ent­halt sollte die Infor­ma­tion, ob ein Ernäh­rungs­pro­blem vor­liegt und es einen Ernäh­rungs­plan gibt, an den nächs­ten Arzt über­ge­ben wer­den. „Jeder Ent­las­sungs­brief sollte eine Emp­feh­lung zur Ernäh­rung abge­ben. In sel­te­nen Fäl­len braucht es hier­für eine kom­plexe Exper­tise. Bei gro­ben Pro­ble­men wie einer schwe­ren chro­ni­schen Erkran­kung ist die Bei­zie­hung von Ernäh­rungs­be­ra­tung hilfreich.“

Für schwan­gere und stil­lende Frauen sowie für Kin­der ist die Qua­li­tät der Ernäh­rung beson­ders wich­tig, betont Höl­ler. „Die ers­ten 1.000 Tage im Leben, von der Emp­fäng­nis bis zum zwei­ten Geburts­tag, sind ent­schei­dend, um die geis­tige, kör­per­li­che und auch soziale Ent­wick­lung für die Zukunft posi­tiv zu beein­flus­sen.“ In der Schwan­ger­schaft ändere sich vor allem der Vit­amin­be­darf. Beson­ders bei Vit­ami­nen der B‑Gruppe, vor allem Vit­amin B12, liegt ein erhöh­ter Bedarf vor, auch Vit­amine A, C, E sind beson­ders wich­tig. Die not­wen­dige Kalo­rien­zu­fuhr wäh­rend der Schwan­ger­schaft wird dage­gen häu­fig über­schätzt und liegt bei 250 kcal täg­lich zusätz­lich im zwei­ten Tri­mes­ter und 500 kcal zusätz­lich im drit­ten Trimester.

„Fol­säure ist ein kri­ti­sches Vit­amin: Wenn in unse­rer Gesell­schaft ein Man­gel vor­liegt, betrifft das meist Fol­säure. Bei Kin­dern und Jugend­li­chen liegt am ehes­ten ein sub­kli­ni­scher Man­gel an Fol­säure vor. Ansons­ten sind nur wenige Vit­amin­män­gel nach­weis­bar“, berich­tet Scholl-Bürgi. Denn die Exper­tin beru­higt: Auch wenn Kin­der sich ein­sei­tig ernäh­ren, fol­gen meist keine Man­gel­er­näh­rungs­zu­stände. „Sub­kli­ni­sche Vit­a­min- oder Pro­te­in­män­gel kön­nen auf­tre­ten. Aber in den letz­ten 25 Jah­ren in der Päd­ia­trie habe ich ekla­tante Vitamin‑, Pro­­tein- oder Ener­gie­män­gel als Rari­tät beob­ach­tet.“ In der Päd­ia­trie werde außer­dem die Gewichts­ent­wick­lung und das Gedei­hen lang­fris­tig über den Per­zen­ti­len­ver­lauf stan­dar­di­siert betrach­tet. „Die­ser lon­gi­tu­di­nale Ver­lauf ist wich­tig; ein Gewichts­still­stand oder eine Per­zen­ti­len­kreu­zung fällt so rasch auf. Aber ein schub­haf­ter Wachs­tums­ver­lauf und damit ein schub­haf­ter Appe­tit ist bei Kin­dern normal.“

Gene­rell plä­diert Hies­mayr dafür, dem Thema Man­gel­er­näh­rung mehr Auf­merk­sam­keit zu schen­ken. „Mit drei ein­fa­chen Fra­gen kann man rou­ti­ne­mä­ßig den Sta­tus quo erfas­sen: Haben Sie Gewicht ver­lo­ren – bewusst oder unbe­wusst? Essen Sie weni­ger? Hat sich Ihr Appe­tit ver­än­dert? Das ist auch ein guter Ein­stieg, um zu wis­sen, ob etwaige Grund­er­kran­kun­gen gut behan­delt sind.“


Die drei ent­schei­den­den Fragen

Mit drei ein­fa­chen Fra­gen kann man rou­ti­ne­mä­ßig den Sta­tus quo der Ernäh­rung erfassen:

  1. Haben Sie Gewicht ver­lo­ren – bewusst oder unbewusst?
  2. Essen Sie weniger?
  3. Hat sich Ihr Appe­tit verändert?

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2020