Masern­aus­bruch in Öster­reich: Phä­no­men Impfskepsis

25.04.2019 | Poli­tik


Öster­reich ver­zeich­net neu­er­lich einen Masern-Aus­­­bruch, dies­mal in Kärn­ten. Bis­lang sind zehn Masern­fälle bestä­tigt, vier Betrof­fene hos­pi­ta­li­siert. Exper­ten rech­nen nach Ostern – wegen der lan­gen Inku­ba­ti­ons­zeit – mit wei­te­ren Erkran­kungs­fäl­len. In Vor­arl­berg wie­derum konnte nach einem Masern-Ver­­­d­achts­­fall in der Volks­schule Göfis mitt­ler­weile Ent­war­nung gege­ben wer­den.

Andrea Rie­del

„… ein bis­serl Imp­fen genügt nicht“, bringt es Rudolf Schmitz­ber­ger, Lei­ter des Impf­re­fe­rats der ÖÄK auf den Punkt. „Der aktu­elle Masern-Aus­­­bruch in Kärn­ten sollte allen vor Augen füh­ren, dass die Vor­gabe der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion von 95 Pro­zent Durch­imp­fungs­rate als Vor­aus­set­zung für einen trag­fä­hi­gen Gemein­­schafts- oder Her­den­schutz nicht ver­han­del­bar ist.“ Das Phä­no­men der Impf­skep­sis spe­zi­ell in ten­den­ti­ell höher gebil­de­ten, urba­nen Krei­sen kennt man auch in Kärn­ten. So wurde noch vor Redak­ti­ons­schluss bekannt: Die Eltern der drei Schü­ler jenes Gym­na­si­ums, das infolge der Masern­er­kran­kung eines Bur­schen am 5. April geschlos­sen blei­ben musste, wei­ger­ten sich hart­nä­ckig, ihre Kin­der imp­fen zu las­sen. Und das, obwohl man sie – wie die Eltern aller Schü­ler, die am sel­ben Stock­werk wie der Infi­zierte waren – zur Abklä­rung des Impf­sta­tus ange­ru­fen und ein­dring­lich über die Gefähr­lich­keit der Erkran­kung auf­ge­klärt hatte. Hier appel­lier­ten sogar Ärzte ver­geb­lich an das Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein. Die drei unge­impf­ten Schü­ler ver­säu­men einige Unter­richts­tage, da sie erst nach der Inku­ba­ti­ons­zeit – also nach dem 26. April – wie­der in die Schule dür­fen, sofern sie bis dahin nicht selbst an Masern erkrankt sind. Dass den­noch rund 90 Pro­zent der Kin­der im Pflicht­schul­al­ter zumin­dest ein­mal geimpft sind, sei auch dem gut funk­tio­nie­ren­den Sys­tem der Schul­imp­fun­gen zu ver­dan­ken, erklärt Heimo Wal­lenko, Sach­ge­biets­lei­ter Infek­ti­ons­schutz im Amt der Kärnt­ner Lan­des­re­gie­rung, und ergänzt: „Die Kärnt­ner Daten beru­hen auf ver­ab­reich­ten, abge­rech­ne­ten Impf­char­gen“, wäh­rend das Gesund­heits­mi­nis­te­rium zur Eva­lu­ie­rung der Masern-Durch­­­im­p­­fungs­­ra­­ten bekannt­lich ein „dyna­mi­sches agen­ten­ba­sier­tes Simu­la­ti­ons­mo­dell“ der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien einsetzt.

Die Kärnt­ner Schul­ärz­tin­nen und Schul­ärzte imp­fen im Pflicht­schul­be­reich im Auf­trag des Lan­des als Amts­ärzte. Poten­ti­elle Haf­tungs­fra­gen sind daher zu 100 Pro­zent Lan­des­sa­che. Lang­sam mache sich Per­so­nal­knapp­heit aber auch bei den Schul­ärz­ten bemerk­bar – „vor­erst sind die Lücken noch über­brück­bar“, so Wal­lenko. „Der Masern­aus­bruch bringt Gesund­heits­äm­ter und Arzt­pra­xen zum Glü­hen“. Sehr gut funk­tio­niere die Koope­ra­tion mit den Betriebs­ärz­ten, die enga­giert und pro­ak­tiv Impf­ak­tio­nen durch­führ­ten. Doch auch in Kärn­ten weise spe­zi­ell die Gruppe der jun­gen Erwach­se­nen große Impflü­cken auf. Hier brau­che es sicher noch mehr gezielte Auf­klä­rung. Immer­hin näh­men sehr viele 20- bis 40-Jäh­­rige die aktu­el­len Impf­an­ge­bote an.

Auch Petra Preiss, Prä­si­den­tin der Ärz­te­kam­mer für Kärn­ten, weiß, was die Kärnt­ner Ärz­tin­nen und Ärzte der­zeit leis­ten: „Die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen arbei­ten wirk­lich super und es freut mich sehr, dass die Lan­des­sa­ni­täts­di­rek­tion sich expli­zit für den Ein­satz bedankt hat. Man hat uns übri­gens infor­miert, dass bei Visi­ten durch­ge­führte Imp­fun­gen noch geson­dert hono­riert wer­den.“ Schließ­lich appel­liere man an die Bevöl­ke­rung, beim Ver­dacht auf Masern zu Hause zu blei­ben und ärzt­li­che Haus­be­su­che abzu­war­ten. „Wir müs­sen alles daran set­zen, dass das Virus nicht auch noch in Berei­chen, in denen ohne­hin vul­nerable Men­schen auf engs­tem Raum bei­sam­men sind, wüten kann.“ Auch die Gesund­heits­äm­ter schöp­fen alle Kapa­zi­tä­ten aus, um Impf­wil­li­gen erwei­terte Öff­nungs­zei­ten bie­ten zu kön­nen. Impf­stoff war vor Ostern noch aus­rei­chend vor­han­den, wurde aber bereits vor­sorg­lich nachbestellt.

Imp­fung auf Sri Lanka nachgeholt

Auf Hoch­tou­ren läuft außer­dem die „Detek­tiv­ar­beit“ der Gesund­heits­be­hör­den, um sämt­li­che Kon­takte der an Masern erkrank­ten Per­so­nen zu eru­ie­ren. Im Fall des zehn­jäh­ri­gen Kla­gen­fur­ter Gym­na­si­as­ten, der bereits in der infek­tiö­sen Phase mit dem Kla­gen­fur­ter Eis­ho­ckey­ver­ein (KAC) im slo­we­ni­schen Bled auf Trai­nings­la­ger gewe­sen war, wur­den die Daten von sämt­li­chen Mit­rei­sen­den sofort an das Gesund­heits­mi­nis­te­rium über­mit­telt, damit die slo­we­ni­schen Behör­den ohne Zeit­ver­lust infor­miert wer­den konn­ten. „Ein Eltern­paar, das unmit­tel­bar vor einer Sri Lanka-Reise mit sei­nem Kind am Eltern-Kind-Zen­­trum im Kli­ni­kum Kla­gen­furt war, haben wir umge­hend am Urlaubs­ort aus­fin­dig gemacht und infor­miert. Bin­nen 24 Stun­den konnte sich die ganze Fami­lie in Sri Lanka imp­fen las­sen“, berich­tet Wal­lenko. Alle Kärnt­ner Bezirks­ver­wal­tungs­be­hör­den seien mit der „Stan­dard­ver­fah­rens­an­lei­tung für per­so­nen­be­zo­gene Kon­­troll- und Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men“ des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums bes­tens ver­traut. Den­noch gestal­ten sich die Ermitt­lun­gen bei einer so hoch­in­fek­tiö­sen Erkran­kung wie Masern äußerst auf­wen­dig. Hieb- und stich­feste Anga­ben zum Ursprung des Masern­aus­bruchs in Kärn­ten stan­den zu Redak­ti­ons­schluss (23.4.) noch nicht fest.

Sehr viele Kärnt­ner eröff­nen tra­di­tio­nel­ler­weise zu Ostern die „Strand­sai­son“ an der obe­ren Adria. Das Risiko, sich in Ita­lien mit Masern zu infi­zie­ren, ist beacht­lich; inner­halb Euro­pas ist die Anste­ckungs­ge­fahr nur in Frank­reich und Grie­chen­land noch grö­ßer. Gefragt, ob er für die Zeit nach Ostern einen star­ken Anstieg durch ein­ge­schleppte Masern­fälle erwarte, erklärt Wal­lenko: „Mit wei­te­ren Erkran­kun­gen rech­nen wir nach Auf­tre­ten des ers­ten Fal­les Anfang April ohne­hin – unab­hän­gig vom Rei­se­ver­kehr. Und Ita­lien ist nun ein­mal ums Eck. Der Kon­takt mit dem Nach­bar­land ist das ganze Jahr über rege.“

Im Zwei­fel ins Labor

Wenn für eine gesi­cherte Dia­gnose eine Labor­un­ter­su­chung not­wen­dig ist, soll­ten Ärzte kei­nes­falls zögern, beto­nen sowohl der Sach­ge­biets­lei­ter Infek­ti­ons­schutz im Amt der Kärnt­ner Lan­des­re­gie­rung als auch Kärn­tens Ärz­­te­­kam­­mer-Prä­­si­­den­­tin Preiss. In der aktu­el­len Kri­sen­si­tua­tion stand das Rote Kreuz sogar über Ostern für den Trans­port der Pro­ben ins Zen­tral­la­bor am Kli­ni­kum Kla­gen­furt zur Ver­fü­gung. Des­sen Lei­te­rin Sabine Sus­­­sitz-Rack emp­fiehlt: „Bei Pati­en­ten mit aku­ten kli­ni­schen Sym­pto­men sollte ein Nach­weis von IGM- und IgG-Anti­­kör­­pern mit­tels Blut­probe erfol­gen. Der­zeit nut­zen wir sämt­li­che Kapa­zi­tä­ten, um bin­nen 24 Stun­den ein Ergeb­nis zu lie­fern. Zusätz­lich sollte man die Pati­en­ten auf­for­dern, Spei­chel­se­kret mehr­mals durch die Zahn­zwi­schen­räume zu zie­hen, und diese Probe in einem neu­tra­len Gefäß eben­falls dem Roten Kreuz mit­ge­ben. Das lei­ten wir dann an die Natio­nale Refe­renz­zen­trale in Wien wei­ter, die auch noch eine mole­ku­lare Unter­su­chung, die Masern-Virus-PCR, zum Nach­weis von Virus-Erb­­gut durchführt.“

Eine Labor­dia­gnose hat nach einer ban­gen Woche Ent­war­nung für Vor­arl­berg gebracht: Wegen eines Masern-Ver­­­d­achts­­falls musste eine Volks­schule in Göfis geschlos­sen wer­den, das gesamte Kri­sen­ma­nage­ment lief sie­ben Tage lang auf Hoch­tou­ren. Weil vom Lehr­per­so­nal nur die Direk­to­rin nach­weis­lich kor­rekt geimpft war, wur­den sämt­li­che Leh­rer per Abson­de­rungs­be­scheid unter Qua­ran­täne gestellt, die regu­lär 18 Tage gedau­ert hätte. Der Impf­sta­tus von mehr als zwei­hun­dert Kon­takt­per­so­nen war zu über­prü­fen. Kurz vor Ostern war klar, dass das erkrankte Kind defi­ni­tiv keine Masern-Anti­­kör­­per auf­wies. Wie Lan­des­sa­ni­täts­di­rek­tor Wolf­gang Grab­her betonte, sei der Fall zwar glimpf­lich ver­lau­fen, den­noch habe er gezeigt, dass es auch im Ländle Nach­hof­be­darf gebe. Der Prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer Vor­arl­berg, Michael Jonas, rief daher alle Ärzte auf, jeden Pati­en­ten­kon­takt für eine Über­prü­fung des Impf­sta­tus zu nut­zen. Im Rah­men des „dezen­tra­len“ Vor­arl­ber­ger Impf­sys­tems sind knapp 200 Ärz­tin­nen und Ärzte für die Imp­fung von Kin­dern und Jugend­li­chen bis zum 15. Lebens­jahr zustän­dig. Sie sind eigens vom Land bestellt, das daher auch in jedem Fall die Haf­tung übernimmt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 8 /​25.04.2019