Asthma und Komor­bi­di­tä­ten: Risi­ko­fak­tor, Risi­ko­pa­ti­ent zu werden

25.03.2019 | Medizin


Depres­sio­nen und Arthri­tis stel­len häu­fige Komor­bi­di­tä­ten von Asthma dar. Ebenso besteht bei Vor­lie­gen eines Asth­mas ein höhe­res Risiko, eine Kol­la­ge­nose oder Vasku­li­tis zu ent­wi­ckeln. Dar­über hin­aus geben die jewei­li­gen Komor­bi­di­tä­ten auch Hin­weise dar­auf, wie der wei­tere Krank­heits­ver­lauf aus­sieht.

Laura Scher­ber

An einer euro­päi­schen Stu­die zur Kon­trolle von Asthma, in die 7.000 Per­so­nen auf­ge­nom­men wur­den, war auch das Team von Univ. Prof. Wolf­gang Pohl von der Abtei­lung für Atmungs- und Lun­gen­krank­hei­ten des Kran­ken­hau­ses Hiet­zing Wien betei­ligt. Dabei zeigte sich, dass spe­zi­ell Pati­en­ten, bei denen die Asth­ma­kon­trolle nicht opti­mal erfolgt, Komor­bi­di­tä­ten haben. Pohl dazu: „Es kom­men auch Erkran­kun­gen des Her­zens vor wie zum Bei­spiel arte­ri­elle Hyper­to­nie und zwar nicht nur bei Per­so­nen mit COPD, son­dern auch bei Asthmatikern.“ 

Univ. Prof. Horst Olschew­ski von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Innere Medi­zin Graz wie­derum berich­tet von einer groß ange­leg­ten Stu­die in den USA, bei der mehr als 80.000 Per­so­nen tele­fo­nisch befragt wur­den. Dabei stellte sich her­aus, dass Asthma zwar – ebenso wie COPD – mit Komor­bi­di­tä­ten asso­zi­iert ist, aller­dings nicht so stark. So sind bei­spiels­weise kar­dio­vasku­läre Erkran­kun­gen, Krebs und Nie­ren­er­kran­kun­gen stär­ker mit COPD asso­zi­iert, wäh­rend Depres­sion und Arthri­tis rela­tiv häu­fige Komor­bi­di­tä­ten von Asthma dar­stel­len. „Asth­ma­ti­ker lei­den häu­fi­ger an All­er­gien, es kommt auch manch­mal zur Bil­dung von Auto­an­ti­kör­pern im Rah­men der Akti­vie­rung des inflamma­to­ri­schen Sys­tems“, erklärt Olschew­ski. Des­we­gen sei es auch meis­tens mög­lich, Asthma mit einer inha­la­ti­ven Kor­ti­sonthe­ra­pie „gut zu kon­trol­lie­ren“. Diese Auto­im­mun­phä­no­mene sind aber eine mög­li­che Erklä­rung für den Zusam­men­hang zwi­schen Asthma und Arthri­tis. „Da die Asth­ma­the­ra­pie keine fest­stell­bare Wir­kung auf die sys­te­mi­sche Inflamma­tion hat, ist es wich­tig, für das Thema sen­si­bi­li­siert zu sein, weil bei Vor­lie­gen eines Asth­mas ein höhe­res Risiko besteht, bei­spiels­weise eine Kol­la­ge­nose oder Vasku­li­tis zu ent­wi­ckeln“, betont Olschewski.

Anhand der Komor­bi­di­tä­ten las­sen sich auch Risi­ko­fak­to­ren für einen ungüns­ti­gen Krank­heits­ver­lauf von Asthma ablei­ten – etwa im Falle einer zusätz­li­chen Depres­sion. Olschew­ski dazu: „Je mehr jemand durch zusätz­li­che Krank­hei­ten belas­tet ist, desto schwie­ri­ger ist es, sich auf das Asthma zu kon­zen­trie­ren und die best­mög­li­che The­ra­pie zu finden.“

Kin­der: meist keine schwe­ren Komorbiditäten

Kin­der und Jugend­li­che, die an Asthma lei­den, haben in der Regel keine schwe­ren Komor­bi­di­tä­ten. Diese wer­den erst in einem spä­te­ren Lebens­al­ter rele­vant, weiß Olschew­ski. Ein epi­de­mio­lo­gi­scher Fak­tor, der die Ent­wick­lung von Asthma begüns­tigt, ist Über­ge­wicht – beson­ders bei Mäd­chen. Und All­er­gien, die bei Kin­dern und Jugend­li­chen mit Asthma häu­fig vor­lie­gen, gehö­ren laut Olschew­ski zum Krank­heits­bild und stel­len „keine Komor­bi­di­tä­ten im enge­ren Sinn“ dar. 

Was nach Ansicht des Exper­ten jeden­falls wich­tig ist: bei den Asth­ma­fäl­len, die im Kin­des­al­ter auf­tre­ten, zu dif­fe­ren­zie­ren. Zum Teil handle es sich dabei um Anfälle, die zwar als „Asth­ma­an­fälle“ bezeich­net wer­den, sich aber bis zum zehn­ten oder zwölf­ten Lebens­jahr „aus­wach­sen“, wie Olschew­ski aus­führt. Und wei­ter: „Aus Sicht der Exper­ten, die sich mit Asthma bei Erwach­se­nen beschäf­ti­gen, han­delt es sich bei den Krank­hei­ten, die sich „aus­wach­sen“, um Anfälle von Atem­not mit pfei­fen­der Atmung, aber ohne eigent­li­ches Asthma. Diese ent­ste­hen fast immer im Rah­men von Infek­ten der obe­ren Atem­wege.“ Sie kön­nen von ech­ten Asth­ma­an­fäl­len bis zum ach­ten Lebens­jahr nicht sicher unter­schie­den wer­den. Die Sym­pto­ma­tik hört auf, wenn die Atem­wege wachs­tums­be­dingt grö­ßer gewor­den sind und nicht mehr jede Ent­zün­dung zu einer kri­ti­schen Ver­en­gung der Atem­wege führt. Rund sie­ben Pro­zent der Bevöl­ke­rung lei­den an Asthma; die Sym­ptome machen sich zwar häu­fig erst­mals im Schul­al­ter bemerk­bar, kön­nen aber auch im frü­hen oder spä­te­ren Erwach­se­nen­al­ter zum ers­ten Mal auftreten.

„Die häu­figs­ten Komor­bi­di­tä­ten, die sowohl bei all­er­gi­schen als auch bei nicht-all­er­gi­schen Asth­ma­ti­kern auf­tre­ten, sind Erkran­kun­gen der obe­ren Atem­wege in Form einer Rhi­ni­tis, Poly­po­sis nasi oder chro­ni­schen Sinu­si­tis“, berich­tet Pohl aus der Pra­xis. Unbe­han­delt tra­gen diese Beglei­ter­kran­kun­gen dazu bei, dass sich das Asthma ver­schlech­tern kann und die Kon­trolle der Erkran­kung erheb­lich schwe­rer mög­lich ist – wobei man die All­er­gie sowohl als Komor­bi­di­tät als auch als Aus­lö­ser anse­hen kann. Wei­tere Fak­to­ren, die beson­ders bei schwe­rem Asthma eine wesent­li­che Rolle spie­len, sind wie­der­keh­rende Infekte der unte­ren Atem­wege, die zu Exazer­ba­tio­nen und damit zur Pro­gre­di­enz der Erkran­kung bei­tra­gen. Ähn­li­ches gilt für die „häu­fig über­se­hene“ (Pohl) Reflux­öso­pha­gi­tis, die bereits bei jugend­li­chen Asth­ma­ti­kern nach­ge­wie­sen wer­den konnte und eben­falls zu Asthma-Exazer­ba­tio­nen füh­ren kann. 

COPD: häu­fige Komorbidität

Eine sehr große Bedeu­tung als Komor­bi­di­tät von Asthma stellt COPD dar. Sie ent­wi­ckelt sich meist bei über 40-Jäh­ri­gen, die rau­chen, unter Umstän­den auch unter chro­ni­schem Hus­ten lei­den und deren Atem­wege sich nach der Inha­la­tion mit einem Bron­cho­di­la­ta­tor nicht erwei­tern. Ein Drit­tel der Per­so­nen mit einer COPD lei­det auch an Asthma. Da die Atem­wege von Asth­ma­ti­kern viel emp­find­li­cher sind, kommt es häu­fi­ger vor, dass sie eine COPD ent­wi­ckeln: Hier spie­len bei­spiels­weise Rau­chen, Fein­staub, aber auch Schad­stoffe in der Luft eine wich­tige Rolle. „Das Rau­chen stellt in die­sem Zusam­men­hang eine zusätz­li­che Abhän­gig­keits­er­kran­kung dar, die wir aner­ken­nen müs­sen“, führt Pohl wei­ter aus. Damit ist jedoch auch ver­bun­den, dass die The­ra­pie des Asth­mas nicht so erfolg­reich sein könne.

Außer­dem bewir­ken Aktiv- und Pas­siv­rau­chen wäh­rend der Schwan­ger­schaft, dass die Kin­der ein höhe­res Risiko für die Ent­ste­hung von Asthma auf­wei­sen. Auch Adi­po­si­tas ist gene­rell eine schlechte Aus­gangs­lage, die die Ent­ste­hung von Asthma begüns­tigt. „Beim soge­nann­ten Adi­po­si­tas-Asthma spricht man von einem eige­nen Phä­no­typ, der schlecht zu kon­trol­lie­ren oder behan­deln ist und immer wie­der zu Sym­pto­men führt“, erklärt Pohl. Zu einer wirk­li­chen Bes­se­rung der Asthma-Sym­pto­ma­tik führt nur eine ent­spre­chende Gewichts­re­duk­tion. Im Rah­men der Komor­bi­di­tä­ten wird auch die Schlaf­apnoe laut dem Exper­ten häu­fig über­se­hen, die in Kom­bi­na­tion mit Asthma zu einer Ver­schlech­te­rung der All­ge­mein­si­tua­tion füh­ren kann und unbe­han­delt einen Risi­ko­fak­tor für eine schlechte Asthma-Ent­wick­lung dar­stellt. „Man sollte auch nicht ver­ges­sen, dass die Psy­che bei der Ent­wick­lung des Asth­mas und für den Krank­heits­ver­lauf eine wich­tige Rolle spielt“, hebt Pohl her­vor. So lei­den Asth­ma­ti­ker häu­fig unter Angst­stö­run­gen und Depres­sio­nen, die unbe­han­delt zu einer Pro­gre­di­enz der Erkran­kung füh­ren und mit einer unzu­rei­chen­den Asth­ma­kon­trolle ver­bun­den sind. Beson­ders bei Frauen, die post par­tum an Depres­sio­nen lei­den, sei die­ser Umstand zu berück­sich­ti­gen, betont Pohl. 

Die Dia­gnos­tik selbst beruht auf meh­re­ren Säu­len. Sie umfasst neben der Über­prü­fung von phy­sio­lo­gi­schen Para­me­tern wie bei­spiels­weise der Lun­gen­funk­tion auch eine genaue Ana­mnese der Kran­ken­ge­schichte. So könn­ten alle mög­li­chen Komor­bi­di­tä­ten erfasst und die the­ra­peu­ti­schen Impli­ka­tio­nen umge­setzt wer­den, betont Pohl. Einig­keit herrscht bei den bei­den Exper­ten dar­über, dass die allei­nige Behand­lung des Asth­mas nicht aus­reicht; par­al­lel dazu müs­sen auch alle vor­han­de­nen Komor­bi­di­tä­ten beach­tet wer­den. „Für ein opti­ma­les Asthma-Manage­ment ist es wich­tig, auch psy­cho-soziale Fak­to­ren und Begleit­um­stände der Betrof­fe­nen zu berück­sich­ti­gen und durch Infor­ma­tio­nen über die Erkran­kung die Com­pli­ance zu stei­gern“, unter­streicht Pohl abschließend.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2019