Stand­punkt: Her­wig Lind­ner: Die Wie­der­ent­de­ckung der Ärz­tin­nen und Ärzte

25.03.2020 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

Weni­ger Sys­tem, mehr Freiheit!

© Bernhard Noll

Sie alle, liebe Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, machen einen unglaub­lich tol­len Job. Jede/​r an ihrem/​seinem Platz, gemäß der spe­zi­fi­schen Ver­ant­wor­tung, der Mög­lich­kei­ten, auch abhän­gig von der phy­si­schen und psy­chi­schen Ver­fasst­heit. Auch Poli­tik und Ver­wal­tung haben sich im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten beson­nen und begin­nen die zen­trale Bedeu­tung der Ärz­tin­nen und Ärzte nicht nur zu erken­nen, son­dern auch zu benen­nen. „Der Arzt hat das letzte Wort“, hat Gesund­heits­mi­nis­ter Rudolf Anscho­ber bei einer der COVD-19-Pres­­se­­kon­­fe­­ren­­zen gesagt.

Die glo­bale SARS-CoV-2-Ver­­­brei­­tung hat den Pla­nern ihre Grenze auf­ge­zeigt und sie auch wie­der ein Stück demü­ti­ger gemacht. Es gibt natür­lich Aus­nah­men. Einige wenige Schmal­lip­pige kön­nen nicht anders, als bos­haft Gift zu ver­sprit­zen – brei­ten wir den Man­tel des Schwei­gens über sie. Das „Danke“ einer älte­ren Frau hat viel mehr Gewicht als das in ele­gante Worte geklei­dete Geschimpfe eines wohl­be­stall­ten Theo­re­ti­kers. Es fin­det die Wie­der­ent­de­ckung der Ärz­tin­nen und Ärzte statt. Als Arzt füge ich hinzu: auch aller ande­ren, die ganz vorne mit und bei den Men­schen ihre hel­fende Arbeit tun. Es ist jetzt die Zeit Pro­fil zu zei­gen, nicht die Zeit der Profilierungsversuche. 

Natür­lich braucht es den beson­ne­nen pla­ne­ri­schen Über­blick. Da wird manch­mal sogar zu eng gedacht, zu föde­ra­lis­tisch im engen Rah­men der eige­nen poli­ti­schen Ein­heit, zu zöger­lich, zu sehr darum bemüht, für Feh- ler, die ein­fach pas­sie­ren müs­sen in einer sol­chen Situa­tion, Schul­dige zu suchen, statt Lösun­gen. Pla­nung muss immer im Ein­klang mit der Pra­xis ste­hen. Sie muss die Wirk­lich­keit erken­nen und aner­ken­nen. Pla­ner müs­sen ent­schei­den, aber sie müs­sen auch zuhö­ren kön­nen. Wenn das als Erkennt­nis aus die­ser Krise gezo­gen wird, kön­nen aus den Sys­tem­schwä­chen, die sich nur in der Pra­xis zei­gen, die rich­ti­gen Schlüsse gezo­gen wer­den. Dann sind wir viel­leicht für das nächste der­ar­tige Ereig­nis noch bes­ser vorbereitet.

Die SARS-CoV-2-Pan­­de­­mie belas­tet das Sys­tem immens. Sie belas­tet aber genauso die Men­schen, die für die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung einen fast über- mensch­li­chen Ein­satz erbrin­gen. Die Spi­tals­ärzte in den Ambu­lan­zen und in den Sta­tio­nen, aber auch die Haus- und Fach­ärzte in den Regio­nen sind unge­mein wich­tig – und tröst­lich für die Men­schen. Camillo Ber­toc­chi, der Bür­­ger- meis­ter von Alzano, der lom­bar­di­schen Stadt, in der die ers­ten ita­lie­ni­schen SARS-CoV-2-Fälle in Ita­lien bekannt wur­den, hat es in einem ORF-Inter­­view so aus­ge­drückt: „Wir machen uns Sor­gen um das Netz der Haus­ärzte, dar­über spricht aber fast niemand“.

Wir spre­chen schon dar­über und fügen hinzu: All die Ärz­tin­nen und Ärzte, aber auch andere Gesund­heits­be­rufe, die zusam­men­hal­ten, um die SARS- CoV-2-Krise zu bewäl­ti­gen, die ihre Pati­en­ten ver­sor­gen, unter oft schwie­ri­gen Bedin­gun­gen, sind die Hel­din­nen und Hel­den die­ser Pandemie.

Dr. Her­wig Lind­ner
1. Vize-Prä­­si­­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2020