E‑Bikes und E‑Scooter: Unter­schätz­tes Risiko

25.04.2020 | Medizin


Feh­len­des Risi­ko­be­wusst­sein ist das Haupt­pro­blem bei der Nut­zung von E‑Bikes und E‑Scootern und den damit ein­her­ge­hen­den Unfäl­len und Ver­let­zun­gen. Gerade durch die stei­gende Anzahl und den leich­ten Zugang zu E‑Scootern neh­men die Fälle, die einer unfall­chir­ur­gi­schen Betreu­ung bedür­fen, dras­tisch zu.

Laura Scher­ber

Ähn­li­che Ent­wick­lun­gen in Bezug auf das feh­lende Risi­ko­be­wusst­sein hat es vor eini­gen Jahr­zehn­ten bei der zuneh­men­den Nut­zung von Motor­rä­dern und Fahr­rä­dern gege­ben, wobei die Ein­füh­rung der Helm­pflicht für Motor­rad­fah­rer und die Helm-Emp­feh­lung für Fahr­rad­fah­rer die Situa­tion maß­geb­lich posi­tiv beein­flusst haben. „Die Geschichte wie­der­holt sich: Es ist ein neues Vehi­kel da. Die Risi­ken sind die glei­chen wie beim Fahr­rad, aber das Bewusst­sein dafür ist nicht vor­han­den“, erklärt Univ. Prof. Chris­tian Fialka vom AUVA-Trau­ma­zen­trum Wien/​Standort Meid­ling. Das Resul­tat sind wie­der ver­mehrte Fälle von Schä­del- und Hirn­ver­let­zun­gen, da das Risi­ko­be­wusst­sein und das prä­ven­tive Tra­gen eines Helms bei den Nut­zern von E‑Scootern kaum Beach­tung findet.

Bei den E‑Bikes wird schlicht­weg ihre Geschwin­dig­keit unter­schätzt: Da E‑Bike-Fah­rer im Ver­gleich zu Fahr­rad­fah­rern mit einer deut­lich höhe­ren Geschwin­dig­keit unter­wegs sind, steigt natür­lich ihr Risiko, sich schwe­rere Ver­let­zun­gen zuzu­zie­hen, aber auch bei Kol­li­sion mit ande­ren Fahr­rad­fah­rern schwe­rere Unfall­fol­gen zu ver­ur­sa­chen. Gleich­zei­tig g.be es zwar Nor­men, „aber man hört auch immer wie­der, dass es R.der gibt, mit denen die Nor­men umgan­gen wer­den und die uner­laub­ter Weise 40 bis 50 Stun­den­ki­lo­me­ter fah­ren“, weiß Fialka. Die Ver­let­zun­gen bei Unfäl­len mit E‑Scootern haben im Ver­gleich zu jenen mit E‑Bikes nicht so stark zuge­nom­men. „Ein wich­ti­ger Fak­tor ist sicher, dass Fah­rer von E‑Bikes im Gegen­satz zu Nut­zern von E‑Scootern meist einen Helm tra­gen“, betont Priv. Doz. Rohit Arora von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Unfall­chir­ur­gie in Inns­bruck. Aus einer haus­in­ter­nen Aus­wer­tung geht her­vor, dass die ver­un­fall­ten E‑S­coo­ter-Fah­rer durch­schnitt­lich 28 Jahre alt sind; am häu­figs­ten betrof­fen waren Per­so­nen zwi­schen zehn und 20 Jah­ren. Per­so­nen, die mit einem E‑Bike unter­wegs waren, sind in der Regel älter. „Hier haben wir ein Durch­schnitts­al­ter von 56 Jah­ren mit den häu­figs­ten Fäl­len im Alter zwi­schen 61 und 79 Jah­ren“, erläu­tert Arora.

Am häu­figs­ten: Schädelverletzungen

„Die klas­si­schen Sturz­fol­gen bei Unfäl­len mit E‑Scootern und E‑Bikes sind Schä­del­ver­let­zun­gen mit Commo­tio bis hin zu Hirn­blu­tun­gen, gefolgt von Handgelenks‑, Ellenbogen‑, Schul­ter­ver­let­zun­gen und an fünf­ter Stelle kom­men abdo­mi­nale Ver­let­zun­gen“, beschreibt Arora die Häu­fig­keits­folge. Bei den Hand­ge­lenks­ver­let­zun­gen ste­hen Radi­us­frak­tu­ren im Vor­der­grund, bei Ellen­bo­gen­ver­let­zun­gen Luxa­ti­ons­frak­tu­ren und bei Schul­ter­frak­tu­ren Schul­ter­lu­xa­tio­nen – in der Regel han­delt es sich dabei um reine Luxa­tio­nen ohne Frak­tur. Rund 14 Pro­zent der Betrof­fe­nen müs­sen – meist auf­grund eines Schä­del­hirn­trau­mas – sta­tio­när behan­delt wer­den. Im AUVA-Trau­ma­zen­trum Wien sind Schlüs­sel­bein­ver­let­zun­gen nach Kopf- und Hand­ge­lenks­ver­let­zun­gen die häu­figs­ten Unfall­fol­gen. Schwere innere Organ­ver­let­zun­gen tre­ten Fialka zufolge zwar ebenso auf, seien aber auf die Kol­li­sio­nen mit einem Pkw und nicht auf den E‑Scooter per se zurück­zu­füh­ren. „Nach einem Stur­zer­eig­nis ist eine schnelle Dia­gnose ent­schei­dend, um Kopf- und Hals­wir­bel­säu­len­ver­let­zun­gen aus­zu­schlie­ßen“, betont der Experte.

Mehr Auf­klä­rung, klare Regu­lie­rung

Wün­schens­wert sind aus Sicht der Exper­ten klare Regeln für den Gebrauch von elek­tri­schen Fahr­zeu­gen wie E‑Bikes und E‑Scooter, um die Sicher­heit für alle Ver­kehrs­teil­neh­mer zu gewähr­leis­ten. „Das schwächste Glied in der Kette ist der Fuß­gän­ger und der weiß jetzt schon nicht mehr genau, wo er noch gehen kann, ohne dass ihm ein Fahr­rad ent­ge­gen­kommt“, beschreibt Fialka. So wüss­ten viele Leute auch gar nicht, dass man mit dem E‑Scooter nicht auf dem Geh­weg fah­ren dürfe. Auch wenn keine kon­kre­ten Zah­len vor­lie­gen, kann auch Arora bestä­ti­gen, dass Fuß­gän­ger oft ange­fah­ren wer­den. „Das Wich­tigste wäre die Helm­pflicht, wobei auch die erlaubte Höchst­ge­schwin­dig­keit von 25 Stun­den­ki­lo­me­tern zu schnell ist“, resü­miert Arora. Fialka sieht gerade bei den Ärz­ten, die mit dem Thema durch Pati­en­ten in Kon­takt kom­men, das Poten­tial und gleich­zei­tig die Ver­ant­wor­tung, sich durch Auf­klä­rung an der Unfallpr.vention zu betei­li­gen. Neben der begrün­de­ten Emp­feh­lung, einen Helm zu tra­gen, ist es vor allem die Siche­rung des Fahr­zeugs (zum Bei­spiel durch Beleuch­tung), die häu­fig ver­nach­läs­sigt wird. „Es ist schon tags­über schwie­rig, wenn ein E‑Scooter plötz­lich auf der Fahr­bahn auf­taucht, wenn der Ver­kehrs­teil­neh­mer nicht damit rech­net. Noch dra­ma­ti­scher ist es in der Nacht, wenn es schlecht beleuch­tet ist“, hebt Fialka her­vor. Die zuneh­mende Nut­zung von elek­tri­schen Fahr­rä­dern und Scoo­tern ist auch aus einem ande­ren Blick­win­kel medi­zi­nisch frag­wür­dig: „Der moderne Mensch hat ohne­hin zu wenig Bewe­gung. Wäh­rend Mus­kel- und Kno­chen­schwund tra­di­tio­nell Pro­bleme des alten Men­schen waren, tre­ten sie heute zuneh­mend auch bei jün­ge­ren Pati­en­ten zutage“, weiß Fialka. Kom­men bei kur­zen Distan­zen nun auch E‑Scooter und E‑Bikes für die Fort­be­we­gung zum Ein­satz, „ist diese Ent­wick­lung auch gesund­heits­po­li­tisch zu hin­ter­fra­gen“, erklä­ren die Exper­ten unisono.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 8 /​25.04.2020