Ärzte in Aus­bil­dung: „Unan­ge­zapf­tes Wissen”

10.04.2020 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

Die Aus­bil­dung an der Neu­ro­lo­gie am Kli­ni­kum Wels-Gries­­kir­chen erhielt gute Bewer­tun­gen. Der Abtei­lungs­lei­ter Raffi Topa­kian spricht über Wert­schät­zung und warnt vor einer mög­li­chen Unter- und Fehl­ver­sor­gung.
Sophie Nie­denzu

Ihre Abtei­lung wurde von Ärz­ten in all­ge­mein­me­di­zi­ni­scher Aus­bil­dung sehr gut bewer­tet. Was ist Ihr Erfolgs­re­zept?
Inte­gra­tion ist das Zau­ber­wort. Wir neh­men die Nach­wuchs­ärzte freund­lich und wert­schät­zend auf. Das fängt an mit der Begrüßung, Vor­stel­lung und der Einführung in den neu­ro­lo­gi­schen Sta­tus und Arbeits­all­tag an und setzt sich mit unter Obser­vanz durchgeführten ers­ten Lum­bal­punk­tio­nen und ähn­li­chem fort. Es wird auf Augen­höhe kom­mu­ni­ziert, sei­tens des Fach­per­so­nals wer­den kli­ni­sche Per­len und Fall­stri­cke oft spon­tan und mit einer guten Prise Humor erzählt. Die Tur­nus­ärzte neh­men Pati­en­ten auf, üben den auch für den All­ge­mein­me­di­zi­ner so wich­ti­gen neu­ro­lo­gi­schen Sta­tus und betei­li­gen sich aktiv am Pati­en­ten­ma­nage­ment bzw. den Fall­dis­kus­sio­nen. Ein Teil der Aus­bil­dung erfolgt auf der Nor­mal­sta­tion, ein ande­rer Teil im Stroke Unit- und Akut­neu­ro­lo­gie­sek­tor. Akut­pa­ti­en­ten wer­den gemein­sam ver­sorgt, wäh­rend sich die Tur­nus­ärzte
bei nicht dring­li­chen Fäl­len selbst ein Bild machen und danach das Fach­per­so­nal hin­zu­zie­hen. Diese Her­an­ge­hens­weise stei­gert das Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, maxi­miert den Lern­er­folg und macht neben­bei auch Spaß. Neben dem Bedside-Tea­ching gibt es regel­mä­ßige Mor­gen­fort­bil­dun­gen und spe­zi­elle Tur­nus­arzt­fort­bil­dun­gen. Im Rah­men der Mor­gen­be­spre­chun­gen hal­ten unsere Ärz­tin­nen und Ärzte in Aus­bil­dung Refe­rate, etwa über eine lehr­rei­che Kasu­is­tik, eine neue Leit­li­nie oder eine bemer­kens­werte Stu­di­en­pu­bli­ka­tion. Es gibt auch ein paar unge­schrie­bene Regeln: So wird nach einer ers­ten erfolg­reich durchgeführten Lum­bal­punk­tion Kuchen mitgebracht.

Wel­che Her­aus­for­de­run­gen, bezo­gen auf Ihr Fach, gibt es für ange­hende All­ge­mein­me­di­zi­ner?
Es besteht manch­mal ein fürchterlicher Respekt, eine regel­rechte Neuro-Angst, am ehes­ten ver­gleich­bar mit der Mathe-Pho­­bie vie­ler in mei­ner Schul­zeit. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es beson­ders schlimm, dass für All­ge­mein­me­di­zi­ner in Öster­reich die Neu­ro­lo­gie kein Pflicht‑, son­dern nur ein Wahl­fach ist. Es gibt aber sehr viele neu­ro­lo­gi­sche Not­fälle, vom Schlag­an­fall über Enze­pha­li­tis bis Sta­tus epi­lep­ti­cus, oder auch Volks­krank­hei­ten wie Migräne und Poly­neu­ro­pa­thie. Von den drei Krank­hei­ten Schlaganfall/​Parkinson/​Demenz wird zumin­dest eines jeden drit­ten Mann und sogar jede zweite Frau betreffen.

Wo wird das Feh­len von neu­ro­lo­gi­schem Know-how der künftigen All­ge­mein­me­di­zi­ner hinführen?
Die Gesund­heits­po­li­tik muss hier schleu­nigst einen ande­ren Kurs ein­schla­gen, sonst gehen wir in Rich­tung Unter- und Fehl­ver­sor­gung von Men­schen mit neu­ro­lo­gi­schen Krank­heits­bil­dern. Gibt es Maß­nah­men, die aus Ihrer Sicht getä­tigt wer­den müssten, damit die Arzt­aus­bil­dung an Qua­li­tät gewinnt? Hin­sicht­lich Aus­bil­dung hin­ken wir dem anglo­ame­ri­ka­ni­schen Raum hin­ter­her. Dort ist die Qua­li­tät der Aus­bil­dung ent­schei­dend im Wett­be­werb der Uni­ver­si­tä­ten und Kran­ken­an­stal­ten um die bes­ten Köpfe und Her­zen. Die Bedeu­tung der Aus­bil­dung muss bei uns wei­ter auf­ge­wer­tet wer­den. Wir brau­chen päd­ago­gisch und didak­tisch ver­sierte, modernste Tech­no­lo­gien ein­set­zende Leh­rende, die das als struk­tu­rier­tes Kar­rie­re­mo­dell ver­fol­gen kön­nen – ent­spre­chend frei­ge­spielt und adäquat ent­lohnt. Gerade ältere Mit­ar­bei­ter hät­ten unschätz­bar viel kli­ni­sche Erfah­rung wei­ter­zu­ge­ben, die­ses Know-how bleibt häu­fig „unan­ge­zapft“. Zu ver­schult sollte es aber den­noch nicht wer­den, Eigen­in­itia­tive und Selbst­or­ga­ni­sa­tion soll­ten belohnt werden.

Wenn Sie an Ihre eigene Ärz­teaus­bil­dung zurückdenken – wel­che Unter­schiede zu heute gibt es?
Aus­bil­dung war früher nicht so struk­tu­riert, es war mehr lear­ning by doing. Und das doing war der­art enorm, dass für das being nicht mehr viel Zeit blieb. Es kam sehr viel auf Eigen­in­itia­tive an. Ich habe aber das Glück, eine ins­ge­samt gute Tur­­nus- und Fach­arzt­aus­bil­dung durch­lau­fen zu haben, mit meh­re­ren wohl­wol­len­den Ärt­ztin­nen und Ärz­ten und Vor­bil­dern. Aber natürlich ver­brach­ten wir früher viel mehr Zeit im Kran­ken­haus. Je kürzer die Kon­takt­zei­ten von Ärz­ten und Pati­en­ten einer­seits, und Fach- und Tur­nus­ärz­ten ande­rer­seits, desto schlech­ter ist die Kom­mu­ni­ka­tion und Qua­li­tät des Geleis­te­ten. Aber viel­leicht hilft uns hier die Inte­gra­tion der künstlichen Intel­li­genz in den kli­ni­schen All­tag. KI könnte neue Zeit­res­sour­cen schaf­fen und hel­fen, die Spreu vom Wei­zen zu tren­nen, etwa in der Dia­gnos­tik und Fehlervermeidung. 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 7 /​10.04.2020