Inter­view Ben Segen­reich: Medi­zin zwi­schen Inno­va­tion und Mangel

10.06.2019 | Poli­tik


Seit mitt­ler­weile mehr als drei Jahr­zehn­ten lebt der ehe­ma­lige ORF-Kor­­re­­s­pon­­dent Ben Segen­reich in Israel. Im Gespräch mit Ursula Jun­g­­meier-Scholz berich­tet er von per­sön­li­chen Erfah­rung mit dem israe­li­schen Gesund­heits­sys­tem, wie Aben­dam­bu­lan­zen funk­tio­nie­ren und vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen das Gesund­heits­sys­tem ins­ge­samt steht. 

Sie leben in einem Land, das in inter­na­tio­na­len Ran­kings jeweils zu den bes­ten zehn der Welt gezählt wird. Was macht das israe­li­sche Gesund­heits­sys­tem bes­ser als das ande­rer Län­der? Gerankt und inter­na­tio­nal hoch­ge­schätzt wird vor allem die medi­zi­ni­sche For­schung in Israel. Ob die Gesund­heits­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung wirk­lich Welt­spitze ist, kann ich nicht beur­tei­len. Ich glaube, in Öster­reich ist man min­des­tens so gut ver­sorgt. Man muss das getrennt betrach­ten: Da gibt es einer­seits For­schung und Ent­wick­lung auf einem sehr hohen Niveau und Fir­men von Welt­ruf wie die Phar­ma­firma Teva. Aber in Bezug auf Spi­tä­ler und Ärzte würde ich mich nicht zu sagen trauen, dass Israel im Spit­zen­feld liegt.

Wie erle­ben Sie selbst das israe­li­sche Gesund­heits­sys­tem? Das per­sön­li­che Erle­ben als Pati­ent in Israel ist zwei­zu­tei­len: Die Ärzte in den Spi­tä­lern sind sehr gut, aber wenn man ein Kran­ken­haus­bett braucht, hat man manch­mal sogar das Gefühl, dass man in der Drit­ten Welt ist, weil die Kran­ken­häu­ser so über­las­tet sind. Oft ste­hen Bet­ten in den Kor­ri­do­ren. Die Ärzte machen meist einen sehr kom­pe­ten­ten Ein­druck und das Per­so­nal ist gut. Aber es fehlt oft an dem, was man nicht unbe­dingt braucht.

Sie haben ja ein beson­de­res Erleb­nis im Zusam­men­hang mit dem Bein­bruch Ihrer Toch­ter gehabt…
Das ist jetzt schon einige Jahre her. Meine jün­gere Toch­ter ist in der Schule von einem Baum gesprun­gen und hat sich dabei das Bein ver­letzt. Dar­auf­hin haben wir getan, was man in so einem Fall in Israel tut: Hier gibt es eine Ein­rich­tung der Kran­ken­kas­sen, eine Art Ambu­la­to­rium für Not­fälle, die für Kin­der ab 16 Uhr offen­steht und für Erwach­sene ab 19 Uhr. Dort geht man hin, wenn man nicht unbe­dingt glaubt, ins Spi­tal zu müs­sen, aber drin­gend einen Arzt braucht. Dort sit­zen All­ge­mein­me­di­zi­ner und All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin­nen, die man in Israel Fami­li­en­ärzte nennt, und Ortho­pä­den, eben wenn man einen Unfall gehabt hat. Es gibt die Mög­lich­keit, sehr rasch eine Rönt­gen­auf­nahme zu machen, ein Blut­bild oder einen Ultra­schall. Dort­hin sind wir mit unse­rer Toch­ter gefah­ren. Sie wurde geröntgt und der Arzt hatte Beden­ken, weil der Bruch in der Nähe der Wachs­tums­fuge war. Dar­auf­hin sind wir doch in die Not­auf­nahme gefah­ren. Der behan­delnde Ortho­päde machte einen sehr kom­pe­ten­ten Ein­druck und hat unse­rer Toch­ter den Bruch ein­ge­rich­tet. Aber sie musste über Nacht zur Kon­trolle im Spi­tal blei­ben. Das war kein schö­nes Erleb­nis: in einem über­füll­ten Raum, in dem die Eltern am Boden auf einer Matratze neben ihren Kin­dern lagen. Jemand hat gemeint, dass Kaker­la­ken her­um­lau­fen wür­den. Das cha­rak­te­ri­siert die Lage ein biss­chen: Man ist medi­zi­nisch in der Lage, auch auf sehr Spe­zi­el­les zu reagie­ren, aber das ganze Drum­herum ist mangelhaft.

Der­zeit gibt es in den israe­li­schen Medien Berichte, es gebe eine Ten­denz zur Zwei-Klas­­sen-Medi­­­zin, die öffent­li­chen Spi­tä­ler seien über­füllt… Ist eine Ver­schlech­te­rung spür­bar? Nein, eine Ver­schlech­te­rung ist nicht spür­bar. Das Sys­tem in Israel ist ziem­lich gut. Es gibt vier Kran­ken­kas­sen, die mit­ein­an­der auch in Kon­kur­renz ste­hen, die größte ist die ‚All­ge­meine Kran­ken­kassa‘, die zur Staats­grün­dung 1948 ins Leben geru­fen wurde. Jeder kann sofort Mit­glied bei einer Kran­ken­kassa sei­ner Wahl wer­den und zahlt zur Sozi­al­ver­si­che­rung eine Gesund­heits­steuer. Wenn er sie nicht zahlt, ist er trotz­dem gesund­heits­ver­si­chert. Dann muss eben die Steuer bei ihm ein­ge­trie­ben wer­den. Ich würde kei­nes­wegs sagen, dass das medi­zi­ni­sche Sys­tem rück­läu­fig ist. Was man natür­lich immer im Auge behal­ten muss: Israel ist ein win­zi­ges Land, das sehr stark bevöl­kert ist und es gibt ein sehr dyna­mi­sches Bevöl­ke­rungs­wachs­tum. Das heißt, auch die Spi­tä­ler sind immer mehr gefor­dert und belegt. Aber grund­sätz­lich ist man in Israel gut ver­sorgt. Die israe­li­schen Ärzte haben eine gute Aus­bil­dung, sind sehr ange­se­hen – zum Bei­spiel im Bereich der Stamm­zel­len­for­schung – die Anzahl der Publi­ka­tio­nen und Patente pro Kopf ist hoch. In vie­len Berei­chen hat Israel die Nase vorn.

War die Gesund­heits­ver­sor­gung im ver­gan­ge­nen Wahl­kampf ein Thema?
Eigent­lich nicht. In Wahl­kämp­fen – so auch im letz­ten – ist das Ent­schei­dende doch immer wie­der die sicher­heits­po­li­ti­sche Situa­tion. Alle ande­ren Dinge kom­men eher am Rande vor. Natür­lich spü­ren die Leute die Situa­tion in den Spi­tä­lern am eige­nen Leib. Aber bevor man dar­über spricht, dis­ku­tiert man eher die hohen Preise, die Woh­nungs­si­tua­tion und die teils über­füll­ten Schul­klas­sen. Ein wirk­li­ches Thema ist die Gesund­heits­ver­sor­gung nicht.

Warum nicht? Das habe ich mir nie über­legt. Aber es ist viel­leicht eine psy­cho­lo­gi­sche Frage. Die Israe­lis – und das haben sie viel­leicht mit den Öster­rei­chern gemein­sam – jam­mern über vie­les. Aber wenn es drauf ankommt, bei Wah­len zum Bei­spiel, ist doch wie­der die Grund­si­tua­tion das Ent­schei­dende: die Bedro­hung von außen.

Israel hat eine auf­fal­lend hohe Lebens­er­war­tung, die auch dar­auf zurück­ge­führt wird, dass man Big Data für Prä­ven­ti­ons­pro­gramme nutzt. Regt sich da in der Bevöl­ke­rung kein Wider­stand gegen den ‚glä­ser­nen Pati­en­ten‘? Davon habe ich nichts gehört, auch nicht, dass man glä­ser­ner Pati­ent ist. Ich hätte eine ganz andere Inter­pre­ta­tion: Obwohl viel­leicht der Stress höher ist, es gibt Kon­flikte und der wirt­schaft­li­che Druck ist grö­ßer, ernäh­ren sich die Israe­lis ver­nünf­ti­ger mit viel Obst und Gemüse. Und ich meine als medi­zi­ni­scher Laie, dass das eine ziem­lich große Rolle spie­len kann. Mög­li­cher­weise hat es auch etwas mit der men­ta­len Ein­stel­lung zu tun. Im World Hap­pi­ness Report der UNO liegt Israel immer prak­tisch gleich­auf mit Öster­reich. Die Israe­lis – trotz aller Kriege und Bedro­hun­gen – füh­len sich glücklich. 

Wie sehen Sie als ehe­ma­li­ger Sof­t­­ware-Ent­­­wick­­ler das Fak­tum, dass alle Gesund­heits­da­ten mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den? Da sam­melt sich doch sehr viel Wis­sen an einem Punkt… Das kann ich inso­fern bestä­ti­gen als ich weiß, dass mein Fami­li­en­arzt auf sei­nem Schirm meine ganze medi­zi­ni­sche Geschichte sieht: wann ich unter­sucht wurde, wel­che Medi­ka­mente ich genom­men habe, alle meine Test­ergeb­nisse. Ich per­sön­lich emp­finde das als posi­tiv und fühle mich nicht aus­spio­niert. In Europa hat man so eine uner­hörte Angst davor, durch­leuch­tet zu wer­den. In Israel hat man aus der Grund­si­tua­tion her­aus eine andere Ein­stel­lung. Dort sieht man es als posi­tiv an, wenn in Rich­tung Ter­ror­prä­ven­tion mög­lichst viel Infor­ma­tion gesam­melt wird. Wenn Sie mich per­sön­lich fra­gen: Es ist mir nütz­lich, wenn ein Medi­zi­ner mehr über mich weiß.

In Öster­reich haben wir ein Sys­tem der Pflicht­ver­si­che­rung und in Israel gibt es eine Ver­si­che­rungs­pflicht. Wel­ches Sys­tem bewährt sich bes­ser? Ziel muss es ja sein, die Bevöl­ke­rung mög­lichst umfas­send zu ver­si­chern. Dass jeder eine Behand­lung bekommt, wenn er sie braucht. In Israel ist das inso­fern gewähr­leis­tet, als jeder zu jeder Kran­ken­kasse gehen kann und die muss ihn noch in die­ser Stunde auf­neh­men. Das ist aus mei­ner Sicht ein Idealzustand.

Gibt es eine beson­dere Her­aus­for­de­rung, der sich das israe­li­sche Gesund­heits­sys­tem in naher Zukunft zu stel­len haben wird? Eine stän­dige Her­aus­for­de­rung ist das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum. Es gibt einige Teile der Bevöl­ke­rung, die enorme Gebur­ten­ra­ten haben, das sind die streng reli­giö­sen Juden und die ara­bi­schen Bür­ger Isra­els. Bei den streng reli­giö­sen Juden bekommt eine Frau durch­schnitt­lich sie­ben Kin­der und auch in der übri­gen Bevöl­ke­rung haben die Fami­lien im Schnitt drei Kin­der. Die­ses Bevöl­ke­rungs­wachs­tum ist eine Her­aus­for­de­rung in jede Rich­tung: Man muss die Men­schen mit Was­ser ver­sor­gen in einem Wüs­ten­klima – und man muss die ent­spre­chen­den medi­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen schaffen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11/​10.06.2019