BKAÄ: Vor­ge­la­gerte Behand­lungs­ein­hei­ten: Am rich­ti­gen Ort

15.08.2020 | Aktuelles aus der ÖÄK


Den Spi­tä­lern vor­ge­la­gerte Behand­lungs­ein­hei­ten hel­fen, Pati­en­ten schnell und opti­mal zu behan­deln und die Ambu­lan­zen zu ent­las­ten. Die­ses Kon­zept trägt bei­spiels­weise im Bur­gen­land Früchte, seit dort vor zwei Jah­ren Akuto­r­di­na­tio­nen ein­ge­führt wur­den.
Sophie Nie­denzu

Der Pati­ent, der zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort ist und ein Arzt, der den Pati­en­ten rasch und kom­pe­tent opti­mal ver­sorgt. Das Maxi­male errei­chen und dabei mit der ärzt­li­chen Res­source scho­nend umzu­ge­hen, ist ein wich­ti­ges Ziel in der Gesund­heits­ver­sor­gung. Das ist ange­sichts einer älter wer­den­den Bevöl­ke­rung, nicht zuletzt auf­grund des medi­zi­ni­schen Fort­schritts, bei gleich­zei­ti­gem Per­so­nal­man­gel in den Spi­tä­lern eine Her­aus­for­de­rung: „Die Qua­li­tät der Pati­en­ten­ver­sor­gung bei knap­pen Res­sour­cen und einer hohen Arbeits­be­las­tung durch über­füllte Ambu­lan­zen zu erhal­ten, ist ein Balan­ce­akt“, sagt Harald Mayer, Vize­prä­si­dent und Bun­des­ku­ri­en­ob­mann der ange­stell­ten Ärzte der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer. 

Eine Mög­lich­keit bie­ten vor­ge­schal­tete Behand­lungs­ein­hei­ten, die in unmit­tel­ba­rer Nähe oder direkt im Kran­ken­haus ange­sie­delt sind. Der­ar­tige Akuto­r­di­na­tio­nen wur­den im Bur­gen­land bereits vor zwei Jah­ren, mit 1. April 2018, flä­chen­de­ckend in allen fünf Bezir­ken mit Spi­tals­stand­ort ein­ge­führt. Die Akuto­r­di­na­tio­nen, die vor oder in den Spi­tä­lern ange­sie­delt sind, sind in der Zeit von 17 bis 22 Uhr werk­tags geöff­net. „Mit den der­zei­ti­gen Öff­nungs­zei­ten haben wir die Spit­zen­zei­ten abge­deckt, denn in der Nacht kom­men groß­teils nur Pati­en­ten, die akut Hilfe benö­ti­gen“, erzählt Bri­gitte Stei­nin­ger, Vize­prä­si­den­tin und Kuri­en­ob­frau der ange­stell­ten Ärzte der Ärz­te­kam­mer Bur­gen­land. Zudem wer­den die Akuto­r­di­na­tio­nen von ins­ge­samt sie­ben Visi­ten­ärz­ten im Außen­dienst unter­stützt, zwei davon betreuen gemein­sam mit Ret­tungs­sa­ni­tä­tern Akuto­r­di­na­tio­nen in den Rot-Kreuz Bezirks­stel­len in Mat­ters­burg und Jen­ners­dorf, die kein eige­nes Spi­tal haben. 

In den Akuto­r­di­na­tio­nen wer­den Pati­en­ten vom dienst­ha­ben­den All­ge­mein­me­di­zi­ner direkt betreut oder wei­ter ins Spi­tal geschickt. Das Sys­tem mit der vor­ge­la­ger­ten Triage funk­tio­niere laut Erfah­rung von Stei­nin­ger gut: „Grund­sätz­lich wer­den damit nicht spi­tals­be­dürf­tige Pati­en­ten­fälle erfolg­reich in den Akuto­r­di­na­tio­nen behan­delt.“ Damit wür­den die Ambu­lan­zen in den Spi­tä­lern und damit auch die Spi­tals­ärzte ent­las­tet wer­den. Das wirke sich auch auf die War­te­zei­ten in den Spi­tals­am­bu­lan­zen aus, betonte Steininger. 

Ärzte und Pati­en­ten zufrieden

Die Abrech­nung erfolgt im Bur­gen­land über die Gesamt­fall­zahl direkt mit der Öster­rei­chi­schen Gesund­heits­kasse (ÖGK). All­ge­mein­me­di­zi­ner, die in Akuto­r­di­na­tio­nen arbei­ten, erhal­ten pro Stunde ein Hono­rar über 100 Euro und ins­ge­samt 507,73 Euro pro Dienst. Die Dienst­zei­ten und die Bezah­lung seien durch­aus posi­tiv zu bewer­ten, betont Stei­nin­ger: „Beson­ders junge Ärzte sind hier moti­viert und es gibt kein Pro­blem, die Dienste auch zu fül­len.“ Die meis­ten wür­den gerne in den Akuto­r­di­na­tio­nen ihre Dienste ver­rich­ten. Da zudem in den Akuto­r­di­na­tio­nen alle All­ge­mein­me­di­zi­ner tätig sein kön­nen, gebe es gar kei­nen Per­so­nal­man­gel: „Wir haben hier eine bunte Mischung aus Kassen‑, Wahl- und Ver­tre­tungs­ärz­ten, ebenso kön­nen auch Spi­tals­ärzte in den Akuto­r­di­na­tio­nen Dienst ver­rich­ten. Gerade dadurch, dass auch Wahl­ärzte mit­ma­chen, gibt es keine per­so­nel­len Eng­pässe“, sagt Stei­nin­ger. Beson­ders für den Berufs­stand der All­ge­mein­me­di­zi­ner sei es attrak­tiv, keine Nacht- oder Bereit­schafts­dienste zu haben, son­dern statt­des­sen zwei­mal im Monat bis 22 Uhr in einer Akuto­r­di­na­tion zu arbei­ten. Die Akuto­r­di­na­tio­nen haben also zwei posi­tive Effekte: Sie bie­ten Dienst­zei­ten, die für All­ge­mein­me­di­zi­ner attrak­tiv sind und gleich­zei­tig ent­las­ten sie die Ambu­lan­zen: „Wir mer­ken, dass die Akuto­r­di­na­tio­nen vie­les abfan­gen: „Die Zahl der Ambu­lanz­fälle ist von 2018 auf 2019 gleich­ge­blie­ben, frü­her hat­ten wir kon­ti­nu­ier­lich stei­gende Werte“, sagt Stei­nin­ger. Grund­sätz­lich stehe auch zur Dis­kus­sion, die Akuto­r­di­na­tio­nen aus­zu­bauen und an den Wochen­en­den zu öffnen.

Nicht nur die Ärzte neh­men die­ses Modell gerne an, auch die Pati­en­ten sind damit zufrie­den: „Die Pati­en­ten wis­sen, wann die Akuto­r­di­na­tio­nen offen haben und gehen direkt hin“, sagt sie. Für den Erfolg sei wich­tig, in der Bevöl­ke­rung ein Bewusst­sein zu schaf­fen, zu wel­cher Zeit sie wo sein sol­len und wer die rich­ti­gen Ansprech­part­ner sind. Das gelte es bei einer mög­li­chen Aus­rol­lung öster­reich­weit zu beden­ken. „Akuto­r­di­na­tio­nen, wie wir sie im Bur­gen­land über­all haben, wären für ganz Öster­reich vor­stell­bar. Wich­tig ist nur, dass die Pati­en­ten mit­ma­chen, also umfas­send infor­miert wer­den“, sagt Stei­nin­ger. Das heißt, dass Pati­en­ten bei gesund­heit­li­chen Beschwer­den nicht direkt in die Spi­tals­am­bu­lanz gehen, son­dern zu Ordi­na­ti­ons­zei­ten ent­we­der zum Haus­arzt oder zum Fach­arzt und außer­halb der Ordi­na­ti­ons­zei­ten in die Akuto­r­di­na­tio­nen, die den Spi­tä­lern vor­ge­la­gert sind. 

Das sei der Ide­al­zu­stand, um die Pati­en­ten best­mög­lich ver­sor­gen zu kön­nen, betont auch Mayer. „Vor­ge­la­gerte Behand­lungs­ein­hei­ten, wie die Akuto­r­di­na­tio­nen im Bur­gen­land, funk­tio­nie­ren regio­nal sehr gut, doch wir benö­ti­gen diese Triage vor den Ambu­lan­zen flä­chen­de­ckend in ganz Öster­reich“, sagt er. 

Fit für die Zukunft

Die Kom­bi­na­tion aus einer wohn­ort­na­hen, nie­der­schwel­li­gen Ver­sor­gung und gut aus­ge­stat­te­ten Spi­tä­lern sei auch der Kern des Erfolgs, dass Öster­reich bis­lang die Pan­de­mie so gut gemeis­tert habe: „Die Pan­de­mie hat uns gezeigt, wie vul­nera­bel ein Gesund­heits­sys­tem ist und wie gra­vie­rend sich Schwä­chen in der Ver­sor­gung und Ein­spa­run­gen aus­wir­ken“, betont Mayer. Anders als in ande­ren Län­dern wur­den Pati­en­ten in Öster­reich vor Ort ver­sorgt und damit ver­hin­dert, dass Spi­tä­ler zu schnell auf­ge­sucht wer­den. „Dadurch waren unsere Spi­tä­ler nicht mit jenen COVID-19-Pati­en­ten über­las­tet, die sehr gut mobil behan­del­bar waren. So konnte erfolg­reich ver­hin­dert wer­den, dass sich das Virus in den Spi­tä­lern über Pati­en­ten und das Spi­tals­per­so­nal aus­brei­ten konnte“, sagt Mayer. 

Damit konn­ten sich die Spi­tä­ler auf ihre Kern­auf­gabe kon­zen­trie­ren. Es sei wich­tig, dass Pati­en­ten – außer bei Not­fäl­len – nicht sofort in die Ambu­lan­zen kämen, aber gleich­zei­tig ihre Gesund­heit nicht ver­nach­läs­si­gen: „Idea­ler­weise lan­det nie­mand wegen eines Zecken­bis­ses oder Hals­weh in der Ambu­lanz, gleich­zei­tig igno­riert aber auch nie­mand Sym­ptome von ernst­haf­ten Erkran­kun­gen, wie etwa von einem Herz­in­farkt“, sagt Mayer. Für das opti­male Gesund­heits­sys­tem sei es daher sinn­voll, dass frei­be­ruf­li­che Ärzte in Behand­lungs­ein­hei­ten vor oder in den Spi­tä­lern arbei­ten. Und zwar nicht nur punk­tu­ell in Bun­des­län­dern, son­dern öster­reich­weit. Gleich­zei­tig soll nach Ansicht der Bun­des­ku­rie der ange­stell­ten Ärzte die tele­me­di­zi­ni­sche Erst­be­ra­tung aus­ge­baut werden.

Unter­stüt­zung kommt dazu auch von der Bun­des­ku­rie der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte, deren Obmann und ÖÄK-Vize­prä­si­dent, Johan­nes Stein­hart, sagt: „Das aus­ge­zeich­nete Zusam­men­spiel zwi­schen nie­der­ge­las­se­nem Bereich und Spi­tals­be­reich war der Schlüs­sel zum bis­her so erfolg­rei­chen Umgang Öster­reichs mit der COVID-19-Pan­de­mie. Nur ein star­ker extra­mu­ra­ler Bereich mit zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten zum Pati­en­ten­kon­takt kann mit­hel­fen, dass Spi­tä­ler nicht durch unnö­tige Zusatz­be­las­tun­gen von ihren zen­tra­len Kom­pe­ten­zen abge­hal­ten werden.“ 

Die Reso­lu­tion im Wortlaut

Mit Blick auf eine rasche, opti­male Pati­en­ten­ver­sor­gung bei gleich­zei­ti­ger Ent­las­tung der Spi­tä­ler hat die Bun­des­ku­rie ange­stellte Ärzte der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer fol­gende Reso­lu­tion beschlossen:

„Die COVID-19-Krise hat ein­mal mehr gezeigt, wie wich­tig funk­tio­nie­rende Spi­tä­ler für die Ver­sor­gung der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten sind. Um den Betrieb (nicht nur – aber beson­ders in Kri­sen­zei­ten) auf­recht erhal­ten zu kön­nen, spricht sich die BKAÄ für den Aus­bau von tele­me­di­zin­scher Erst­be­ra­tung (z.B. 1450) sowie vor­ge­la­gerte Struk­tu­ren, in denen frei­be­ruf­li­che Ärzte arbei­ten, als (akut­me­di­zi­ni­sche) Behand­lungs­ein­hei­ten vor oder in den Spi­tä­lern aus. Mit die­sen als Ein­gang die­nen­den Ein­hei­ten wird gewähr­leis­tet, dass die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten best­mög­lich am rich­ti­gen Ort ver­sorgt wer­den und die Spi­tals­ärz­tin­nen und ‑ärzte die not­wen­di­gen Res­sour­cen für die opti­male Betreu­ung haben.“
 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2020