Krebs­be­dingte Fati­gue: Leit­sym­ptom Erschöpfung

März 2019 | Medi­zin


Schät­zungs­weise 80 Pro­zent aller Pati­en­ten unter einer Che­mo­the­ra­pie oder Strah­len­the­ra­pie erlei­den eine Fati­gue. Die Patho­phy­sio­lo­gie dahin­ter ist noch nicht geklärt. Des­we­gen kann die Fati­gue bis­lang nur über die sub­jek­tive Wahr­neh­mung der Pati­en­ten mit­hilfe von stan­dar­di­sier­ten Fra­ge­bö­gen erfasst wer­den.

Sophie Fessl

Für Pati­en­ten, die von Fati­gue betrof­fen sind, ist es die am meis­ten belas­tende Neben­wir­kung ihrer Krebs­er­kran­kung“, erklärt Priv. Doz. Jens Ulrich Rüf­fer von der Deut­schen Fati­gue Gesell­schaft. „Mitt­ler­weile kann man viele Neben­wir­kun­gen wie etwa Übel­keit gut behan­deln, die Fati­gue aber nur schlecht. Das ist natür­lich schon wäh­rend der Behand­lung belas­tend, aber ein noch viel grö­ße­res Pro­blem, wenn Pati­en­ten lange Zeit nach der Behand­lung noch daran lei­den oder wie­der daran erkranken.“

In den aktu­elle Emp­feh­lun­gen des US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Natio­nal Com­pre­hen­sive Can­cer Net­work (NCCN) wird Krebs-bedingte Fati­gue als ein belas­ten­des, anhal­ten­des, sub­jek­ti­ves Gefühl von kör­per­li­cher, emo­tio­na­ler und/​oder kogni­ti­ver Müdig­keit oder Erschöp­fung, das im Zusam­men­hang mit Krebs oder Krebs­be­hand­lung steht, beschrie­ben. Dabei ist das Gefühl der Erschöp­fung nicht pro­por­tio­nal zur vor­aus­ge­gan­ge­nen Akti­vi­tät und beein­träch­tigt den All­tag. Im Unter­schied zur Erschöp­fung bei gesun­den Men­schen bes­sern selbst Ruhe und aus­rei­chen­der Schlaf die Sym­ptome nicht oder nur teilweise.

Sym­ptome der Fati­gue kön­nen in allen Sta­dien einer Krebs­er­kran­kung auf­tre­ten – vor der Dia­gnose, wäh­rend der Behand­lung und nach Abschluss der The­ra­pie. Schät­zungs­weise erle­ben etwa 80 Pro­zent der Pati­en­ten, die eine Che­mo­the­ra­pie und/​oder eine Strah­len­the­ra­pie erhal­ten, wäh­rend der The­ra­pie eine Fati­gue. Bei rund einem Drit­tel der Pati­en­ten per­sis­tiert die Fati­gue für Monate bis Jahre. Auch Kin­der und Jugend­li­che mit Krebs kön­nen als Neben­wir­kung oder Spät­folge der Erkran­kung und The­ra­pie eine Fati­gue ent­wi­ckeln. Stu­dien an Per­so­nen mit M. Hodgkin, die geheilt wer­den konn­ten, haben gezeigt, dass es noch län­gere Zeit nach The­ra­pie­ende zu erheb­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen der Lebens­qua­li­tät bis hin zur Früh­in­va­li­di­tät kommt.

Leit­sym­ptom der Krebs-bedin­g­­ten Fati­gue ist die Erschöp­fung, wie Priv. Doz. Mar­lene Troch von der Abtei­lung Onko­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­tion im Lebens.Med Zen­trum Bad Erlach erklärt. Dabei unter­schei­det man zwi­schen phy­si­scher, psy­chi­scher und kogni­ti­ver Aus­prä­gung der Fati­gue. Als phy­si­sche Aus­prä­gung zei­gen sich Müdig­keit, Kraft­lo­sig­keit und redu­zierte Leis­tungs­fä­hig­keit. Zur psy­chi­schen Aus­prä­gung gehö­ren etwa redu­zier­ter Antrieb, Inter­es­sens­ver­lust, Ängste, zur kogni­ti­ven Aus­prä­gung ver­min­derte Kon­­zen­­tra­­ti­ons- und Merkfähigkeit.

Die zugrun­de­lie­gen­den patho­phy­sio­lo­gi­schen Fak­to­ren sind noch nicht geklärt. Dis­ku­tiert wer­den etwa Zyto­­­kin-Dys­­­re­­gu­la­­tion, Stö­run­gen der Hypo­­t­ha­la­­mus-Hypo­­­phy­­sen-Neben­­nie­­ren­­rinde-Achse, Dys­re­gu­la­tion des Sero­­to­­nin-Stof­f­­wech­­sels sowie Stö­run­gen der Mela­ton­in­se­kre­tion und des Schlaf-Wach-Rhythmus.

Bis­her kann Fati­gue daher nur über die sub­jek­tive Wahr­neh­mung der Pati­en­ten mit­hilfe von stan­dar­di­sier­ten Fra­ge­bö­gen erfasst wer­den. Das Natio­nal Com­pre­hen­sive Can­cer Net­work emp­fiehlt eine wei­tere Abklä­rung – vor allem von behan­del­ba­ren Ein­fluss­fak­to­ren wie Schmerz oder Anämie – ab einer mit­tel­star­ken Müdig­keit. Troch rät zur wei­te­ren dif­fe­ren­ti­al­dia­gnos­ti­schen Abklä­rung: „Krebs-bedingte Fati­gue muss abge­grenzt wer­den. Erschöp­fung ist auch ein Sym­ptom von Depres­sion, aber auch von Anämie, Man­gel­er­näh­rung und hor­mo­nel­len Dia­gno­sen. Spe­zi­ell Man­gel­er­näh­rung ist ein Thema, das bei Krebs­pa­ti­en­ten wich­tig und behan­del­bar ist.“

Oft haben Pati­en­ten das Gefühl, dass ihre Fati­gue nicht ernst genom­men wird. Nach Ansicht von Rüf­fer ist es daher das Wich­tigste, der Selbst­ein­schät­zung der Pati­en­ten zu ver­trauen: „Es han­delt sich fast nie um eine reine Depres­sion. Die Ver­wechs­lung zwi­schen Fati­gue und Depres­sion kommt oft des­we­gen zustande, weil Erschöp­fung ein wesent­li­ches dia­gnos­ti­sches Merk­mal der Depres­sion ist. Des­we­gen liegt Depres­sion zwar nahe, ist aber sel­ten der Grund.“ So hät­ten Stu­dien gezeigt, dass Anti­de­pres­siva bei Krebs-bedin­g­­ter Fati­gue nicht wir­ken. Für die Behand­lung von Fati­gue gibt es keine zuge­las­se­nen Medi­ka­mente; trotz feh­len­der Zulas­sung für Methyl­phe­ni­dat ist dies jedoch eine „Option“, wie Rüf­fer betont. Auch gebe es Hin­weise, dass man­che nicht ver­schrei­bungs­pflich­tige Prä­pa­rate hilf­reich sein können.

Reha­bi­li­ta­tion und Bewegung

Grund­sätz­lich rät Troch Pati­en­ten nach einer Krebs­be­hand­lung zu einer onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­tion. „Wir kön­nen auf­klä­ren, dass es die­ses Sym­ptom der Fati­gue gibt, zu the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men wie Bewe­gung an der fri­schen Luft und zu Unter­stüt­zung in Fami­lie und Part­ner­schaft raten.“ Für die Exper­ten bil­det Bewe­gung einen zen­tra­len Aspekt der Behand­lung von Krebs-bedin­g­­ter Fati­gue mit einer gro­ßen Effekt­stärke. „Wir reden von Bewe­gung trotz Fati­gue, nicht von Sport“, prä­zi­siert Rüf­fer. Und wei­ter: „Regel­mä­ßige Bewe­gung jeweils mor­gens und abends von einer hal­ben Stunde mit einer Tätig­keit, die Spaß macht.“ Auf­grund der lang­sa­men Erho­lungs­pro­zesse bei Fati­gue sollte die Belas­tung stets sub­ma­xi­mal sein. Neben psy­cho­on­ko­lo­gi­scher Betreu­ung rät Troch auch zu Ergo­the­ra­pie und Selbst­ma­nage­ment: „Von Psy­choe­du­ka­tion bis zu auto­ge­nem Trai­ning kann man viel tun, um die Fati­gue zu ver­ste­hen und mit ihr leben zu lernen.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2019