Nagel­dys­tro­phie: Ver­än­de­run­gen mit vie­len Ursachen

Mai 2019 | Medi­zin


Bei Nagel­ver­än­de­run­gen soll­ten nicht nur die Art der Dys­tro­phie, son­dern auch die Zahl der Nägel und wel­che von ihnen betrof­fen sind, beur­teilt wer­den. An brü­chi­gen Nägeln lei­den rund 20 Pro­zent der Bevöl­ke­rung, vor allem Frauen und ältere Men­schen sind davon betrof­fen.

Irene Mle­kusch

Viele Nagel­dys­tro­phien ver­än­dern sich über die Zeit. Dabei kann ein patho­lo­gi­sches Nagel­wachs­tum von Stö­run­gen im Bereich der Nagel­platte oder Matrix selbst, des Nagel­betts oder des umlie­gen­den Gewe­bes aus­ge­hen. Bei der Abklä­rung von Nagel­ver­än­de­run­gen sollte daher nicht nur die Art der Dys­tro­phie beur­teilt wer­den, son­dern auch wel­che und wie viele Nägel betrof­fen sind, erklärt Univ. Prof. Franz Trau­tin­ger von der Abtei­lung für Haut- und Geschlechts­krank­hei­ten am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum St. Pöl­ten. Ver­än­de­run­gen in Struk­tur, Farbe und Form des Nagels oder der Nägel geben ebenso einen Hin­weis auf die Ursa­che wie die Beschaf­fen­heit der Haut im All­ge­mei­nen und der Gesund­heits­zu­stand des Pati­en­ten ins­ge­samt. Die Nagel­dys­tro­phien rei­chen dabei von dis­kre­ten Ver­än­de­run­gen bis zur voll­stän­di­gen Nagel­zer­stö­rung mit Unter­gang der Nagel­ma­trix.

Quer­ril­len oder so genannte Beau-Linien wei­sen auf eine vor­über­ge­hende Hypo­pro­li­fe­ra­tion der Nagel­ma­trix hin. Ursa­che kön­nen lokale Trau­men sein, lokale Haut­er­kran­kun­gen wie Paro­nychie, sys­te­mi­sche Erkran­kun­gen wie zum Bei­spiel fie­ber­hafte Infekte und Medi­ka­mente wie bei­spiels­weise Zyto­sta­tika. Längs­ril­len fin­den sich dage­gen bei lang­an­dau­ern­der Ver­min­de­rung des Nagel­wachs­tums durch rezi­di­vie­rende trau­ma­ti­sche Ein­wir­kun­gen auf die Nagel­ma­trix. Eine Son­der­form dabei stellt die Ony­cho­dys­tro­phia medi­ana cana­li­for­mis dar, wel­che sich durch eine median gele­gene Fur­che vor­wie­gend im Bereich der Dau­men­nä­gel dar­stellt. Mul­ti­ple Längs­rie­fe­lun­gen fin­den sich auch phy­sio­lo­gisch mit zuneh­men­dem Alter als alters­be­dingte Nage­la­tro­phie sowie bei chro­nisch ent­zünd­li­chen Ver­än­de­run­gen wie Lichen ruber pla­nus, rheu­ma­to­ider Arthri­tis, peri­phe­rer arte­ri­el­ler Ver­schluss­krank­heit oder Mor­bus Darier.

Fal­sche Nagel­pflege und exo­gene Faktoren

Etwa 20 Pro­zent der Bevöl­ke­rung lei­den an brü­chi­gen Nägeln, dabei sind vor allem Frauen und ältere Men­schen betrof­fen. „Brü­chige Nägel stel­len eine Belas­tung für viele Pati­en­ten dar. Aber nur sel­ten liegt die Ursa­che in einer sys­te­mi­schen Erkran­kung oder Man­gel­er­schei­nun­gen, son­dern im Nagel selbst“, betont Trau­tin­ger. Fal­sche Nagel­pflege oder andere exo­gene Fak­to­ren wie Feucht­ar­beit, mecha­ni­sche Schä­di­gun­gen, Berufs­no­xen oder Nagel­kos­me­tika – vor allem Nagel­lack­ent­fer­ner – tra­gen zur Auf­split­te­rung der Nagel­platte (Ony­chor­r­he­xis) oder des dista­len Nagel­an­teils (Ony­cho­schi­sis) bei. Trau­tin­ger emp­fiehlt, bei kli­nisch gesun­den Pati­en­ten auf eine Durch­un­ter­su­chung zu ver­zich­ten und statt­des­sen die Noxen zu iden­ti­fi­zie­ren und auszuschalten.

Eine Trau­ma­ti­sie­rung der gesam­ten Breite der Nagel­ma­trix äußert sich in wel­len­ar­ti­gen Quer­li­nien und Frag­men­tie­run­gen der Nagel­platte, was auch als Trach­y­onychie bezeich­net wird. Sind nahezu alle Nägel betrof­fen, spricht man vom „Twenty nail syn­drome“ wel­ches sich haupt­säch­lich bei Kin­dern fin­det und ent­we­der idio­pa­thisch oder in Ver­bin­dung mit ande­ren Haut­er­kran­kun­gen wie Pso­ria­sis, Lichen ruber pla­nus, Alo­pe­zia areata oder ato­pi­scher Der­ma­ti­tis auf­tritt. Bei unge­fähr 50 bis 80 Pro­zent der erkrank­ten Kin­der ver­schwin­det die Nägel­ver­än­de­rung spon­tan nach eini­gen Jah­ren. Bei älte­ren Men­schen und ver­wahr­los­ten Pati­en­ten fin­den sich vor allem im Bereich der Groß­ze­hen manch­mal ver­dickte, zopf­ar­tig ver­drehte, klau­en­ar­tige Nägel mit gelb-brau­­ner Ver­fär­bung und deut­li­chem Län­gen­wachs­tum. Diese als Ony­cho­gry­phose bezeich­nete Form der Nagel­dys­tro­phie wird durch man­gelnde Pflege in Ver­bin­dung mit Durch­blu­tungs­stö­run­gen, Hal­lux val­gus oder enges Schuh­werk verursacht.

Hilfs­mit­tel Dermatoskopie

Priv. Doz. Bar­bara Böckle von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Der­ma­to­lo­gie, Venero­lo­gie und All­er­go­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck sieht in der Der­ma­to­sko­pie ein wich­ti­ges dia­gnos­ti­sches Hilfs­mit­tel zur Dif­fe­ren­zie­rung von Nagel­pig­men­tie­run­gen wie lon­gi­tu­di­nale Melan­onychie und beim Mela­nom sowie zur Unter­schei­dung von Pig­men­tie­run­gen zu Häma­to­men. Rosa oder rote längs­ver­lau­fende Strei­fen in der Nagel­platte soll­ten als lon­gi­tu­di­nale Ery­thro­nychie eben­falls auf­grund ihrer viel­fäl­ti­gen Dif­fe­ren­ti­al­dia­gno­sen von Split­ter­blu­tun­gen abge­grenzt wer­den, obwohl beide Erschei­nun­gen auch gleich­zei­tig vor­han­den sein kön­nen. Liegt eine lon­gi­tu­di­nale Ery­thro­nychie nur an einem Nagel vor, so ist das ver­däch­tig für Ony­cho­pa­pil­lome, War­zen, einen Glo­mus­tu­mor oder mali­gne Erkran­kun­gen wie Mor­bus Bowen, Basal­zell­kar­zi­nom oder ein mali­gnes Mela­nom. Eine Betei­li­gung aller Nägel fin­det sich dage­gen bei Lichen pla­nus ruber, Mor­bus Darier, Amy­lo­id­ose, Hemi­ple­gie oder Graft-versus-host-Disease.

Vor allem per­ma­nente oder pro­lon­gierte Abnor­mi­tä­ten aller Nägel in Form, Dicke und Farbe kön­nen mit sys­te­mi­schen Erkran­kun­gen asso­zi­iert sein, wobei die Nagel­ver­än­de­run­gen meist sekun­där auf­tre­ten und nur sel­ten als pri­mä­res Sym­ptom zur Dia­gnose füh­ren. Mehr als die Hälfte der Pati­en­ten mit chro­ni­schen Nie­ren­er­kran­kun­gen weist Nagel­dys­tro­phien wie „half and half Nails“ oder Muehrcke-Linien auf, die sich als pro­xi­mal wei­ßer Nagel­an­teil oder als weiße Dop­pel­bän­der äußern. Uhr­glas­nä­gel sind eine Folge von Trom­­mel­­schlä­­gel-arti­­gen Ver­än­de­run­gen der End­pha­lanx, die ein­zeln oder gene­ra­li­siert auf­tre­ten bei loka­len Gefäß­ver­än­de­run­gen oder pul­mo­na­len Erkran­kun­gen, Herz­er­kran­kun­gen und sel­ten bei Leber­zir­rhose oder chro­nisch ent­zünd­li­chen Darm­er­kran­kun­gen. Hohl­nä­gel oder Löf­fel­nä­gel (Koi­lonychie) tre­ten dage­gen übli­cher­weise idio­pa­tisch auf und sind eher sel­ten bei Eisen­man­gelan­ämie oder ande­ren sys­te­mi­schen Erkran­kun­gen zu finden.

Etwa die Hälfte aller Nagel­dys­tro­phien wird durch Infek­tio­nen ver­ur­sacht. „Dabei ist die Ony­cho­my­kose, vor allem an den Zehen­nä­geln, die häu­figste Infek­tion und auch die häu­figste Nagel­er­kran­kung ins­ge­samt“, bestä­tigt Böckle. Nahezu fünf Pro­zent der Gesamt­be­völ­ke­rung lei­den welt­weit an einem Nagel­pilz. Die Erre­ger sind meist Der­mato­phy­ten, es kommt einer­seits zu einer Ver­fär­bung des Nagels, ande­rer­seits auch zu einer sub­un­gua­len Hyper­ke­ra­tose und Ver­for­mung. „Nur bei zirka 50 Pro­zent der Zuwei­sun­gen mit Fra­ge­stel­lung Ony­cho­my­kose liegt auch wirk­lich eine vor“, warnt Böckle und ver­weist auf Dif­fe­ren­ti­al­dia­gno­sen wie Pso­ria­sis, Lichen ruber pla­nus, Kon­takt­ek­zeme, exo­gene Schä­di­gun­gen ent­we­der durch Sei­fen und Deter­gen­tien im Bereich der Fin­ger­nä­gel oder durch mecha­ni­schen Druck bei engem Schuh­werk, phy­si­ka­li­sche und che­mi­sche Noxen, Medi­ka­mente, Tumo­ren wie Plat­ten­epi­thel­kar­zi­nom oder Mela­nom und auch sehr sel­tene Syn­drome wie das Yel­­low-Nail-Syn­­­drom. Das Yel­­low-Nail-Syn­­­drom geht mit einer auf­fäl­li­gen Gelb­fär­bung und Ver­di­ckung der Nägel ein­her und kann mit dem Auf­tre­ten von Lymphö­de­men und chro­ni­schen Atem­wegs­er­kran­kun­gen, als kli­ni­sche Sym­ptom­trias, asso­zi­iert sein.

Beide Exper­ten bestä­ti­gen, dass eine rein kli­ni­sche Dia­gno­se­stel­lung bei der Ony­cho­my­kose nicht aus­rei­chend ist. Böckle nennt dafür außer den oben genann­ten Dif­fe­ren­ti­al­dia­gno­sen einen wei­te­ren Grund: „Bei aus­ge­präg­tem Nagel­be­fall von mehr als 50 Pro­zent des sicht­ba­ren Nagels oder wenn die Nagel­ma­trix erreicht ist, wenn mehr als drei Nägel betrof­fen sind oder pro­xi­mal ein sub­un­gua­ler Befall vor­liegt, und somit eine sys­te­mi­sche anti­my­ko­ti­sche The­ra­pie gewählt wer­den sollte.“ Eine Blick­dia­gnose der Ony­cho­my­kose impli­ziert eine hohe Rate an falsch-posi­­ti­­ven Dia­gno­sen und somit anschlie­ßend nicht not­wen­di­gen The­ra­pien. Böckle ver­weist daher auf die Anfer­ti­gung eines Direkt­prä­pa­ra­tes (Kali­lau­gen­prä­pa­rat) bezie­hungs­weise den his­to­lo­gi­schen Nach­weis durch Nail Clip­ping oder Nagel­bi­op­sie mit­tels PAS-Reak­­tion, sowie den kul­tu­rel­len Nach­weis der Pilze der wei­ter­hin als Gold­stan­dard zur Iden­ti­fi­zie­rung des Erre­gers gilt, als auch neuere Metho­den wie PCR zum Nach­weis häu­fi­ger Der­mato­phy­ten. Trau­tin­ger emp­fiehlt bei der Indi­ka­ti­ons­stel­lung zur sys­te­mi­schen The­ra­pie den All­ge­mein­zu­stand der Betrof­fe­nen ein­zu­be­zie­hen, da die Infek­tion bei ent­spre­chen­der Fuß­pflege harm­los ist. Orale Anti­my­ko­tika sind zwar all­ge­mein gut ver­träg­lich und wirk­sam, bei älte­ren Men­schen, vor allem wenn Durch­blu­tungs­stö­run­gen, Dia­be­tes mel­li­tus, Immun­sup­pres­sion oder Poly­phar­ma­zie vor­lie­gen, ist ihr Ein­satz meist nicht sinn­voll sind. 

Die Abgren­zung zwi­schen Nagel­pso­ria­sis und Ony­cho­my­kose muss sorg­fäl­tig erfol­gen und ist Trau­tin­ger zu Folge nicht immer ein­fach, da die Erkran­kun­gen kli­nisch schwer zu unter­schei­den sind und auch zeit­gleich vor­lie­gen kön­nen. Beide Erkran­kun­gen wei­sen eine hohe Prä­va­lenz auf, die Pso­ria­sis ist die häu­figste Haut­er­kran­kung mit Nagel­be­fall und die Ony­cho­my­kose ist die häu­figste Nagel­er­kran­kung. „Bei der Dia­gnos­tik müs­sen alle Nägel unter­sucht und der all­ge­meine Haut­sta­tus vor allem im Bereich der Prä­di­lek­ti­ons­stel­len für Pso­ria­sis erho­ben wer­den“, sagt Trau­tin­ger im Gespräch mit der ÖÄZ. Pso­ria­sis­ty­pi­sche Nagel­ver­än­de­run­gen sind Tüp­fel­nä­gel, Ölfle­cken, Ony­cho­lyse, Hyper­ke­ra­tose sowie Längs- und Querrillen.

Bak­te­ri­elle Infek­tio­nen gehen häu­fig von aku­ten oder chro­ni­schen Paro­nychien aus. Typi­sche Err­re­ger sind Sta­phy­lo­kok­ken und Strep­to­kok­ken, sowie Pseu­do­mo­nas aeru­gi­nosa, wel­cher zu einer blau-grün­­li­chen Ver­fär­bung der Nägel führt, die als Green-Nail-Syn­­­drom für Monate trotz ent­spre­chen­der The­ra­pie per­sis­tie­ren kann. Als Risi­ko­fak­to­ren gel­ten mul­ti­ple Mikro­trau­men, Feucht­ar­beit, Ony­chotil­lo­ma­nie, Pso­ria­sis, Dau­men­lut­schen, Dia­be­tes mel­li­tus und Immun­sup­pres­sion. Künst­li­che Fin­ger­nä­gel nei­gen dabei zu einer stär­ke­ren Besie­de­lung mit Erre­gern. Auch virale Infek­tio­nen sind im Bereich der Nägel mög­lich, es fin­den sich vor allem Humane Papil­loma Viren, die über eine Nagel­dys­tro­phie bis zur Ony­cho­lyse füh­ren kön­nen. Her­­pes-sim­­plex-Infe­k­­ti­o­­nen der Fin­ger kön­nen eben­falls das Nagel­wachs­tum beeinträchtigen.

Zu den gut­ar­ti­gen Nagel­tu­mo­ren gehö­ren Fibrome wie das meist soli­tär auf­tre­tende asym­pto­ma­ti­sche Fibro­ker­atom oder mul­ti­ple auf­tre­tende Koe­­nen-Tumore, die sich peri- und sub­un­gual bei Kin­dern und Jugend­li­chen fin­den kön­nen und ein Sym­ptom der tuberö­sen Skle­rose (Mor­bus Pringle) sind. Sel­ten, aber eben­falls gut­ar­tig ist das von der Nagel­ma­trix aus­ge­hende Ony­cho­ma­tri­kom, wel­ches sich durch aus­ge­prägte Längs­ril­len, strei­fige Gelb­fär­bun­gen, Ver­di­ckun­gen und Split­ter­blu­tun­gen dar­stellt. Muko­ide Pseu­do­zys­ten, die häu­fig am Dau­men anzu­tref­fen sind und sub­un­guale Exos­to­sen, die sich vor allem an den Groß­ze­hen fin­den, kön­nen die Nägel deut­lich defor­mie­ren. Ein beson­ders schmerz­haf­ter Tumor der End­phal­an­gen ist der Glo­mus­tu­mor, der sich durch eine lila oder blau gefärbte Läsion unter der Nagel­platte zeigt. Käl­te­ge­fühl, par­oxys­male Schmer­zen und Druck­do­lenz sind typi­sche Sym­ptome. Das Gra­nu­lom­atoma pyo­ge­nica ist ein eben­falls gut­ar­ti­ger vasku­lä­rer Tumor, der leicht blu­tet und häu­fig im Rah­men eines Unguis incar­na­tus auf­tritt. Trau­tin­ger sieht Schmer­zen und Raum­for­de­run­gen im Bereich der Nägel als Sym­ptome, die eine Über­wei­sung zum Der­ma­to­lo­gen not­wen­dig machen: „Tumore erschei­nen in die­ser Loka­li­sa­tion oft unty­pisch und dür­fen nicht über­se­hen werden!“

Nagel­me­l­a­nome selten

Ver­än­de­run­gen der Nagel­platte bis zur Ony­cho­lyse fin­den sich auch bei mali­gnen Pro­zes­sen wie Mor­bus Bowen, dem Plat­ten­epi­thel­kar­zi­nom, dem Basal­zell­kar­zi­nom und mali­gnen Mela­no­men. Nagel­me­l­a­nome sind sel­ten, fin­den sich aber bei dunk­lem Haut­typ bis zu zehn­mal häu­fi­ger. „Mela­nome im Nagel­be­reich haben per se keine schlech­tere Pro­gnose als sol­che mit der­sel­ben Tumor­di­cke an ande­ren Loka­li­sa­tio­nen“, berich­tet Böckle, die bedau­ert, dass die Dia­gnose oft ver­zö­gert gestellt wird, wor­aus dickere Tumo­ren mit schlech­te­rer Pro­gnose resul­tie­ren. Als kli­ni­sche Warn­zei­chen nennt sie einen Pig­ment­strei­fen, der beim Erwach­se­nen neu auf­tritt, eine unre­gel­mä­ßige Pig­men­tie­rung inner­halb des Pig­ment­strei­fens, ein Pig­ment­strei­fen, der brei­ter als fünf Mil­li­me­ter bezie­hungs­weise pro­xi­mal brei­ter als distal ver­läuft, eine Pig­men­tie­rung, die auf den Nagel­wall über­greift – auch als Hut­chin­­son-Zei­chen bekannt – sowie eine Nagel­dys­tro­phie oder Blu­tung in Asso­zia­tion mit der Pig­men­tie­rung. Die Der­ma­to­sko­pie kann schon früh den Ver­dacht auf ein Mela­nom len­ken und dadurch zur früh­zei­ti­gen Biop­sie füh­ren, da der Gold­stan­dard für die Dia­gnose die His­topa­tho­lo­gie ist. Die Fami­li­en­ana­mnese spielt beim Nagel­me­l­a­nom eben­falls eine große Rolle. „Wich­tig ist, dass Mela­nome des Nagel­betts oft ame­l­a­no­tisch sein kön­nen, wes­halb bei einer Nagel­dys­tro­phie ohne kla­ren ana­mnes­ti­schen Aus­lö­ser, per­sis­tie­ren­den Häma­to­men und näs­sen­der Ony­cho­lyse eine Nagel­bi­op­sie zum Aus­schluss eines Mali­gnoms indi­ziert ist“, fasst Böckle zusammen.


Weiße Punkte, Fle­cken und Stri­che
Immer wie­der fin­den sich weiß­li­che Punkte, Fle­cken oder Stri­che in der Nagel­platte. Dabei han­delt es sich um punk­tu­elle Ver­hor­nungs­stö­run­gen in der Nagel­ma­trix, die meist kei­nen Krank­heits­wert besit­zen. Am häu­figs­ten ist die Leu­konychia punc­tata, die mög­li­cher­weise durch Baga­tell­trau­men ver­ur­sacht wird und sich häu­fig im Kin­des­al­ter fin­det. Zur Leu­konychia linea­ris oder Mees-Strei­­fen kommt es, wenn die Matrix in der gesam­ten Breite betrof­fen ist und sich ein wei­ßer bis gräu­li­cher Quer­strich zeigt. Hier liegt die Ursa­che ähn­lich wie bei Quer­ril­len in fie­ber­haf­ten Infek­ten und ande­ren sys­te­mi­schen Erkran­kun­gen, rezi­di­vie­ren­den Trau­men, aber auch zyto­sta­ti­schen Che­mo­the­ra­pien oder Into­xi­ka­tio­nen vor allem mit Arsen oder Thal­lium. Diese Nagel­ver­än­de­run­gen tre­ten meist an allen Nägeln auf, wobei der Abstand zur Matrix eine Abschät­zung des Zeit­punk­tes der Schä­di­gung erlaubt. Bei der sel­ten auf­tre­ten­den Leu­konychia tota­lis sind alle Nägel voll­stän­dig mil­chig weiß und wer­den als Por­zel­lan­nä­gel bezeich­net; eine Muta­tion des Phos­pho­li­pase C Delta‑1 Gens kann zugrunde liegen.

Rote, blaue und schwarze Ver­fär­bun­gen
Split­ter­blu­tun­gen und sub­un­guale Hämor­rha­gien zei­gen sich als rote, blaue oder schwarze Stri­che oder Ver­fär­bun­gen unter der Nagel­platte. Meis­tens ist die Genese trau­ma­tisch. Sel­te­ner kön­nen auch Nagel­pso­ria­sis, chro­ni­sche Der­ma­to­sen wie Lichen ruber pla­nus und Mor­bus Darier, aber auch sys­te­mi­sche Krank­hei­ten wie zum Bei­spiel Endo­kar­di­tis lenta, sys­te­mi­scher Lupus erty­the­ma­to­des oder chro­ni­sche Glome­ru­lo­n­e­phri­tis Aus­lö­ser sein. Trau­tin­ger warnt vor der Ver­wechs­lung von Häma­to­men und Mela­no­men: „Häma­tome wach­sen mit der Zeit aus, wäh­rend­des­sen mela­no­zy­täre Ver­än­de­run­gen immer Längs­strei­fen verursachen.“ 

Braun-schwarze, graue und blau-braune Ver­fär­bun­gen
Abnorme Mela­nin­pig­men­tie­run­gen kom­men als braun-schwarze Ver­fär­bun­gen des Nagels zur Dar­stel­lung. Dif­fuse Hyper­pig­men­tie­run­gen tre­ten bei Erkran­kun­gen wie Mor­bus Addi­son, Hämochro­ma­tose, Mor­bus Cus­hing, Hyper­t­hy­reose oder dem Peutz-Jeg­hers-Syn­­­drom auf. Auch Jod, Kali­um­per­man­ga­nat, Sil­ber, Phe­nol­phthalein und Chlo­ro­quin kön­nen sich als grauer oder blau-brau­­ner Nie­der­schlag im Bereich der Lun­ula, im Nagel­bett oder der Nagel­platte abla­gern. Braune Längs­strei­fen in der Nagel­platte sind durch lon­gi­tu­di­nale Melan­onychie, Pigment­nävi oder Mela­no­men im Matrix­be­reich ver­ur­sacht. Etwa 70 Pro­zent der Fälle mit lon­gi­tu­di­na­ler Melan­onychie ent­ste­hen durch Mela­no­zy­ten­ak­ti­vie­rung in Folge eines Trau­mas, phy­sio­lo­gisch im Rah­men der eth­ni­schen Her­kunft oder in der Schwan­ger­schaft, bei diver­sen der­ma­to­lo­gi­schen und sys­te­mi­schen Krank­heits­bil­dern oder iatro­gen. Meist sind ver­schie­dene Nägel betroffen.

Ein­ge­wach­sene Zehen­nä­gel
Pyo­gene Super­in­fek­tio­nen und chro­ni­sche Trau­ma­ti­sie­run­gen füh­ren vor allem am late­ra­len Hal­lux oft zu Unguies incar­nati (ein­ge­wach­se­nen Nägeln). „Feh­ler­hafte Nagel­pflege wie das Schnei­den der Zehen­nä­gel führt neben chro­ni­schem Druck von zu engen Schu­hen und bei ent­spre­chen­der Fuß­fehl­stel­lung zum Unguis incar­na­tus“, erklärt Böckle. Durch das Aus­schnei­den der Nage­le­cken engt das seit­li­che Nagel­bett den wach­sen­den Nagel ein. Es kommt zu einem Druckul­kus, Pyo­der­mie, Schwel­lung der Zehe und einem Gra­nu­loma pyo­ge­ni­cum. Die dar­aus ent­ste­hende chro­ni­sche Läsion ist sehr schmerz­haft und bedarf einer sorg­fäl­ti­gen Behand­lung. „Zur The­ra­pie gehört das Ein­le­gen von Gaze oder eines Gum­mi­schlauchs, das Anbrin­gen einer Nagel­spange bezie­hungs­weise eine Keil­ex­zi­sion oder Phe­nol­kaus­tik. Eine gänz­li­che mecha­ni­sche Nagel­ex­trak­tion ist obso­let, da dies zur iatro­ge­nen Schä­di­gung des Nagels führt“, so Böckle.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 9 /​10.05.2019